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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 80
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Die goldene Pfeife

Auch in Leipzig überraschte Henry nicht wenig durch sein verändertes Auftreten.

Hermann und Christine kamen ihm mit der alten, ruhigen Herzlichkeit entgegen, er aber tat wie jemand, der eine Staatsvisite macht und gleichzeitig in Geschäften kommt.

»Es scheint, die Millionen haben dich schon ein bißchen verdüstert,« sagte Hermann mit leisem Lächeln.

»O nein,« antwortete Henry betont, »ich glaube vielmehr, daß sie mich aufgehellt haben. Ich bin über allerhand mit mir ins reine gekommen. Ich kenne jetzt mein Verhältnis zu den Menschen. Ich weiß, was ich soll.«

»Und das wäre?« frug Hermann, jetzt schon ohne Lächeln.

»Laß doch!« meinte Frau Christine, »das läßt sich wohl nicht mit ein paar Sätzen sagen.«

»Doch,« entgegnete Henry, »sogar mit einem Satze: Ich muß wirken.«

»Nicht erst lernen?« fragte Hermann, und diese Frage klang wie ein Verweis.

Henry, der das wohl fühlte, und mit großem Unbehagen, ja Widerwillen fühlte, entgegnete: »Wenn du wüßtest, was ich jetzt in Hamburg erfahren habe, aus dem Grabe her erfahren habe, würdest du es nicht für nötig halten, mich zu schulmeistern. Es gibt Dinge, persönliche Aufschlüsse durch das Leben, die den Menschen reif machen. Wer das Wesentliche über sich selbst weiß, hat es nicht mehr nötig, zu lernen.«

»Allerdings nicht,« sagte Hermann; »deshalb kommt den Menschen diese Wissenschaft gewöhnlich auch erst in den Meisterjahren.«

Frau Christine suchte zu begütigen: »Wie wärs, wenn ihr euch dahin einigtet, daß man auch beim Wirken lernen kann? Ohne zu kochen, hätte ich mein Lebtag nicht das Kochen gelernt!«

»Also soll er in Gottesnamen kochen,« lachte Hermann, »wenn nur was Genießbares dabei herauskommt.«

Henry runzelte die Brauen. Er sagte schroff: »Es ist besser, wir lassen die Bildersprache. Ich habe vor, eine literarische Revue des jüngsten Deutschland herauszugeben.«

»Da wirst du zwar keine Abonnenten, die zahlen, aber um so mehr Mitarbeiter haben, die bezahlt sein wollen,« sagte Hermann. »Auch diese Art zu ›wirken‹ ist löblich.«

»Ich hätte erwartet,« entgegnete Henry, »daß du meinen Plan unter einem etwas idealeren Gesichtswinkel beurteilt hättest. Daß ich dabei nichts verdienen, sondern der Sache nützen will, dürfte doch wohl klar sein.«

Hermann stand auf und ging ein paarmal im Zimmer hin und her. Dann faßte er Henry scharf ins Auge und sagte: »Dein Ausdruck vom idealen Gesichtswinkel ist nicht bloß stilistisch falsch. Wenn ich es für löblich erkläre, daß du uns etwas zu verdienen geben willst, ohne daß wir, wie ich annehme, gezwungen sind, Rücksichten auf den gütigen Gastgeber zu nehmen, wie es im allgemeinen der Fall ist, wenn unsereins gegen Honorar schreibt, so erkläre ich das nicht so ganz aus materiellen Gründen, wie du anzunehmen scheinst. Unsere junge Literatur wird um so schneller und sicherer zu ihren idealen Zielen gelangen, je schneller sie aus dem gegenwärtigen Zustande herauskommt, daß das Eigentliche und Beste, was sie leistet, nicht honoriert, ja zurückgedrängt und beeinträchtigt wird durch das, was wir, um leben zu können, gegen Honorar invita Minerva schreiben müssen. Wie manchen unter uns sah ich schon brüchig, ja sogar abtrünnig werden, weil ihn die kleinen Notwendigkeiten mürbe machten. Somit tust du ein gutes Werk, wenn du tüchtigen Leuten, fein organisierten Künstlernaturen hilfst, freier zu schaffen, indem du ihr Schaffen so gut bezahlst, daß sie davon leben und wohl auch ein wenig Genuß über das Notwendige hinaus haben können. – Wenn du neben der persönlichen Genugtuung, zu fördern, auch noch eine Art öffentlicher Anerkennung dafür erstrebst, so ist dagegen nichts einzuwenden. Sie käme dir mit Recht zu, denn du hättest ja auch für die Öffentlichkeit gewirkt. Dieser Ehrgeiz wäre berechtigt. Nur müßtest du ihn dann auch bewähren, d. h. du müßtest auch in dem Falle bei der Stange bleiben, wenn du für deine Gründung fürs erste nicht nur keine Anerkennung, sondern vielmehr Hohn erntest. Und hier liegt der Hohn so nahe, daß Neid und Übelwollen bloß die Feder ins Tintenfaß zu tunken brauchen, um ihn herauszufischen: ›Ein junger Mann, der zwar kein Talent, aber Geld hat, wünscht mühelos berühmt zu werden und setzt seinen Namen auf ein Literaturblatt. Er kann sichs leisten, andere für sich dichten zu lassen. Er redigiert mit dem Portemonnaie.‹ Und so fort. Wenn du dem standhältst: Respekt! – Doch das wäre einstweilen meine geringere Sorge, denn sie geht nur dich, nicht die Sache an. Für die Sache aber fürchte ich, um nun auf das Wichtigste zu kommen, daß du auch noch einen unberechtigten Ehrgeiz hast, nämlich den, bestimmenden Einfluß zu nehmen. Ich sage dir ganz offen, daß dies mit Recht Hohn herausfordern würde. Ich weiß aus Proben, die du mit letzthin gezeigt hast, daß du nicht ohne lyrische Begabung bist, und ich habe dir bereits gesagt, daß mir deine Gedichte trotz ihrer Mängel gefallen, ja, daß ich an eine Entwicklung deines Talentes glauben würde, wenn ich an deinen Ernst bei seiner Betätigung glauben könnte. Aber das würde dich höchstens berechtigen, hie und da ein Gedicht von dir in dein Blatt einzurücken, nie aber, auf reifere und größere Talente bestimmend wirken zu wollen, ja auch nur, dir maßgebenden Einfluß auf die Redaktion zu vindizieren. – Da hast du meinen ganzen ›Gesichtswinkel‹.«

Noch vor ein paar Tagen hätte Henry das Vernünftige dieser Worte ohne weiteres eingesehen; jetzt hörte er sie kaum mit Aufmerksamkeit an, und er war weit davon entfernt, ihnen beizustimmen. Wenn er ihnen nicht direkt und entschieden widersprach, so geschah das aus Berechnung, weil er ohne Hermanns Förderung das Blatt nicht glaubte ins Leben rufen zu können.

Daß dies ein Irrtum war, stellte sich bald und deutlich genug heraus.

Der ganze Misthaufen brannte vor Entzücken lichterloh, als Henry seinen Plan entwickelte, und es stellte sich heraus, daß eine so unabsehbare Masse von Beiträgen vorhanden war, daß man imstande gewesen wäre, allwöchentlich einen Bibelband zu edieren.

Die Bedenken des gewissenhaften Hermann: daß man mit äußerster Peinlichkeit sichten, ein Redaktionskomitee einsetzen und vor allem darauf bedacht sein müßte, die Beiträge systematisch so auszuwählen, daß das Publikum Schritt für Schritt in das moderne Schaffen eingeführt würde, wurde mit Hallo hinweggefegt.

»Was brauchen wir im eigenen Hause Rücksicht auf das Publikum zu nehmen!« hieß es.

»Es genügt vollkommen, wenn wir gedruckt und somit der Zukunft aufbewahrt werden!«

– »Und in der Gegenwart honoriert!«

– »Man sollte sogar eine Warnung aufs Titelblatt setzen: Nichts für Philister!«

– »Nein, schon der Titel selbst sollte alle Banausen abschrecken. Ich schlage vor: Gift!«

Über den Titel entspann sich eine wilde Debatte, in der sich die verschiedenen Geschmacksrichtungen und Temperamente aufs kräftigste kundgaben.

– »Sternentänze.«
– »Neugeburt.«
– »Sturmvögel.«
– »Lichtwetter.«
– »Die Arche Noä.«
– »Phallus am Meere des Lebens.«
– »Die phrygische Mütze.«
– »Runen und Räusche.«
– »Der Regenbogen.«
– »Sturmflut.«
– »Leipziger Allerlei.«
– »Die poetische Hebamme.«
– »Der rote Hahn.«
– »Protuberanzen.«
– »Die Gemeinschaft der Unheiligen.«
– »Krieg.«
– »Der Turm.«
– »Die Einsiedelei.«
– »Der Lustgarten.«
– »Die Tafelrunde.«
– »Wir!«
– »Ich.«
– »Die Kommenden.«
– »Meteore.«
– »Das Chamäleon.«
– »Die spanische Fliege.«
– »Feuerwerk.«
– »Wollust.«
– »Die ultraviolette Rose.«
– »Die schwarze Königskerze.«
– »Die grüne Pomeranze.«

So zog einer dem andern einen unmöglichen Titel aus dem Gedankenfache, und es war bald nicht mehr zu unterscheiden, welcher ironisch und welcher ernst gemeint war.

Hermann, der wohl bemerkte, daß die ganze Sache nicht sehr ernst genommen wurde, weil man Henry nicht ernst nahm, meinte ärgerlich, man sollte das Blatt füglich nennen: »Henry Felix Hauarts Menagerie«. Damit käme am besten zum Ausdrucke, daß es sich um ein Privatvergnügen des Herausgebers handle, dem er dann empfehlen werde, sich nicht als verantwortlichen Redakteur, sondern als »verantwortlichen Tierbändiger« zu zeichnen.

»Doch ich will ernst reden,« fuhr er fort. »Ich richte an meinen Freund die Frage: ›Ist es dir ernst mit dieser Gründung? Ernster, als den übrigen Freunden, die offenbar an deinen Ernst nicht glauben?‹ Nur dann bin ich für die Sache zu haben, und ich hoffe, daß auch noch andere, wie ich, denken.«

Henry erwiderte zum allgemeinen Erstaunen mit einer wohlgesetzten, sehr ernsthaften und bestimmt programmatischen Rede, aus der man entnehmen durfte, daß sein Plan das Resultat reiflicher Überlegung sei. Vieles davon war der letzten Ansprache Hermanns an ihn entnommen. Hinzu fügte er aber dies: »Doch ich will der neuen Literatur nicht bloß mit meinen materiellen Mitteln helfen. Ich will ihr eine Art Organisation geben. Mein Ehrgeiz als Dichter ist gering. Dafür habe ich einen anderen. Ich will, und nicht bloß für heute und morgen, sondern auf lange hinaus, in meinem Organ, dem ich den Titel »Der Morgenstern« geben werde, den modernen literarischen Bestrebungen einen Mittelpunkt schaffen, von wo aus eine jede frei nach ihrer Richtung hin wirken möge. Dies hat aber zur Voraussetzung, daß der Mittelpunkt selbst feststehe. Damit will ich sagen: die Leitung muß einheitlich in der Hand einer Person sein. Ich habe ursprünglich gedacht, sie meinem Freunde Hermann Honrader übertragen zu dürfen. Indessen habe ich sehen müssen, daß er dem Plane nicht das Interesse entgegenbringt, das ich vorausgesetzt habe, und so muß ich selbst diese Arbeit auf mich nehmen. Ich würde mir nicht zutrauen, dieses Amt zu übernehmen, wenn ich nicht als ruhiger Zuhörer und Beobachter in Ihrem Kreise mir einen Überblick über das Ganze Ihrer Bestrebungen angeeignet hätte. Natürlich steht es jedem von Ihnen frei, mir trotzdem die Qualifikation zu einer leitenden Stellung abzusprechen. Wen seine Überzeugung dazu zwingt, braucht ja nicht mitzutun. Wer aber mittut, muß mir schon die Rechte einräumen, die überall dem Herausgeber einer Zeitschrift zustehen.«

Diese Worte räumten mit der Ulkstimmung sofort auf. Es war zwar keiner da, der mit Überzeugung daran glaubte, daß der entschiedene Redner wirklich der Mann sei, berufen und befähigt, als Herausgeber einer repräsentativen Zeitschrift die Fäden der ganzen Bewegung in seiner Hand zu vereinigen, aber jeder sagte sich leichten Herzens: Man kanns ja versuchen.

Nur Hermann stand auf und empfahl sich.

Selbst seine näheren Freunde waren geneigt, persönliche Aigriertheit als Grund dafür anzunehmen, daß er dem »Morgenstern« schon vor seinem Aufgange den Rücken drehte. Auch sie dachten ja gar nicht daran, sich dem reichen jungen Herrn zu unterwerfen. Aber er redete wohl bloß so diktatorisch und würde, wenn es an die Arbeit ginge, froh genug sein, Rat zu erhalten.

Sie irrten sich nicht.

Henry hatte im Grunde nur so bestimmt gesprochen, weil er Hermann damit zu imponieren geglaubt hatte. Es genügte ihm vollkommen, als souveräner Herr des Morgensternes behandelt zu werden, während er tatsächlich immer die Meinung des Letzten hatte, der ihm ein Manuskript überlieferte und, nach empfangenem Honorar, das Ziel feststellte, das der »Morgenstern« verfolgen müßte.

Seine Wohnung wurde ein literarischer Taubenschlag, er selbst ein literarischer Audienzerteiler. An Allüren dafür gebrach es ihm nicht. Er trat stets mit großer Gemessenheit, ja streng auf. Da es sich aber bald herausstellte, daß man schließlich alles bei ihm unterbringen konnte, wenn man ihm nur die Meinung ließ, daß er mit kritischer Selbständigkeit entschied, so nahm man weiter keinen Anstoß an seiner Würdehaftigkeit und half sich mit dem Spitznamen darüber hinweg, den man ihm anheftete, indem man ihn das »Gottschedchen« nannte. Auch konnte er zuweilen bestrickend liebenswürdig sein, zumal, wenn es einer über sich gewann, sich begönnern zu lassen. Aber auch die bekannteren Mitarbeiter an seinem Blatte, die sich nicht so liebedienerisch gebärdeten, hatten schließlich wenig Grund, mit ihm unzufrieden zu sein. Sie behandelte er wie ein junger Fürst seine alten Paladine, kordial und doch respektvoll.

Es war eine angenehme Zeit für Henry. Er kam sich wichtig vor und war, ohne daß er eigentlich zu arbeiten brauchte, beschäftigt.

Seine kleine Wohnung hatte er natürlich mit einer größeren vertauscht. Da gab es ein Wartezimmer; etwas feierlich, für junge Dichter beklemmend. Dann kam das Zimmer des Buchhalters und Kassierers; hier stand, ein bedeutender Anblick, der Geldschrank. Dann kam die Redaktion. Hier saß ein unscheinbares Männchen, das aber doch eigentlich die Sache machte. Denn wer hätte sie sonst machen sollen? Sollte etwa Henry täglich zehn Schock Gedichte, Dramen, Novellen, Romane, Essays lesen, die Korrekturen besorgen, die Hefte versenden? Nein, dazu war das anonyme Männchen da. – Zwischen ihm und dem Gebieter lag noch ein Zimmer. Da saß ein zierliches Fräulein, gewärtig, auf jeden Wink mit dem spitzen Bleistift zur Hand zu sein und nachzustenographieren, was dem Herrn des Morgensterns etwa einfiel. Ihr Gehirn glich bald einer Schachtel mit Mehlwürmern. – Dann erst kam der Salon der Audienzen. Ganz in Schwarz und Gold; Ledertapeten, Lederstühle, eine Bronzebürste Napoleons, Porträts von Mitgliedern des Erzhauses Österreich in alten Stichen, auf einem Postament für sich der reitende Kosak, aber nun vergoldet.

Hier empfing, in seinem seidenen Schlafrock, der Organisator Gründeutschlands.

Die Zeitschrift selbst sah unscheinbar aus, fast dürftig, denn sie war nach dem Geschmacke des anonymen Männchens hergestellt worden. Aber Henry nahm keinen Anstoß daran. Ihn interessierte begreiflicherweise, was darin stand, denn, da er schließlich vor lauter Audienzerteilen auch nicht mehr Zeit hatte, die Aushängebogen zu lesen, war jedes neue Heft eine Überraschung für ihn, auf die er stets sehr gespannt war.

Die Öffentlichkeit interessierte sich weniger für das Blatt, und vergeblich abonnierte sich Henry auf alle größeren Tagesblätter und Zeitschriften, in ihnen einen Widerhall dessen zu finden, was er bereits gewöhnt war, »seine Bestrebungen« zu nennen. Es blieb alles stumm und still, als wäre der Morgenstern nie aufgegangen.

Dieser Umstand dämpfte das Interesse Henrys an der Sache gar sehr, und es tröstete ihn wenig, wenn ihm seine Paladine sagten, dies sei das Schicksal aller neuen Blätter. Erst wenn sie etwa fünf Jahre bestanden, begänne die öffentliche Meinung, sich darüber zu äußern. In zehn Jahren aber seien sie eine Macht, die selber öffentliche Meinung mache.

– Fünf Jahre! Zehn Jahre! Entsetzlich! – Henry sah eine Perspektive der furchtbarsten Langenweile vor sich und fand, nicht mit Unrecht, daß bis dahin ein Meer von Makulatur sich um ihn ausdehnen würde.

Er begann dem anonymen Männchen Vorwürfe zu machen. »Sie sorgen nicht für Abwechslung! Sie sind zu behutsam! Sie bringen nichts, was Aufsehen macht! Der Morgenstern muß wilder sein! Extravaganter! Meinethalben verrückt!«

Also stellte das Männchen wilde Nummern zusammen, indem er den tollsten Unfug jugendlicher Dschingiskhane der Poesie veröffentlichte, Erzeugnisse rasend gewordener Federhalter, die es bisher im Hintergrunde der Regale ängstlich verborgen hatte, nicht begreifend, wie man derlei hatte annehmen können. – Es erschienen Gedichte, deren Originalität darin bestand, daß jeder Sinn ängstlich vermieden war und der Unsinn zum qualvollen Rätsel dadurch wurde, daß man das einzige Mittel, sich irgendwo festzuhalten, wegließ: die Interpunktion. Es half nichts. – Es erschienen Gedichte, die im Gegensatz dazu fast nur aus Interpunktionen bestanden. Das freute die Setzer, aber es half auch nichts.

Der Morgenstern stand am literarischen Himmel, aber niemand wollte ihn sehen.

Aber eines Tages waren aller Augen ihm zugewandt, und es erschallte ein fürchterliches Gelächter das Henry durch Mark und Bein ging.

Ein Leipziger Blatt hatte es ans Licht gebracht, daß ein im Morgenstern abgedrucktes, in sehr schwungvollen Versen geschriebenes Lobgedicht auf Henry, das ihn aufforderte, aller Mißgunst zum Trotz die Standarte des Morgensterns hochzuhalten, ein Akrostichon war, dessen Zeilenanfangsbuchstaben, zusammengesetzt, folgendes ergaben: »Gottschedchen, Du kompromittierst uns! Die Literatur ist kein Spielzeug für wichtigtuende junge Millionäre. Henry steck den Morgenstern ein!«

Niemand wußte, wer der Verfasser des unter einem Pseudonym eingereichten Gedichtes war, dessen Akrostichonsinn wie ein Wildfeuer durch die gesamte Presse lief und ein wahres Hagelwetter von höhnischen anonymen Briefen zur Folge hatte.

Wäre Henry der Mann gewesen, den er spielte, der Mann, dem es um die Sache zu tun war, der für sie arbeitete und lebte, so hätte er das Urteil über diese Niederträchtigkeit ruhig den anständigen Leuten überlassen und wäre erst recht den vorgesetzten Weg weitergegangen. Er hätte auch mit Recht darauf hinweisen können, daß sein Blatt neben einigem Unreifen, Geschmacklosen, Törichten, in der Hauptsache tüchtige Leistungen der talentvollsten jungen Schriftsteller enthielt. Es liefen auch in der Tat Zuschriften ein, die bewiesen, daß die Gemeinheit des Akrostichonverfassers dem Blatte bei zwar wenigen, aber wertvollen Leuten genutzt hatte.

Indessen: Henry fühlte nichts als wütende Beschämung und wandte seine ganze Wut gerade gegen diese Sache. Hohn statt Anerkennung! Und zwar Hohn von seiten der Literatur selbst. Denn, wer anders konnte dieses hundsföttische Gedicht geschrieben haben, als einer aus der Literatenbande?

– Aber wer!? Wer!?

Wie ein Blitz fuhr der Gedanke in ihn: Hermann! Und wurde sogleich zur Überzeugung.

Sinnlos vor Wut stürzte Henry zu ihm und überschüttete ihn mit rasenden Schimpfworten, als letzten Trumpf fast brüllend herausstoßend: »Und so sollst du es auch wissen, daß du gar nicht mein Bruder bist, daß ich gar nicht der Sohn deines Vaters bin, daß ich mehr bin, viel mehr: ein Mensch von so hoher Abstammung, daß ich mich durch mein Herabsteigen in euren Literatursumpf beschmutzt habe!«

»Also wisch dich ab und troll dich,« antwortete ruhig Hermann. »Wie froh ich bin, mit dir nichts Verwandtes zu haben, kann ich dir nicht sagen, und auch nicht, wie froh ich sein werde, wenn du deine faulen Finger künftig von Dingen läßt, die zu gut sind für dich. – Das Gedicht ist eine Gemeinheit, weil es aus dem Hinterhalt kommt. Aber recht hat der Sinn seiner Anfangsbuchstaben. – Gib dich mit Ballettmädchen ab, oder mit fashionablen Vierfüßlern. Posiere auf Gebieten, für die dein Poseurtalent ausreicht. – Und jetzt mach, daß du hier hinauskommst, oder ich werfe dich die Treppe hinunter! – Da du, Gott sei Lob und Dank, nicht der Sohn Frau Klaras bist, wird es mir ein Vergnügen machen, dich abwärts zu befördern, obwohl ich mich sonst nicht gerne an faulem Fleische vergreife.«

Nur die Dazwischenkunft Frau Christinens verhütete es, daß die beiden aneinandergerieten.

 

Am Abende desselben Tages erschien der Verfasser des Akrostichons bei Henry, um ihn mit dem Tone herzlichen Bedauerns über die Gemeinheit zu trösten, der er zum Opfer gefallen war, weil er sich mit diesem Literatengesindel abgegeben hatte.

Es war Karl.

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