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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 84
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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2. Liane

Karl, der schon Bekanntschaften in der jüngeren »Welt« hatte, machte bald eine Dame ausfindig, die nach seinem Urteile wohl geeignet war, Henry um den Rest seines Verstandes zu bringen, und die übrigens auch ihm gefiel.

Liane de Rompolles (ihr wirklicher Name klang weniger voll) war bis vor kurzem die Mätresse eines ganz zum Pariser gewordenen deutschen Standesherrn aus fürstlichem, ehemals souveränem Hause gewesen, das mit einer ganzen Reihe noch regierender Familien verschwägert war. Daß sie den Prinzen von Wales persönlich kannte, wollte nicht viel heißen: Dieses Vorzugs rühmten sich, ohne zu renommieren, Dutzende ihrer Sphäre; aber ihr kleines, mehr als bloß geschmackvoll ausgestattetes »Hotel«, in einem sehr vornehmen Stadtviertel gelegen, hatte auch weniger populäre Fürstlichkeiten aus- und eingehen sehen. Meist ältere, denn auch ihr Paul Adalbert war schon ein recht altes Männchen gewesen. Aber ein sehr vornehmes und auch gescheites. So gescheit, daß es, im übrigen wenig dazu angelegt, Größe zu begreifen und zu verehren, einen Kultus mit dem Andenken Napoleons des Ersten trieb, und zwar gerade deshalb, weil dieses rücksichtslose Parvenügenie den Thron umgestoßen hatte, den zu zieren sonst Paul Adalbert berufen gewesen wäre. Selbst Lianens Palaischen hatte er mit Napoleonsbüsten, Napoleonsbildern, Napoleonsmedaillons, Napoleonstatuetten ausgeschmückt, und es gab dort sogar eine echte Napoleonreliquie: eine Schnupftabaksdose des Gewaltigen, die ein Geschenk Josephinens gewesen war.

Liane hatte viel von Paul Adalbert gelernt. Vor allem eins: sie ließ sich durch Titel und Stellung nicht imponieren und empfand ihre Schönheit und die Kunst, mit der sie von ihr Gebrauch machte, als einen mindestens ebenso reellen Machtfaktor, wie sonst etwas, wovor sich die Menge duckt. Sie war stolz auf ihr Metier und hätte auch auf ein Fürstendiadem nicht stolzer sein können.

»Ich bin frei und herrsche«, sagte sie, »und meine Herrschaft tut offenbar wohl. Die vornehmsten Männer bewerben sich darum, meine Sklaven zu sein, und es ist mir noch keiner vorgekommen, der mich als seine Herrin nicht auch respektiert hätte. Wäre ich das geblieben, was man ehrbar nennt, so wäre ich heute Sousdirektrice in einem Putzladen und müßte mir die Sottisen dieser Bourgeoismadames gefallen lassen, die nach meinen Erfahrungen zu zwei Drittel aus Gänsen, zu einem Drittel aus Harpyien bestehen, und ich würde einen Liebhaber oder einen Mann haben, der mich malträtierte, weil ich sein Eigentum wäre. Oh – non! Es ist besser, ich gehöre mir und wähle mir die aus, die mir gehören dürfen, solange es mir gefällt. Und koste alle Genüsse, die es gibt, mit Ausnahme derer, die, wie man sagt, in der Arbeit liegen. Mein Gott, ja, – es mag Menschen geben, die so talentlos sind, daß sie das gute Gewissen der Arbeit brauchen um zu genießen. Die Herrschenden, habe ich gefunden, gehören nicht dazu. Eine Liane darf goldene Reife um die Fußknöchel tragen, darf sich die Nägel ihrer Zehen vergolden lassen, sich frisieren a la Kleopatra und die Knospen ihrer Brust schminken. Und nur eine Liane darf es sich erlauben, Fürsten, die bei ihr geschlafen haben, zu Rittern ihres goldenen Vlieses zu ernennen.«

Als diese stolze Dame, die überdies von Paul Adalbert ein beträchtliches Vermögen geerbt hatte, von einem ihrer Satelliten erfuhr, daß ein komisch steifer junger Herr aus Hamburg, der sich selbst vor den Frauen anscheinend mehr fürchtete, als die Regierung der Republik vor revisionslustigen Generälen, seine vergißmeinnichtblauen Augen auf sie geworfen habe, sie für seinen Vetter, der im Gegensatze zu ihm an Frauenverkehr allzu heftigen Geschmack fand, als Mätresse zu erküren, lachte sie belustigt auf und meinte, diese Kühnheit verdiene Aufmunterung.

»Her mit dem schüchternen Blonden!« tief sie aus, »und her auch mit dem schwarzen Vielfraß! Habe ich bisher nur alte deutsche Fürsten kennen dürfen, die zu meinem Erstaunen nicht die geringste Ähnlichkeit mit Herrn von Bismarck hatten, so verlangt es mich, jetzt ein paar bürgerliche Jünglinge dieser Nation kennen zu lernen, die uns, soweit ich urteilen kann, kaum besiegt haben würde, wenn ihre jungen Bürger nicht aus einem etwas derberen Holze gewesen wären, als meine glänzenden Besucher mit teutonischem Akzente. Die Söhne der Sieger von 1870 und 71 sollen mir willkommen sein, und ich will an ihnen, wenn es möglich ist, Revanche für Sedan nehmen.«

Und Karl und Henry kamen, eingeführt von einem Herrn mittleren Alters und ältesten Vendée-Adels, der hier und da von den besseren Lianen der schönen, aber ach von jeher nicht sehr vendéemäßig gesinnten Kapitale für derartige Einführungen ein anständiges Trinkgeld erhielt. Karl schwitzte vor Aufregung am ganzen Körper und sah aus wie alter Fromage de monsieur Fromage. Der Neger, der als Türhüter fungierte, beneidete ihn sehr um diese Gesichtsfarbe, aber die kleine Chinesin Hsiao-nü-örl, die den Herrschaften Hut und Mantel abnahm, fand Henry hübscher, weil er so große, schwarze, kugelige Augen hatte, wie die verliebten chinesischen Kaiser in den Bilderbüchern des blumigen Reiches der Mitte, die man Frühlingsbücher nennt, weil sie von den Frühlingstrieben der Menschen handeln.

Liane empfing die Herren im moosgrünen Salon, der zu ihrem mattroten Haar ausgezeichnet stimmte. Sie trug sich a la Directoire mit seitlich geschlitzten, dicht unter der nackt herausgewölbten Brust gerafftem Kleide aus einem Stoffe, der weich und fließend wie Seide war, aber doch auch etwas vom Reize allerfeinster leichtflockiger Wolle hatte. Ein breiter, massiv goldener Gürtel, nach pompejanischem Muster gefertigt, war es, der dieses kostbar schlichte Gewand unter der Brust hielt. Ein ebensolcher Reif bändigte das künstlich wirr gehaltene Haar, und auch um die Knöchel des linken Armes und Fußes hatte sie solche Spangen gelegt. Dafür trug sie Hals und Hände ohne jeden Schmuck. Aber die Sandalen und auch die bis über die nackten Waden hinaufreichenden kreuzweis gelegten Sandalenbänder waren wiederum vergoldet.

Kein Wunder, daß Karl sowohl wie Henry bestürzt waren beim Anblick dieser Erscheinung, die ihnen wie ein lebendig gewordenes Bild aus der »Ikonographie des klassischen Altertums« gymnasialen Andenkens vorkam.

Karls erster Gedanke war, daß vor dieser Frauengestalt selbst Berta zurücktreten müßte. Das antik Degagierte und doch schön Gemessene in Haltung und Bewegung hätte die Hamburger Miß in der Tat auch bei äußerster Bemühung nicht erreicht, und sie hätte auch nicht so... ja, wie nur... Karl fand nicht leicht das bezeichnende Wort... ja: so pariserisch hellenisch lächeln können, so hinreißend liebenswürdig echt und geistreich, mit einer reizenden Überlegenheit schnell musternd und nicht ohne ein klein wenig Verlockung einladend.

Es fiel Karl schwer aufs Herz, daß er Schönheit dieser Art nur ästhetisch genießen konnte. Er war sich des letzten und tiefsten Sinnes dieser Schönheit vollkommen bewußt, er verstand, was diese Brust, diese Glieder, diese Augen, Lippen, Bewegungen sagten, aber, wenn er auch den Sinn dieser ihm fremden Sprache verstand, er wußte wohl, daß er nie in ihr antworten konnte. Es waren Stimmen aus einem Paradiese, zu dem er nie Einlaß finden würde. Nie. Trotz seines Dranges danach und trotz seiner so unseligen unfruchtbaren Gabe, diese Stimmen zu verstehen.

So gebärdete er sich, innerlichst ergriffen, entzückt und gepeinigt, noch steifer und förmlicher, als es ohnehin seine Art war, und machte vor sich selbst und den andern eine recht schlechte, ja alberne Figur.

Henry hingegen, wohl auch verwirrt durch soviel Schönheit, Pracht, Eigenheit, und keineswegs Herr der Situation, vielmehr aufs äußerste unsicher bei dem qualvollen Gedanken, ob hier sein Boulevardfranzösisch ausreichen werde, fühlte im Innersten seiner Gefühle festen Grund und vermochte daher seine äußere Unsicherheit besser zu verbergen. Er hatte den verschlingenden Blick der hingerissenen, wenn auch äußerlich gebändigten Begierde, und in diesem Blick, ob er auf Momente auch noch unstet abirrte, war Entschluß und Zuversicht.

Auf derlei verstand sich Liane, und sie wußte sofort, daß ein Elementargeist von vielen Graden aus diesen Kugelaugen sprach. Die Revanche für Sedan würde hier nicht leicht fallen, sagte sie sich, aber der Versuch wurde sich verlohnen. Nach den mageren Jahren mit dem mehr passiven Paul Adalbert fühlte sie sich ihm doppelt gewachsen, und es würde mehr als eine bloße Abwechslung, es würde ein frischer, fröhlicher Krieg sein, Stoß und Widerstoß, höchste Anspannung der Kräfte, volle Ausnutzung aller Mittel, ein grimmig starkes Vergnügen. Darum: En avant!

Es war nicht Lianens Art, viel Federlesens zu machen, wenn die Stimme des Blutes so vernehmlich sprach und überdies alle sonstigen Voraussetzungen stimmten. – Der edle Herr aus der Vendée und auch Karl wurden bald fortgeschickt. Der Stil des Directoire machte dem Stile der Natur Platz. Man verließ unter dem Geleite der leuchtertragenden, auf ihren Humpelfüßchen seltsam watschelnden Hsiao-nü-örl den moosgrünen Salon und begab sich ins bordeauxrote Schlafgemach.

Hsiao-nü-örl setzte die schwersilbernen Leuchter auf eine golden kanelierte Säule aus schwarzem Marmor, strich mit beiden Händen, wackelnd sich verbeugend, flach an Brust und Unterleib hinab und verschwand.

Henry blieb unschlüssig, ob auch keuchend vor wilder Aufregung, auf dem dicken gelben, spanischen Kirchenteppich stehen, mit dem der Boden des fast feierlich prachtvollen Gemaches ausgelegt war, und sah Liane halb zaghaft an. Die aber richtete sich in ihrer Nacktheit hoch auf, umfing ihn mit den Blicken einer wollüstigen Sibylle und streckte den rechten Arm gebieterisch aus und rief: Ins Bett!!!

 

Schon in dieser ersten Nacht gingen Henry die Augen gewaltig darüber auf, wie recht Karl gehabt hatte, als er ihm im Verkehr mit großen Damen der Liebe eine wesentliche Erweiterung seiner Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten auf seinem Spezialgebiete voraussagte. Er kam auch noch eine geraume Weile nicht aus dem Staunen heraus, und erst als er dieses Staunen überwunden hatte, stellte sich sein erotisches Selbstbewußtsein allmählich wieder her.

In der Schule Lianens vergaß er selbst seinen Größenwahn. Was hätte er, vom Eigentlichen seiner Betätigung ganz abgesehen, auch damit anfangen wollen gegenüber einer so königlich selbstbewußten Person, die von Fürsten sprach wie von kaum ihresgleichen, und in deren Schoß gekrönte Häupter geruht hatten, wenn sie auch bei dieser Gelegenheit ohne Krone gewesen waren? Sie lachte ihn einfach aus, wenn er es sich nicht versagen konnte und das eine oder andere Mal große Worte machte von Herrenrecht und fürstlichen Prärogativen und derlei mehr.

Sie begriff Karl nicht, der fast täglich zum Tee mit Henry bei ihr war, da er sich immer mehr auf seine Weise in ihre Schönheit verliebte. Er wurde nicht von Eifersucht, sondern von direktem Neid auf seinen Vetter zerfressen, der diese Schönheit besaß, ohne sie gleich ihm inbrünstig schätzen zu können. – Wenn er so oft mit zu Liane ging, so geschah es auch zu dem Zwecke, ihr dies zu zeigen, ihr zu zeigen, wie hoch er über Henry stand, nicht bloß an Geist überhaupt, sondern auch besonders an Verstand für ihr Wesen. Er sprühte von Witz, Schärfe, Bosheit, Phantasie am Teetische Lianens und es fehlte dieser durchaus nicht an Sinn für die Reize dieser Pyrotechnik des Geistes, obwohl sie ihm oft genug das Wort abschnitt, indem sie etwa sagte: »Hören Sie auf, Sie furchtbarer Teutone! Es ist nicht gesund, wenn der Mensch bloß Gehirn ist, weder für ihn, noch für andere. Ihre Weisheit blitzt unaufhörlich, aber sie macht alles dunkel ringsum. Endlich weiß ich doch, was die deutsche Philosophie ist: Selbstilluminierung. Ihr macht euch so hell inwendig, daß euch alles um euch herum natürlich dunkel erscheint. Was hat mir doch der Kleine für ein hübsches deutsches Wort gesagt? Richtig: ›den Wald vor Bäumen nicht sehen‹. Sie, mein lieber Charles, sehen gerade den allerschönsten Wald nicht, in dem es sich am lustigsten spaziert.«

Karl litt qualvoll bei diesen Reden, die sich öfter und öfter wiederholten. – Und einmal konnte er es nicht mehr ertragen. Er stand auf und flüsterte hastig: »Da Sie mich nicht verstehen, haben Sie auch kein Recht, mich zu peinigen. Ich leide ohnehin schon genug. Aber ich war in der Tat ein Narr, da ich glauben konnte, eine Frau könne mehr haben, als Sinn für das, was an den Männern gemein ist.«

»Oh la la!« sagte Liane, als er hinaus war. »Dein weiser Cousin ist nicht so glücklich, ein Narr zu sein, mein Freund. Er ist ein unglücklicher Bursch! Schade um ihn! – Merkwürdig, daß ich es nicht gleich gefühlt habe. Eine Frau spürt das doch sonst direkt auf der Haut!«

– »Was denn?«

– »Mein Gott, du Lamm! Er gehört zu denen, die schief gewickelt aus der Manufaktur gekommen sind. Er ist ein Mann, ohne als Mann fühlen zu können. – Ich begreife nur nicht, daß er sich dann nicht einen Freund sucht!«

– »Du meinst...?«

– »Ich bins überzeugt. – Aber der Fall ist besonders bös. Der gute Charles hat nicht einmal das gute Gewissen seiner Verkehrtheit, oder, noch schlimmer, es fehlt ihm auch all Leidenschaft nach der verkehrten Seite hin. Mein Gott! Daher diese maßlose Weisheit! Es hat sich bei ihm alles aufs Gehirn geschlagen. Gräßlich!«

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