Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Otto Julius Bierbaum >

Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 79
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
Schließen

Navigation:

Quitt

Die Art, wie Henry am folgenden Morgen die Familie Kraker begrüßte, erregte bei dieser nicht bloß Befremden, sondern auch Besorgnis. Die zwar gemessene, aber liebenswürdige Haltung, mit der er das christliche Ehepaar sowohl wie die unchristlichen Geschwister am Tage vorher überrascht hatte, war einer eisigen Förmlichkeit gewichen, einer stark hautainen Höflichkeit, die zu sagen schien: bitte, Distanz halten!

Das alte wie das junge Paar wurde die Befürchtung nicht los: In dem Vermächtnis steht irgend etwas, das ihn die Schenkung hat leid werden lassen.

Insbesondere Herr Jeremias Kraker war überzeugt davon. Er dachte an des verstorbenen Vetters Zeilen an seine Adresse und sagte sich: wenn der Brief an Henry ähnliches enthält, so wird der Notar heute ein Geschäft weniger zu tun haben. Der Bursche (Henry war schon wieder ein Bursche) wird einfach sagen, »der Wunsch meines Vaters muß mir heiliger sein, als ein unbedacht gegebenes Versprechen«, und ich werde kaum etwas anderes tun können, als schweigen. Die letzte Prüfung! Gott helfe mir, sie zu bestehen.

Frau Sannas Gedanken waren heftiger und gingen weiter. Dieser infame Judenjunge, dachte sie sich. Das, gestern, war nichts als tückische Verstellung und Bosheit. Er hat nie im Ernste daran gedacht, sich so edel zu benehmen. Er wollte sich nur einen schändlichen Spaß mit unserer Gutgläubigkeit machen. Aber wart nur, du Bastard! Hältst du dein Versprechen nicht, so darf ich auch meines brechen, das mir bisher den Mund verschlossen und mich abgehalten hat, es laut zu verkünden, daß du ein Judenbankert bist.

Fräulein Berta sagte sich bloß: Schade, aber es wundert mich nicht. Wie sollte der Neger dazu kommen, so vornehm zu handeln? Es war eine seiner vorübergehenden anständigen Anwandlungen; nichts weiter.

Aber Karl lächelte verbissen und schwur sich: Es wird dir nichts geschenkt, Elender, und auch ohne die Abschlagszahlung soll alles dorthin fließen, wohin es gehört. Es ist sogar gut so und mir ganz recht, daß ich auf keinen Edelmutsdilettantismus Rücksicht zu nehmen brauche. Auch werde ich unter diesen Umständen leichteres Spiel mit dir haben, denn du wirst dir nicht einbilden dürfen, daß mich, pfui Teufel, – Dankbarkeit zu dir drängt.

Doch, wie die Sonne Wolkenballen vertreibt, so machte es alle Gesichter wieder hell, als Henry sprach:

»Wenn es dem Onkel recht ist, fahren wir gleich zum Notar, um meine Angelegenheiten und die Kleinigkeit in Ordnung zu bringen, die ich gestern bereits angedeutet habe.«

Nun war er nicht mehr der Bursche, nicht mehr der Judenbankert, nicht mehr der Neger, – aber der Elende für Karl blieb er.

»Wohnt ein Goldschmied in der Nähe des Notars?« fragte Henry.

– Die Opalkette! dachte sich Fräulein Berta.

Aber sie irrte sich. Henry bedurfte eines Goldschmiedes, um unter dem Postamente des reitenden Kosaken einen goldenen, dreimal aufs komplizierteste verschlossenen Kasten anbringen zu lassen, in dem der Brief des väterlichen Freundes und Lehrers seinen Platz finden sollte.

 

Auf der Fahrt zum Notar holte Henry Herrn Jeremias darüber aus, was er von seiner Herkunft wußte.

»Ich habe kein Recht, zu dir davon zu sprechen,« antwortete der Onkel feierlich, der in der Hauptsache an die Schenkung dachte, »auch weiß ich vermutlich weniger davon als du, seitdem du deines Adoptivvaters letzte Zeilen an dich gelesen hast.«

»Ich weiß,« antwortete geheimnisvoll Henry, »daß was dir berichtet worden ist, eine Verschleierung der Tatsachen darstellt, und ich muß deshalb zur Bedingung meiner Stiftung machen, daß du zu niemand, wer es auch immer sei, davon sprichst.«

– Aha, die Jüdin! dachte sich Jeremias und antwortete: »Ich werde diese Erklärung für mich und meine Frau abgeben. Außer uns weiß niemand davon. Du könntest mir übrigens ruhig die wirkliche Wahrheit mitteilen. Damit würden ja die einzigen Personen, die, wie du sagst, nicht die Wahrheit über deine Herkunft wissen, sondern eine Tatsachenverschleierung erfahren haben, in vielleicht auch für dich erwünschterer Weise aufgeklärt werden, und es bestände keinerlei Möglichkeit mehr, daß diese Verschleierung an den Tag kommt, – und sei es auch nach meinem Tode in Gestalt des Briefes, den ich von deinem Adoptivvater in Händen habe.«

»Es ist mir nicht erlaubt, mich zu irgendwem darüber zu äußern,« entgegnete bestimmt Henry, »ja, es ist mir sogar verboten, den falschen Fährten nachzugehen, die Papa geflissentlich hat legen müssen. Selbst wenn eine Adoptionsurkunde vorhanden wäre, würde ich nicht Einsicht nehmen wollen und dürfen, da auch sie nach Lage der Dinge nicht die Wahrheit fixiert. Es interessiert mich auch in der Tat nicht, was Papa dir oder sonst wem kundgetan hat. Jenen Brief an dich mußt du aber vor meinen Augen vernichten.«

Auch damit war Herr Jeremias Kraker einverstanden. Die anderen Papiere waren ihm beträchtlich wertvoller. Es war ihm in diesem Augenblicke sogar recht gleichgültig, ob die verschleierte Mutter Henrys eine Jüdin, Heidin oder Türkin war.

Er schloß nach abgemachten Geschäften seinen ehemaligen Pflegesohn christlich innig in die Arme und nahm es nicht weiter übel auf, daß der auf seine dabei sehr paßlich angebrachten Zitate aus dem alten und neuen Testamente nichts andres zu erwidern hatte, als die wenig herzlichen Worte:

»Es war meine Schuldigkeit, und ich will und darf niemand etwas schuldig bleiben.«

In demselben kühlen Stile nahm Henry von den übrigen Mitgliedern des Krakerschen Hauses Abschied.

 << Kapitel 78  Kapitel 80 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.