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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 99
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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– »Pardon! Pardon! Ich wußte nicht, daß du so ungern an diesen ekligen Boy erinnert wirst. – Ich hatte Tiberio gegenüber überhaupt nicht die Empfindung, es mit einem derartigen Jüngling zu tun zu haben. Sonst wäre ich auf der Stelle umgekehrt. Er wurde zwar zutraulicher und ließ seine düsteren Blicke, aber ich führte das auf die fünfzig Lire und auf meine Schmeichelei zurück, denn für Schmeicheleien ist das Volk hier ja unglaublich empfänglich. Sie sind wie die Kinder. Es ist reizend. – Also gut. Mein Apollo fuhr mich in die blaue Grotte. Sehr blau, dachte ich mir, viel blauer, als ich angenommen hatte. Aber im Grunde war ich nicht weiter verblüfft. Wenn man seit zwanzig Jahren immerzu hört, wie blau sie ist, so kann man sich unmöglich besonders darüber wundern. – Tiberio legte an einer flachen Felsplatte an und sagte: ›Signore, wollen Sie einen Silberfisch sehen?‹ – ›Natürlich,‹ antwortete ich, ›wenn er nicht zu teuer ist.‹ – ›Oh, er ist gratis!‹ lachte Tiberio, und zog sich aus. – Alle Wetter! Was für ein Körper! Später mußte ich an den David im Schäferhute von Donatello denken: ganz so jungenhaft kräftig sah der Bursch aus. Sein Körper ist jünger, als er. Ein Wunder. Aber, wie ich ihn so vor mir sah, dachte ich an gar nichts, sondern war ganz einfach entzückt. Und, wie er nun ins Wasser sprang, und der ganze Körper wie eine lebendige, silberne Statue glänzte, da war es mir, wie ein Märchen. Nur war es schade, daß der Kopf im Gegensatz dazu schwarz aussah wie der eines Negers. Aber: diese Beine! Dieser Rücken! Diese beiden festen Rundungen! Dieser unbeschreiblich straffe Leib, und sogar das, was wir hier in Italien den Piloro nennen wollen, dieses sonst doch immer recht wenig ästhetische Stück am Manne – ich gestehe dir: ich hätte den Jungen küssen können!«

Karl runzelte die Stirne und stand auf: »Laß das! Ich kenne den Menschen. Es gibt hier mehr solche.«

»Nun ja,« fuhr Henry unbeirrt fort, der jetzt um so lieber erzählte, als er merkte, daß es Karl unangenehm war, »kein Zweifel, deine reichen Erfahrungen berechtigen dich, blasiert zu sein. Aber für mich war es eine Offenbarung. Und ich gestand es dem Jungen, daß ich mein Lebtag so was Schönes noch nicht gesehen hätte. – ›Oh,‹ sagte er, ›die Weiber gefallen Ihnen mehr.‹ – ›Nein,‹ antwortete ich ganz aufrichtig, ›sie regen mich nur mehr auf. Aber schöner bist du. Du bist vielleicht der schönste Mensch auf der Erde.‹ – Tiberio lächelte beglückt. Er nahm es wie eine Liebeserklärung auf, obwohl es bloß ästhetische Überzeugung war. – Er sagte: ›Ich glaube, Signore, Sie sind auch schön. Beim Bacchus! Ich gäbe Ihre fünfzig Lire sofort her, wenn ich Sie nackt sehen dürfte!‹ Er musterte mich sonderbar mit den Blicken.«

»Das Vieh!« schrie Karl auf, und setzte sich wieder auf die Mauer.

»Aber ich bitte um Entschuldigung,« lächelte Henry; »mein Akt ist wirklich nicht ohne, d. h. neben dem Tiberius bin ich ein Kloß. – Nun gut. Ich sagte: ›Behalte dein Geld, mein Junge; mir ist es hier zu kalt.‹«

Karl atmete auf.

Aber Henry fuhr fort: »›Oh!‹ sagte der entzückende Kerl, ›warten Sie nur, Signore, ich rudere Sie jetzt nach der Grotte, die außer mir niemand kennt. Diese Grotte muß eine warme Quelle haben. Es ist warm in ihr. Dort können Sie sich ruhig ausziehen und auch ins Wasser steigen.‹ Er trocknete sich hastig ab, kleidete sich an, und wir fuhren hinaus ins Licht, das auf das viele Blau hin seltsam blendete. Wir mußten ziemlich lange fahren, bis wir zu der neuen Grotte kamen, deren Eingang in der Tat kaum sichtbar ist. Man muß, nicht ohne Gefahr, zwischen Klippen hindurch, um die die Brandung wie wahnsinnig kocht, und dann muß man durch ein kaum halbmeterbreites Loch, aus dem das Wasser sich in einem Strudel dreht, so daß man das Boot mit den Händen hineinzwängen muß. Hierbei sah ich deutlich, was für kolossale Kräfte der doch eigentlich schmächtige Tiberio hat. Gott sei dem Menschen gnädig, dachte ich mir, gegen den der Junge was Ernsthaftes vorhat. Ich war recht froh, daß seine Augen gar nicht mehr düster sahen.«

Karl biß sich auf die Lippen und starrte nach Capri hinüber.

– »Nun, wir fuhren ein. Ich sage nur das eine: die blaue Grotte ist ein Kitsch dagegen. Hier ist alles Silber und Moosgrün. Das Wasser, von einer Quelle bewegt, scheint in diesen beiden Farben zu frisieren. Dazu hängen ungeheure Phallusse, leicht triefend und muschelig inkrustiert, von oben herab; auch sie grünlich silbern. In der Mitte ist eine Art Wanne, ein in der Mitte ausgehöhlter, leicht mit Moos bewachsener Stein, dessen Ränder aber ringsum über das Wasser hervorstehen. Die Beleuchtung, dieses grünlich silberne Licht, scheint vom Wasser auszugehen, denn von außen her fällt kaum ein Streifchen Tageslicht. Dabei ist der grünliche Dämmerschein stark genug, wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, alles erkennen zu lassen, selbst das langsame Herabrieseln des Wassers an den riesigen Phalluszapfen und an den ganz mit Muschelformen überdeckten Wänden. Ein seltsames, brodelndes Glucksen, kein Plätschern, nimmt das Ohr ein, wie ein unheimliches Raunen geheimnisvoller, ureinsamer Mächte. Dazu eine dunstige Wärme, daß einem bald der Schweiß aus den Poren bricht. Eine Wollustgrotte. Man muß die Kleider vom Leibe ziehen und sich in das feuchtwarm Moos dieser merkwürdigen Wanne legen, von der ich mir bestimmt einbilde, daß sie in der Zeit des Tiberius künstlich erzeugt worden ist. Sie hat gerade Raum für zwei eng aneinandergeschmiegte Menschen.«

Karl wurde es heiß. Er fühlte etwas Schreckliches in sich aufsteigen: Wollust und Wut. Er wollte schreien: »Hör auf!« Aber er brachte kein Wort hervor. Konnte sich auch nicht bewegen, nicht fliehen. Nur in seinen Händen schien noch Kraft zu sein. Er ballte sie zusammen und sah Henry mit weit aufgerissenen Augen an.

Der lehnte sich noch weiter zurück, ließ den Kopf nach hinten fallen und sah in den Himmel.

– »Ich weiß keine Einzelheiten mehr. Habe ich diese unerhörten, mir ganz fremden Dinge überhaupt erlebt? Habe ich das alles nicht bloß geträumt? Ist es nicht die wollüstige warme Dämmerung dieser Grotte des Taumels gewesen, die mich so unbeschreiblich wonnevoll umtastet hat? Ich weiß nur: Ich fiel zurück: So...« Er warf sich auf den Rücken und umfing mit den Armen die leere Luft. »Und über mich her fiel eine brennende Hitze wahnsinniger Küsse und Umarmungen.«

In diesem Momente, seiner selbst völlig unbewußt, stürzte sich Karl über Henry her, packte und riß ihn an den Schultern und versuchte, ihn zur Mauer hinab dem Abgrund zuzuwälzen. Sein Gesicht war dem Henrys ganz nahe, der seinen heißen, faulig riechenden Atem spürte, und er keuchte: »Alles du? du!? Nein!...«

Schon hing Henry mit halben Oberkörper über dem Abgrunde. Seine Hände hatten keinen Halt mehr, außer an Karls Schultern. Der aber stand mit einem Beine auf dem Boden und konnte daher mit größerer Körperwucht den Liegenden hinüberstemmen.

Aber Henrys Schenkeldruck hielt an der Mauer fest. Mt einer letzten gewaltigen Anstrengung konnte er seinen Oberkörper etwas zurück auf die Mauer bringen, und nun war Karl in seinen Händen. Er umdrosselte mit äußerster Kraft seine Gurgel, bog ihm Hals und Kopf zurück, richtete sich auf, krampfte beide Hände in die Kleider des Bewußtlosen, der wie ein Erwürgter, Verscheidender noch einmal die Augen verdrehte, hob ihn über sich und warf ihn in einem weiten Bogen den Abhang hinunter.

Mit stieren Augen sah er dem Falle des Körpers nach, der ein-, zwei-, drei-, viermal, und das letzte Mal mit dem Schädel auf einen Felsvorsprung, aufschlug und dann langgestreckt zwischen den Seedisteln des schmalen Strandes liegen blieb, ab und an wie im Spiele etwas umgewälzt von den an dieser Stelle nicht anspringenden, sondern anlaufenden Wellen.

– So! sagte sich Henry ganz kaltblütig: Du kriegst keinen Anfall mehr. – Pfui Teufel, wie der Kerl aus dem Munde roch! Wie ekelhaft seine Berührung war! – Gott Lob und Dank, daß ich ihn los bin! Frei! Frei! Endlich frei! Und durch eigene Kraft! Als Sieger im tödlichen Kampfe! Mit diesen meinen Händen! Ich! Der Stärkere!

Dann sprang er auf den Bock und ließ das Pferd die Straße auf und ab rasen, daß der Schaum flog.

Er fühlte nicht eine Spur des Bedauerns, nicht einen Hauch der Reue. Nur Triumph! Triumph!

Und, wie er es immer liebte, sich in Vergleich zu Höherem zu setzen, so erinnerte er sich jetzt daran, daß einige Tage vorher die Kunde von Bismarcks Entlassung durch die Blätter gelaufen war.

Der junge, selbstbewußte Herrscher, der das Genie von den Stufen des Thrones verjagt hatte, – was hatte der Pöbel nicht darüber gemurrt und kritisiert.

Er aber verstand es. Der zur Macht Geborene kann keinerlei Einengung dulden. Er muß frei sein. Ganz und von jedermann frei sein. Macht darf keinen Vormund haben.

Er kam wieder auf sich.

Dieser da unten zwischen den Seedisteln, – was hatte er immerzu eigentlich gewollt? Seine Rechte usurpieren. Statt Ratgeber: Herr sein wollen. – Gut, gut, oh, sehr gut, daß er sich einmal hatte hinreißen lassen und ihn gezwungen, sich seiner zu entledigen. Wer weiß, wie lange das sonst noch so fortgegangen wäre.

– Genie!? Hols der Teufel! Ein unliebsamer Aufpasser und Kritiker. – Er, der Mensch von fürstlichem Blute, der zum Herrschen Geborene, brauchte andere, fügsamere, von ihrer Bedeutung nicht gar so unbedingt überzeugte Trabanten. Wiederum hatte sein Schicksal ihn herrlich ins Klare geführt. Ein Ruck – und los! – Es war eigentlich ein wundervoller Moment gewesen.

Aber plötzlich ergriff ihn Schreck: Wie, wenn man ihn des Mordes anklagte? Konnten nicht Spuren der Drosselung am Halse sichtbar sein? – Und: wie sah er selbst aus! Die Kleider vom Liegen auf der Mauer beschmutzt! Und, gewiß: Er waren Spuren des Kampfes im Sande sichtbar.

Er raste zurück und trat die Spuren aus. Reinigte sich. Besah sich im Spiegel. Sah ringsum.

– Nein. Gesehen hatte es sicher niemand.

– Was tun?

– Die Wahrheit angeben war wohl das Sicherste. Notwehr. Man mußte ihn ja freisprechen. Aber: diese Untersuchungen... Verhandlungen... In einem fremden Lande. Und dann: die Familie! Berta!

– Schrecklich! Unmöglich!

– Besser: Selbstmord angeben.

– Aber: wie den plausibel machen?

Da erleuchtete ihn eine Erinnerung.

Karl hatte Verse zu sich gesteckt, die auf dem Nachttische gelegen waren. Er selbst hatte sie gelesen. Sie handelten vom Tode. Man mußte sie bei dem Nachbar der Seedisteln in der Tasche finden.

Auch war es gewiß jedem auffällig gewesen, mit welch düsterem Gesichte der weiland so witzige Abkanzler Karl ihn zur Wagenfahrt begleitet hatte...

Und dann: Welcher vernünftige Grund konnte dafür sprechen, daß er, der Reiche, der Wohltäter dieses Cousins, der eigentlich nicht viel mehr als sein Reisemarschall gewesen war, den hatte umbringen wollen? – Etwa – Eifersucht? Du lieber Gott! – Indessen –: Tiberio?... Aber Unsinn! Wer konnte davon wissen?...

Er jagte nach Sorrent auf die Gendarmerie und gab an, daß sein Vetter in einem Zustande von Verdüsterung über die Mauer gesprungen sei. Er habe ihn daran hindern wollen, habe mit ihm gerungen, doch sei er nicht imstande gewesen, ihn zurückzuhalten.

Der Capo steckte eine ernste Miene auf.

– Hm. Fatale Sache. Man müsse gleich den Ortbefund aufnehmen. – Kein bestimmter Grund vorhanden?

– Vielleicht Schwermut. Der Selbstmörder habe Verse über den Tod geschrieben. Sei ganz verdüstert gewesen.

Man holte den Untersuchungsrichter und ging ins Hotel: Ja, der blonde Herr habe beim Ausfahren seltsam melancholisch ausgesehen. – Übrigens sei eben ein Brief für ihn angekommen.

Der wurde sofort beschlagnahmt.

Der Untersuchungsrichter las ihn, zog die Brauen hoch, legte den Kopf auf die Seite und murmelte: »Es hellt sich auf. Hier liegt etwas Böses vor. Sie müssen mir einige Auskünfte geben.«

Henry hatte gesehen, daß der Brief aus Capri war und sofort kombiniert, von wem er stammte. Ganz wohl war ihm dabei nicht zumute.

– »Aber gewiß. Ich bitte, nur zu fragen.«

Sie fuhren zum Tatorte.

Der Richter frug: »Hat Sie der Tote nach Ihren – Erlebnissen in Capri gefragt?«

– »Ja.«

– »Was haben Sie geantwortet?«

– »Die Wahrheit.«

– »Ich kenne sie.«

Henry lächelte wie geniert.

– »Oh, bitte, Ihre Abenteuer gehn mich hier nichts an. Auf alle Fälle hat Ihre Antwort Ihren Vetter überrascht?«

– »Es schien so.«

– »Das begreife ich nach diesem Briefe.«

Gendarmen bargen mit großer Mühe die Leiche, während der Richter mit Henry weitersprach. Er drückte sich nicht deutlich aus, aber es war sogleich klar, daß er nicht am Selbstmord zweifelte.

– »Sie wußten natürlich, daß Ihr Vetter pervers veranlagt war?«

– »Ja.«

– »Wußten Sie, daß er mit dem Fischer Simeone Lossoni, genannt Tiberio, in... geschlechtlichem Verkehr stand?«

– »Nein.«

– »Sie suchten diesen Simeone auf Veranlassung Ihres Vetters auf?«

– »Ja.«

– »Zu welchem Zwecke?«

– »Er wollte mir eine Grotte zeigen.«

– »War der Bursche nicht anfangs etwas ernst, verschlossen?«

– »Gewiß.«

– »Aber das änderte sich?«

– »Ja.«

– »Er wurde... zutraulich?«

– »Mehr als das.«

– »Sie... blieben dann die Nacht mit ihm zusammen.«

– »Ich leugne es nicht.«

– »Es gehört auch nicht hierher. Aber dies: Sie erzählten Ihrem Vetter, daß der Simeone eine... eine Zuneigung für Sie faßte?«

– »Allerdings. Und daraufhin wurde er wie rasend und beging die entsetzliche Tat.«

– »Es ist ein Glück für Sie, daß wir diesen Brief haben, mein Herr. Ich darf Ihnen daraufhin die Unannehmlichkeit einer Untersuchungshaft ersparen. Es wird überhaupt zu keiner Verhandlung kommen. Die Sache ist klar. Ihr Vetter, der sich von dem p. p. Simeone etwas anderes versprochen hatte, hat die Tat aus Furcht vor Entdeckung einer anderen und wohl auch aus enttäuschter Liebe begangen. Gut für ihn und für Sie, daß er sich beseitigt hat. Ich brauche nur noch den Fischer zu vernehmen.«

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