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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 76
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Frau Christine

Dieses Semester, in das Henry als das »große Aas« geschritten war, um es dann als bescheidener, schweigsamer Hospitant des »Misthaufens« zu beschließen, hatte ihm doch eine gewisse Haltung gegeben. Es war im Grunde die Haltung Hermanns, obwohl es dieser ausdrücklich abgelehnt hatte, sein offizieller Mentor im Sinne Fritz Böhles zu werden.

»Es freut mich herzlich«, hatte er gesagt, »daß du damals abends zu mir gekommen bist, aber ich habe das immer als ein Zudirkommen betrachtet. Vergiß einstweilen, daß du Millionär bist und denke immer daran: ich bin meiner Mutter Sohn, der Sohn einer Künstlerin, die auch nie an ihre Millionen gedacht, sondern immer nur das Wertvolle in sich gepflegt hat: ihre stille, gütige, klare Seele und die Kunst, die deren Ausdruck war. – Du willst, ich soll mich dir in weiterem Umfang widmen, ich soll dich, wie du sagst, auf deinen Beruf als Millionär vorbereiten. Dazu, lieber Henry, bin ich untauglich, obwohl eine solche Aufgabe für mich etwas sehr Verlockendes hat. Noch vor ein paar Jahren hätte ich mich nicht lange geziert. Gott weiß, was alles für Pläne ich aufs Tapet gebracht hätte, wie du deine Millionen im Dienste der Menschheit zu sozialen Experimenten ausgezeichnet hättest verwenden können. Heute, wo ich nicht mehr an die Möglichkeit glaube, daß man der sozialen Frage mit sozialen Experimenten zu Leibe rücken könnte, heute, wo ich überzeugt bin, daß diese Frage nur von der Masse selbst gelöst werden wird, weil auch sie eine Machtfrage ist, und wo ich mir gar nicht einmal mehr sicher darüber bin, ob diese Lösung, wenn sie eintritt, so aussehen wird, wie ich es mir einstmals eingebildet habe, – heute kann ich dir eigentlich nur Goethe zitieren und sagen: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. Im übrigen habe ich an mir selbst noch so viele Probleme zu lösen, daß ich ganz und gar nicht den Mut aufbringen kann, mich an ein so fremdes Problem zu wagen, wie es das deine ist, wenn du aus deinen Millionen durchaus einen Beruf machen willst. Diese Absicht hat gewiß viel für sich, denn warum sollte man nicht auch aus seinem Reichtum einen Beruf machen, gerade so gut wie ich aus meiner Begabung einen mache? Aber ich bin zu sehr auf Ausbildung innerer Güter angelegt und daher geneigt, äußere zu unterschätzen. Ich würde dir immer und ewig nur wiederholen: baue dich selbst nach allen Seiten aus, sieh zu, daß du ein ganzer Kerl wirst, dann werden dich deine Millionen nicht genieren, und du wirst selber immer wissen, was du jeweils mit ihnen anzufangen hast. Damit ist aber das eigentliche Problem des Reichtums ignoriert, ja, ich lehre dich schließlich, es zu ignorieren.«

Henry hatte sich damit zufrieden gegeben, weil ihm der Zustand dieses ruhigen Dahinlebens wirklich wohlgetan hatte nach seinen Wüstereien, und weil er in der Tat eine Festigung seines Innern verspürt hatte, indem er sich an Hermann ein Beispiel nahm und nach und nach ganz in dessen Fahrwasser geriet. Seine Eitelkeit schien ganz ausgeschaltet, wie auch seine Sinnlichkeit. Es genügte ihm offenbar, der anerkannte Lieblingsjünger desjenigen zu sein, der für ihn hoch über allen andern stand, und er fühlte sich dadurch selber schon auch ein bißchen über die sonstigen Misthäufler erhöht.

An die Stelle seiner wilden Sinnlichkeit aber war wieder einmal eine ritterlich-platonische Verehrung getreten: für Hermanns Frau. Er wußte wohl, denn alle wußten es, daß diese, bevor Hermann sie zu sich genommen hatte, keineswegs als reine Madonna auf Wolken gewandelt, vielmehr mit wilder Lust durch ein zügelloses Leben geschritten war. Aber er wußte es auch gleich allen anderen, daß ihr jetziges klares, reines Leben, das von der Liebe zu ihrem Manne und von der treuen Inbrunst erfüllt war, ihm heiter und herzlich zu dienen, hoch über jedem Verdacht stand.

Frau Christine Honrader war eine der sehr seltenen echten Magdalenennaturen, die in überströmender Jugendkraft Liebe wahllos nehmen und geben, aber imstande sind, eines Tages alle ihre Liebesfähigkeit einem Einzigen zu weihen, dessen reineres und höheres Wesen alles Vergangene für sie auslöscht, indem es ihnen als Verkörperung edler Männlichkeit entgegentritt.

Alles Gute in Henry, sein schöner Trieb zumal, sich Gegenstände der Verehrung aufzurichten, erwachte in der Gegenwart Frau Christinens. Die Erinnerung an seine Mutter, die ihn in ihr Haus getrieben hatte, blieb lebendig, solange er in diesem Hause verkehrte. Die Einbildungen, die sich an den Ring mit der schwarzen Perle, an den Kosaken, an den seidenen Mantel knüpften, schwanden davor zurück. Hier war er in keinem Sinne verwaist, und hier trieb ihn nichts über sich hinaus. Er fühlte sich geborgen.

So war denn Henrys Verehrung für die Frau Hermanns um vieles begründeter, als es seine Verehrung für Berta gewesen war, und sie war auch tiefer. Wohl gerade deshalb, weil keine Spur von Verliebtheit in ihr war. Er handelte sich nicht um eine Dame, jetzt zum Anschwärmen und später zum Heiraten, sondern es handelte sich um eine zwar noch junge und reizende, aber doch mütterliche Freundin. Diese von allem Geschlechtlichen freie Reinheit des Verhältnisses schloß auch jede Beeinträchtigung des Hermannschen Einflusses aus, und dies um so mehr, als Frau Christine geistig völlig von ihrem Manne abhing.

Sie wiederholte Henry immer wieder eines: »Halten Sie sich an Hermann! Wenn er nicht ausdrücklich Ihr Führer sein will, so geschieht dies nur deshalb, weil er nicht will, daß Sie sich selbst aus der Hand verlieren, und weil er weiß, daß nur der selbständig Folgende gewinnt, wenn er mit ans Ziel kommt. Seit Sie damals freiwillig zu ihm gekommen sind, liebt er Sie. Hören Sie ja immer auf ihn! Auch, wenn Ihre unglückseligen Millionen nicht mehr von anderen bewacht werden. Und dann erst recht! Denn es wird dann wenige geben, die, wie er, bloß an Sie, nicht an die Millionen denken. Und, nicht wahr: wie er es Ihnen immer predigt: denken auch Sie nicht an die Millionen, sondern an sich selbst!«

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