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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 86
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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In diesem Zustande traf ihn Liane an, als sie in allen Prächten ihres hüllenlosen, von der Frottage rosigen Körpers ins Zimmer trat.

Der Anblick widerte sie an. Bei nackten Menschen macht sich gemeine Haltung noch schlechter, als bei angezogenen.

»So wach doch auf!« rief sie laut, indem sie sich Henry gegenüber niederließ.

Henry erwachte, glotzte, und grunzte mehr, als daß er sprach: »Du hättest mich ruhig weiterschlafen lassen können, bis der Tee da war.«

– »Du bist nicht sehr höflich.«

– »Ich bin noch halb im Schlafe.«

– »Das ist keine Entschuldigung.«

– »Soll auch keine sein.«

– »So wirst du dich jetzt entschuldigen.«

– »Ach?«

– »Gewiß. Ich verlange es.«

– »Pflegte sich Paul Adalbert vor seiner..., vor dir zu entschuldigen?«

– »Es war nicht nötig, ihn dazu aufzufordern; er war ein Mann von Welt.«

– »Gott ja, ich weiß ja: Standesherr, Fürst, beinahe Großherzog von Gerolstein. Wie mir das imponiert!«

– »Er sollte dir nur als Kavalier imponieren. Übrigens imponiert deiner deutschen Plebejerhaftigkeit jeder prinzliche Esel von Geblüt.«

Sie konnte nicht mehr an sich halten. Und als Henry wütend aufsprang und rief: »Was wagst du, mir zu sagen?« entgegnete sie schneidend: »Daß du ein unerzogener barbarischer Tölpel, ein kulturloser Plebejer bist, ein Mensch, der in die Kutscherstube gehört, weil er nicht gelernt hat, sich in herrschaftlichen Räumen einigermaßen entsprechend aufzuführen.«

Es wäre gewiß zu einer mehr als lebhaften Szene gekommen, wenn nicht eben Hsiao-nü-örl mit dem Teebrette eingetreten wäre.

Der Umstand, daß die kleine Chinesin den Tee nach ihrer heimatlichen Art sehr zeremoniell und langsam zubereitete, aus verschiedenen runden und viereckigen Büchsen und Büchschen die Sorten mischend, die Blumen des Teeparfüms abzählend, das kochende Wasser durch den engen mit dem Kraute angefüllten Filtrierzylinder langsam, fast tropfenweise in die breite Kanne aus altem graugelbem Porzellane gießend und dann aus diesem in die flachen teerosengelben Schalen schenkend, alles mit einer halb priesterlichen, halb drolligen Würde, zierlich und feierlich: dieser Umstand der Anwesenheit einer dritten, ruhig hantierenden Person ließ selbst in Henrys wütendem Gemüt den Explosivstoff etwas zurückebben. Auch als Hsiao-nü-örl geräuschlos abgewatschelt war, schwieg der tief Beleidigte noch eine Weile. Aber er rührte den Tee nicht an, dessen Duft dem Zimmer ein narkotisch anregendes Aroma mitteilte, ein fast märchenhaftes Aroma, das in der Tat eher zum Träumen und Lieben verlocken mochte, als zu harten Auseinandersetzungen.

Liane schlurfte das köstliche, kaum strohgelbe Getränk in kleinen, seinen ganzen fast ätherischen Reiz auskostenden Zügen. Dann lehnte sie sich in ihrem Stuhle zurück, beide Arme in ihrer vollen Pracht ebenmäßiger Schlankheit lässig auf den weitausladenden breiten Seitenlehnen ruhen lassend, den Blick geradeaus auf Henry gerichtet. Ihre vorgewölbte Brust ging ruhig auf und nieder. Der untadelig straffe faltenlose Leib, dem auch das Korsett keine unnatürlich eckige Linie angeschnürt hatte, hob und senkte sich im schönsten Gleichmaße der Gesundheit: die eng aneinanderliegenden Schenkel waren ein Bild geschwisterlichen Friedens, wie wenn beide ein Gefühl für die Schönheit ihrer nur leise beflorten, sanft ins Hügelige übergehenden Schnittlinie gehabt hätten.

Henry dagegen saß aufgerichtet da, als ob er jeden Augenblick aufspringen wollte. – Sein Körper konnte sich als männliches Gegenstück zu dem Lianens wohl sehen lassen. Noch verunzierte ihn kein reichliches Fettpolster; alles war wölbig fest, Muskel an Muskel sich klar absetzend, ohne athletenhaft wulstig zu sein, aber auch ohne die strenge Eckigkeit des Abtrainierten. Immerhin mehr der trunkene Bacchus, als der David Michelangelos. Keine Sehne, keine Rippe wahrnehmbar. Aber das Fleisch noch fest, unter gerade noch richtig gespannter Haut. Dabei glatt, unbehaart und von der schönen Tonigkeit der Leibfarbe brünetter junger Männer, die oft nackt gehen, wenn sie fleißig baden.

Leider stimmte bei ihm Kopf und Gesicht nicht so zu dem Körper, wie bei Liane. Abgesehen davon, daß deren Frisur auf Nacktheit gestimmt, antik war, während die seine Frack und Stehkragen zur Voraussetzung hatte, wirkte auch der Ausdruck seiner Gesichtszüge »schlecht und modern«. Es fehlte ihm alles Freie, Große, Klare. Schwer zu sagen, was statt dessen ihm das Gepräge gab. Vielleicht: zuckende Verkniffenheit. Und: Lauern.

Henry hatte durchaus nicht die Absicht, mit Liane zu brechen. Dem Verhältnis mit ihr dankte er es ja, daß er jetzt eine gewisse Rolle in der Pariser Lebewelt spielte, und das bedeutete sehr viel für ihn. Auch war es ihm nicht ganz unbewußt geblieben, daß er auch Wesentlicheres durch sie gewonnen hatte. Er führte jetzt ein geordnetes Dasein, lebte, wenn auch nicht innerlich, so doch äußerlich in einem größeren Stile, dem Stile der tonangebenden Welt; hatte, wenn er wollte, deren Manieren, wenigstens im ungefähren Anschein, und es standen ihm die besten Möglichkeiten offen, Beziehungen anzuknüpfen, aus denen sich für die Zukunft lebenbestimmende Verhältnisse ergeben konnten. Indessen alles dies war nicht imstande, den Trieb seiner Natur zurückzudrängen, der darauf ausging, brutal zu dominieren. Die Überlegenheit Lianens war ihm höllisch zuwider, es war ihm unleidlich geworden, daß er ihr mit nichts zu imponieren vermochte. Und je wütender er dies empfand, um so lebhafter tauchten seine großartigen Einbildungen wieder in ihm auf, dieses ganze Gewirre angeflogener, ungewisser, geheimnisvoll gepflegter »Überzeugungen«, das der einzige Inhalt seiner Leere war.

Und nun hatte sie ihn einen Plebejer genannt, sie, von der er wußte, daß sie die Tochter einer Wäscherin war, einer Furie der Kommune, einer Petroleuse!

Aber das war wohl gerade die rechte Gelegenheit, ihr den Standpunkt klarzumachen. Zwar: sein Geheimnis durfte er auch ihr nicht preisgeben, aber ahnen sollte sie es.

Er begann nach einer Weile: »Du hast recht. Ich habe mich zu entschuldigen. Und ich begreife, daß du außer dir warst über meine Ungezogenheit. Ich bin es noch mehr, als du. Denn gerade ich dürfte nie gegen die Gesetze des Kavaliertums verstoßen.«

– »Niemand darf es, der Anspruch darauf macht, als Kavalier zu gelten.«

– Gewiß. Aber es gibt noch besondere Verpflichtungen.«

– »Ja: Man muß sich besonders anständig gegenüber seiner Mätresse aufführen. Es ist die frei gewählte Herrin und die freie Herrin, und nur der Pöbelmensch wird von der niedrigen Idee beschmutzt, daß sie nicht Dame sei. Ist sie es vielleicht nicht immer durch Geburt, so ist sie es doch durch Willen und Verdienst. Schwertadel der Liebe, Monsieur, die aus der Tochter einer Wäscherin eine Marschallin von ihren Gnaden macht, wenn Talent vorhanden ist; wie das Genie Napoleons im gleichen Falle aus Bäckergesellen Marschälle und Könige machte.«

– »Aber die Geburt verpflichtet mehr, als das Verdienst.«

– »Entschuldige! Ich habe dir schon oft gesagt, daß ich darauf pfeife. Und ich habe das, wie du weißt, auch solchen gesagt, die verteufelt hoch, ja allerhöchst geboren waren, wie man sich recht töricht ausdrückt, da wir ja allesamt aus den Niederlanden kommen. Wenn ich in der letzten Zeit manchmal Vergleiche anstellen mußte zwischen dir und dem guten Paul Adalbert, so geschah es wahrhaftig nicht deswegen, weil ihr von verschiedener Geburt seid. Hatte es mich ja doch anfangs gerade interessiert, mal einen Deutschen kennen zu lernen, der nicht zu der immensen Fürstenfamilie gehört, mit deren Abkömmlingen ihr so sehr die ganze Welt beglückt habt, daß ihr überall rechtschaffen unpopulär seid.«

– »Da hast du dich nun freilich geirrt.«

– »Was, du auch? Gott steh mir bei!«

Liane beugte den Oberkörper weit vor und lachte so laut auf, daß ihre Brüste ins Schwanken kamen.

Henry lehnte sich majestätisch zurück und sah sie stolz an. Er sprach: »Dein Gelächter setzt mich nicht in Erstaunen. Ich kenn ja deine dir angeborenen Anschauungen, und so ist es, abgesehen von tieferen Gründen, ausgeschlossen, daß ich dir Genaueres über das Geheimnis meiner Herkunft mitteilte. Nur muß ich dir für jetzt und künftighin aufs allerdeutlichste sagen, daß Worte wie die, die du dir vorhin mir gegenüber herausgenommen hast, von mir nicht geduldet werden können, weil sie das Innerste meines Wesens verletzen, und weil es angeborene Gefühle gibt, deren Verletzung der Edelgeborene auch einer Dame nicht gestatten kann, selbst wenn sie durch – eigenes Verdienst zur Dame geworden ist.«

– »Sacrebleu! Also – Majestätsbeleidigung!?«

Liane lachte noch lauter und lehnte sich, himmlisch belustigt, weit zurück, indem sie die Arme über dem Kopfe zusammenschlug und damit eine entzückende Straffung der Brüste nach oben verursachte.

Aber Henry war nicht in der Stimmung, für derartige ästhetisch erfreuliche Zufälle Blicke zu haben.

Er sprang auf und rief, daß es dröhnte: »Ich verbiete dir, über diese Dinge zu lachen, die dir zu hoch und mir heilig sind. Entweder: du gewöhnst dich daran, in mir das Geheimnis meiner Geburt zu respektieren, oder du bist meine Mätresse gewesen.«

Jetzt sprang auch Liane auf. Sie bebte vor innerer Erregung. Aber sie schrie nicht, als sie sagte: »Entfernen Sie sich, mein Herr! Machen Sie schleunigst, daß Sie mein Haus verlassen, und wagen Sie es ja nicht, mir wieder unter die Augen zu treten. Ihre knabenhafte Albernheit hat mich amüsiert, Ihre Unverschämtheit macht es mir unmöglich, mir dieses Amüsement länger zu gestatten. – Aber so gehen Sie doch!!«

Henry machte in der Tat nicht die mindesten Anstalten, sich zu entfernen. Er stand starr, wie angewurzelt. Er begriff diese Wirkung seiner Worte durchaus nicht. Er fühlte sich geohrfeigt bis zur Bewußtlosigkeit, ja Lähmung.

Als er wieder zu sich kam, war sein erster Gedanke, sich auf Liane zu stürzen und sie zu erdrosseln. Er streckte auch wirklich beide Hände aus und rollte die Augen.

Aber in diesem Momente ertönte die silberne Tafelglocke in Lianens Hand, und es erschien auch augenblicklich Hsiao-nü-örl, denn das gute Chinesenmädchen hatte draußen auf dem Bauche gelegen, das Ohr auf der Schwellenklinze.

»Dem Herrn ist nicht ganz wohl,« sagte Liane ruhig, »stützen Sie ihn beim Gehen und helfen Sie ihm sich ankleiden. Auch Sam kann sich dabei nützlich machen. Er ist doch da?«

»Sche, sche!« antwortete in ihrer Aufregung Hsiao-nü-örl chinesisch: »Sam wu-li-tao. Er ist im Zimmer, Madame.« Henry stürzte ab, – ungestützt. Es sah nicht sehr antik aus, wie sein blankes Hinterteil zwischen den blauen Türvorhängen verschwand.

Sam, der früher im Hamambade Frotteur gewesen war und tatbereit mitten im Nebenzimmer stand, bedauerte innig, daß er seine Kunst nicht an ihm auslassen durfte.

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