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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 93
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Bestätigungen

Man blieb, solange es Berta gestattet war, von Hamburg wegzubleiben, noch in Wien, dessen Reiz Henry erst jetzt, an der Seite seiner schönen Braut, aufging.

Es waren ein paar sehr genußreiche Wochen für ihn, aber eine höchst qualvolle Zeit für Karl. – Dem war die Kaiserstadt an der Donau überhaupt zuwider. Er fand sie salopp, halb slawisch, halb orientalisch, und ärgerte sich fortwährend über die allgemein betonte Gemütlichkeit. Es war für ihn eine Stadt der Volkssänger, Zahlkellner und Fiakerkutscher, und er behauptete, auch die Wiener Aristokratie umfasse nur diese drei Typen in mehr oder weniger eleganter Aufmachung. Aber auch die wienerische Art von Eleganz war ihm widerlich. Er ließ überhaupt nur noch London gelten und meinte, außer England käme für einen Kulturmenschen jetzt wohl bloß noch Italien in Betracht. Dorthin ging jetzt seine ganze Sehnsucht, und er war glücklich, Henry überredet zu haben, daß sie von München aus nach diesem Lande reisen wollten.

Wenn die Geschwister allein waren, schäumte eine ungezügelte Wut aus ihm empor.

»Leugne es nicht,« rief er darin wohl aus, »du findest Gefallen an diesem Tier. Du, wie alle Weiber. Ich werde nicht eher Ruhe, Gleichgewicht und Geschmack am Leben finden, bis er ausgerottet ist. Steht er neben dir in seiner unverschämten Art, sich dir fast anzukleben, so ist mir, als wenn ich eine Rose sehe, an der eine Blattlaus sitzt. Es macht mich noch rasend, und ich sinne Tag und Nacht darüber nach, wie ich ihn beseitigen kann, wenn er sich nicht selbst beseitigt. – Aber ich bin feig. Ich fühle es. Und er hat eine Konstitution, die allen Ausschweifungen gewachsen ist. Hilf mir doch! Du bist mutiger! Tu nicht, als ob alles schon geschehen wäre. Wir haben nur den Grund gelegt. Jetzt gilt es, das Gebäude zu errichten für uns.«

»Was könnte ich jetzt tun?« meinte dann Berta. »Der Himmel weiß, daß ich ihm jedes Gift zu geben imstande wäre, daß ich ihn kaltblütig umbringen könnte, gleichviel, auf welche Manier. Aber das wäre doch jetzt Wahnsinn. Wir müssen warten, Karl – vielleicht bis zu unserer...«

– »Sprich das Wort nicht aus! Dieser Tag wird nie kommen, oder es ist mein letzter Tag. Es ist entsetzlich, daß du an diese Möglichkeit denken kannst. – Ah, wie ekelhaft!«

Es schüttelte ihn.

Berta litt unter seinen Qualen, und doch konnte sie es sich nicht verhehlen, daß das, was ihm als Scheußlichstes, Ekelhaftestes erschien, sie zuweilen wie etwas dunkel Wonnevolles bedrängte.

Sie war sehr froh, als der Tag gekommen war, da sie sich verabschieden mußte.

An demselben Tage reisten die beiden nach München.

 

Hier entwand sich Henry den Händen Karls ganz. Denn, wenn es auch zu seinen Einbildungen eigentlich nicht stimmte: hier fühlte er sich zu Hause.

So manches sich auch verändert hatte: ihm erschien alles vertraut, bekannt.

Freilich, die alte Hauartsche Villa stand nicht mehr. Der Garten war parzelliert, und neue Häuser waren bis zur Straßenfront vorgerückt. Nicht einmal das schöne schmiedeeiserne Gitter war mehr da, aber die Bäume da hinten, jetzt leise herbstlich angegilbt, das waren seine Bäume, die Bäume, zwischen denen er die Pferde getummelt hatte.

Dort hinten hatte sein Haus gestanden, das Haus mit dem Säulenvorbau und der großen Glastüre. Wie oft war er sporenklirrend die drei Stufen hinaufgeschritten und in das Vestibül hinein mit dem großen Jupiterkopf. Dort die Bibliothek, da Mamas Klavierzimmer... Nein! Genug der Erinnerungen! Es war doch noch nicht die rechte Heimat. Er erkundigte sich nach der Adresse des Malers, der Papas bester Freund gewesen war, und an den er sich selbst noch recht wohl erinnern konnte.

Ah, der war so berühmt geworden, daß ihn jedes Kind kannte, – berühmt und reich. Er wohnte in einem kleinen Palaste und lebte wie ein Fürst. Man kam nicht ohne weiteres zu ihm, wenn man nicht selbst einen berühmten Namen oder sehr viel Geld hatte.

Aber Henry wurde auf seine Karte hin sofort vorgelassen, und der Meister kam ihm schon auf der Treppe entgegen, obwohl er gerade eine Prinzessin malte.

– »Ja, der Henfel! Grüß di Gott, Bursch! Du bist ja hier halbeter daheim! Da, die Truhe, dort der Schrank ist ja vom alten Herrn! Und noch allerhand, was du wieder erkennen wirst. Setz di hier nebenan nieder. Ich schick die Prinzeß heim. Is eh grausli gnua. Glei bin i wieder zruck! Dann hol i di in mei Atelier, und du mußt mir erzählen!«

Er war etwas glatzköpfig und im Bart grau geworden, sah aber sonst gar nicht nach dem aus, als was man ihn bezeichnete: »Der Führer der Alten.« Zumal Augen und Mund waren voll des jugendlichsten Lebens.

In dem prachtvollen Atelier hingen neben seinen eigenen Werken prachtvolle alte Meisterstücke.

– »Gelt, da schaugst! Ich hab das grad jetzt hier zsammghängt, daß i mal zeig, was für a Patzer ich bin. Aber... wart mal... Richtig! Das da hinten ghört ja dir! Der Adam und die Eva! Das hat noch dei alter Herr bstellt, und ich habs dir aufghobn. Schade, daß es der alte Herr nimmer hat zsehn kriegt. Und du bist am End einer von die jungen Spatzn, die bloß grünen Spinat mögen und alte Spitalleit? Na, sags nur grad her! Mir tuts nix.«

Aber Henry war noch ganz unberührt von dem Streite der Maler, der damals in München am heftigsten tobte, und übrigens konnte gerade er von Natur keinen Sinn für Armeleutmalerei haben.

Trotzdem gefiel er dem Meister nicht sonderlich.

– Das also war aus dem Sohne der schönen Sara geworden? Das aus dem Felix Schirmer, der ihm in Waldhosen Modell gestanden hatte? So ein steifleinerner junger Manieren-Gentleman mit gesetzten leeren Worten voll nachhallender Selbstgefälligkeit? – Aber richtig, – ja: die verrückte Erziehung damals! »Ausnahmemensch«. »Herrennatur«. Da legst di nieder! – Und dann, freilich, die Nachstriegelung durch den Pfaffenkommerz aus Hamburg. Und schließlich: das viele Geld in so jungen Jahren...

Der Meister sah den Ausnahmemenschen aufmerksam durch seine großen runden Brillengläser an.

Das war für Henry nicht ganz angenehm. Diese Blicke drangen unangenehm tief und waren auf einmal ganz hart und kalt geworden. Auch Ton und Inhalt der Worte des Meisters verloren jetzt merklich an Wärme und Gemütlichkeit. Er nannte ihn auf einmal Sie und fragte kurzweg, was ihn zu ihm geführt habe.

Henry, der wohl spürte, daß er nicht gut abgeschnitten hatte, antwortete, wie immer, wenn er ablehnende Überlegenheit gewahr wurde, hochnäsig formell, und zwar sagte er, er wolle sich von ihm malen lassen.

Er war nicht wenig verblüfft, wie kurzweg die Antwort erfolgte: »Da wird nix draus. Ich hab andre Gsichter zu maln. Und wenn ich schon manchmal junge Herren malen muß, die mich net grad interessiern, so müssens sie halt schon a Kron aufhabn oder zuwenigst an silbernen Helm.«

Henry wollte sich beleidigt erheben, aber es fiel ihm ein, daß er ja eigentlich wegen einer anderen Angelegenheit hergekommen war, und er antwortete in pikiertem Tone: »Aber Sie erlauben mir vielleicht, eine Frage an Sie zu richten, die meine Familie und Herkunft angeht. Mein Pflegevater hat mir in einem Nachlaßbriefe eröffnet, daß ich nicht sein rechter Sohn sei. Da Sie ein naher Freund meines Pflegevaters waren, können Sie mir vielleicht Aufschluß darüber geben, wer dann meine Eltern waren.«

Der Meister lauschte auf und sah Henry nochmals durchdringend an.

Dann sagte er: »Ich hab Ihnen nix zu sagn, was Ihnen der alte Herr Hauart net selber zu sagn für gut befunden hat.«

– »Er hat mir hinterlassen, daß es ein Geheimnis sei.«

– »Wird schon so sein.«

– »Aber – Sie – kennen es?«

– »I glaub schon.«

– »Können Sie mir nicht wenigstens sagen, in welcher Richtung ich nachzuforschen hätte?«

Da blickte sich der Meister im Atelier um, und Henry folgte seinen Blicken.

Da...! Henry sprang auf und lief zu einem Bilde, das, halb mit einem orientalischen Stoffe verhangen, auf einer Staffelei stand, –: »Die Frau!«

– »Wer ist das!?«

– »Ihre Majestät die Königin von Saba!«

– »Ich meine: wer war, wo ist das Modell?«

– »Eine Dame auf Reisen.«

– »Ich kenne die Dame!«

– »Das glaub ich.«

– »Wieso?«

Der Meister nickte mit dem Kopfe. – Das sah Sara ähnlich. Sie hatte den Jungen also aufgesucht, aber ihm nichts verraten.

Henry drängte weiter: »Warum glauben Sie, daß ich die Dame kenne?«

– »Je! Weil sie Sie kennt.«

– »Wer ist sie!«

– »Wenn sies Ihnen net gsagt hat, brauch ichs Ihnen wohl auch net zsagn.«

– »Steht sie... in Verbindung mit mir?«

– »Das müssen doch Sie wissen.«

– »Ich meine,... in einer geheimnisvollen Verbindung.«

– »Ich finde nix Geheimnisvolles dabei.« Der Meister lächelte.

– »Aber warum interessiert sie sich dann für mich?«

– »Sie wird halt einen Grund dazu habn.«

– »Nennen Sie mir den Grund!«

– »Fallt mir net ein.«

Henry schwieg und biß sich auf die Lippen. Es war wieder einmal alles in ihm aufgewühlt. Dann sah er sich im Atelier um.

Da hingen neben den Bildnissen berühmter Dichter, Gelehrten, Künstler die Porträts von Prinzen, Königen, Kaisern.

»Sie malen häufig gekrönte Häupter?« fragte er.

»Wenns sein muß, ja,« antwortete der Meister.

– »Hängt die Dame mit solchen zusammen?«

– »Aber ich bitt Sie: wie wird die Königin von Saba net mit gekrönten Häuptern zusammenhängen.«

– »Ich meine natürlich: persönlich.«

– »Kann schon sein.«

Der Meister lächelte wieder.

Henry fand, daß dieses Lächeln geheimnisvoll und voller Andeutungen war.

Er wußte genug, wußte wenigstens alles, was er hier erfahren konnte. Im wesentlichen wurden seine Vermutungen ja bestätigt.

Aber richtig, noch eins: »Sind meine ersten Pflegeeltern noch am Leben?«

– »Der alte Schirmer lebt noch. Die Frau ist tot.«

– »Ich möchte ihn aufsuchen.«

– »Es wird ihm eine große Ehre sein.«

– »Wie heißt doch gleich der Ort?«

Der Meister nannte ihn.

Henry empfahl sich.

 

Er war noch nicht eine Stunde im Hotel, als das Bild Adam und Eva ankam, auf dem in noch frischer Farbe die Worte zu lesen waren: »Das ungekrönte Elternpaar.«

Henrys agile und jetzt wieder aufs wildeste aufgeregte Phantasie sah darin eine Andeutung, daß er außerdem noch ein gekröntes besaß.

– Oh, jetzt war ja alles so klar, wie es nur überhaupt sein konnte. Freilich auch das, daß das Geheimnis selbst von allen, die darum wußten, aus einem zwingenden Grunde bewahrt werden mußte. Auch dieser Hofmaler, wie Henry den berühmten Meister bei sich nannte, durfte natürlich nichts verraten.... Aber wie deutlich war im Grunde alles! Auch dies, daß er ihn anfänglich geduzt und kordial behandelt hatte, dann aber plötzlich formell geworden war und Sie gesagt hatte.... Auch das war, fand Henry, ein Beweis für seine fürstliche Herkunft und nicht Ausfluß einer abgekühlten Stimmung. Der Meister hatte sich einfach besonnen, daß er ihn nicht duzen durfte. – Selbst, daß er ihn nicht hatte malen wollen, legte sich Henrys nun wieder im besten Schusse befindliche Phantasie als Beweis aus. Natürlich! Der Meister mußte es vermeiden, auf daß nicht etwa ein legitimer Habsburger in einer Skizze Familienähnlichkeit erkennen konnte... Vielleicht bestand sogar ein direktes Verbot...

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