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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 94
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Henrys Gedanken wurden ganz wirbelig. Er machte sogar Karl gegenüber dunkle Andeutungen, die diesen mit den schönsten Hoffnungen erfüllten.

– »Ich muß morgen eine notwendige kleine Reise machen.«

– »Allein?«

– »Ja. In Familienangelegenheiten.«

– »Ach? Ich dachte, es gibt hier gar keine Beziehungen zu Onkel Henry mehr.«

– »Zu ihm nicht.«

– »Ja, aber, zu wem denn dann?«

– »Zu mir.«

– »Dein Geheimnis also?«

Henry lächelte: »Das liegt etwas weiter ab.«

– »Ich will nicht in dich dringen.«

– »Es klärt sich immer mehr.«

– »Ich denke, es liegt in der Ferne?«

– »Gewiß. Aber ich habe hier Mitteilungen erhalten, die Wesentliches bestätigen.«

– »Bei deinem Atelierbesuch?«

– »Ja.«

– »Ich kann es mir denken.«

– »Wieso?«

– »Die gewisse Dame.«

Henry erschrak. Wie kam Karl darauf?

– »Was veranlaßt dich, daran zu denken?«

Karl bedauerte sehr, sich verschnappt zu haben: »Es war eine bloße Kombination.«

– »Seltsam.«

– »Inwiefern?«

– »Es beweist mir, daß mein Schicksal selbst Außenstehende wie mit Ahnungen berührt.«

– »Du scheinst sehr geheimnisvolle Dinge erfahren zu haben.«

– »Das ist auch der Fall. Die Kette des Beweises schließt sich. Morgen habe ich vielleicht das letzte Glied in Händen.«

– »Und was geschieht dann?«

– »Ich werde meinen Weg mit größerer Gewißheit weitergehen.«

Tu das, mein Sohn, dachte sich Karl, aber mach, daß du bald ans Ziel kommst. Ich möchte den Anblick völliger Übergeschnapptheit gern bald erleben.

 

Henry fuhr an den Starnberger See.

Die Fahrt auf dem Seedampfer rührte nicht viel in ihm an. Eine schöne Gegend, – nun ja. – Dort die Stelle, wo König Ludwig in den See gegangen war, nicht ohne seinen Arzt mitzunehmen... Das rief schon Erinnerungen wach Der »Kini«. Drüben die Roseninsel... Davon hatte er als Kind vernommen. Phantastisches und Unverstandenes: Nixen im Schilf: ein Pavillon mit einer geheimnisvollen Dame, vor der der »Kini« Reißaus genommen haben sollte... Dann Possenhofen mit der jungen Herzogin Elisabeth, die nun Kaiserin von Österreich war... Da war er schon wieder mitten in seinen Phantasien... Ob das nicht auch eine gewisse Bedeutung hatte, daß er gerade hier in diese Gegend gebracht worden war?... Aber nein. Das wohl nicht. Unsinn. Es bestand doch vielmehr offenbar die Absicht, jeden Konnex zu vermeiden. – Man hatte ihn unter Bauern getan, ins Tiefste des Volkes. Ihm aber doch den Rock und den Kosaken mitgegeben. Seltsam. Und dann plötzlich weggenommen und wie einen jungen Fürsten erzogen. – War inzwischen etwas geschehen? Ja: »die Frau« war erschienen. Es war nicht bloß ein Traum gewesen! Er wußte es plötzlich, als er, sich der südlichen Spitze des Sees nähernd, über das links gelegene Ufer hinblickte. – Mit einem Male gab es ihm einen Ruck: Da, – das war ja sein Kirchturm! So, von hier aus, hatte er ihn oft genug im flachen Fischerboote gesehen! – Und nun gar die Endstation, wo er ausstieg. Da stand sie ja noch, die alte »Post«, und dort, das Haus mit der angeputzten Madonna unter einem Drahtgeflecht, die einen Reifrock anhatte und apfelrote Backen und das Jesuskind vor sich hinhielt, wie eine Puppe: das war sein Schulhaus. Auch die alte geschnitzte Türe war noch da und die hohe Buxeinfassung des Vorgärtchens. Wie oft war er da langsam hinein und schnell heraus gelaufen!

Er blieb davor stehen, wie ein, Tourist vor einer Sehenswürdigkeit.

Der junge Lehrer guckte zum Fenster heraus und wunderte sich über das Interesse des eleganten jungen Herrn an dem unscheinbaren Gebäude.

»Kann ich wohl in der Post einen Wagen bekommen?« fragte der.

»Oh, gewiß,« antwortete der Lehrer.

Und Henry ging zur Post und nahm einen Wagen.

Diese alte Wirtsstube war ihm einmal wie ein Saal vorgekommen, und in das »Herrenzimmer« drüben hatte er stets scheue Blicke der Sehnsucht gesandt.

Wie wunderlich war das alles!

Eine bunte Lithographie: »König Otto von Griechenland, in Athen einreitend« erschien ihm plötzlich so wohlvertraut, daß er jedes einzelne Gesicht darauf wiedererkannte, zumal aber den unerhört schönen Schimmel, auf dem der bayrische Hellenenkönig saß. Aber direkt bis zu Tränen rührte ihn ein Jugendbildnis der Kaiserin von Österreich als Braut, wie sie abschiednehmend durch den Park von Possenhofen ritt, die reinste Märchenprinzessin, schön wie ein Engel, ganz Hoheit, Stolz, Trauer, Anmut.

Er bot sofort hundert Mark für den Stich, der für ihn viel mehr wert war, denn es war gewiß das erste Frauenbildnis, für das er geschwärmt hatte. Das große Gemälde »Adam und Eva«, das in München an der Wand seines Hotelzimmers lehnte, bedeutete für ihn nichts dagegen. Er war sehr glücklich, die alte kunstlose Lithographie für hundertundfünfzig Mark zu erhalten.

Die Fahrt dann, am Seeufer hin, durch den alten Mühlenhof, später immer rechts den Wald und im Hintergrunde die Berge, war für ihn von traumhafter Schönheit. Oh, er hätte nicht zu fahren brauchen! Er kannte jeden kleinen Feldweg noch. Dort, in dem Tümpel, hatte er Frösche gejagt, in dem kleinen Wässerchen da hatte er stundenlang das Spiel der jungen Forellen verfolgt, hier, wo der Weg durch den Wald ging, hatte er seine erste kleine Liebste einmal gezwungen, vor ihm niederzuknien und eine feierliche untertänige Anrede an ihn zu halten.

Er sah jedem Mädel, das etwa in seinem Alter war, groß ins Gesicht, ob er nicht eine Ähnlichkeit, eine Erinnerung fände. Aber die Erwachsenen waren ihm alle fremd. Nur die Kinder kamen ihm samt und sonders bekannt vor.

Auf einem Holzhaufen saß ein kleines Mädel, das einen kleinen Buben vor sich hatte, dem es mit den Fingern in den Haaren herumfuhr, wie mit den auf- und zuklappenden Klingen einer Schere. Dazu sprach es taktmäßig:

Ziff, zaff, gor aa,
Schneid dem Seppl d Hoor aber,
Laß an Schippl vorne stehn,
Is der Seppl noch so scheen.

Henry hätte weinen können vor Entzücken. Seine ganze Kindheit stand leibhaft vor ihm da. Er sah, hörte, fühlte, roch sie.

Er konnte auf einmal wieder oberbayrisch reden.

»Mogst an Zwoaring!« sagte er zu dem Mädel.

»I scho!« antwortete das.

Und er gab ihr ein Zwanzigmarkstück: »Verliers fei net!«

»Dös is ja gar koa Zwoaring net«, sagte das Mädel, »dös is a Goldstückl.«

»Na, schiebs halt eina! Kaaf dir a scheans Feiertagsgwandl dafür«, sagte Henry.

»Gelts Gott!« sagte die Kleine, ganz verschüchtert.

»I macht aa so ans!« heulte der Bub.

»Also geh her, Seppl!« sagte Henry und gab auch ihm eine Doppelkrone. Und schließlich nahm er die beiden mit in den Wagen, als sie ihm gesagt hatten, daß sie aus dem Dorfe wären, zu dem er wollte.

»Wem gherrscht denn?« fragte er das Mädel, das aufgeweckter schien, als der Bub.

– »Mir san die zwoa von der Sterzegger Resei, und unser Vater is der Schirmer Tonl, und mir bleibn beim Großvater.«

Henry machte große Augen. Das Schicksal! Selbst in Kleinigkeiten führte es ihn. Da hatte es ihm die zwei Sprößlinge seines Ziehbruders in den Wagen gesetzt! Wie seltsam!

Und er erkundigte sich weiter, und die kleine Kathl erzählte ihm treuherzig die ganze Schirmersche Familien-Geschichte, wie sie sich bei ihr festgesetzt hatte: daß die Großeltern so reich gewesen wären, weil sie einen Prinzen aufgezogen hätten, und daß sie die Wirtschaft aufgegeben hätten, wie die Großmutter gestorben war, und sie hätten einen Hof gekauft, den der Tonl dann übernommen hätte, weils mit dem Großvater nimmer gegangen wäre, und dem Tonl seine Mutter wäre auch schon tot gewesen damals. Aber der Tonl hätte alles durchgesoffen bis auf »a kloa winzigs« Häuserl und strabanzte in der Welt umanand, und die Mutter heiraten tät er auch nicht, »der Hallodri«, und sie wäre halt jetzt beim Großvater, weil der sich alleine gar nicht helfen könnte, denn er wäre ein halbeter Narr.

»Einen Prinzen aufgezogen.« – Also auch hier die Bestätigung.

– »Was is denn das für a Prinz gwen?«

– »Na, der Prinz Kuckuck halt.«

Und die Kleine erzählte, was der alles gehabt hatte: lauter seidene Gewänder, wie ein geistlicher Herr im Amt, und eiserne Pferde, auf denen er wirklich hätte reiten können, und dann wäre eine wunderschöne Dame einmal gekommen, die hätte eine Krone aufgehabt wie die heilige Mutter Gottes, und dann war ein feiner Herr gekommen in einem Wagen mit zwei wunderschönen Rössern und vielen, vielen Dienern, und eine Schwarze war mit dabei, a ganz a Schwarze, und auf einmal war der Prinz Kuckuck weg. Und der Großvater sagte immer, er wäre gar nicht der, der er sein sollte, sondern was ganz Hohes, und alle Leute sagten: ja, das wäre ganz gewiß wahr, und der Großvater wäre deshalb ein Narr geworden, weil das Geheimnis ihm so zusetzte, das er es gerne verraten möchte, aber doch nicht durfte, weil ihn sonst die«Großen« fürchterlich bestrafen würden.

Das war alles reichlich verwirrt, für Henry aber sehr klar. Er ließ sich direkt zu dem Häuschen fahren, in dem der alte Schirmer mit der Mutter seiner Enkelkinder wohnte.

Die bekam einen fürchterlichen Schreck, als sie den vornehmen jungen Herrn anfahren sah, denn sie glaubte nicht anders, als daß er einer von den »Großen« wäre, die den Großvater wer weiß für was zur Verantwortung ziehen wollten.

Es war kein vernünftiges Wort aus ihr herauszubringen, und der Alte selbst erwies sich als vollkommen verblödet.

Er wiederholte das, was die Kleine erzählt hatte, nur noch viel verwirrter und unter direkt blödsinnig phantastischen Verbrämungen und Hineinmengungen von allen fürstlichen Persönlichkeiten, deren Namen jemals über die Schwelle seines Bewußtseins getreten waren.

Aber gerade das war es eigentlich, was Henry hören wollte. Er erkannte wohl, daß der Alte irrsinnig war, aber für ihn offenbarte sich als Untergrund dieses Irrsinns die Tatsächlichkeit dessen, was er seit dem Erscheinen der Frau in Hamburg und dann seit der Lektüre des nachgelassenen Briefes geahnt, ja was er, wie er sich jetzt oft sagte, auch früher schon dunkel empfunden hatte.

Er hinterließ ein paar Hundertmarkscheine und fuhr, in tiefstes Sinnen versunken, durch die Abenddämmerung nach der Dampfschiffstation zurück.

Welch ein Schicksal! dachte er sich. Diesen Alten hat es ganz verdunkelt, und auch das Leben seines Sohnes ist dadurch zerstört worden, denn offenbar hat ihn nur das Geld verdorben. Und auch Hermann mußte in die Niederungen gestoßen werden meinetwegen, weil Papa Hauart es als höhere Pflicht erkannte, mich, den zum Reichtum Geborenen, mit seinen Reichtümern auszustatten, während die Natur ihn doch eigentlich drängen mußte, sein eigenes Fleisch und Blut zu bedenken.

Schicksal!

Am herbstlich klaren Himmel begannen die Sterne heraufzuziehen. Hinter den kleinen Fensterscheiben der Bauernstuben wurden die Lampen angezündet. Die Litanei des Rosenkranzes, ihm von hierher so vertraut, klang aus jedem Haus.

Henry schlug andächtig das Kreuz und murmelte: Mein Jesus, Barmherzigkeit!

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