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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 83
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Querweltein

1. Der Gymnasiast der Liebe

Da die Umgangssprache der Villa Monrepos das Französische war, und Henry sich dort genug Kenntnisse in der Langue d'oui angeeignet hatte, um bei entsprechendem Anlasse ein mon dieu oder eh bien oder oh la la einfließen lassen zu können, so find er, daß es kein sonderliches Wagnis sei, direkt von Genf nach Paris zu reisen, zumal da John über einen beträchtlich größeren Sprachschatz verfügte, und auch der schnell lernende Karl trotz seiner Vorbildung auf einem deutschen Gymnasium auf dem besten Wege war, sich bald in der Sprache des Erbfeindes glatt verständlich machen zu können.

Und Henry hatte recht gehabt: die mangelhaften Sprachkenntnisse hinderten ihn nicht wesentlich daran, in Paris alle die Amüsements zu finden, die er suchte, und die aufs leichteste durch die internationale Sprache des Goldes vermittelt werden. Zudem hat das Französische mit den Französinnen von der gefälligen Horizontaltendenz das gemein, daß es sich leicht und angenehm anschmiegt. Henry hatte erst zwei kleine Übungsverhältnisse hinter sich, als er sich bereits mit Fug und Recht sagen konnte, daß es ihm im Verkehr mit Kellnern, Kutschern und Kokotten am nötigen Wortschatze nicht mehr gebrach.

Anfangs führte er sich noch durchaus schülerhaft auf und ließ jeden eigentlich weltmännischen Zug in seinen erotischen Betätigungen vermissen. John mußte die Adressen besserer »maisons« eruieren, sie dem Droschkenkutscher mitteilen, und Henry setzte sich einfach in die Droschke und fuhr los, von Maison zu Maison, wie sie Johns Liste gerade zusammengestellt hatte. Das war entschieden dilettantisch und unwürdig eines jungen Herrn, der sich eine Privatgeliebte halten konnte, die ein eigenes »Hotel« besitzt. Aber dahin kam Henry so schnell und von selbst nicht. Einmal hatte er seit Ahala und Ahaliba eine pietätvolle Neigung für »maisons«; es spielten gewissermaßen Kindheitserinnerungen mit, die, wie man weiß, von großer Dauerwirkung auf das menschliche Herz sind. Henry fühlte sich in öffentlichen Häusern immer wie zu Hause. Der mit Parfüms der suggestivsten Art geschwängerte Duft der Ausdünstungen zahlreicher teils gar nicht, teils nur geringfügig bekleideten Frauenkörper heimelte ihn an, und die bis zum Primitiven vereinfachte Technik der Anknüpfung, die für ihn anfangs in den Worten viens! oder allons! bestand, entsprach durchaus seiner Geschmacksrichtung. Und dann liebte er, mehr und mehr in eine wütende und wahllose Begierdenraserei geratend, das, was er selber den Engrosbetrieb nannte. Das »große Aas« von Leipzig wachte in ihm auf. Von niemand zurückgehalten, von Karl vielmehr immer aufs neue dazu angestachelt, nichts tuend als üppig zu essen, scharf zu trinken und pornographische Bücher zu lesen, die gleichfalls Karl überallher zusammenzutragen wußte, verfiel er einer so wilden Satyriasis, daß sein ganzes Wesen von nichts eingenommen war, als geilen Vorstellungen einer schließlich monströsen, ja grotesken Obszönität.

Er selbst kam sich wie ein Herkules des Geschlechtes vor, nannte sich, da er nicht ein Kronenträger sein könne, einen Phallusträger von Gottes Gnaden und meinte, was er treibe, bedeute mehr, viel mehr und jedenfalls etwas ganz anderes, als landläufige Ausschweifung: Es sei das Hinauswachsen einer mit unerschöpflichen Kräften begabten Natur über die Sittengesetze der Mittelmäßigkeit: Priapismus in einem antik priesterhaften Sinne.

Karl bemerkte das mit großem Vergnügen. Er, der mit dem schlendernden Behagen eines reichen Müßiggängers von Geist bald durch die elegant belebten Straßen schritt, wo das vornehme Paris sich zeigt, bald durch die Galerien, wo Meisterwerke alter und neuer Kunst zu seinem immer sicherer werdenden Geschmacke sprachen und sein ganzes Wesen befruchteten und erweiterten, er, der, ohne sich auch nur das geringste an äußeren Genüssen entgehen zu lassen, sich unablässig an inneren Werten bereicherte und es auch nicht an Steigerungen seiner dichterischen Fähigkeiten fehlen ließ, fühlte mit einem kaum verhehlbaren Entzücken, als wie richtig sich die Voraussetzungen seines Planes zur Depravierung Henrys erwiesen. Zwar deutete sich noch in nichts eine Abnahme der körperlichen Kräfte Henrys an; doch das hatte Karl auch nicht so schnell erwartet. Aber wichtiger und verheißungsvoller erschien ihm der Umstand, daß Henry, je mehr er sich ausschließlich auf geschlechtliche Wüstereien beschränkte, um so deutlichere Symptome des Fortschreitens gewisser megalomaner Züge zeigte.

Dieser Prozeß wurde wirksam dadurch unterstützt, daß »elles« sehr bald heraus hatten, auf welche Weise diesem jungen Herrn aus dem Lande der Pickelhaube am leichtesten beizukommen war. Teilweise glaubten sie es wirklich, und teilweise stellten sie sich so an, es zu glauben, daß er ein deutscher Prinz sei, und so fand er sich hier überall aufs genaueste so behandelt, wie es ihm angenehm war: nicht bloß als Mensch von großer Leistungsfähigkeit im Punkte der »Liebe« und des Portemonnaies, sondern auch als Mensch aus geheimnisvollen Höhen der Geburt.

– »Nicht wahr, mein Prinz, wenn du wieder zu Hause bei deinen Sauerkrautessern bist, schickst du mir einen netten Orden?«

– »Willst du mich nicht als deine Pompadour mitnehmen? Eure deutschen Frauen verstehen die Sache ja doch nicht, und ich verspreche dir, mich nicht in die Regierungsangelegenheiten deines Landes zu mischen, denn das würde dir Schwierigkeiten bei Herrn von Bismarck bereiten.«

– Oh, wenn ich dich doch mal in Uniform sehen könnte, mit der Pickelhaube, und die ganze Brust voll Orden! Du bist doch natürlich auch wie die andern deutschen Prinzen gleich als Leutnant auf die Welt gekommen und jetzt gewiß schon mindestens Regimentsinhaber!«

– »Meine Mutter war eine Petroleuse. Aber dir zuliebe werde ich Royalistin!«

Und Henry selbst ging nicht ungeschickt auf diesen Ton ein. Als ihm einmal die Besitzerin eines der größten Etablissements dieser Art, eine Dame, die täglich vierspännig in einer glänzenden Equipage durch das Bois fuhr, Vorwürfe darüber machte, daß er den ganzen Betrieb ihrer Maison störe, indem er regelmäßig sämtliche Damen mit Beschlag belege, antwortete er stolz: »Que voulez-vous, Madame? La maison? La maison c'est moi!« Ein Wort, das ihm mit Recht den königlichen Spitznamen Louis quatorze einbrachte.

Als Kaiser Wilhelm am 9. März 1888 gestorben war, erfuhr er es in einem der Salons, in denen sich seine Existenz erschöpfte, und er wußte auch in diesem Augenblicke nichts anderes zu tun, als seine Rolle zu spielen. Er stand, scheinbar ergriffen, auf und empfahl sich mit düsterem Gesicht.

Dieses Gesicht behielt er auch bei, als er dann mit Karl über das Ereignis sprach. Aber er hatte nicht das mindeste Gefühl für die Bedeutung, die das Ableben des ersten Kaisers als äußerer Abschluß einer wichtigen Periode der Geschichte seines Vaterlandes hatte. – Was ging ihn das Haus Hohenzollern an? Was bedeuteten für ihn Angelegenheiten von nationalem Interesse? War er etwa ein – Deutscher? Ja, wenn er legitim gewesen wäre, würde ihm Fürstenpflicht irgendeine nationale Führerschaft auferlegt haben, – so aber, als Bastard, durfte er sich auch von diesem Zwange frei fühlen.

Schade, daß Karl ihm diese Gedanken nicht vom Gesicht ablesen konnte. Er würde die innigste Freude darüber empfunden haben. – Ihm war die Bedeutung dieses Tages sehr bewußt. Er fühlte sich als Glied einer Generation, die nun bald die führende sein würde, wenn nach dem fast täglich zu erwartenden Tode Kaiser Friedrichs Kronprinz Wilhelm auf den Thron käme. Damit würde eine neue Periode anheben: die Periode der Erben, die zur Macht die Kultur fügen würden.

Karl gab sich im Umkreise dieser Gedanken sehr bestimmten Erwartungen auch ganz persönlicher Natur hin. Er fühlte sich bedeutend genug, auch äußerlich einmal eine Rolle spielen zu können. Berlin würde ein machtvolleres Weimar werden. Der verjüngte Kaiserhof, einen tatkräftigen, jungen, modernen Monarchen zum Mittelpunkt, würde es sich an der politischen Führung nicht genug sein lassen; wie Ludwig XIV. nicht bloß die Politik Europas diktiert hatte, sondern auch der große Maßgeber der Kunst Frankreichs und damit Europas gewesen war, so würde der kommende Kaiser gleichfalls seine Bestimmung darin erblicken, die lebendigen Kräfte des neuen künstlerischen Geistes in Deutschland mächtig fördernd zusammenzufassen und mit ihnen eine bestimmende ästhetische Kultur deutschen Gepräges zu begründen. – Es konnte nicht anders sein: die Logik der Entwicklung zwang dazu. An eine expansive Politik Deutschlands war nicht zu denken, und ganz sicher dachte der Meister Europas, Bismarck, nicht daran, der mit dem Abschluß des Dreibundes den deutlichen Willen kundgetan hatte, ein Bollwerk des Friedens zu errichten. Und Frankreich, das hatte Karl wohl bemerkt, besaß zwar noch Elemente genug, die zum Kriege drängten, war aber in der aufsteigenden Generation durchaus frei von Revanchegelüsten und überdies auf dem Wege zur völligen Demokratisierung. Und die Republik würde es sich wohl überlegen, sich selbst mit einem Kriege aufs Spiel zu setzen. Es stand eine durchaus friedliche Zukunft bevor, und so konnte der zweite Wilhelm nicht an Siege auf dem Schlachtfelde denken, sondern an Siege auf dem Felde der Kultur. Und dafür war alles bereitet. Der Reichtum wuchs und mit dem Reichtum das Geschlecht, das schon von früh auf Luxusbedürfnisse kennengelernt hatte. Noch fehlte freilich der Geschmack, und selbst die neuen Geister in Literatur und Kunst ließen ihn vermissen. Aber das waren ja auch zumeist Leute aus der Hefe des Volkes, verkappte Sozialdemokraten, idealistische Agitatoren mit naturalistischer Technik. Gerade im Gegensatz zu diesen, die, wie Karl sie ansah, im Grunde gar nicht modern, sondern die letzten Ideologen waren, würde von oben her eine neue aristokratisch-ästhetische Kultur ihre Förderung finden. Karl, der Generation nach zu jenen Ideologen gehörig, fühlte sich durchaus als Vorläufer eines kommenden, feineren Geschlechtes, und so gedachte er, dessen voranschreitender Führer zu werden, der Erste, der die neuen Ziele laut und feierlich verkündete.

Es schwebte ihm eine Ode zur Thronbesteigung Kaiser Wilhelms des Zweiten vor, den er im Gegensatz zu Kaiser Wilhelm dem Alten als Kaiser Wilhelm den Jungen anreden wollte, eine Art strenggliedrigen Tempelbaus in Worten, glatt und leuchtend wie Marmor, altgoethisch-kurial gemessen, aber voll pindarischen Schwungs – das absolute Gegenstück zur Formlosigkeit der Gründeutschen und im Inhalte eine schneidende Kriegserklärung an diese. Diese Ode sollte eine prunkvolle Verherrlichung der Monarchie sein und die Kulturwidrigkeit aller demokratischen Instinkte mit stolzer Klarheit aufdecken. Alles, was Macht besaß durch Geburt, Stellung, Reichtum, Geist, sollte aufgerufen werden zu einem Adelsbunde gegen die Masse, der die Huld des Odendichters übrigens panem et circenses als notwendige Voraussetzung zur Bildung einer nicht störenden Statisterie gerne zugestand.

Indessen wüstete Henry weiter.

Als ihm die Maisons langweilig geworden waren, pirschte er die Ballsäle und Cafés ab. Es schien, als hätte er sich das Ziel gesteckt, die gesamte käufliche Weiblichkeit von Paris zu besitzen. Er brachte es fertig, gegen Erlegung einer erklecklichen Summe, kleine Cafés nach seinem Eintritt schließen zu lassen, um sodann Orgien zu entfesseln, in denen auch die Alphonse ihre Rolle zu spielen hatten. Jede Nacht kam er mit einer ganzen Schar immer anderer Frauenzimmer nach Hause. Selbst die würdige Dame, die schon seit zwanzig Jahren die Schnur in seinem Hause zog und gewiß bereits ein Armeekorps von Kokotten nächtlicherweile an sich hatte vorüberziehen sehen, erschrak vor diesem Massenaufgebot und brachte es in die Runde, daß ein wahres Ungeheuer von Wollust in dem von ihr bewachten Hause sein Wesen trieb, ein Weiberfresser, – kein Mensch mehr, sondern ein Affe.

Es wäre vielleicht das Unglaubliche geschehen, und man hätte Henry das Quartier gekündigt, wenn nicht Karl dem Wesen ein Ende gemacht hätte.

So glücklich er sich auch fühlte: er war nicht imstande, allnächtlich es mitanzuhören, was Henry, nur durch eine Wand von ihm getrennt, an wüsten und wilden Szenen aufführte.

Er nahm sich den Vetter vor und erklärte ihm, wie unvornehm es sei, gleich irgendeinem jungen Studenten oder Künstler Weiber auf der Straße aufzulesen und bandenweise in sein Haus zu schleppen.

– »Ich begreife dich nicht. Du solltest nach und nach doch feinere Bedürfnisse bekommen haben. Nimm dir eine anständige Mätresse, mit der du Figur machen kannst, und von der du Lebensart lernst. Du wirst dadurch auch mit besserer Herrenkreisen in Berührung kommen und für eine spätere Ehe Erfahrungen sammeln.«

– »Ach was; ich danke. Eine Mätresse, das ist schon eine Art Ehefrau. Ich bin nicht monogam veranlagt. Jedenfalls bin ich noch nicht genügend alt, um mit einer genug zu haben. Auch sind mir die großen Kokotten zu langweilig, zu forsch.«

– »Eben: die Form sollst du von ihnen lernen, die Eleganz. Wenigstens in der Liebe. Bilde dir doch nicht ein, daß du über die Anfangsgründe der Technik weg bist. Du hast noch nicht einmal Sinn für Nuance, geschweige denn für Finessen.«

Henry lachte höhnisch auf: »Hast du ne Ahnung! Nihil artis amatoriae alienum a me puto. Auf diesem Gebiete habe ich nichts mehr zuzulernen.«

– »Meinst du? Ich würde es doch auf den Versuch ankommen lassen. Die großen Künstlerinnen der Liebe laufen nicht auf der Straße herum. Denn sie sind ebensowenig für den Pöbel da, wie sonst große Kunst. Die feinsten Koloraturen der Wollust beherrschen nur wenige, aber ich habe mir sagen lassen, daß diese seltenen Primadonnen des Spiegelbettes Effekte haben, zu denen sich Kaiser und Könige drängen. Wenn ich wie du wäre, würde ich mir hier in Paris, wo die hohe Schule dieser höchsten angewandten Kunst ist, diese Genüsse nicht entgehen lassen. Du ißt ja auch nicht in den Garküchen, beim Marchand de vin, sondern bei den besten Traiteurs, wo auf Silber serviert wird.«

Und nun entwarf er ihm, Gott weiß, wie er zu der Intuition kam, ein Bild von den Reizen eines Kokottenschlafzimmers höchster Gattung bis ins Allereinzelnste der Einrichtung, und desgleichen von der Toilette und Wäsche und überhaupt von allem, was geeignet war, Henry neugierig zu machen und aufzuregen.

Henrys Widerstand war gebrochen. Er beschloß (mit Karl zu reden) das Gymnasium der Liebe zu verlassen und die Universität zu beziehen. Die Wahl der Mätresse überließ er dem Vetter, weil ihm die Präliminarien zu lästig waren. Er war so faul und initiativelos geworden, daß er auch Lebendiges serviert bekommen mußte.

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