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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 81
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Der Hofmeister

Der zweite Stern

Karl hatte mit dem Organisator Gründeutschlands kein schweres Spiel gehabt. Da seine Berechnungen gestimmt hatten, stimmte nun auch das Fazit. Henry, ohne es im mindesten zu fühlen, wie blöde er handelte, indem er folgsam tat, was das Akrostichon ihm geraten hatte, und ohne die leiseste Ahnung zu haben, wem er ins Garn gelaufen war, steckte den Morgenstern in der Tat sofort ein, schloß Wartezimmer, Kasse, Redaktion, Stenographiegemach und Audienzsalon, ließ sämtliche Restbestände des Zentralorgans einstampfen und verschwand mit Karl aus Leipzig.

Daß das eigentlich eine Flucht war, ein schmähliches Zurückweichen vor dem ersten Anhauche der öffentlichen Meinung, die er doch immer en grand seigneur zu verachten beteuert hatte, spürte er gar nicht, glaubte vielmehr, sich einen sehr vornehmen Abgang verschafft und gleichzeitig wirksame Rache an der Krapüle von Literaten genommen zu haben, die er nun durchaus vom Standpunkte Karls her beurteilte.

Dieser war jetzt vollkommen über ihn im Bilde und vermied fürs erste alle früheren Fehler in seiner Behandlung. Er schonte seine Eigenliebe und nährte seine Großmannssucht.

Von seinem Geheimnis hatte ihm Henry nichts verraten; dies behielt er streng für sich als Stütze auch dem Vetter gegenüber; aber die Lehren aus des Papas Vermächtnis produzierte er häufig genug als seine eigensten, innersten Überzeugungen. Daran knüpfte Karl um so leichter an, als sie mit den seinen genug Berührungspunkte hatten, – nur daß er es im Grunde seiner Seele für eine maßlose Unverschämtheit dieses »Tölpels« hielt, sie für seiner angemessen zu halten. Er erblickte in diesem Umstande direkt ein Symptom beginnenden Größenwahnes und begann das abgedankte Gottschedchen rein pathologisch zu nehmen und seine Pläne darauf zu gründen.

Da er jetzt nicht mehr die Befürchtung hegte, daß Henry seiner Schwester gefährlich werden könnte, schloß er diese in seinen Plan ein.

Der Zufall wollte es, daß Berta gerade jetzt wieder nach Genf in ihr Pensionat reisen mußte, und daß Karl zu ihrem Begleiter bestimmt war. Nun reiste auch Henry mit.

Herr Jeremias und Frau Sanna wären mit dieser Reise zu dritt kaum einverstanden gewesen, denn sie ging auf recht kavaliermäßige Weise vor sich.

Gleich in Dresden, wo man sich traf, stattete Henry seine schöne Cousine, die nun eine wahrhaft blendende Erscheinung geworden war, mit Toiletten aus, die, auf ihre etwas englische Art gestimmt, ihr das Ansehen einer jungen Lady aus den exklusivsten Kreisen der Aristokratie Old-Englands verliehen. Alle Angaben zu diesen Toiletten rührten natürlich von Karl her, der sich und Henry in dem gleichen Stile anglisierte. Er sorgte auch für einen Kammerdiener, der einmal bei einem englischen Herzog bedienstet gewesen und somit befähigt war, wo Karls Instinkte für Highlife nicht ausreichten, mit seiner Erfahrung einzuspringen. Ihm, der sich nicht ohne innere Berechtigung seit seinem Wirken in London und Plumkake-Kastle (wir wollen den wahren Namen aus Respekt vor seiner Erlauchtheit nicht verraten) John nannte, obwohl er ursprünglich ein ganz gewöhnlicher Johann aus dem Plauenschen Grunde gewesen war, ihm, diesem Lehrmeister schon mancher anderen jungen Herren gemein deutscher, aber zahlungstüchtiger Herkunft, war es zu verdanken, daß sogleich auch Henrys Kofferwesen reorganisiert und auf die Höhe modern englischer Reisekunst erhoben wurde. Nur Elefantenleder! Nichts als Elefantenleder und Bronzeverschlüsse! Ein wahres Glück, daß Dresden, dank seinem englischen Viertel, mit Lieferanten versehen war, die genug von diesen imposanten Reisemöbeln auf Lager hatten. – Es war auch John, der die Parfüms up to date, den einzig möglichen Stiefelschnitt und darin Bescheid wußte, wann ein weicher, wann ein steifer Hut de rigueur war. Henry wäre imstande gewesen, einen grauen Zylinderhut zu einem Frackanzug zu tragen, eine Entgleisung, der Karl nie anheimgefallen wäre, da er die großen Grundsätze der Kunst, sich anzuziehen, mit der Gabe sicherster Intuition erfaßt hatte. Aber in Einzelheiten war er auch noch nicht taktfest. – Woher hätte er, der bis vor kurzem noch immer nur seinen alten, furchtbaren Abiturientenfrack zur Verfügung gehabt hatte, es auch wissen sollen, daß damals nur rundgeschweifte Frackschöße gentlemanlike waren? Auch spielten ihm noch gewisse weibliche Tendenzen seines Wesens in Geschmacksdingen manchmal einen Streich. Er hatte z. B. eine damals durchaus unstatthafte Neigung für samtene Westen und würde ohne Johns respektvollen, aber bestimmten Einspruch in der Tat eine solche Weste getragen haben.

Man wohnte, wie es sich am Rande versteht, im ersten Hotel Dresdens, reiste in einem Extracoupé erster Klasse und unterbrach die Reise in jeder Stadt, wo man ein Hotel ersten Ranges vermuten durfte.

Um die dadurch verzögerte Ankunft Bertas in Genf den Eltern plausibel zu machen, telegraphierte Karl ihnen, gleichgültig gegen die Wahrscheinlichkeit, sie dadurch in Besorgnis zu versetzen, daß die Schwester erkrankt sei. – Ihm lag gerade daran, die Reise nach Möglichkeit zu verlängern, denn einmal sonnte er sich selbst geradezu in der durch die prächtigen Kleider aufs vorteilhafteste gehobenen Schönheit Bertas, und dann wünschte er sehr, daß sich in Henry das Bild seiner Schwester recht tief einprägte, so tief und dauerhaft, daß alle die Damen anderer Art, die er ihm von nun an in reichlicher Abwechslung zu präsentieren gedachte, nicht imstande wären, dieses Bild auszulöschen.

Diese Absicht glückte vollkommen. Sonnte sich Karl an Bertas Schönheit, so berauschte sich Henry an ihr.

Er hätte ewig so reisen mögen, dieses auffällig schöne, aber bis in die Fingerspitzen distinguierte Mädchen zur Seite, nach dem sich alle Köpfe drehten, und um das ihn, wie er überzeugt war, jeder Mann beneidete. – Daß man ja ebensogut glauben konnte, es gehöre zu Karl, kam ihm gar nicht in den Sinn. Der Vetter war für ihn im Grunde eine höhere Art John – ein Hofmeister. Er fand ihn eigentlich etwas komisch in der Peinlichkeit seiner Eleganz und in der allzu krampfhaften Art, sich vornehm zu bewegen. Und der Eindruck war auch in der Tat der, daß Henry, trotz häufiger Verstöße, der sicherere war. Selbst seine Unarten nahmen sich läßlicher aus, als Karls etwas ängstliche Korrektheit. Henry konnte, in dem Gefühle des Übermutes, das ihn jetzt zuweilen überkam, sich direkt jungenhaft benehmen: – es wirkte immer doch als aristokratische Flegelei, während Karls mühsam tadellose Haltung immer etwas den Kaufmannssohn verriet, der eine gute Anstandsschule durchgemacht hat.

Selbst Berta bemerkte das, und sie war nicht ganz einverstanden damit, daß ihr angebeteter Bruder so ängstlich darauf bedacht war, seine geistige Bedeutung hinter einem Äußeren zu verbergen, das ihm eigentlich nicht ganz gemäß war, ja ihn oft genug nahe an die Linie der Lächerlichkeit brachte. Mochte er Henry taillormadisieren; ein Mensch wie dieser, bloß Äußerlichkeit und Erscheinung, bedurfte der Uniform der exklusiven Herrenwelt, um nach etwas auszusehen; Karl aber hätte allein durch seinen Kopf gewirkt, und, wie sie fühlte um so mehr, je weniger er sich dem Durchschnitte der höheren Eleganz äußerlich anähnelte. Ein Genie, meinte sie, durfte es sich wohl herausnehmen, entgegen der Mode samtene Westen zu tragen, und, vor allem, ein Genie hatte es nicht nötig, mit innerer Angst und heimlichem Beben das äußere Gebaren von Leuten zu kopieren, die offenbar alles andere eher waren, als Genies. Wie konnte Henry, dieses Nichts, sich unterstehen, auch nur äußerlich ihren Bruder zu übertreffen und neben ihm deutlich als der Herr zu wirken! – Oh, sie haßte ihn! Und doch gefiel er ihr auch. Nicht umsonst war er, trotz allem Geschehenen, in ihren Träumen geblieben seit jener Nacht, als er sie gepackt und zum Bette getragen hatte. Aber gerade das stachelte auch ihren Haß wieder an.

Es begann das alte, böse Spiel zwischen den beiden.

Denn auch Henry geriet wieder in ihren Bann. Nur schwärmte er jetzt nicht aus der Tiefe, sondern bewahrte auch ihr gegenüber das Gefühl des Drüberstehens. Seine Blicke, wenn er sie groß und hingerissen ansah, hatten nichts knabenhaft Flehendes mehr, sondern es war herrisches Begehren, ja Drohung in ihnen. Aber auch Verheißung.

Berta verstand sie wohl. So jungfräulich sie war, so unkeusch von Grund aus war sie. Diese pralle Frucht da gedachte sie einmal zu genießen bis auf den Rest und dann wegzuwerfen. – Das würde nicht ohne Kampf vor sich gehen. Aber es war ihr keinen Augenblick zweifelhaft, wer der Stärkere sei.

Als man sich in Genf trennte, war Henry kaum imstande, seine innere Glut und Erregung zu verhehlen, während Berta sich nicht völlig verstellte, indem sie ihm einen Abschiedsblick gönnte, der ihn an einen zweiten Stern glauben ließ neben dem, den er über sich fühlte als den Stern seiner geheimnisvollen Bestimmung.

Den Morgenstern aber hatte er schon ganz vergessen.

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