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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 96
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Die folgende Nacht verbrachte er in den Armen der Mutter, die mehr noch als sonst zwischen wollüstiger und mystischer Inbrunst taumelte. Sie sprach wie eine Verzückte von ihrer Tochter, die ein Engel und eine geborene Heilige sei. Weder sie, die Mutter, noch der päpstliche Staatssekretär, der Vater, hätten einen Zwang auf sie ausgeübt. Schon als Kind habe Bianca nur mit Puppen in Nonnentracht gespielt, und sie dränge leidenschaftlich zur Einkleidung. Jetzt schon heiße sie im Kloster la Santa, und sie sei von der allgemeinsten Verehrung umgeben. Man mußte sie mit Gewalt davon zurückhalten, zuviel zu tun in Werken der Frömmigkeit. Sie, die nichts zu beichten, nichts zu büßen habe, begehre nach den schwersten Übungen der Zerknirschung. Und sei dennoch immer sanft, still, ja heiter. Die Gebete der heiligen Katharina von Siena vernahm man selbst im Schlummer von ihren Lippen. Gewiß, sie habe bereits Visionen! Oh, sie würde eine wirkliche Heilige werden! Noch in diesem Jahre würde die Einkleidung vor sich gehen. Alles, was ein junges Mädchenherz sonst an unbewußter Liebessehnsucht empfinde (wie sie, die Mutter, es schon seit ihrem vierzehnten Jahre empfunden habe), richte sich bei ihr auf Jesus. »Du mein Geliebter!« rede sie ihn im Gebet an, »der du bald mein Bräutigam sein wirst; deine Blicke küssen mich bis ins Blut, und ich bin so glücklich, daß du auf meinem Busen ruhst, wenn ich schlafe. Deine Arme sind hart, aber dein offenes Herz, von dem das Blut rinnt, ist weich und zärtlich. Du liebst mich mit deinen blassen Lippen, und auf deiner weißen Stirne steht geschrieben: Bianca!«

»So hörte ich sie kürzlich beten,« sprach die Marchesa, und: »als ich sie fragte: Aber Kind, wenn du nun einmal einen Mann kennen lernen solltest?! Da sprang sie auf und hauchte, daß es viel mehr war, als ein Schrei: ›Nie! Nie!‹ – Ich habe eine Heilige geboren, Henry; mir ist eine ungeheure Gnade widerfahren. Gott selbst hat mir bewiesen, daß alle meine Sünden vergeben sind, ja, daß ich sündigen darf mit diesem Blute, aus dem eine Heilige geboren ist. Komm! Komm! Küsse mich! Nimm mich fest! Mehr noch! Mehr! Oh! Oh! Gott ist mir gnädig! Gott ist mir gnädig!«

Aber Henrys Liebkosungen und Umarmungen galten jetzt nicht ihr. In seinen aufgewühlten Sinnen, in seiner Wollust war »die Nonne«. Er sah ihre nackten, jungen, kleinen Brüste, mit denen das silberne Kruzifix auf und nieder ging, er sah ihre braunen Augen, die in der Verzückung des Gebetes wie in Wollust verschwammen, er sah ihre kindlich runden Arme, die die Knie des Gekreuzigten umklammerten, und er wurde der Begierde nicht Herr, diese seelische Inbrunst in eine sinnliche zu verkehren, von diesen Lippen die Seufzer des Gebetes zu verjagen durch das Stöhnen der Lust.

Er fühlte, wie nur ein grundkatholisches Herz dies fühlen kann, wie ungeheuerlich sündhaft diese Begierde war, aber er empfand sie darum nur um so mächtiger. Er hatte das Gefühl, vom Teufel selbst besessen zu sein, und stöhnte ein Mal über das andere: Mein Jesus, Barmherzigkeit! Aber dieser dämonische Widerstreit verzückte ihn und vertiefte die Wut seiner Begierde.

Am Abend des nächsten Tages, als die Dämmerung schon zur Dunkelheit geworden war, schlich er sich hinter Bianca in die Kapelle. Die ewige Lampe warf einen schwachen rötlichen Schein über die zopfigen, vergoldeten Ornamente des kleinen, ganz in Gold und Weiß gehaltenen Raumes, in dem nur die Altarbilder dunkle, farbige Flächen bildeten.

Bianca kniete auf dem bloßen Boden vor der Stufe zum Hauptaltar nieder, bekreuzigte sich langsam, hob Arme und Haupt empor und legte dann die Stirn auf die Stufe, mit beiden Armen weit nach vorn langend, so daß ihre Fingerspitzen die Altardecke berührten.

Sie betete halblaut, flüsternd.

Noch nie hatte Henry die wunderbare, feierliche und anmutige Schönheit der italienischen Sprache so als etwas sinnlich Wohltuendes empfunden, wie jetzt. Jedes dieser Worte war ihm wie eine reife, volle Frucht, die er genoß. Und ihr Sinn umnebelte ihn wie Weihrauch.

Er kniete links hinten und wollte gleichfalls beten, aber immer wieder kamen ihm nur die Brentanoschen Feldkreuz-Worte in den Sinn:

O Stern und Blume, Geist und Kleid,
Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit....

Aber Bianca betete das Gebet der Sieneserin:

»O heiliger Geist! O ewige Gottheit! Liebet Christus! Kehr ein in mein Herz! Kehr ein in mein Herz! Zieh es zu dir, o mein Gott, zu dir, o mein Gott, durch deine Macht zieh es zu dir und erfüll es mit Güte voller Bangen! Behüte mich, ewige Liebe, vor jedem bösen Gedanken! Laß mich warm werden und erglühen in deiner süßen Liebe, warm werden und erglühen, auf daß mir all das Schwere leicht werde. O mein heiliger Vater und süßer, süßer Herr! Hilf, hilf meinem Dienste! Hilf deiner Magd, o süßer, süßer Herr! Christus! Liebe! Christus! Liebe!«

– Amore!... Amore!

Henry konnte nicht mehr an sich halten.

»Mein Jesus, Barmherzigkeit,« stöhnte es in ihm, und er stürzte sich über Bianca hin, packte sie an den Schultern, wandte sie um, kniete sich über sie und riß ihren Mund an den seinen.

Einen Augenblick blieb sie starr, dann aber schlug sie ihm beide Hände ins Gesicht, daß sich die Nägel tief eingruben, und schrie gellend fürchterlich auf.

Er taumelte, am ganzen Gesicht blutend, zurück. Sie aber schrie weiter wie eine Wahnsinnige.

Die Marchesa erschien in der Tür.

»Der!... Der!...« keuchte Bianca und wies mit dem Ausdrucke furchtbarsten Abscheus und Entsetzens auf Henry. Dann sank sie wie ein Brett um.

Henry wollte an seiner Geliebten vorbei.

Die aber packte ihn an der Brust, spie ihm ins Gesicht und kreischte: »Schurke!«

Dann rief sie: »Giovanno! Tonino! Werft diesen Hund aus dem Hofe!«

Zwei Diener kamen, packten Henry und schleppten ihn vors Gartentor.

Er war wie betäubt und mußte sich an die Mauer lehnen.

Nach einer Weile kam er zu sich. Er rüttelte sinnlos vor Wut und immer noch blutend an den Gittern des Tores und schrie: »Puttana! Puttana!«

Ein Diener, der seinen Rock, Hut und Koffer brachte, versetzte ihm, gut zwischen zwei Gittern durchzielend, einen ausgiebigen Faustschlag ins Gesicht, der zum Blutstillen nicht das geeignetste Mittel war, warf die Gegenstände über das Tor und knurrte: »Maledetto tedesco! Va al diavolo!«

Henry konnte, zerkratzt wie er war, und jetzt auch aus der Nase blutend, es nicht riskieren, einen Wagen im Gasthof des Ortes zu nehmen. Er mußte froh sein, einen Jungen zu finden, der ihm seinen Koffer trug und ihn durch die Dunkelheit zum nächsten Orte brachte, wo er zum Glück einen römischen Vetturino antraf, der ihn in einem rasenden Tempo durch die nächtige Campagna nach Rom kutschierte.

»Du siehst ja niedlich aus,« meinte Karl.

»Halts Maul!« brüllte Henry.

– »Was unterstehst du dicht«

– »Mach dich weiter, wenn dirs nicht paßt. Ich habe keine Lust mehr, Rücksichten zu nehmen.«

– »Du bist ein Plebejer!«

Henry fuhr ihm an den Hals und kreischte mit wütendem Gelächter: »Soll ich dich vielleicht verprügeln, Sprößling des fürstlichen Hauses Kraker?« Er gab ihm einen Stoß, daß Karl an die Wand taumelte. »Ich bitte mir Respekt aus! Merk dir das! Oder ich setz dich in ein Coupé dritter Klasse und schicke dich nach Hamburg.«

Karl bebte am ganzen Leibe. Seine Augen, fast ganz zugekniffen, irrten herum. Plötzlich ergriff er ein Messer und stützte sich auf Henry.

Der entwand es ihm mit Leichtigkeit, warf es in die Ecke und rief: »Für diese Leistung darfst du sogar zweiter Klasse fahren.«

Karl lief hinaus auf die Straße.

– Das war das Ende! Jetzt mußte etwas geschehen! Dieser Hund mußte auf die Seite gebracht werden. Womöglich heute noch. Sogleich. – Aber wie? Wie? – Er lief und lief und kam in Viertel, die er in einem anderen Seelenzustande nie betreten hätte. – Phantastische, verrückte Ideen tauchten in ihm auf angesichts der hier herumstrolchenden Kerle, die zu allem fähig schienen. – Wenn man so einen Kerl gut bezahlte? Drei Zoll Eisen zwischen die Rippen, oder ein Stoß in den Tiber...

Karl fing an, den Kerlen forschend ins Gesicht zu sehen.

Da drängte sich einer an ihn heran.- »Signore! Suchen Sie ein Mädchen?«

– »Nein! Weg! weg!«

– »Dann vielleicht einen hübschen Jungen?« Es durchlief Karl.

– »Vielleicht einen jungen Kavalleristen?« Karl schwieg.

– »Ich hab auch einen Leutnant.«

– »No! No!«

– »Ah, Signore sind vielleicht mehr für geistliche Freunde? Einen Priester? Einen geweihten Priester? Ich garantiere für Echtheit.«

– »Gehen Sie fort!«

– »Aber ich sehs ja doch: der Herr ist schon ganz Flamme. Kommen Sie mit! Ich habe einen wunderhübschen Jungen. Kraushaarig, schlank, stark. Ein Apollo! Ein wahrer Apollo! Und verliebt wie ein junger Bacchus! Ganz in der Nähe, Signore! Und es ist gar keine Gefahr dabei. Nicht der Schatten einer Gefahr! Alle Engländer besuchen ihn. Lords! Herzöge! Es ist der schönste Junge von Rom!«

Und der Kerl fing an, Peppinos körperliche Vorzüge bis ins einzelne auszumalen.

Karl hatte ein schnürendes Ekelgefühl und hörte doch gierig zu.

Auf alle Fälle war eins gewiß: Auf diese Weise konnte er vergessen, sich ablenken und wieder einmal sich fühlen, einen Menschen an sich drücken, besinnungslos sich hingeben...

Und dann, – es kam ihm plötzlich ein Gedanke: konnte so einer nicht auch zu etwas – anderem gebraucht werden?

– »Ist er stark? Mutig?«

– »Ein Hengst, Signore! Ein Stier! Ein Löwe!«

– »Wie alt?«

– »Neunzehn.«

– »Führen Sie mich hin!«

 

Am nächsten Morgen war Karl wie zerschlagen und doch beruhigt. Er fühlte sich wieder. Hatte wieder Zutrauen zu sich. Und er sagte sich: Warum lebe ich nicht auf meine Weise, wie Henry auf seine? Was anders hat ihm dieses Übergewicht gegeben, als daß er sich mit allen Sinnen auslebt, während ich ganz zu Gehirn und Ästhetik geworden bin? Und hier geht das ja so leicht und ohne Gefahr... Auch ist es wirklich nicht ausgeschlossen, daß ich unter diesen Burschen einen finde, der mir so anhänglich wird, daß er mir die Hauptsache besorgt. Sie sind ja von Natur verschlagen, und es gibt gewiß auch kühne Kerle unter ihnen. – O, mein Junge, du irrst dich, wenn du glaubst, daß du mich auf so wohlfeile Manier los wirst. Jetzt gehts aufs Messer! Das bißchen Demütigung, das ich noch auf mich nehmen muß, sollst du schwer büßen!

Aber er brauchte sich gar nicht zu demütigen.

Henry hatte es in einer schlaflosen Nacht eingesehen, daß er gerade jetzt Karl nicht entbehren konnte, wo er von Rom wegmußte und weiterreisen. Er war ja gar nicht mehr imstande, allein zu reisen, sagte er sich, und am wenigsten jetzt, wo sein Gefühl so niedergetreten, alles in ihm wie verwüstet, ein Chaos und Getümmel war.

Er steckte also Karl gegenüber den Liebenswürdigen heraus, den Schuldbewußten, den Reuevollen. Streckte ihm die Hand entgegen und sagte: »Ich bitte dich um Verzeihung, Karl. Ich habe mich scheußlich, ja niederträchtig benommen. Wüßtest du, in welchem Zustande ich mich befand, so würdest du meine sinnlose Roheit weniger hart beurteilen. Ich habe etwas sehr Schweres erlebt, etwas, das mich zwingt, heute noch von Rom abzureisen. Ich bitte dich, alles zu vergessen und mitzukommen. Ich kann nicht allein sein. Ich habe furchtbar viel verloren. Es ist unmöglich, es dir zu sagen, denn es fehlt dir an der religiösen Stimmung dazu, es zu begreifen. Du hast kein katholisches Herz wie ich. Ich schwöre dir: ich würde jetzt Katholik, wenn ich Rom nicht verlassen müßte. Ich brauche einen Beichtvater, ich brauche Buße. – Ach, ich hätte doch Jesuit werden sollen!«

– »Und Berta?«

Karl sah ihn, so froh er über diesen Gefühlserguß war, bedenklich an. – Die Sache lag doch unangenehm tief. Man mußte bald ein Ende machen.

– »Ja, Berta. Ich halte mich nur im Gedanken an sie aufrecht. Wir wollen noch nach Neapel, nach Sorrent und dann zurück. Ich muß mein Militärjahr endlich abdienen. Vielleicht werd ich Offizier. Es kann so nicht fortgehen. Ich habe Abgründe in mir entdeckt, die fürchterlich sind. Mir fehlt ein Beruf.«

– »Ach was! Wer Geld hat, braucht keinen Beruf. Heirate, und alles ist in Ordnung. Das sind Stimmungen. Die Neapolitanerinnen werden sie dir vertreiben. Du hättest dich hier nicht an eine hängen sollen. Das bekommt dir nicht.«

Henry war sehr erstaunt, Karl so vernünftig reden zu hören, und es schien von jetzt ab, als könnten sie recht wohl zusammen harmonieren.

Aber Karl hatte nicht vergessen, was geschehen war, und es ging kein Tag vorüber, an dem er sich nicht wiederholte: Noch hier, in Italien, muß es geschehen. Und bald! Bald!

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