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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 95
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Der gespannte Bogen

Die italienische Reise, nach einem genauen Plane Karls langsam von Stadt zu Stadt gehend, überall haltmachend, wo es für Karls gebildete Augen etwas zu sehen gab, näherte die Vettern einander nicht, sondern entfernte sie mehr und mehr und vertiefte ihren gegenseitigem Widerwillen.

Henry hatte es ja schon längst aufgegeben, sich Karl gegenüber die geringste Gêne anzutun oder aus Rücksicht auf ihn sich auch nur so anzustellen, als respektiere er in ihm etwas Besonderes. Er begann jetzt, ihn ganz einfach als Reisemarschall zu gebrauchen und auch so zu behandeln.

In jeder Stadt wiederholte sich das Gleiche. Karl durchwanderte die Galerien und Kirchen, Henry bummelte eine Weile mit, dann mokierte er sich über Karls Bemerkungen oder widersprach ihnen hochnäsig, und schließlich ließ er ihn irgendwo stehen und ging in den Straßen auf Abenteuer aus.

Obwohl er, der Verabredung gemäß, in jeder größeren Stadt einen Brief Bertas vorfand, begann er jetzt, gelangweilt durch dieses für ihn wenig interessante Hinundherreisen, sein altes Wesen wieder. Es schien, als bereise er Italien ausschließlich zu dem Zwecke, alle »casini« der verschiedenen Städte zu studieren.

Zuweilen empfing er auch berufsmäßige Ruffiane im Hotel, von denen er sich dann begleiten ließ, und es kam auch vor, daß er sich gefällige Damen ins Hotel zitierte, wobei es ihm nicht darauf ankam, Karl zu zwingen, mit ihnen an demselben Tische zu speisen.

Dieser wurde mehr und mehr von einem so wütenden Hasse ergriffen, daß er manchmal alle Verstellung aufgab und ausrief: »Ich wollte, du verblödetest ganz und gar. Ich wünsche dir alle Krankheiten an den Leib, die sich bei einem so viehischen Dasein einstellen müssen. In einem Jahre schon wird man dich in einem Rollstuhle fahren. Angenehme Aussichten für Berta!«

Henry bog sich vor Lachen. »Hast du ne Ahnung! Ich und krank werden! Das gibt es nicht. Ich gehöre zu den Auserwählten der Venus. Ich werde nur stark durch die Übung. Sicher habe ich schon hundert Weiber gehabt, die krank waren. Wie sollte das anders sein? Ich übe auch nicht die mindeste Vorsicht und suche die Gefahr geradezu auf. Denn ich weiß: mir kann nichts geschehen. Soll ich dir eine Geschichte erzählen?«

– »Bitte, nein! Ja nicht! Schweig! Es ekelt mich!«

– »Capisco! Das ewig Weibliche zieht ja dich nicht hinan. Um so mehr mich. Und ich erzähle dir die Geschichte doch. Du hast mir ja auch einmal eine erzählt, die nicht sehr lieblich anzuhören war. – Also: Es war in Venedig. Eine alte, wundervoll scheußliche Kupplerin, eine von diesen kostbaren alten Hexen, denen man es auf hundert Meter ansieht, daß sie mit lebendigem Fleische handeln, zupfte mich am Mantel und flüsterte mir was von einer bella ragazza ins Ohr. Ich spie ihr alle venezianischen Flüche ins Gesicht, die ich mir eingeprägt hatte, denn ich weiß: das macht populär und wirkt vertrauenerweckend. Aber ich folgte ihr. John natürlich zwanzig Schritte hinter uns, denn in diesen alten Palazzi, wo jetzt hinten die Huren hausen, an kleinen, lautlosen Kanälen, verschwindet man unter Umständen mit so sicherer Heimlichkeit, daß nur die kleinen ekligen Krebse davon erfahren, die auf dem Grunde der Kanäle ihre Mahlzeiten halten. – Ah, du hast keine Ahnung, welch ein Reiz darin liegt, nachts in einer fremden Stadt hinter einer unheimlichen, mit zahnlosem Munde grinsenden Kupplerin herzuziehen, einem Wesen entgegen, das man nicht kennt, aber bald aufs genaueste kennen wird, um es dann nie wieder im Leben zu erblicken. Man weiß ja ziemlich genau, was kommt. Es ist im Grunde immer das gleiche, aber es hat immer aufs neue seinen unheimlich süßen Reiz. – Abgelegene Viertel. Einsame Gassen, vor denen Weiber und Zuhälter lauern. Vorsichtiger Eintritt in einen engen Hausflur, leises Hinauftappen über knarrende Stufen: dann plötzlich eine Türe auf, und, eccolo, ein kleines Zimmer mit einem großen Bett und einem geschminkten, mehr oder weniger hübschen Frauenzimmer, das meist blöde, aber immer sehr suggestiv lächelt. – Ah, dieses Lächeln der Huren! Es ist ganz einzigartig. Es ist ebenso kindlich, wie es lasterhaft ist. Das ganze Weib liegt darin. Die ganze Natur. Die ganze Weltgeschichte. Es ist das Lächeln der nackten Lüge, die ewig wahr bleibt. Geschäftsmäßig liebenswürdig, manchmal die deutliche Larve aus bemalter Pappe, aber manchmal wundervoll echt: das untertänige Lächeln der Sklavin. Wo fände man das sonst noch? Und wo sonst fände man noch diese selbstverständliche animalische Intimität zwischen den Geschlechtern? Diese jeden Augenblick unbedingt bereite Schamlosigkeit ist hinreißend. Es ist der letzte Rest echter Natur unter den Menschen. Und, je gemeiner die Umgebung, je primitiver das Lokal ist, je gewisser man weiß, daß hinter der nächsten Tür der Louis lauert, um so reizvoller ist es.«

»Du bist ein Tier!« schäumte Karl, »du bist ein Auswurf.«

»Ich bin bloß ein richtiger und ganzer Mann,« gab Henry betont zurück. »Es ist ein wundervoller Moment, wenn man, indem man den Rock auszieht, den geladenen Revolver auf den Nachttisch legt. Nichts läßt sich mit dieser Art Aufregung vergleichen. – Und dann das Weib selbst, das dich sofort duzt, das dir augenblicklich alles...«

– »Schweig! Ich will das nicht hören! Es macht mir Übelkeit!«

– »Ich verstehe. Du bist ja eine Art Dame, und Damen finden das natürlich degoutant. Begreiflich. Ich verstehe das Ekelgefühl der Dame gegen die Hure vollkommen. Die Dame ist ein Produkt der Abstraktion. Ihr ist das natürlich Weibliche abstrahiert worden. Sie hat dafür allerhand andere sehr schöne Sachen bekommen, und man kann, selbstverständlich, nur mit einer Dame leben. Wobei ich zu den Damen auch die großen Kokotten rechne. – Wovon ich spreche, das ist die richtige, ordinäre Puttana, für die nur der ganze Mann, der mehr ist, als Kavalier, Sinn hat.«

– »Dein Geschwätz wird albern. Hör auf. Du bist nicht der Erste, der sich auf seine Gemeinheiten etwas einbildet. Vermutlich hältst du dich für einen Übermenschen, weil du Geschmack an den Untermenschen hast.«

»Wofür ich mich halte und halten darf, ist ein Gebiet, zu dem du keinen Zutritt hast,« entgegnete von oben herab Henry. »Die Zeit, da du mir imponiertest, ist vorbei. Auch deine Grobheiten machen keinen Eindruck mehr auf mich. Du weißt wohl, seit wann.«

Immer wieder erinnerte er ihn daran. Seitdem er Bertas sicher zu sein glaubte, mißhandelte er Karl direkt. Er verachtete ihn, obwohl er noch immer seine geistige Überlegenheit empfand und darunter litt. Er rächte sich jetzt für alle Beleidigungen, die er je von Karl erfahren hatte, und es war ihm eine große Genugtuung, daß Karl offenbar innerlich gezwungen war, bei ihm auszuharren. Manchmal hatte er direkt Lust, ihn wegzuschicken wie einen Bedienten. Aber davor scheute er doch zurück, da er wußte, wie groß Bertas Zuneigung für Karl war. Deshalb pflegte er auch immer wieder einzulenken und zuweilen den Liebenswürdigen zu spielen.

So auch diesmal.

Er fuhr fort: »Aber wozu beleidigen wir einander? Es ist uns einmal bestimmt, daß wir uns dulden müssen. Ich laß dir dein Genie. Laß du mir meine – tiefer liegenden Vorzüge. – Und nun will ich dir endlich die Geschichte erzählen, die dir beweisen soll, daß ich gegen die weniger angenehmen Gaben der Venus gefeit bin. Ich will mich ganz kurz fassen. Wir kamen an, und das Mädchen oben war entzückend. Eine von den tizianisch Roten, wie sie immer seltener werden; etwas voll, aber doch gut gewachsen. Sie hatte ein schwarzes Hemd an und war sehr zärtlich. Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich war besonders liebenswürdig. Karessierte sie, schmeichelte ihr, gab ihr sofort, was um das Vierfache zuviel war, zwanzig Lire, und schwur ihr, daß sie die schönste Puttana von Venedig sei und ganz gewiß noch keine zwanzig Jahre alt. Und nun geschah etwas Sonderbares. Sie ließ das Hemd herunter, umschlang und küßte mich und fing auf einmal an zu weinen. Sie sei verliebt in mich, schluchzte sie, und sie möchte mir so, so gerne alles zuliebe tun, was ein Mädchen nur vermöchte, aber sie bäte mich, das Geld wiederzunehmen und fortzugehen. – »Du bist verrückt, mein Engel,« sagte ich, »du bist viel zu schön, als daß ich von dir gehen könnte, ohne dich geliebt zu haben.« – »No, no, no, no!« rief sie aus und flüchtete sich in einen Winkel und heulte fürchterlich. – Ich wurde ärgerlich und wollte sie zwingen. Da stieß sie mich zurück und schrie mich an: »Aber ich bin krank! Ich habe eine schlechte Krankheit! Die ganz schlimme! Wer mich berührt, wird angesteckt! Und du sollst von mir nicht krank werden. Du nicht! Du nicht!« – Ich will es dir gestehen: im ersten Moment erschrak ich und gedachte, ihr zwar das Geld zu lassen, aber fortzugehen. Aber es war nur ein Moment. Dann nahm ich sie her, wie sie sich auch sträubte, und zwang sie. Sie war ganz entsetzt und verfluchte ihr Schicksal, und auch ein weiteres Zwanziglirestück beruhigte sie nicht. Sie wühlte ihren Kopf in die Kissen und heulte, daß ich es noch auf der Treppe hörte. – Nun: seitdem sind zwei Monate verstrichen, und ich bin noch genau so gesund, wie vor meinem Besuche bei der armen Fiammetta, die ganz gewiß wirklich krank war, denn sonst hätte sie mir das Geld nicht zurückgeben wollen. – Du siehst also, mein Lieber, ich bin in Drachenblut getaucht, und die vergifteten Pfeile Amors können mir nichts anhaben. Deine Hoffnung auf den Rollstuhl wird sich nicht verwirklichen, und ich kann dir auch die bestimmte Versicherung geben, daß mein Gehirn unter den Strapazen der Liebe nicht leiden wird. Ich bin für diese Genüsse geboren, wie du für andere. Ja, ich habe die Bemerkung gemacht, daß ich immer nur Dummheiten mache, wenn ich enthaltsam bin. Der ›Morgenstern‹ z. B. war bloß eine Folge unangebrachter erotischer Abstinenz. Desgleichen mein Plan, Jesuit zu werden. Schon auf dem Gymnasium wurde ich erst dann ein leidlich guter Schüler, als ich mein Haupttalent entdeckt hatte.«

Die Tatsachen widersprachen dieser Meinung nicht. In demselben Maße, wie Karl körperlich verfiel, blässer und blässer wurde, nervös bis zum Unerträglichen, in demselben Maße schien Henry an körperlicher Gesundheit und Frische des Geistes zuzunehmen.

Er war jetzt ein stattlicher, kräftiger junger Mann von federnden Bewegungen, blitzenden Augen und mit einem Zuge von fröhliches Entschlossenheit um die schwarz überbarteten Lippen.

Nur in der Kirche dämpfte er diesen Ausdruck zu einer Art ergebener Demut herab. Er besuchte sie nicht der Kunstwerke halber, sondern er ging zu den Hochämtern wobei er sich ganz wie ein richtiger Katholik benahm, die Finger mit Weihwasser benetzte, das Kreuz schlug, das Knie bog und betete.

In Rom, wo sie sich über zwei Monate aufhielten, verfiel er einer großen Kurtisane, die sich für die Tochter eines Kardinals ausgab und unter dem Namen einer Marchesa ein großes Haus führte, das in der Tat nur von höheren Geistlichen und Angehörigen der päpstlichen Aristokratie besucht wurde. Es ging dort äußerlich sehr honett, ja fast feierlich zu, und alles hatte eine Art vatikanischen Stils. Die Dame, von Geburt eine deutsche Jüdin aus gutem Hause, natürlich getauft und streng klerikal gesinnt, war weit älter als Henry, aber von höchst stattlicher Erscheinung und einer imposanten Schönheit, die durchaus als römisch gelten konnte. Sie war in ihrer Jugend die Geliebte eines hohen päpstlichen Würdenträgers gewesen, von dem sie eine, wie es hieß, wunderschöne Tochter besaß, die in einem streng katholischen Pensionat erzogen wurde und mit der Mutter in den Ferien nur auf einem Landsitze zusammentraf, wo die besondere Art der Stellung der Marchesa innerhalb der klerikalen Welt nicht bekannt war.

Zu dieser Dame hatte Henry sofort eine starke Neigung gefaßt. Sie erinnerte ihn an »Die Frau«. Und die Marchesa hatte seine Neigung fast auf der Stelle erwidert.

Es wurde ein merkwürdig inniges, dabei von beiden Seiten sehr hitziges Liebesverhältnis.

Die Marchesa fühlte, daß dies ihre letzte wirkliche Liebe sei, und Henry hatte ein himmlisches Gefühl von Geborgenheit und verliebter Bemutterung.

Seine katholischen Neigungen taten das übrige.

Das älteste Parfüm der Welt: Weihrauch, mischte sich mit den modernsten Erzeugnissen von Roger et Gallet.

Da Henry nicht im mindesten daran zweifelte, daß seine Marchesa wirklich das war, als was man sie in ihren Kreisen, gläubig oder nicht, wie nach einem allgemeinen Übereinkommen gelten ließ: die Tochter eines Kardinals aus hochberühmtem, altem Fürstenhause, so hielt er ihr gegenüber auch mit seinem Geheimnis nicht völlig zurück und deutete es wenigstens an, welcher Art das fürstliche Blut sei, das in seinen Adern flösse. Die Marchesa aber war darüber nicht im mindesten erstaunt und ging ohne weiteres darauf ein als auf etwas, das sie von Anfang an geahnt habe, und wovon sie fest überzeugt sei.

Dieser Umstand kettete ihn noch fester an sie, und er hätte seinen Aufenthalt in Rom bis ins Unendliche ausdehnen mögen.

Aber es trat etwas sehr Fatales ein, das ihn aus den Armen der Marchesa und aus Rom vertrieb.

Die Marchesa mußte, ihre Tochter zu sehen, auf ihr Landgut reisen. Aber sie war kaum zwei Tage fort, als ein Expreßbrief, voll der glühendsten Worte, eintraf, er möge sogleich nachkommen, sie könne ohne ihn nicht leben. Sie werde ihn als einen jungen Verwandten des fürstlichen Hauses, aus dem sie stammte, und das in Deutschland ansässig war, vorstellen.

Henry reiste sogleich ab. Auch ihm war die Trennung sehr schmerzlich, und er wußte ohne seine mütterliche Geliebte in Rom durchaus nichts anzufangen, denn es war für ihn eine Stadt, wie jede andere, und sofort eine unangenehme Stadt, wenn er auf den Umgang mit Karl angewiesen war, der hier wie ein Wahnsinniger lateinische Elegien schrieb und den ganzen Tag laut und verzückt skandierte.

Die beiden Vettern waren sich bereits fürchterlich in die Haare geraten, da Henry sich über Karls lateinische Poesien lustig gemacht und der ihm entgegengerufen hatte, daß er mit von vatikanischen Würdenträgern abgelegten Kokotten verkehrte.

So war Henry also glücklich, reisen zu können, und er war ganz voll von Sehnsucht nach seiner Marchesa.

Als er aber Bianca, die sechzehnjährige Tochter, sah, war es, als hätte ihn der Blitz getroffen.

Er flammte in einer fast verrückten Leidenschaft für das wunderbar schöne Mädchen auf, neben dem ihm die Mutter plötzlich wie eine abgelebte Matrone erschien.

Sie war fast noch ein Kind, aber unter der halb nonnenhaften Tracht zeigten sich die knospend-schwellenden Formen der Jungfrau.

Ein Antlitz wie dieses hatte Henry noch nicht geträumt, geschweige denn gesehen. Es war von einer weichen, noch halb kindlichen Rundung, von der wunderbaren Blässe der Brünetten, die etwas vom Hauche der Teerose hat, und alles an ihr war untadeliges Ebenmaß, aber ohne jede Strenge: ganz Anmut und Lieblichkeit. Das Schönste aus der jüdischen und aus der romanischen Rasse hatte sich hier zu einer vollendeten Bildung vereinigt. Aber das Hinreißendste, das, was einen reinen Betrachter in die Knie zwang, einen Begehrlichen verrückt machen konnte, war ein unbeschreiblicher Ausdruck von Unschuld und Zutraulichkeit.

In Henry kämpfte beides: eine Art Andacht, wie er sie einmal vor Berta empfunden hatte, und Begierde. Aber er war schon zu tief und ganz Lüstling geworden, als daß die Begehrlichkeit nicht die Oberhand hätte gewinnen sollen.

Er konnte die Blicke nicht von ihren Lippen verwenden. Wie voll sie waren! Wie verlockend! Wie rot, üppig, schwellend! Das waren keine Nonnenlippen zum Beten, das waren Lippen eines jungen heißblütigen Mädchens, die geküßt sein wollten. Seine Phantasie raste in ihrem Anblicke und schweifte von ihnen weg zu Vorstellungen, die ihn außer sich brachten.

Nie in seinem Leben hatte er diese Art Begierde in sich gespürt. Zum ersten Male galt es, nicht bloß zu verführen, sondern zu erobern, zu zwingen. Das fühlte er, trotz seiner Kalkulationen. Denn er wußte wohl, wie streng das Kind erzogen wurde, und wie schwer zugänglich überhaupt junge Italienerinnen von ehrbarer Art sind.

Aber dafür würde es auch ein unerhörter Genuß sein, der höchste, den er je empfunden hatte. Ein vandalischer Triumph. Schändung einer Vestalin. Selbst das nonnenhafte Kleid stachelte ihn auf. Und als er am Abend gar vernahm, daß sie zur Nonne bestimmt sei, und als er aus ihrem eigenen Munde hörte, daß sie keine andere Sehnsucht kenne, als die, eine Braut Jesu zu werden, entbrannte er so heftig, daß er es kaum vor der Marchesa verbergen konnte.

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