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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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In fremden Nestern

Der verwunschene Prinz

Das Prinzchen

Am Starnberger See, dort, wo auch heute noch das Dampfschiff nicht anlegt und »Stadtfräck« nur wenige hinkommen, liegt ein kleines dürftiges Dorf, dem man es nicht ansieht, daß es die Gebeine eines Heiligen beherbergt, der, ehe er Heiliger wurde, ein großer Kriegsmann und Graf gewesen war, sich schließlich aber auf sich und Gott besonnen hatte, und zwar so heftig und tief, daß er Rüstung und Herrenkleid von sich legte, die Kutte des Einsiedlers antat und den Rest seiner Tage in einer Klause eben hier verbrachte, wo damals nichts als wilder Wald war. Nun liegt er, heilig gesprochen, unter einer schön gemeißelten Steinplatte in einem kleinen Kirchlein, das, wie der Ort selbst, seinen Namen trägt, und verhilft denen, die als andächtige Pilger an seinem Grabe beten zu allerhand Gnadengütern.

Damals, als die schöne Sara ihr Devotionale in seiner Nähe niederlegte, das er als Heiliger nur schief ansehen konnte, während er als Graf vielleicht nicht ganz so streng darüber gedacht hätte, erfreute er sich, die paar Bauersleute der Umgebung abgerechnet, nur ab und an des Besuches von einigen Münchner Malern, die freilich weniger seiner Heiligkeit wegen hierherkamen, als wegen der schönen Sonnenuntergänge, die man hier in angenehmer Ungestörtheit bei höchst billiger Verpflegung malen konnte. Denn die Sonne geht an wenig Orten so prachtvoll zugleich und so stimmungsvoll unter, wie hier, wo man außerdem kein Modellgeld für Staffage auszugeben brauchte, weil ja die Fischer nicht wegen der Herren Maler, sondern die Herren Maler wegen der Fischer da waren.

Der Ort besaß aber für junge Maler noch etwas Anziehendes: Die blonde Marie mit dem Hakennäschen, das »Wirtstöchterlein«, wie sie es romantisch-volksliedhaft nannten. Und mit Recht, denn sie war nicht bloß wirklich eine Tochter des Wirtsehepaares Schirmer, sondern auch rechtschaffen verliebt, ganz wie das holde Kind im Volksliede. Im Winter hielt sie es mit den Bauernburschen, im Frühling, Sommer und Herbst aber gab sie den jungen Malern den Vorzug. Das ging nun eine gute Weile ganz munter hin, bis ein Kind kam, für das sich weder ein Maler noch ein Bauernbursch als Vater melden wollte. Und, als das Kind ein Jahr alt war, hielten es die alten Schirmers für geraten, das Dirndl nach München zu schicken, »zum Kochenlerna«, wie sie sagten. Die Bauernburschen aber meinten, »daß 's no mehra Auswahl hat«.

Auf dieses verliebte Dirndl nun, das auch Meister Sturmius von einer heftig produktiven Sommerfrische her in gutem Andenken hatte, gründete sich sein Plan, für »seinen Sohn Felix« eine Mutter und einen Namen zu finden.

Madame Sara würde, so ging der Plan, in München bei einer besseren Hebamme entbinden, die das Dirndl vorher unter dem Anscheine gleicher Aussicht zu sich nehmen sollte. Dann war nur einfach die blonde Marie als Mutter anzugeben und Kind und »Mutter« an den Starnberger See zu schicken. Alles dies gegen ein gutes Trinkgeld für die Hebamme und die Erlegung von zwanzigtausend Mark für die Schirmerschen. Und so geschahs, ohne daß irgendwer im Orte auch nur von fern auf den Gedanken gekommen wäre, der Bub sei nicht von der blonden Marie.

»Aber an recht an noblichen hat sie drwischt,« meinten die Bauernburschen, als sie den seidenen Schlafrock und den reitenden Kosaken erblickten und die schöne »Kindswasch«.

Dann ging das Wirtstöchterlein wieder »af Mingka zum Kochnlerna«.

Der kleine Felix Schirmer aber, im Taufbecken neben dem Grabmale des heiligen Grafen ordentlich christkatholisch getauft, gedieh prächtig zu einem hübschen, lebhaften, dunkeläugigen Burschen mit prononciertem Näschen, in dem alle Bauernweiber die Hakennase Maries mit unbedingter Sicherheit erkennen wollten.

Trotzdem blieb ihm von seinem vierten Jahre an der Name Prinz Kuckuck, den ihm ein Maler angehängt hatte, der sich von Metiers wegen auf Physiognomien verstand, denn er malte nicht Sonnenuntergänge, sondern Porträts. Und es ließ sich auch wirklich von Jahr zu Jahr schwerer glauben, daß der kleine Felix Schirmersches Blut haben sollte. Alles bei ihm war anders als bei seinen vermeintlichen Großeltern, und auch an die blonde Marie und ihren anderen Buben erinnerte kein Zug seines Gesichtes, keine Linie, keine Bewegung seines Körpers. Es fiel dies Anderssein schließlich nicht bloß den Malern, sondern auch den Bauersleuten auf, und, wie Felix sechs Jahre alt war, hieß er ganz allgemein Prinz Kuckuck, nur daß ihn die einen abgekürzt Prinz, die anderen Kuckuck hießen. Er selbst aber nannte sich, falls man ihn nach seinem Namen fragte, stets beim vollen Titel.

Das Wirtstöchterlein hatte sich, als er etwa zwei Jahre alt war, verheiratet und war mit ihrem Manne, einem Norddeutschen, weit weggezogen. So kam es, daß Prinz Kuckuck keine Erinnerung von ihr behielt und das Schirmersche Ehepaar als seine Eltern betrachtete. Von denen wurde er schlecht und recht als Bauernjunge aufgezogen, was ihm sehr gut bekam. Wenn er nicht im Freien war, war er im Stalle, und schon mit fünf Jahren saß er lieber einem Gaul auf dem Rücken, als auf einem Stuhl. Die Alten hatten ihn gern, und er sie auch. Besonders gefiel es ihm, daß er viel zarter behandelt wurde als Toni, der ältere, der auch bei den Großeltern geblieben war. Das geschah zum großen Teil wohl wegen der zwanzigtausend Mark, aber es kam doch wohl auch das hinzu, daß die Alten eine Art von Respekt vor ihm hatten, weil er was Besonderes und nicht bloß ein Schirmer war, und weil von Zeit zu Zeit Briefe des adligen Musikers ankamen, die sich nach Felix erkundigten.

Die gute Behandlung schloß freilich nicht völlig aus, daß auch der Prinz ab und an Bekanntschaft mit dem Haselstecken machte, und verzärtelt wurde er überhaupt nicht. Aber wenn Toni ein drecketer Lausbub genannt wurde, so der Prinz bloß ein Lausbub, und wenn der Prinz zwei Schmalznudeln kriegte, so kriegte Toni bloß eine. Auch die Garderobefrage erledigte sich gegen das Prinzip der Anciennität so, daß Toni die abgelegten Kleider des Prinzen erhielt, während das Naturrecht doch gebieterisch das Umgekehrte erforderte. Indessen konnten die Schirmerschen diesen Modus damit rechtfertigen, daß Felix bald der Längere von den beiden war.

Als der Gescheitere hatte er sich von vornherein herausgestellt und auch als der Gewandtere. Damit war die Rangfrage endgültig zu Prinz Kuckucks Gunsten entschieden, und der schwerfällige gutmütige Toni ließ es sich, obwohl er der Stärkere war, wie etwas Selbstverständliches gefallen, daß der Jüngere kommandieren durfte, er aber parieren mußte.

Der Hauptgrund des Übergewichtes des Jüngeren über den Älteren lag aber nicht in Prinz Kuckucks größerer Intelligenz und Agilität, lag auch nicht in der Bevorzugung durch die Großeltern, sondern er lag in dem geheimnisvollen Besitze der beiden mysteriösen Gegenstände, die im Schirmerschen Hause fast wie Reliquien mit einer Art andächtigen Respektes aufbewahrt und immer nur mit einer gewissen Scheu betrachtet, Fremden aber mit großer heimlichtuender Wichtigkeit und deutlichem Stolz gezeigt wurden: des geblümten seidenen Schlafrockes und des reitenden Kosaken.

Ein Junge, der so etwas besaß, mußte nicht bloß seinem zwar älteren aber dümmeren Bruder als etwas anderes, Höheres erscheinen – er war überhaupt allen ein Gegenstand besonderer Beachtung und Einschätzung.

Dies konnte um so weniger ohne Einfluß auf Prinz Kuckucks Selbsteinschätzung bleiben, als man sich oft genug in seiner Gegenwart in Vermutungen über den Stand seines Vaters erging.

Bis zu seinem fünften Jahre hatte sich Felix keine Gedanken darüber gemacht, aber schon vom fünften Jahre ab begann er nicht bloß aufmerksam hinzuhorchen, sondern auch in kindlicher Art heimlich mit zu phantasieren.

Die beiden Alten also waren seine Eltern nicht, waren aber auch nicht so seine Großeltern, wie sie die Tonis waren, – das fühlte er deutlich, und, wenn Tonis Mutter auch die seine war, – warum bekam dann immer nur Toni etwas von ihr geschickt, aber nicht er? Sicher: weil er diese beiden wunderbaren Dinge in dem blauangestrichenen, mit bunten Blumen bemalten Kasten besaß, diese Dinge, die offenbar das Schönste auf der Welt waren, denn nichts, was er kannte, ließ sich mit ihnen vergleichen, und nichts genoß eine so ehrerbietige Bewunderung, wie diese Gegenstände, die ihm gehörten.

So ward sich Felix seiner besonderen Stellung aufs deutlichste bewußt und nahm auch seinen Spitznamen ganz ernsthaft als Auszeichnung.

Wehe, wenn sein Bruder sich erdreistete, ihn Lix zu nennen! Er mußte Prinz sagen. Streiften sie am See herum, oder den Berg hinauf durch die Wälder, so war es unstreitig Prinz Kuckuck, der die Führung hatte, und der gute dicke Toni war eigentlich der Diener, der seinen Herrn begleiten durfte. Die anderen Bauernjungen wurden selten der Ehre des prinzlichen Umgangs gewürdigt, obwohl auch sie sich im ganzen bedingungslos unterwarfen. Aber es kamen doch Fälle von Unbotmäßigkeit vor, und dagegen war Prinz Kuckuck sehr empfindlich. Für gewöhnlich mußte dann Toni den Frevler prügeln, auch wenn er dabei die meisten Prügel erhielt, und dafür putzte ihn der Prinz noch gehörig herunter. Er selbst aber hütete sich davor, mit den Bauernjungen anzubinden – nicht eigentlich aus Feigheit, sondern weil er fühlte, daß sein Prestige nicht durch eine augenscheinliche Niederlage leiden durfte.

Da es die Zeit des deutsch-französischen Krieges war, wurden die Kämpfe in Frankreich natürlich auch am Starnberger See im kleinen wiederholt, aber, wie überall, so wollte auch hier niemand »der Franzos« sein. Da war es nun wieder Prinz Kuckucks erleuchteter Verstand, der einen Ausweg wußte. Es wurden Strohpuppen, Vogelscheuchen, alte Bretter aufgesteckt und unter Führung des Prinzen mit wildem Hurra angegriffen, umgerannt, zerspießt und zersäbelt. Der Prinz aber ritt dabei auf dem dicken Toni.

So wuchs sein Selbstbewußtsein recht üppig heran. Kein junger Prinz von Geblüt kann bei aller Absicht mehr zum Herrn erzogen werden, als es bei Prinz Kuckuck unabsichtlich geschah. Und das Geheimnisvolle seiner Abstammung trug erst recht dazu bei, ihn mit großen Vorstellungen von seiner Herrlichkeit zu erfüllen.

Schon damals hatte besonders das oberbayerische Bauernvolk »sein Kini«, den König Ludwig den Zweiten, in sein Herz geschlossen, von dessen jugendlicher Schönheit es wie geblendet war, und dessen betont majestätisches Auftreten ihm sehr imponierte, und mehr als imponierte: gefiel. Es war der richtige König für ein sehr urwüchsiges, unverbildetes, aber künstlerisch begabtes Volk, das zwar wenig Talent zu Untertänigkeitsmanieren, aber für königliche Haltung sehr viel Sinn, ja geradezu das Bedürfnis hat, einen König zu besitzen, der auch wie ein König aussieht. Wie ein König, d. h. schön, groß, stark, mit leuchtenden Augen, die herrisch blitzen, doch auch leutselig lächeln können. So aber war König Ludwig. Und er war mehr; er war geheimnisvoll, märchenhaft, umgab sich mit Pracht und Pomp auf einsamen Schlössern, von deren Herrlichkeit man sich phantastische Dinge erzählte. Erschien er aber, was immer plötzlich, unerwartet geschah, so war es wie ein vorüberjagender Lichtschwall. Zumal seine nächtlichen Fahrten um den winterlichen See herum erregten die Phantasie dieser bei aller Derbheit für alles Romantische sehr empfänglichen Bauern. Sie wurden zu sagenhaft wunderbaren Ereignissen. Der Schlitten, hieß es, war eine goldene Muschel, ausgelegt mit schneeweißen Schwanenfedern. Zwanzig Rappen zogen ihn, silbern geschirrt und mit goldenen Glöckchen behangen. Lautlos trabten vorn und hinten, rechts und links Fackelreiter in himmelblauen Röcken mit weißen Perücken.

Da wachte denn Prinz Kuckuck halbe Winternächte durch, hoffend, einen Blick dieser Herrlichkeit zu erhaschen, zu der er sich selbst in eine geheimnisvolle Verbindung brachte.

Ob der König wohl einen seidenen Schlafrock besäße, so bunt und weich wie der seine?

Ob seine Fackelreiter so kühne Gesellen wären wie sein Lanzenreiter?

Ob sein Haar von leuchtenderer Schwärze als seines wäre? Als einmal ein paar kleine Prinzen, einer Nebenlinie des königlichen Hauses angehörend, mit ihrem Erzieher in einer Hofkutsche herangefahren kamen und im Schirmerschen Wirtshaus ein Glas Milch genossen, konnten sie dem Prinzen Kuckuck keineswegs imponieren. Er kam sich selber viel prinzlicher vor, obgleich seine Lederhosen gerade damals reich mit Lehm verbrämt waren.

Zumal, daß sie nicht ritten, erschien ihm höchst erbärmlich. In seiner Anschauung war alles Besondere, Herrliche mit Reiten verbunden, aber freilich mit einem anderen Reiten, als es die Bauernburschen auf ihren breiten Gäulen verübten. Es mußte ein Reiten sein wie das seines Reiters: mit eingelegter Lanze, im Galopp.

Wie schade, daß er so nicht reiten durfte. Gekonnt hätte er es schon, das wußte er ganz genau, aber der Scheck wollte ja nicht laufen, wie sehr er ihn auch mit seiner Weidengerte bearbeitete.

Die Schule mißfiel ihm sehr, denn er hatte alles schon von Toni vorher gelernt, der ein Jahr vor ihm schulpflichtig geworden war. Nur die Mädchen, mit denen er jetzt zum ersten Male in nähere Berührung kam, weil in der untersten Klasse Buben und Mädeln zusammensaßen, gefielen ihm daran. Bei aller kindlichen Unschuld und Ahnungslosigkeit saß er doch wie ein kleiner Pascha in seinem Harem unter ihnen und übte bald fleißig Bevorzugung und Vernachlässigung, immer darauf bedacht, auch hier der Prinz zu bleiben und als solcher respektiert zu werden.

Indessen empfing er den ersten starken und daher unvergeßlichen Eindruck von Weiblichkeit von einem Wesen ganz anderer Art, als es seine Schulkameradinnen waren.

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