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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 77
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Die Stimme aus dem Grabe

Zu seinem Geburtstage, an dem Henry volljährig wurde, reiste er nach Hamburg.

Im Hause Kraker war eigentlich böses Wetter, weil Karl es trotz aller Ermahnungen verabsäumt hatte, mit dem Vetter in Berührung zu treten, und weil man nun fürchtete, es werde zu unerwünschten Dingen kommen. Auch machte man sich entsetzliche Vorstellungen, in welchem Zustande der junge Wüstling erscheinen, und wie er alles durch ein abscheuliches Betragen brüskieren und in Aufregung bringen werde.

Aber Henrys Auftreten verjagte die düsteren Wolken.

Man sah zum allgemeinen Erstaunen einen sehr gesetzten, kräftig gesunden, einfach gekleideten, durchaus artigen jungen Mann, der die Verwandtschaft mit Herzlichkeit begrüßte und, was als das Merkwürdigste erschien, selbst darum bat, während seines Aufenthaltes sein altes Zimmerchen bewohnen zu dürfen.

Zeichen und Wunder!

Man hatte doch keineswegs von christlichem Umgange vernommen, sondern von einem Leben im Sodom und Gomorrha der Weltlust und geistiger Zügellosigkeit...?

Das Erstaunen wuchs und wurde zur Ergriffenheit, als Herr Jeremias nach Erledigung des Geschäftlichen mit Henry, während dieser sich mit dem Briefe seines Papas in sein Zimmer begeben hatte, den Entschluß des jungen Erben verkündete, alle nach dem Tode der Eltern aus seinem Vermögen erflossenen Zinsen nicht als Schenkung, nein: als schuldige Dankabtragung dem Hause Kraker zu überlassen.

»Es sind fast drei Millionen Mark!« sagte Herr Jeremias, und setzte sich erschüttert nieder.

»Ist es die Menschenmöglichkeit?« hauchte entzückt und heftig vertattert Frau Sanna, indem sie Gott weiß unter dem Einfluß welcher geheimnisvollen Instinktverschränkungen ihrem Gatten einen Kuß gab, den ersten seit gut fünfzehn Jahren.

»Das hätte ich ihm nicht zugetraut,« erklärte, nicht ohne eine Nuance von Hochachtung im Tone, Fräulein Berta.

»Sehr angenehm,« meinte Karl, »aber ein Beweis dafür, daß Seine Lordschaft augenblicklich in schlechten Händen ist.«

»Was soll das!?« rief Herr Jeremias aus und sah seinen lieben Sohn unwillig erstaunt an.

»Dieser etwas blödsinnige Edelmut«, antwortete der, »ist eine Improvisation des erlauchten Krösus, die zweifellos nicht erfolgt wäre, wenn ihn nicht Leute beeinflußten, die vom Werte des Geldes keine Ahnung haben.«

»Oder die«, setzte Herr Jeremias den Satz mit strenger Betonung fort, »einen höheren Begriff vom Werte moralischer Güter haben, als du. Es scheint, daß du über seinen Umgang sehr falsche Kunde erhalten hast. Diese Handlung sieht nicht nach Wüstlingschaft und naturalistischer Literatur aus, deutet vielmehr, wenn schon Einflüsse anzunehmen sind, auf den Umgang mit Leuten von gediegenster Denkungsart hin.«

Karl kniff die Lippen zusammen und lächelte. Dann sagte er: »Ich kenne Henrys Umgang ganz genau. Leute, die in Hamburg Pastor Südekums Predigten besuchen würden, sind nicht darunter. Aber es bleibt sich ja gleich. Die Hauptsache ist, daß ich nun vielleicht nicht weiter nötig haben werde, Jurisprudenz zu studieren, und daß du mir, als einem künftigen Millionär, von jetzt ab wohl den Monatswechsel wenigstens verdoppeln wirst.«

Herr Jeremias sprang auf. Herr Jeremias trat vor seinen Sohn hin. Herr Jeremias funkelte ihn an. Herr Jeremias setzte sich wieder. Herr Jeremias sprach: »Dem künftigen Millionär wird nicht ein Pfennig mehr monatlich gegeben werden, als er bisher empfangen hat, und der künftige Millionär wird weiterhin Jurisprudenz studieren. Dieses Geld soll meinem Hause zum Segen gereichen und nicht zum Fluche. Ich danke meinem Schöpfer, daß ich Henrys Absicht, die Summe euch beiden zu schenken, dahin gemodelt habe, daß sie mir überlassen werde. Denn ich sehe nun, daß zum mindesten du einen verhängnisvollen Gebrauch davon gemacht haben würdest.«

Karl, wie er das vernahm, daß soeben anderthalb Millionen ihn gestreift hatten, durch väterliche Gewalt aber von ihm abgelenkt worden waren, fühlte sich außerstande, diesen Schlag mit christlicher Demut hinzunehmen. Er verließ, um es nicht zu einer Szene kommen zu lassen, mit rotem Kopfe das Zimmer. Draußen aber konnte er nicht umhin, die Fäuste zu ballen und zu murmeln: »Idiot!«

Auf wen bezog sich dieser Titel? Auf den Vater? Auf Henry?

Nein. Er bedachte sich selbst nur diesem Titel, denn er fühlte in diesem Augenblicke, wie falsch er damit gehandelt hatte, daß er Henry ferngeblieben war. Er beschloß, ihn inskünftig keinem fremden Einflusse mehr zu überlassen.

Er stieg sofort zu Henry hinauf und klopfte an die Türe.

Sie war aber verschlossen, und Henrys Stimme ertönte hinter ihr nicht ohne Feierlichkeit: »Ich bitte, mich jetzt allein zu lassen. Ich lese das Vermächtnis meines Vaters.«

»Oh! Dann bitte ich tausendmal um Entschuldigung,« antwortete Karl, ließ aber im Tone seiner Worte nichts von dem Hohne erkennen, der dabei um seine Mundwinkel spielte.

Henry saß an seinem Schülertische und las, den Kopf auf beide Hände gestützt, den Brief seines Vaters genau in der Stellung, wie er hier so oft über den Schulbüchern gesessen hatte, wenn er Schwieriges zu erfassen hatte.

Der Brief aber lautete so:

»Mein lieber Sohn! Indem ich jetzt zu dir, dem Einundzwanzigjährigen, rede, der du noch nicht bist, während du als Knabe mir gegenübersitzst und mir beim Schreiben zusiehst, ist mir wunderlich zumute. Und so wird auch dir wohl wunderlich zumute sein, wenn du einmal diese Zeilen liesest, die dann wie aus dem Grabe zu dir sprechen werden, während sie doch in deiner lebendigen, jungen Gegenwart geschrieben sind, unter deinen noch kindlich ahnungslosen, kindlich rätselhaften Augen.

Doch ich will ja nicht zu dir, mein Junge, reden, sondern zu dem mündigen Erben meines Vermögens, der hoffentlich auch der Erbe meiner Anschauungen sein wird. Denn so bald werde ich doch wohl nicht von dir genommen werden, daß ich dir nicht wenigstens das Wesentliche der Grundsätze hätte einflößen können, die die Richtschnur deines Lebens sein sollen.

Dies setze ich voraus, indem ich jetzt zu dir spreche, junger Mann und Herr. Sollte es anders kommen, sollte ich dich dieser um alle natürliche Ordnung und Vernunft gekommenen Welt überlassen müssen, ehe ich dir habe einprägen und klarmachen können, daß ein volles, großes, ganzes Dasein unter den gegenwärtigen Verhältnissen nur noch möglich ist für einen im Gegensatz zu den gültigen Pöbellehren zum Ausnahmemenschen erzogenen Reichen, der sich mit Bewußtsein als Gegenfüßler seiner Zeit empfindet und auf eigene Faust als souveräner Herr lebt im Sinne einer Zukunft, die um so sicherer ist, je mehr solcher Ausnahmemenschen jetzt schon herangebildet werden und sich selbst weiter ausbilden – darin werden dir meine Worte unverständlich sein, und es wird auch keine Bedeutung für dich haben, was ich dir über deine persönlichen Verhältnisse mitzuteilen schuldig bin. Dann wirst du einfach ein zufällig mit ein paar Millionen ausgestatteter junger Mann gleich vielen anderen sein, in die Herde verschlungen trotz deiner höheren Anlagen und mit der Herde fühlend, trotz deiner Millionen. Denn das Geld macht noch keinen Herrn, wie auch eine Krone noch keinen Fürsten macht. Nirgends habe ich so viele Sklaven gefunden, wie unter den Reichen. Was Waffe sein sollte, wird Last. Die Leidenschaft, Geld zu verdienen um des Geldes willen, hat alle vornehmen Leidenschaften erstickt. Der eigentliche Sinn des Reichtums ist fast verloren gangen, verschüttet vom Unsinn des »Kapitalismus«. Nur dadurch war es möglich, daß sein Gegenunsinn, die Sozialdemokratie, ihr Haupt so mächtig erheben konnte. Sie hat dem heutigen Kapitalismus gegenüber recht. In ihr protestiert Lebendiges gegen Totes.

Du sollst kein Kapitalist sein, mein Sohn. Merke dir dieses Wort. Es soll dir nicht genug sein, Geld zu besitzen als sicheren Rückhalt; das ist eine Art Feigheit und Faulheit. Du sollst aber auch nicht wähnen, eine vernünftige Tätigkeit zu entfalten, wenn du darauf aus bist, dein Vermögen zu vergrößern; das ist, da du völlig genug hast, um aus ihm alle Mittel gedeihlichen Genusses zu ziehen, Unverstand.

Ich sehe in dir einen Menschen der Sinne und nicht der Gedanken, also wirst du nicht als »erlauchter Bettler«, wie Goethe die Philosophen genannt hat, dein Genüge daran finden, dir im Reiche der Ideen eine Herrschaft zu gründen, sondern du wirst, und das hoffe ich, Macht reell genießen wollen. Darum: entäußere dich der Macht nicht! Wirf deine Waffe, den Reichtum, nicht weg! Achte und hüte ihn, wie der Ritter sein Schwert! Stoße rücksichtslos jede Hand beiseite, die dir daran rühren will! Jede! Auch eine Frauenhand!

Der Tag, da du dies liesest, drückt dir die Waffe in die Hand, deren gute Führung dir die Macht gewährleistet, ein freier Herr zu sein in einer Zeit, deren Merkmal allgemeine Fronschaft ist. Aber, ich wiederhole es: die Freiheit ist nur scheinbar und äußerlich, wenn du nicht auch innerlich frei bist von der Knechtschaft dieser Zeit. Rufe dir noch einmal alles ins Gedächtnis zurück, was ich dir als Sinn deines Lebens, als den Sinn eines Herrenlebens eingeflößt habe. Es steht jetzt, da ich es erst als Vorsatz empfinde, schon vor mir gleich einer hohen, breiten, klar gegliederten Architektur. Du wirst, ich zweifle nicht daran, indem ich jetzt in dein entschlossenes, feurig klares Knabenauge blicke, würdig sein, in diesem Palast zu wohnen, und wirst glücklich in ihm hausen, obwohl er auf einsamer Höhe liegt und keine Reize des Gemütlichen hat. Gemütlichkeit liegt im Engen. Ich denke, du wirst nie Verlangen danach empfinden. Sie gehört nicht zu deiner Art und Herkunft. Denn du bist nicht mein leiblicher Sohn.

 

Hier wirst du deinen Blick von diesem Blatte erheben. Richte ihn ruhig empor! Das Geheimnis, das über deiner Abkunft liegt und das ich dir weder enthüllen will, noch darf, schwebe immer über dir, lenke immer deinen Blick nach oben, – im Sinne meiner Lehren. Du bist von edlem Blute! Dies zu wissen, sei dir genug. Mehr zu wissen, wäre dir nicht gut. Empfinde es als Auszeichnung, daß ein Geheimnis über dir ist, und forsche ihm nicht nach. Es wäre auch vergeblich. Denn, was du auch erfahren würdest (und es würde nicht an »Aufklärungen« fehlen), – es würde nie die Wahrheit sein.

Es gibt nur einen Aufschluß über dich, und der liegt in der Richtung der Lehren, mit denen ich dich, mein kleiner Henry Felix, an den ich mich nun wieder wende, erfüllen will, – getreu den Kräften, die in dir selber sind als Erbgaben deiner wirklichen Eltern.

Und nun, junger Herr, ins Leben hinein, dein Geheimnis über, deine Wahrheit in dir, und die gute Waffe des Reichtums in deiner Hand!

Henry Hauart.«

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