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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 85
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Henry wurde nachdenklich, empfand aber nicht das geringste Mitgefühl für Karl. Eher eine Art hämischer Genugtuung. – Siehe da! Das also war des Pudels Kern! Und es fiel ihm allerhand ein... Berta!...

Er lächelte recht unangenehm verächtlich.

– »Du scheinst nicht gerade viel Mitleid für deinen Cousin aufzubringen, Henry.«

– »Mitleid? Ich finde das widerlich.«

– »Oh! Warum? – Es ist – fatal und nicht gerade sympathisch. Das ist wahr. Man hat was dagegen, wenn man anders, das heißt, richtig angelegt ist. Nun ja. Vorstellen darf man sichs gleich gar nicht. Außerdem hat es etwas Englisches. Du weißt doch: drüben gehörts zum guten Ton. Es ist ein übles Volk. Ich mag sie nicht, diese korrekten Heringe. – Aber man muß darüber wegkommen, wenn ein Mensch sonst wertvoll ist. – Du solltest ihm Courage machen, mein Freund, daß er wenigstens resolut ist, was er ist. – Suche ihm einen Freund, wie er dir mich gesucht hat. Revanchiere dich! Einen schönen rotbäckigen Lord etwa, weil er ja doch auf diesen Unsinn etwas gibt.«

– »Ich danke ergebenst. Er würde mich vergiften, wenn er merkte, daß ich was gemerkt habe. So gewiß ich jetzt weiß, positiv weiß, daß du recht hast, so gewiß und positiv weiß ich, daß ihm nichts entsetzlicher wäre, als zu wissen, daß du, oder ich, oder sonst wer die Sache auch nur ahnt.«

– »Aber ich bitte dich: ein so gescheiter Mensch! Ein Mensch, der sich täglich über alle Moral lustig macht. Ein Philosoph! Ein deutscher Philosoph! Wozu in aller Welt ist denn eure kostbare Philosophie da, wenn sie nicht einmal imstande ist, einem Menschen seine Natur begreiflich zu machen und ihn zu lehren, daß er nicht bloß das Recht, sondern auch die Pflicht hat, ihr nachzuleben, und wenn sie tausendmal Unnatur wäre?«

– »Du vergißt, daß es unkorrekt ist, Päderast, entschuldige das unangenehme Wort, zu sein. Auch wenn bei uns nicht Gefängnis auf diese Fasson, selig zu werden, stünde, wurde er, der ewig die Harmonie im Normalen, Anerkannten, Anständigen predigt, sich lieber umbringen, als zugeben, daß er zu diesen Anhängern einer unkorrekten Liebe gehört – Übrigens braucht er unser Mitleid gar nicht. Du sagtest es ja: er hat alles, was ihm sonst abgeht, im Gehirne. So gewiß er mich um dich beneidet, so gewiß verachtet er mich auch deswegen, weshalb er mich beneidet. Er ist wie manche Bucklige, die ihren Höcker heimlich streicheln und auf alle Fälle den Trost darin haben, daß sie seelisch und geistig um so schöner gewachsen sind. Und so ist er auch boshaft, wie alle Verkrüppelten. Boshaft, boshaft! Ich bin recht froh, zu wissen, warum er so boshaft und mißgünstig ist.«

Es wurde Liane nicht schwer, zu merken, daß die Liebe zwischen den zwei Vettern einen kleinen Wurm hatte. – Sie machte sich keine weiteren Gedanken darüber, aber eines fiel ihr auf: So unangenehm ihr im Grunde die von ihr entdeckte Eigenschaft Karls war – sie stand mit ihrem Gefühl eher auf seiner, als auf Henrys Seite. Die Tücke in dessen Gefühllosigkeit, die plumpe Genugtuung, mit der er die Schwäche des ihm sonst so überlegenen Vetters geradezu begrüßte, war ihr zuwider.

 

Sie begann überhaupt, an einigen seiner Eigentümlichkeiten Anstoß zu nehmen.

Fing er doch an, herrische Allüren zu zeigen, seitdem das erste Staunen, der Reiz ihrer Schönheit und das Gefühl der stolzen Genugtuung, sich mit einer der bekanntesten Schönheiten der Halbwelt von Rang zeigen zu können, im Abdampfen begriffen war. Er zeigte Launen, wurde formlos, konnte heftig werden und gebärdete sich in ihrem Hause, als sei er der Herr.

Seit er durch sie hinter Karls besondere Veranlagung gekommen war, nahm dieses Betragen deutliche Merkmale von Hochnäsigkeit an. Selbst seine äußeren Manieren ließen zu wünschen übrig. Er konnte direkt respektlos werden, selbst in Gegenwart Hsiao-nü-örls, die dann ein unendlich erstauntes Puppengesicht machte und ihre Herrin ansah, als wollte sie sagen: Wie ist das nur möglich? Ist Madame keine Dame mehr?

Liane fragte sich selbst, warum sie ihm noch nicht den Laufpaß gegeben habe.

Liebte sie ihn etwa? fragte sie sich nicht ohne Schrecken. – Das wäre freilich eine böse Sache gewesen. Aber dann hätte sie ihn ja erst recht wegschicken müssen. Und sie hätte ihn dann auch zweifellos längst schon weggeschickt. – Denn so etwas hat außerhalb des Hauses vor sich zu gehen. Wie es schon einigemal geschehen war: Mt einem entzückenden kleinen Kerl von Kommis aus dem Louvre, den sie jede Woche einmal in seinem kümmerlichen Zimmer besucht hatte, – dann mit dem närrischen Burschen, dem Flötisten in den Folies Bergères, der sie heiraten wollte, aber voller Entsetzen nach Nancy floh, als er merkte, »was für eine« sie war; – und dann das mit dem hübschen olivbraunen Italiener, der Gipsfiguren verkaufte, was das Komischste gewesen war, weil er eines Tages mit den Statuetten des Präsidenten der Republik gerade in dem Augenblicke an ihr Haustor kam, als sie aus dem Wagen stieg. Er ließ seine sämtlichen Präsidenten fallen vor Schreck und machte ein so dummes Gesicht, daß sie ihn seitdem nicht mehr lieben konnte.

Aber nein, gottlob, sie liebte Henry ganz und gar nicht. Es war das ganz richtige Verhältnis mit ihm, wie sichs gehört; gar keine Gefühlssache.

– Warum aber ließ sie sich dann seine schlechte Lebensart gefallen? Das war ja geradezu pervers.

– Nun gut: er war jung, stark, feurig und in gewissen Momenten brutal, wo es auf Lebensart nicht ankommt. Aber war das so etwas – Bindendes? – Es schien fast, als ob es das wäre.

Und Liane fühlte, daß sie auf einem Abwege war, auf dem Wege, dilettantische Fehler in ihrer Kunst zu machen, nicht mehr Herr über ihre Mittel zu sein.

Und sie beschloß, bei nächster Gelegenheit ein Ende zu machen.

 

Der Frühsommer meinte es in diesem Jahre mit Paris besonders gut. Obgleich es erst Mitte Juni war, herrschte bereits eine solche Hitze, daß die Gesellschaft und die mit ihr liierte Halbwelt schon auf die Flucht an die See dachte. Und doch war dieses Paris in Rosen so schön, daß man sich eigentlich nicht gerne von ihm trennen wollte. Das Bois war belebter denn je. Man zeigte bereits die Toiletten, die für Trouville und Spaa bestimmt waren, und, wie die Damen ganze Blumengärten auf den Hüten trugen, so waren auch die edlen Pferde vor den eleganten Wagen nicht ohne Blumenschmuck.

Lianes Rappen trugen Marschall-Niel-Rosen, und Liane selbst setzte die Modekorrespondentinnen aller Länder in lebhafte Tätigkeit durch immer neue, immer kühne und doch immer distinguierte Kunstwerke der höheren Damenschneiderei. Eine ganz neue Nuance von Grün, unmöglich zu sagen, ob mehr apfelgrün oder moosgrün, war auf ihren Namen getauft worden. »Que voulez-vous?« sagte Liane, »es ist ein tapferes Grün, ein Grün des Willens; nicht vordringlich, aber sehr entschlossen. Es kommt, glaub ich, in der Natur nicht vor; es ist rein genial. Der Mann in Lyon, der es erfunden hat, verdiente, in die Akademie aufgenommen zu werden, denn er hat die Welt des Auges bereichert. Und das will was heißen. Schade, daß es kein Parfüm gibt, das dazu paßt. Eine winzige Ahnung, aber nur eine Ahnung Veilchen müßte darin sein, und ein Spürchen Geruch aus einer Apfelkammer; dann aber auch etwas Trockenes, etwas aus dem Walde, wenn er ganz, ganz heiß ist, aber ohne alles Harzige, Holzige und auch nichts vom Laube; höchstens vom Laube aus dem vorigen Jahre, das trocken auf dürrem Moose liegt. Enfin: dazu brauchte es nun wieder Genie.«

Henry verstand derlei nicht, und auch dieses mangelnde Verständnis für Nuance, wie hier, so überhaupt, fing Liane an, unbequem zu werden. Sie war von Paul Adalbert her gewöhnt, nicht bloß Monologe zu halten, sondern, wenn sie ihrer lebhaften Phantasie und ihrem sehr amüsanten, feinen, kapriziös bewegten Geiste die Zügel schießen ließ, wenigstens ein sanft und gefällig flüsterndes Echo zu vernehmen. Auch Karl war ein guter Zuhörer und gescheiter Fortspinner der Konversation gewesen. Sie hätte ihn dem seligen Entkrönten sogar vorgezogen, weil er allerliebst boshaft ironisch sein konnte und ihre Einfälle manchmal auf eine so virtuos geistreiche Art liebenswürdig ad absurdum führte.

Aber Karl kam ja nicht mehr, und sie sah sich auf diesen, wie sie ihn nannte: Trommelstock Henry angewiesen, der entweder verdrossen und dummstolz schwieg, oder einen heftigen, dröhnenden Wirbel eingebildeter, kalbsledern hohler Phrasen schlug. Es war wahrhaftig kein Vergnügen mehr, mit dem ins Bois zu fahren, obwohl ihm der moderne graue Zylinder sehr gut stand. Er schien ihr, und das war das Unausstehlichste, mit einem Male imponieren zu wollen; – Gott weiß, womit. Schnitt düster geheimnisvolle Gesichter, markierte, unpassend direkt, Menschenverachtung, hüstelte nach dem Muster des Herzogs von Sagan in die Hand und sagte blödsinnig oft: Bah! – Was blieb ihr übrig, als ihn auszulachen. Aber: half das was? Er zog bloß die Augenbraunen hoch und sah sie hochnäsig von der Seite an mit einem impertinenten Blicke, der sagen sollte: Wer lacht da?

– Nein, das war nicht mehr zum Aushalten. Dieser Knabe fing an, geschmacklos zu werden und ihr auf die Nerven zu gehen.

Eines Tages, als sie aus dem Bois zurückkehrten, wurden auf der Straße Extrablätter ausgerufen. »L'empereur Frédéric mort! L'empereur Frédéric mort!«

»Hast du gehört!?« sagte Liane, »euer Kaiser ist tot!«

»Bah!« antwortete Henry.

In diesem Momente glaubte er wohl, damit in ihrem Sinne zu reagieren. Aber sie fühlte auch noch einen Untergrund heraus, der ihr heftig mißfiel.

Sie sah ihn mit deutlichem Widerwillen an und schwieg, bis sie ins Haus traten.

Sie bestellte sich ein kühles Bad. Er tat das gleiche. – Es geschah täglich so nach der Ausfahrt, und sie pflegten dann, nackt wie sie aus dem Bassin kamen, sich in einem kleinen ganz runden Zimmer zum Tee zusammenzufinden, das rings von Säulen mit verbindendem Mäanderfries umstanden und auch sonst im strengsten Napoleonsstile gehalten war. Zwischen je zwei Säulen stand auf kantigem, vergoldetem Sockel eine Napoleonsstatue. Die Wände waren glattgeschliffener, mit einem dunklen, aber leuchtenden Blau überzogener Gips, der den Eindruck eines wundervollen Steines von seltenster Einfarbigkeit machte. Es gab keine Möbel in diesem Raume außer einem durchaus runden, tief nachgedunkelten Mahagonitische, der eigentlich auch eine Art Säulenschaft mit aufgelegter Marmorplatte war. Dicke Bronzebeschläge in Form von aufeinandergelegten Lorbeerblättern zogen sich in engen Parallelen senkrecht an ihm hinab. Unter der Platte, die ganz wenig vorragte, lief ein Fries bronzener Figuren in erhabener Arbeit, die aus den Kämpfen der Ilias entnommen waren. Außerdem gab es noch zwei Stühle in der Art derer, die wir von Statuen römischer Kaiserinnen her kennen. Aber sie waren gleichfalls aus dunklem Mahagoniholze mit schweren Bronzebeschlägen. Auf dem einen lag ein gelbes, auf dem anderen ein blaues Kissen mit mächtigen Goldquasten. Von der runden Decke herab, die von derselben Farbe und Beschaffenheit war, wie die Wände, aber mit bronzenen Nachbildungen antiker Schildbuckel besetzt, hing ein galvanoplastischer Abguß des etrurischen Kronleuchters von Cordona in vergoldeter Bronze. Als Ganzes etwa wie eine riesige Sonnenblume wirkend, aber im einzelnen aus Emblemen des Phalluskults bestehend.

Da das Zimmer keine Fenster hatte (die Schildbuckel kaschierten die Ventilation), war für reichliche Kerzenbeleuchtung von den Wänden her gesorgt. Von der Spitze eines jeden Phallusblattes aber stach eine blaue parfümierte Spiritusflamme steilspitz empor, leuchtend wie Sankt-Elms-Feuer.

Henry, der zum Bade nicht zwei Stunden brauchte, wie Liane, hatte auch für diese Stimmungsdinge keinen wirklichen Sinn, obgleich er früher oft genug darüber ergriffen orakelt hatte. Jetzt, da er allein war, ließ er seinen angenehm erfrischten Körper, dem nun wiederum die behagliche Wärme dieses Raumes wohltat, auf dem breiten Stuhl mit dem gelben Kissen nieder, räkelte sich faul behaglich zurecht, stierte zur Decke, fuhr mit den Fingern in die Ohren, weil noch Wasser darin war, zündete sich eine Zigarette an, rauchte sie zur Hälfte, legte sie mit einer gelangweilten Bewegung in die große Schale aus böhmischem Rubinglase, gähnte breit auf und lehnte sich hintüber zum Schlafen. Da der Stuhl nicht dazu eingerichtet war, mußte er, um überhaupt Halt zu gewinnen, den Nacken auf die runde Lehne des antiken Gestühles legen, und das ergab eine Spannung der Gurgel, die ein röchelndes Schnarchen zur Folge hatte.

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