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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 89
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Das wundervolle Pergamentexemplar in Florentiner Brokat war vom Berliner Hofmarschallamt mit ein paar dürftigen Zeilen des Inhaltes zurückgekommen, daß »hierorts nicht befunden werden könne, Anlage der Allerhöchsten Stelle zu unterbreiten«. Adresse: »An Wohlgeboren den Schriftsteller Karl Kraker.« – Wohlgeboren! Schriftsteller! – Und einem Lande, wo ein Hofmarschallamt so banausisch und formlos auf Juwelen einer Poesie aristokratischen Geistes reagierte, hatte er Kultur insinuieren wollen!

Er war fast noch mehr niedergeschlagen, als beleidigt.

Aber vielleicht rührten sich nun die dreihundert Adressaten der Exemplare auf kaiserlichem Japanpapier. Wenigstens die Zeitungen mußten doch darauf hinweisen.

Indessen, nein: Kein Mensch rührte sich, und obwohl er täglich alle die Blätter durchmusterte, die er eines kaiserlich japanischen Exemplares gewürdigt hatte, – er fand wohl jeden Roman und was sonst an »Literatur« erschienen war, besprochen, aber nicht das römische Gedicht in deutscher Sprache.

Nur ein führendes Organ der konservativen Partei in Preußen warnte beiläufig vor »diesem Symptom einer zuchtlos pseudo-aristokratischen, im Grunde mammonistisch-anarchistischen Sinnesart, womit vermutlich ein Sprößling indischer Bankierskreise sich dem jungen Monarchen habe insinuieren wollen«.

Karl hätte laut aufschreien mögen vor Entsetzen. – Das war ja der Stumpfsinn der Barbarei! Die Kulturlosigkeit und Dummheit in höchster Potenz! Nicht einmal den Geschmack der Ausstattung begriff dieses »Blatt des höheren Pöbels«! Es nannte ihn »aufdringlich protzenhaft«.

»Ich hätte ebensogut in einen Abtritt hineinreden können,« knirschte Karl wütend. »Nicht ein Widerhall! Nicht einmal eine verständige Entgegnung! Nichts! Nichts! Dieses elende Land ist reif für die Sozialdemokratie und ihre literarischen Helfershelfer.«

Maßlos war daher sein Erstaunen darüber, daß die einzige eingehende Besprechung, die sein Opus erfuhr, von einem dieser »Helfershelfer« herrührte: von Hermann Honrader, dem er es eigentlich nur aus höhnischer Laune übersandt hatte, um ihn zu ärgern.

Aber Hermann schrieb gar nicht geärgert darüber, vielmehr in einem sehr objektiven Tone entschiedenen Respektes vor dem hohen Talente des Verfassers für feierliche Form, und auch über die Tendenz des Gedichtes fiel er keineswegs zornig her, ja er hieß sie willkommen als die entschiedene Manifestierung einer zwar unzeitgemäßen und ins schlechthin Unmögliche verstiegenen, aber großartigen Weltanschauung, mit der man sich zwar nicht aus praktischen Gründen, aber um ihrer imposanten Geschlossenheit willen auseinandersetzen müsse. Auch sei es gar nicht ausgeschlossen, ja vielmehr zeitpsychologisch durchaus wahrscheinlich, daß die kommende poetische Generation, als deren verfrühter Vorläufer Karl Kraker sehr bemerkenswert sei, sich in dieser Richtung entwickeln werde. Allerdings, die wirklich lebendige, die ins Leben wirkende Poesie, wie weit sie sich auch vom Dogma des Naturalismus und den bewußt einseitig sozialen Tendenzen wegwenden möge, werde doch nur denen möglich sein, die das Leben kennen und ein Herz für die ganze Menschheit haben. Beides fehle offenbar schon diesem frühesten poetischen Nietzschejünger, und daher sei sein Gedicht zwar schön, und es habe Größe, doch es sei auch kalt, und es entbehre jeden Verhältnisses zur lebendigen Wirklichkeit.

Der Aufsatz verursachte Karl Unbehagen. Alles an ihm war ihm zuwider: Ton und Inhalt. »Quatsch!« knirschte er und warf ihn in die Ecke.

Das Unangenehmste an ihm war ihm aber der Ausdruck: »Nietzschejünger« und überhaupt der Hinweis auf einen Literaten, der ihm seine Gedanken bereits vorgedacht haben sollte.

Er kannte in der Tat, wie die meisten seiner Generation, Nietzsche nicht und hatte den Namen zuerst in der Grünen Nelke vernommen, ohne sich aber deshalb bemüßigt zu sehen, die Schriften dieses Mannes auch nur lesen zu wollen. Denn es gehörte zu seinen gewissermaßen instinktiven Überzeugungen, daß in der modernen Literatur nichts für ihn zu holen sei.

Nun aber ließ er sich Nietzsches Bücher kommen und las nach seiner Art darin herum.

Und er erschrak wie in einer ungeheuren Überschattung. Das war Pans Riesenhaupt, felsig über einen Felsen gelehnt und ihn höhnisch groß anstarrend. Da waren die Wolken seiner Ahnungen, aber angeglüht vom Sonnenpurpur eines in der Tiefe reifen Geistes, und erzen gestaltet zu gigantischen Kastellen. Und er? Was war er? –: Der Hirtenjunge mit dem aufgeschwollenen Dudelsack, der in panischer Furcht davonjagen mußte, wollte er nicht, daß Fels und Gott ihn zermalmten.

Er warf das brokatgebundene Pergament in den Kamin und starrte verloren und leer in das knisternde Brennen.

– »Stinkender Rauch!«

Es klopfte an die Tür. Der Zimmerkellner meldete: »Der junge Mensch wünscht...«

»Nein!« schrie Karl auf. »Nein.«

– »Er läßt sich nicht abweisen. Wir haben es auf Geheiß des Direktors bereits versucht. Er... er droht. Es ist peinlich.«

– »Holen Sie die Polizei.«

– »Er – spricht selbst von der Polizei.«

– »Was?«

Karl erbleichte bis in die Lippen und murmelte: »Ein Erpresser.«

– »Wir meinen es auch. Aber... das mögliche Aufsehen... Unten im Vestibül... Der Direktor meint, Sie sollten selbst... Andernfalls... Doch der Direktor würde sich dann persönlich erlauben, mit Ihnen zu reden...« Karl verstand.

– »Lassen Sie ihn herein!«

Fred erschien mit unverschämt lächelnder Miene. Er war auffällig geschminkt und trug in der Krawatte eine kleine, scheußlicherweise auf Porzellan übertragene Photographie Karls.

– »Na?« sagte er, »ich wußte es ja, Sie würden Ihren Liebling nicht warten lassen.«

– »Was unterstehen Sie sich?«

– »Sag doch du, mein Schatz. Wir sind ja allein.«

Fred setzte sich, die Augen zusammenkneifend, auf eine Chaiselongue und zog die Beine an.

– »Hinaus, oder ich rufe... die...«

– »Aber mein Süßer! Was fällt dir denn ein?« flüsterte Fred und kreuzte die Arme unterm Kopfe. »Wie wirst du dich denn ohne Not in solche Ungelegenheit bringen wollen? Dich... und die anderen freundlichen Herren.«

Karl fiel in einen Stuhl und stöhnte.

– »Was willst du?«

– »Geld, mein geliebter Herr.«

– »Wieviel?«

– »Soviel deine Liebe für mich übrig hat.«

– »Du bist mir ekelhaft, und ich habe kein Geld mehr für dich.«

– »Das ist beides nicht wahr, mein süßer Herr. Du liebst mich, wie ich dich liebe, und du hast immer Geld für mich.«

– »Nein! Es muß ein Ende haben!«

– »Komm, leg dich zu mir. Da... sieh...«

Er machte eine Bewegung, die in diesem Augenblicke Karl zu besinnungsloser Wut reizte. Er stürzte sich über Fred her und griff ihm nach dem Halse. Der aber entwälzte sich ihm, packte den Vornüberstürzenden am Genicke und drückte sein Gesicht auf die Chaiselongue nieder.

– »Oh, mein Freundchen! Du gehst zu weit in deiner Zärtlichkeit! So wild warst du noch nie.«

Karl erstickte fast und wand sich konvulsivisch, außerstande, einen Laut hervorzubringen.

Endlich ließ Fred ihn los.

Karl, blau im Gesicht, taumelte zur Türe.

Fred riß ihn zurück: »Nur keine Dummheiten! Sie kämen Ihnen teurer zu stehen, als mir. Aber das brauche ich Ihnen nicht auseinanderzusetzen. Ich sage einfach: Tausend Pfund, oder ich gehe auf die Polizei. Als Kronzeuge geschieht mir nichts, aber Sie können sich in der Tretmühle Bewegung verschaffen. Also – was ist!«

– »Tausend Pfund? Sind Sie wahnsinnig?! Wo soll ich tausend Pfund hernehmen!«

– »Aus dem Scheckbuche. Für Sie sinds zehn Schillinge. Und dann sind Sie mich los. Ich verdufte aus London. Sie könnens schriftlich haben.«

– »Aber ich habe keine tausend Pfund, und ich habe auch kein Scheckbuch.«

– »Also dann Abschlagszahlung, so viel als du bei dir hast. Den Rest hol ich morgen. Dann aber... verlaß dich drauf!... ich komme bloß einmal wieder!«

Karl wühlte mit zitternden Händen in seiner Brieftasche.

– »Leer sie einfach aus und dein Portemonnaie dazu.«

Es geschah.

Fred steckte die Scheine und das Geld ein.

– »Nachzählen werde ich zu Hause. Aber deine Ringe kannst du mir auch geben, – zum Andenken... So... Ach, was du für schöne Hände hast! Und wie zärtlich sie sein können.«

Er zog dem Willenlosen alle Ringe vom Finger und hing ihm dann auch noch die schwere lange, goldene Kette mit der Uhr ab.

– »Und nun auf Wiedersehen, mein Schatz! Morgen nachmittag um dieselbe Stunde bin ich pünktlich wieder da.«

Er ging, sich in den Hüften wiegend, zur Tür, drehte sich noch einmal um, warf Karl eine Kußhand zu und verschwand.

Karl fiel lang hin auf den Diwan und wurde von Ekel und Grauen geschüttelt.

 

Am selben Abend enthüllte er sich Henry, und diese Szene war ihm noch entsetzlicher, als die mit Fred.

Henry aber erlebte die größte Genugtuung seines Lebens.

Jetzt lag Karl unter seinem Fuße am Boden, und er hätte zuschlagen können nach Herzenslust.

Aber er schwieg. Nur den Mund verzog er, – höhnisch, mitleidig, verächtlich.

Karl hatte die Auswahl, und er grub Hohn, Mitleid und Verachtung grimmig stumm in sich ein, – alle drei. Für immer. Unauslöschlich. Brandmale.

 

Am nächsten Morgen reisten sie nach Southport ab, wo Cäsarion eine Dampfjacht liegen hatte, die er dem Freunde bereitwillig auf längere Zeit zur Verfügung stellte.

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