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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 91
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Am Mittag des ersten Februar stürzte Henry in Karls Zimmer und schrie: »Rudolf ist tot! Rudolf ist tot! Wir müssen sofort nach Wien. Ich muß in die Kapuzinergruft!«

Karl, der noch im Bette lag, sagte sich: Das ist der Ausbruch des Wahnsinns! Wie verhängnisvoll dumm, daß er noch kein Testament gemacht hat!

Dann fragte er behutsam: »Was für ein Rudolf?«

– »Rudolf von Habsburg!«

– »Aber Henry, der ist ja schon im Jahre 1291 gestorben.«

– »Unsinn! Der Kronprinz von Österreich! Da, hier stehts! Es ist furchtbar!«

Er wies ein Blatt mit Trauerrand vor und warf sich mit allen Anzeichen tiefster Ergriffenheit in einen Stuhl.

– »Wir müssen fort! Ich muß ihn sehen!«

– »Ja aber wieso denn? Was geht dich denn Seine k. und k. Hoheit der Kronprinz von Österreich an?!«

Henry warf ihm einen verächtlichen Blick zu und rannte hinaus.

Karl lächelte. – Entschieden: übergeschnappt. – Aber diese plötzliche Abreise war ihm sehr unbequem. Indessen: es half kein Zureden. Die Koffer wurden Hals über Kopf gepackt. Algier, Griechenland, die Türkei, Ungarn wurden aus dem Reiseplane gestrichen, und es hätte nicht viel gefehlt, daß Henry einen Extrazug von Madrid nach Wien bestellt hätte.

In Wien selbst benahm er sich ganz wie ein Verrückter. Er legte Trauerkleider an, blieb stundenlang, obwohl der Sarg längst verlötet war, in der Kapuzinergruft, starrte wie ein namenlos Leidender vor sich hin und murmelte: »Rudolf! Rudolf!« Er begann, alles zu sammeln, was über das Erzhaus der Habsburger an Literatur und Bildwerken erschienen war, und suchte alle Stätten auf, die irgendwelche Beziehungen zum kaiserlichen Hause hatten. Im Parke von Schönbrunn lustwandelte er, immer in tiefer Trauer, am liebsten. Als er dort einmal der verwitweten Kronprinzessin ansichtig wurde, verbeugte er sich so tief und lange, daß diese glaubte, einem Wahnsinnigen begegnet zu sein. Im kaiserlichen Marstall war er Stammgast, alle kaiserlichen Sammlungen frequentierte er mit einer Ausdauer, die schließlich den Galeriedienern auffiel.

Seine Wohnung nahm er in der Nähe der Hofburg. Wann nur immer zu vorher bestimmter Stunde der Kaiser ausfuhr: Henry stand am Portale. Wo die jüngeren Erzherzöge verkehrten, war auch er zu finden. Auf die Kaiserin Elisabeth schrieb er lange, überschwängliche, mit dunklen Andeutungen verbrämte Gedichte, die er auf Atlas drucken und einrahmen ließ.

Sie hingen in einem Zimmer, das ganz mit gelbem Kirschbaumholz, Dielen, Wände, Plafond, bedeckt war, eingelegt mit Ebenholzdreiecken. Es sah sehr lächerlich, es sah himmelschreiend geschmacklos aus, und es war gut, daß er auch Karl den Eintritt in dieses schwarz-gelbe Zimmer verwehrte, wo im übrigen die ganze Familie der Habsburger in Stichen und Bildern beisammen war. Hier verlebte er, angetan mit seinem seidenen Schlafrock, Stunden versunkener Träumerei vor seinem Kosaken und schrieb mit chinesischer Tusche auf dunkelgelbes Papier närrische Gedichte unter dem Titel: Der Thronfolger.

Er war entschieden etwas verrückt geworden. Der Tod des Kronprinzen hatte ihn aus der Balance gebracht. Er wartete nur noch auf das Erscheinen der geheimnisvollen Frau, die nach seiner Überzeugung hier in Wien vor ihn hintreten würde, um ihn dem Kaiser vorstellen zu lassen. Zuerst gedachte er, sich der verwitweten Kronprinzessin zu nähern, in die er sich gewissermaßen absichtlich verliebt hatte. – Warum sollte er sie nach Beendigung des Trauerjahres nicht heiraten? Es erschien ihm wie etwas durchaus Mögliches, ja eigentlich Notwendiges. Beinahe wie eine Pflicht. – Nur seine Zugehörigkeit zum lutherischen Bekenntnisse war hinderlich. Er gedachte also, katholisch zu werden, und begrüßte es als einen der ihm häufiger beschiedenen Schicksalswinke, daß sich ein Jesuitenpater mit ihm bekannt machte, der auch als Beichtvater in den höchsten Kreisen eine Rolle spielte.

Diese Bekanntschaft gedieh bald zur Vertraulichkeit soweit, daß Henry den Pater sogar in sein Geheimnis einweihte. Der Jesuit merkte bald, daß es sich um Phantasien eines nicht sehr taktfesten Gehirnes handelte, aber er merkte auch, daß dieses Gehirn, wie für diese, so auch für andere Phantasien zugänglich war, und daß man den verworrenen Gedankengängen des jungen Mannes nur eine bestimmte suggestive Richtung zu geben brauchte, um ihn für die große Sache der Gesellschaft Jesu zu gewinnen, die, als die größte einheitlich geleitete Kapitalmacht, die sie ist, wie nach einem Naturgesetz darauf aus sein muß, immer weiteres Kapital an sich zu ziehen. Henry, von dem er mehr zu wissen schien als er äußerte, erschien ihm als der geborene Jesuit, phantastisch lenksam, Geheimnissen zugetan, leicht und gerne einfügbar in ein mächtiges, abgesondertes Gemeinwesen mit streng bestimmten Staffeln und Formeln, untertänig bei heimlichem Ehrgeiz, sinnlich mit leichtem Übergang zum Mystischen. Ein Kapuziner war gewiß nicht aus ihm zu machen, wohl aber ein eleganter Weltmönch, ein Mensch, den es reizen mußte, einmal im vatikanischen Rom eine Rolle zu spielen, wofür er auch das Äußere hatte.

Pater Cassian, merkwürdig orientiert über Henrys Veranlagung, dachte dabei gar nicht bloß jesuitisch berechnend, sondern auch an das Interesse seines jungen Freundes, an dem er offenbar einen ungewöhnlich innigen Anteil nahm. Er sagte sich mit einem auch bei einem geistreichen Jesuiten erstaunlich sicheren psychologischen Verständnisse, daß dieser junge Mann, umhergetrieben von zügelloser Sinnlichkeit und ratloser Phantasie, unfähig zu einem festen Willen, ohne alles bestimmte Persönlichkeitsziel, in der Welt verloren gehen müßte trotz oder auch wegen seines Reichtums, aus einem Einfluß in den andern fallend und schließlich der Verzweiflung entgegentaumelnd nach Aufzehrung seiner körperlichen und seelischen Kräfte: im eigentlichsten Sinne eine Beute des Teufels. Nur die Einordnung in eine große sichere Gemeinschaft, nur die Einflößung eines großen seelischen Inhaltes, nur die Unterordnung unter einen unpersönlichen, aber doch stetig wirksamen Willen von oben her konnte ihm Stand und eine heilsame Richtung geben, ohne daß er dadurch an dem Maße von Freiheit Einbuße zu erleiden brauchte, das ihm gemäß war.

Ein Mann von diesen Anschauungen mußte um so mehr auf Henry wirken, als der Pater mit äußerster Behutsamkeit und mit wahrhaft seraphischer Ruhe vorging. Er entriß den verwirrten, aus allem Gleichmaß gekommenen Henry seinen närrischen Einbildungen keineswegs brüsk und mit einem Male, ging vielmehr gelassen darauf ein und ließ zumal den Grundwahn der geheimnisvollen hohen Abkunft wie etwas Gewisses gelten, an das zu glauben er selbst bestimmten Anlaß habe. Er baute sogar direkt darauf, indem er seltsame Andeutungen machte, als sei ihm darüber nicht weniger bekannt, als Henry selbst, gleichzeitig aber hinzufügte, daß eine solche Abkunft von vornherein eine vornehme Resignation zur Pflicht mache. Der illegitime Abkömmling eines hohen fürstlichen Hauses stehe zwischen den Herrschenden und dem Volke, – genau wie die Kirche. Daher sei in der Kirche sein Platz, und nur die Kirche wisse solche Ausnahmemenschen an den rechten Platz zu stellen. Wer das Blut von Fürsten habe, deren Geschlecht seit Jahrhunderten die Geschicke großer Völker regierte, von Gottes Gnaden und unter dem Beistande seiner Kirche, der müsse wohl besonders geeignet sein, eine solche Macht der selbstsicheren Geduld zu repräsentieren, und zwar besonders auf höfischem Parkette, wo nicht jeder sicher zu gehen imstande sei.

Henry, der sich hier so wundersam verstanden sah, erblickte sich bereits im Purpur des Kardinals und verzichtete gerne und schnell auf die Aussicht, der verwitweten Kronprinzessin zur linken Hand angetraut zu werden. Sein Entschluß, Jesuit zu werden, stand fest, und es war ihm angenehm, zu hören, daß der Umstand seiner ersten katholischen Taufe die Entwicklung der Angelegenheit in den ersten Stadien beschleunigen werde. Das Studium der katholischen Theologie und das Noviziat sollte dann in Rom vor sich gehen, wohin ihn die wirksamsten Empfehlungen des Paters begleiten würden, so daß er von vorneherein die Überzeugung haben konnte, nicht als gewöhnlicher »Krebs«, wie die übrigen Zöglinge des germanischen Seminars, figurieren zu müssen. Er würde wie ein junger Fürst in der Soutane leben, den Sinn auf Gott und eine große Zukunft gerichtet, aber gleichwohl nicht als Asket. Und, wenn er sich schon einige Enthaltsamkeit auferlegen mußte, – der Reiz der »Sünde« würde doppelt süß sein. Süßer als seine wüsten Ausschweifungen, die ihm jetzt sehr ekelhaft vorkamen.

Ein paar schöne Verse Brentanos, die ihm der so seltsam mit seiner Art vertraute Pater mitgeteilt hatte, konnte er sich nicht enthalten, Karl zu zitieren:

Poesie, die Schminkerin,
Nahm mir Glauben, Hoffen, Lieben,
Daß ich wehrlos worden bin,
Nackt zur Hölle hingetrieben.
Nur ein Schild blieb unbewußt
Mir noch aus der Unschuld Tagen:
Heilge Kunst, auf Stirn und Brust
Ein katholisch Kreuz zu schlagen.

Das war das einzige, was er Karl von seinen Unterredungen mit dem Jesuiten verriet, aber es genügte, dem klugen Vetter zu zeigen, daß Gefahr im Verzuge war.

Dieser Pater mit dem liebreich glatten und verflucht gescheiten Gesichte, sagte sich Karl, ist die erste wirkliche Gefahr für meine Pläne. Er fängt mir den Neger just in dem Momente weg, wo die Gehirnerweichung im schönsten Anfangsstadium ist. Jetzt kann nur Berta helfen. Wenn ich meinem lutherischen Erzeuger die nahe Möglichkeit unter die Nase reibe, daß der schöne Henry katholisch, ja wohl gar Jesuit wird, hält ihn keine Wohlanständigkeitserwägung davon ab, Berta in die Höhle des Löwen zu schicken, und dem verlorenen Sohne wird ein feistes Kalb gebraten werden.

Er reiste nach Hamburg, und es ging, wie er vorausgesehen hatte.

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