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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 82
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Vorbereitungen

Das Pensionat, in dem Berta ein recht ödes Dasein verbrachte, weil es ihr durchaus nicht gegeben war, sich an andere junge Mädchen, törichte Gänschen in ihren Augen, anzuschließen, lag in einem hübschen Garten am See.

Nur eine halbe Stunde davon entfernt lag ein anderes, gleichfalls in einem hübschen Garten in der Nähe des Sees, gleichfalls sehr respektabel aussehend in seiner vornehmen Verborgenheit zwischen hohen Bäumen und hinter weißen Mauern: eine Art Empiretempelchen mit vorgebautem Portikus aus pompejanisch rot bemalten Säulen, ehemals die Villa eines napoleonischen Generals, der sich nach den heroischen Gewaltwettern der großen Zeit hierher zurückgezogen hatte, Rosen zu züchten und gutes Obst zu essen. Es gab wunderbare Rosenspaliere hier, wahre Triumphbogen von Rosengängen, und runde, hohe Lauben aus Rosen, Rosen, Rosen. Dazu standen, sauber gepflegt, große, alte, aber immer noch kräftige, in jedem Herbste schwer beladene Edelobstbäume rings herum, und auch an südlichen, immergrünen Gewächsen fehlte es nicht, deren dunkelgrünes, mildmetallisch glänzendes Laub das hellere Grün des übrigen nur um so leuchtender erscheinen ließ.

In diesem Pensionat hätte sich Fräulein Berta Kraker aus Hamburg vermutlich weniger gelangweilt, als bei Madame Petitjean; denn bei Madame Adele ging es ausbündig kurzweilig zu. Die in diesem Internate vereinigten jungen Damen waren nicht da, um ihr Französisch zu vervollkommnen und sich, neben einer genaueren Kenntnis der Literatur-, Kunst- und Weltgeschichte, den feineren Gesellschaftsschliff anzueignen, sondern sie übten eine Kunst aus, zu der es erweiterter Sprachkenntnisse so wenig bedarf, wie der Beherrschung irgendwelchen Lehrstoffes. In der Kunst des Umganges mit Männern von Welt aber waren sie geborene Meisterinnen.

In lauen Sommernächten trugen sie nichts, als hochstöckelige Atlasschuhe, durchbrochene seidene Strümpfe und reich chiffonierte, mit Spitzen und Bändern geschmückte seidene Nachthemden von allerhand Farben. Um Hals und Arme hing Geschmeide, das Haar fiel lose über die nackten Schultern.

Es gab anmutige Künstlerinnen des Gesanges und Tanzes, auch der Gitarre, unter ihnen, aber auch üppige Faultierchen, die außer ihrer eigentlichen Kunst nichts weiter konnten, als schön auf dem Diwan liegen. Diese nannte man Ladies. Doch stammten die meisten aus Schwaben.

Im übrigen waren fast alle Nationalitäten Europas vertreten, so daß Madame Adele nicht mit Unrecht behauptete, fleißige Frequenz ihres Etablissements erspare die Strapazen einer Reise von Lissabon bis Moskau.

Da Henry vorhatte, mit Karl eine solche Reise zu unternehmen, konnten die allnächtlichen Besuche, die er im Verlaufe einer Woche in der Villa Monrepos abstattete, wohl als Vorbereitung dazu gelten, und er kannte sich in der Tat nach Absolvierung dieses Kursus im Verkehre mit Damen der verschiedensten Zungen wohl aus.

Wenn er hier, am rechten Arme Pirotschka (violettes Hemd, bordeauxrote Strümpfe), am linken Dolores (safrangelbe Strümpfe, schwarzes Hemd) durch die Rosengänge schritt und den Abendstern über sich sah am tiefdunkelblauen Himmel, dann konnte er, zum erschreckten Staunen seiner liebenswürdigen Begleiterinnen, laut auslachen und ausrufen: »O ich Esel vom Morgensterne! Wie konnte ich nur so blöde sein, mich mit dem grünen Gemüse der deutschen Poesie abspeisen zu lassen, während mir das lebendigste Fleisch aller Nationen der Welt zu Verfügung steht! Wenn Pirotschka und Dolores die Glieder verschränken, – das geht über alle Worteverschränkungen, und ich lerne den Sinn des Lebens bündiger daraus, als aus der ganzen Lyrik von Portugal bis China.«

Auch zu Karl sprach er in diesem Sinne. Der aber machte sein verkniffenstes Gesicht dazu und sagte: »Ich wünsche dir weiterhin viel Vergnügen bei deinen Weiberaffären, und ich will dir dabei sogar behilflich sein, denn du brauchst sie zur Entfaltung deiner Persönlichkeit« (was Henry für bare Münze nahm), »aber ich möchte dich bitten, über dieses Thema nicht mit mir zu sprechen. Ich gebe dir ja auch keine Referate über meine Aventüren. Denn ich finde nämlich, daß es zu den auszeichnenden Eigenschaften des vornehmen Menschen gehört, nicht über Dinge zu reden, die zur Kammermusik des Lebens gehören. Weshalb die gesamte sogenannte Liebeslyrik eine grundordinäre Gattung der Poesie ist.«

Henry machte sich weder jetzt noch späterhin viel Gedanken darüber, warum Karl in diesem Punkte so empfindlich war, und fand es schließlich auch nicht weiter auffällig, daß der Vetter, der später so geschickt war, für ihn überall die blendendsten Erscheinungen der gefälligen Damenwelt ausfindig zu machen, selber scheinbar den Verkehr mit Frauen vermied, obgleich er doch offenbar das lebhafteste Gefühl für deren Reize hatte. Denn niemand konnte, wie er, entzückt außer sich geraten über einen schönen Frauenkörper, elegante Damenkleider und spezifisch weiblich weltmäßiges Wesen.

Daß Karl in Genf an Henrys Studien nicht teilnahm, konnte diesem aber nicht auffallen, da der Vetter andere Vorbereitungen zu treffen hatte. Er umgab sich mit Atlanten und Reisebüchern, die ganze Fahrt in die Welt im Grundrisse festzulegen, die sie nun unternehmen wollten, saß sehr zufrieden in seinem luxuriös behaglichen Hotelzimmer, angetan mit einem bequemen eleganten Hausanzug von gesteppter, dunkelblauer Seide, und verschaffte sich, hier und da einen Schluck starken Süßweines zu sich nehmend, einen Überblick über die Herrlichkeiten der Welt, die nun er genießen wollte. Henry sollte sich nur ja recht fleißig in den Ballokalen, Bordellen, Cabinets particuliers und ähnlichen Lokalen herumtreiben, wo man schnell Lebenskraft los wird und dafür, wenns Glück günstig ist, allerlei Andenken zum Entgelt erhält, die die Lebensgeister auch nicht gerade auffrischen. Auch über die besten Gelegenheiten dazu orientierte sich der gewissenhafte Hofmeister in der gewissen einschlägigen Literatur, die ihm sonst zuwider war, wie wollene Unterwäsche. Aber in der Hauptsache dachte er doch an sich und seine Bedürfnisse. Er studierte die Kataloge der Kunstsammlungen und ließ es sich nicht verdrießen, ein Studium der gesamten Kunstgeschichte daran zu knüpfen. Sein phänomenales Gedächtnis und seine außerordentliche Gabe, überall sofort auf den Kern der Dinge, auf das eigentlich Bedeutende zu kommen, ohne am Wust des Drum und Dran hängen zu bleiben, befähigte ihn in unglaublich kurzer Zeit, mühelos zu einem sicheren Überblick zu gelangen, so daß er in Genf schon im Louvre, im Britischen Museum, in der Eremitage, im Prado und kurz überall zu Hause war, wo große Kunst hauste. Desgleichen eignete er sich gute Kenntnisse der verschiedenen Architekturen und Städtebilder an, unterließ aber auch nicht, sich darüber zu informieren, auf welchem Gebiete jede einzelne große Stadt das Beste an Gegenständen für verfeinerte Lebensbedürfnisse hervorbrachte. Er legte Tabellen an über Goldschmiedearbeiten, Parfümerien, Seidenarbeiten, feine Flechtarbeiten, Poterien jeder Art, Bronzen, Porzellane, Holzschnitzereien, Delikatessen, Liköre, Galanteriegegenstände, edle Papiere, feine Gläser, kostbare Antiquitäten. Die Adressen der vornehmsten Klubs jeder Stadt wurden auch nicht vergessen und natürlich nicht die der besten Schneider und Schuhmacher.

Zuweilen ließ er Buch und Stift fallen und rieb sich mit einem Gefühle innigsten Vergnügens die schönen, weißen, nur allzu weichlichen Hände. Endlich hatte er erreicht, was er wollte. Henry war in seiner Hand und folgte ohne Besinnen, wie seinen eigenen Trieben, so Karls Absichten, und er selber, der kluge Mentor, durfte gleichzeitig alle Vorteile des Reichtums auf seine Weise genießen, ohne als Schmarotzer empfunden zu werden oder sich gar selber als solchen empfinden zu müssen. Denn Henry beteuerte ihm, und ohne Phrase, immerzu, wie dankbar er sei, daß er ihn leitend begleite und ihm alles abnehme, was eine Reise irgendwie Lästiges mit sich bringe.

Nur eines beeinträchtigte die linde Glätte und angenehme Fülle von Karls jetzigem Dasein: daß er einem vorübergehenden Bruche mit den Eltern kaum ausweichen konnte. Denn es war klar, daß weder Papa Jeremias noch Mama Sanna mit der Aufgabe seines Studiums einverstanden sein würden, weil er Henry durch die Länder Europas begleiten mußte.

Indessen: schwer trafen ihn die heftigen Briefe des zornigen Alten nicht, und die christlichen Abmahnungen aus der mütterlichen Feder las er mit beträchtlich geringerem Interesse, als den letzten Bericht über des Prinzen von Wales neueste Jackettform.

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