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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 75
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Der Naturalist

Indessen war der üble Geruch von Henrys wüstem Lebenswandel doch auch über die Kreise hinausgedrungen, die damit zusammenhingen. Selbst die Atmosphäre des Hauses Kraker war davon verunreinigt worden, und Onkel Jeremias sowohl wie Tante Sanna fragten sich mehr als einmal, ob es nicht, von allem andern abgesehen, Christenpflicht sei, diesem Treiben mit allen Mitteln vormundschaftlicher Gewalt Einhalt zu gebieten. Indessen: wie wäre das zu machen gewesen, da dieser Unflat von einem Menschen offenbar Geld in Hülle und Fülle zu Gebote hatte? – Etwa Briefe schreiben? Es wäre Tintenvergeudung gewesen. – Hinfahren und dem Burschen ins Gewissen reden? Das hätte abscheuliche Folgen haben können. – Und dann: in kurzer Zeit war der Mensch ja mündig. Mußte man da nicht vielmehr darauf bedacht sein, mit ihm in ein erträgliches Verhältnis zu kommen? Ja, wenn es möglich gewesen wäre, ihn dann unter Kuratel zu stellen! Aber Herrn Krakers Rechtsbeistand hatte diese Hoffnung leider abgeschnitten, da zur Stellung eines derartigen Antrages Blutsverwandtschaft nötig sei. – Nein, es blieb nichts andres übrig, als christlich zu dulden und, wenn es so weit war, zu versuchen, ob man nicht doch gütlich mit ihm auseinanderzukommen oder vielmehr noch in einem gewissen Verhältnis mit ihm bleiben konnte. Denn: durfte man ihm den einzigen Halt, den er hatte, entziehen? Hieße das nicht, eine Seele direkt in die Hölle fahren lassen? Wohl: er war ein schmählich Verirrter. Aber gerade darum mußte man ihm das Kreuz hinhalten. Vielleicht griff er doch danach, wenn die Fluten des Lasters über seinem Haupte zusammenschlugen. – Jedenfalls erhielt Karl den Auftrag, ihn nicht aus den Augen zu lassen und sich ihm bei passender Gelegenheit zu nähern.

Anders dachte Hermann Honrader, als die Kunde von Henrys schmutzigen Wüstereien zu ihm drang.

Es ging gegen den Herbst zu und war kurz vor Beginn des neuen Semesters, als er sich entschloß, seinen Halbbruder aufzusuchen.

Es war einer der dunkeln Regentage, an denen Leipzig ganz grauschwarz und höchst unerquicklich wirkt. Trotzdem war Hermann überrascht, in Henrys Zimmer alle Gasflammen angezündet zu finden, als ob es schon dunkle Nacht wäre. Die Fensterläden waren geschlossen und überdies alle Gardinen zugezogen.

Henry lag auf dem Sofa und las in einem Buche. Das ganze Zimmer war angefüllt von Zigarettenrauch und schweren Parfüms, die aber einen gewissen Spirituosengeruch doch nicht völlig deckten.

Als Hermann eintrat, hob Henry den Kopf etwas, stand aber nicht auf, sondern wies auf einen Stuhl und sagte: »Was verschafft mir die Ehre, das Haupt von Gründeutschland begrüßen zu dürfen? Du bist es doch noch?«

Hermann trat auf ihn zu und ergriff seine Hand: »Was sollen diese Reden. Ich habe keine Ehren zu erweisen und komme nicht als Schriftsteller zu dir, sondern als ein alter Bekannter, der sich einmal bei dir umsehen möchte, wie du lebst, was du treibst, wie es dir geht.«

»Oh, danke der Nachfrage,« erwiderte Henry, »ich lebe, wie es mir paßt, ich treibe, was mir Spaß macht und es geht mir dementsprechend brillant. Trinkst du einen Schnaps?«

– »Nein, danke.«

– »Du siehst auch aus wie ein Buveur d'eau. Ich hätte mir den berüchtigten Naturalisten anders gedacht. Du siehst ja aus wie der Herr Christus. Hoffentlich hast du nichts dagegen, wenn ich trinke.«

Hermann, der zwar in der Tat mit seinen großen, ruhigen, blauen Augen und dem weichen, blonden Bart- und Haupthaar einen auffallend milden Eindruck machte, seit seiner Jugend aber an Schärfe und Temperament sehr zugenommen hatte, wollte heftig erwidern, bezwang sich jedoch und sagte bloß: »Du mußt diesen Ton wirklich lassen, Henfel, wenn du nicht willst, daß ich gehen soll.«

»Pardon,« entgegnete Henry, »ich wollte dich nicht beleidigen. Aber, entschuldige: was soll ich denn sagen? Du bist eben für mich doch der berühmte Mann.«

– »Erinnere dich lieber, was ich dir in der Zeit war, als deine Eltern gestorben waren. Da warst du allein, ratlos, verstört, und ich kam zu dir, um dir zu helfen. Und jetzt ist es das gleiche.«

– »Daß ich nicht wüßte. Ich bin gar nicht allein. Ich habe an die zwanzig gute Freundinnen. Ich bin auch nicht ratlos. Ich weiß vielmehr genau, was ich will. Und verstört bin ich schon gar nicht. Höchstens ein bißchen verkatert. Aber dagegen hilft das da, wie gestern, so heut.«

Er wies auf seine Flaschen.

Hermann setzte sich und nahm Henrys Hand in die seine: »Dein Gesicht straft deine Worte Lügen. Henfel. Ich sehe, daß es genauso schlimm um dich steht, wie dein Ruf ist.«

Henry lachte höhnisch auf. »Mein Ruf! Ich habe einen Ruf! Wie schmeichelhaft! So fehlt mir also gar nichts zu meinem Glücke! Ich bin sogar berüchtigt! Und das, ohne ein einziges Buch geschrieben zu haben! Großartig!«

Hermann ließ Henrys Hand los und sah ihn kopfschüttelnd groß an: »Es ist wirklich gut, daß ich gekommen bin, Henfel. Du verwüstest dich. Du läufst in einen Sumpf. Der Schmutz steht dir schon am Herzen.«

Henry richtete sich auf und erwiderte Hermanns Blick. Dann grinste er und sprach: »Gottvoll! Der Naturalist als Moralprediger. Ich denke, ihr wollt die alten Sittengesetze umschmeißen? Du bist ja beinahe vorbestraft wegen Vergehens gegen die Sittlichkeit. Nicht? Und, wart mal, was hab ich doch kürzlich gelesen, das ein berühmter alter Dichtersmann voll sittlicher Entrüstung gegen euch losgelassen hat? Wart... einen Augenblick... richtig: so wars, oder wenigstens so ähnlich:

Die Dichter von gestern
Hatten die Musen zu Schwestern
Und tranken kastalischen Quell.
Die Dichter von heute
Haben Huren als Bräute
Und besaufen sich im Bordell.«

Hermann sprang auf Seine Augen blitzten, als er sprach, und eine tiefe Falte furchte sich steil zwischen die Augenbrauen: »Diese niedrige, dumme, gemeine Gehässigkeit ist wert, von dir zitiert zu werden. Weil sie nie jung, nie stark, nie Dichter waren, immer nur nachsäuselten, immer nur Schablonen auspinselten, immer nur den wässerig plätschernden Beifall kümmerlicher Salons im Auge hatten, fehlt es ihnen an der Fähigkeit, eine echte, starke, dichterische Jugend zu begreifen, die es verschmäht, den Nachtretern der Nachtreter nachzutreten und es sich erkühnt, mit eigener lebendiger Inbrunst ins Leben zu schreiten und es wahrhaftig zu gestalten mit den Mitteln einer aufs neue wiedergewonnenen Kunst, nicht zum Amüsement und Augenaufschlag flacher Schöngeister, sondern zur Öffnung der Augen des ganzen schaffenden Volkes. Aber schimpfen können sie, verleumden können sie, diese jämmerlich falschen Propheten der Reinheit und Schönheit. Von den hesperischen Äpfeln schwärmen sie mit dem Maule, aber ihre Hände greifen nach Pferdeäpfeln, wenn es gilt, Stärkere zu beschmutzen.«

Er hielt aufatmend inne und strich sich über die Stirn. Dann setzte er sich und sprach nach einer Pause, nach und nach ruhiger werdend: »Unser Ziel ist nicht die Wüstheit, unser Ideal ist nicht das Chaos, unsere Begierden sind nicht auf das Gemeine gerichtet. Wir haben im Schmutze gewühlt, weil wir dort noch eher echte Schönheit zu finden hofften, als in den wesenlosen Sphären dieser Idealisten. Wir haben alles umgekehrt, weil wir alle Außenseiten als übertüncht erkannten. Wir haben in der Hure mehr Seele und reine Schönheit entdeckt, als in diesen Damen-Musen, an denen kein Funken Natur mehr ist, und die daher nicht in die Kunst, sondern ins Panoptikum gehören. – Wir haben an allem gezweifelt und in tausend Glauben geirrt. Wir haben Ärgernis gegeben und oft Verwirrung angerichtet. Wir haben uns in Richtungen verrannt, die in Sackgassen führten. Aber alle unsere Irrtümer haben uns, wenn auch vielleicht weg von der Kunst, so doch aufs heilsamste wieder an die Natur, ans Leben, ans Menschliche gebracht, und wir haben dadurch an der Kraft zugenommen, ohne die kein Künstler werden kann.

Es trat wieder eine Pause ein.

Dann sagte Henry: »Ich freue mich der Belehrung, finde aber eigentlich, daß ihr bloß einen Umweg gemacht habt, um zu demselben Idealismus zu gelangen, auf den du so böse bist.«

Hermann runzelte die Stirne: »Es war unrecht von mir, abzuschweifen und dir Dinge zu sagen, die du offenbar nicht verstehen willst, oder auch vielleicht in deinem jetzigen Zustande nicht verstehen kannst. Doch ich darf dir dieses letzte Wort nicht lassen. – Wir haben freilich einen Umweg gemacht, aber nicht, um zum Idealismus zu kommen oder zu dem, was diese Idealisten Schönheit nennen, sondern um wieder zur Kunst zu gelangen. Lies Shakespeare, den größten aller Künstler des Wortes, und du wirst begreifen, was Kunst heißt. Nicht Idealismus, nicht Schönheit, nicht Realismus, nicht Wahrheit, sondern eine eigene Welt, die Welt des schöpferischen Menschen, gezogen aus der Natur, aber zusammengefaßt durch Gesetze einer sichtlichen Harmonie. In ihr ist auch Häßlichkeit, Krankheit, Verworfenheit, Schmutz, Laster, Irrtum, Gemeinheit, aber nicht im zerstreuten Lichte der Wirklichkeit, sondern wie zusammengehalten durch Strahlen einer gefaßten Lichtquelle. – Aber was rede ich da. Du lebst ja ›zu deinem Vergnügen‹ mit einem Schock Weiber und Dutzenden von Schnapsflaschen. Es hat wahrlich keinen Sinn, mit jemand von Kunst zu reden, der sein Leben so ruchlos und töricht verstümpert. Ich will froh sein, wenn du wenigstens eingesehen hast, daß die Sinnenfreudigkeit, die allerdings auch ein Merkmal der Kunst ist, sich nicht mit viehisch geistloser Sinnlichkeit deckt.«

»Mir scheint, jetzt wirfst du mit Pferdeäpfeln,« bemerkte höhnisch Henry.

»Aber ich verleumde dich nicht, Henfel!« antwortete Hermann; »oder ist es etwa nicht wahr, daß du völlig im Alkohol und sexueller Ausschweifung aufgehst?«

– »Ich kanns vertragen und habs dazu.«

– »Henfel, ich bitte dich! Dieses Leben kann nur vertragen, wer mit dem Leben schnell fertig werden will, und der Reichtum ist eine Gabe des Schicksals, die nicht dazu da ist, würdelos und zum eigenen Verderben verschwendet zu werden.«

– »Sondern man soll das Volk damit beglücken. Oder bist du etwa auch nicht mehr Sozialdemokrat?«

»Du bringst mich nicht wieder von meinem Thema ab. Und bleibe auch du bei der Stange, Henfel. Ich rede nicht zu dir, um dich zu veranlassen, deine Millionen für irgend jemand andern zu verwerten. Ich möchte nur, daß du sie nicht gegen dich verwertest.«

– »Ach?«

– »Ja, Henfel. Und ich will dir auch sagen, warum. Nicht etwa, weil auch du der Sohn meines Vaters bist. Nein. Als solcher bist du mir gleichgültig. Aber du bist auch der Sohn einer Frau, deren Andenken mir heilig ist, weil sie einen immerdauernden Einfluß auf mich gehabt hat. Den Sohn Frau Klaras will ich nicht unwürdig untergehen sehen. Henfel! Ich bitte dich! Wie kann man, das Andenken an eine Mutter im Herzen, wie du sie gehabt hast, so leben, wie du, ohne das Gefühl zu haben, sich zu versündigen!«

Henry senkte den Kopf. Es fiel ihm schwer aufs Herz, daß er diese ganze Zeit nie an seine Mutter gedacht hatte.

Hermann bemerkte den Eindruck seiner Worte und ergriff aufs neue Henrys Hand.

– »Ich wäre nicht zu dir gekommen, wenn ich bloß gehört hätte, daß du lüderlich bist. Zwar bin ich selbst es nie gewesen, aber ich rechne mir das keineswegs zum Verdienst an und weiß, daß es Menschen gibt, die sexuell über die Stränge schlagen müssen, – Weiber so gut, wie Männer. Es sind nicht einmal die schlechtesten Naturen, die einen gewissen Überfluß an Lebenskraft auf diese Weise los werden müssen; und von Laster und Sünde kann dabei keine Rede sein. Die echte, gesunde Lust am Weibe, die etwas natürlich Schönes ist, bringt immer Ähnliches hervor. Sie verzehrt den Mann nicht, sondern macht ihn stark, belebt und erfrischt ihn, führt ihn zur Natur und zum Sinne des Lebens. Mann und Frau kräftigen sich aneinander, jedes gibt und jedes nimmt; aber mir scheint, der Mann gewinnt am meisten. Deshalb verachten wir auch die Freudenmädchen nicht, diesen Notbehelf einer verirrten Kultur. Die Prostitution ist zu dem Gemeinen, was sie jetzt größtenteils ist, durch Männer deiner Art geworden, und es ist nur gerecht, wenn die Hurer werden, wie die Huren, die man ja jetzt glücklich so weit gebracht hat, daß sie sich selbst verachten und bemitleiden.«

»Ich verachte und bemitleide mich einstweilen noch gar nicht«, entgegnete Henry, dem Hermanns Entgleisung in Allgemeinheiten nicht unerwünscht war, weil sie ihm auch Deckung hinter Allgemeinheiten verschaffte. Er sprach es auch aus: »Übrigens wirst du wohl nicht behaupten wollen, daß ich persönlich die Schuld daran trage, wenn meine Freundinnen keine athenischen Hetären sind.«

»Jetzt bist du mit deiner Ironie im Rechte«, sagte Hermann; »es ist mein alter Fehler, daß ich mich immer in allgemeine Kritik verliere. Wir sind ja fast alle noch mehr Kritiker, als Künstler. Doch da gerate ich noch weiter weg von dir. Aber ich lasse dich nicht mehr entkommen, Henfel. Ich fühle, trotz deiner Ironie, daß du hinter meinen Allgemeinheiten spürst, was dich persönlich angeht. Du sagst, du verachtest und bemitleidest dich nicht. Das ist gewiß richtig, denn auch dazu fehlt es dir an moralischer Kraft. Aber eines Tages wird ein Ekel über dich hereinbrechen, den du durch allen Alkohol der Welt nicht vertreiben kannst. Der physische Bankerott wird da sein. Alle äußeren Mittel zum Genuß des Lebens werden dir nichts helfen. Denn dein inneres Vermögen wird vertan sein.«

»Du unterschätzest mich«, grinste Henry; »im schlimmsten Falle macht man eine Pause und fängt dann wieder von vorne an.«

Hermann stand angeekelt auf. Der berühmte Naturalist war dieser Art realistischer Denkungsweise nicht gewachsen. Er fühlte sich etwas widerwärtig Fremdem gegenüber, etwas Urfeindlichem. – Was war das eigentlich? – Er maß Henry mit einem Blicke voll Erbitterung; dann rief er aus: »So verkomme denn in deinem Schmutze, ersticke in deinem Fette! Ich glaubte in dir den Sohn deiner Mutter zu sehen, aber du bist nur der Sohn deines Vaters, der Sohn des reichen Mannes ohne Seele. Mag sich das Verhängnis deines Reichtums an dir vollziehen. Es war blöde von mir, zu glauben, dich davor retten zu können. Du bist nichts, als ein belangloser junger Mensch, der ein paar Millionen geerbt hat, und hast keine weitere Bestimmung, als sie so dumm wie möglich durchzubringen und an ihnen zugrunde zu gehn. Mit einem solchen habe ich nichts zu schaffen.« Er nahm seinen Hut und ging.

Henry hatte die in einem leidenschaftlichen Tone und Tempo über ihn herfegenden Worte mit einem erzwungen höhnischen Gesichtsausdrucke hingenommen. Als Hermann aber verschwunden war, fiel der Hohn wie eine Maske von ihm ab, und es trat an seine Stelle ein starrer Ausdruck von Beklommenheit.

So saß er eine Weile. Dann gab er sich einen Ruck und langte nach dem weggelegten Buche. Sein Blick fiel auf ein plump obszönes Bild. Er schleuderte das Buch in eine Ecke.

– Wenn ich doch Mamas Bild hätte, überkam es ihn. Oder ihre Kette! Irgend etwas von ihr!

»Ah!« er stöhnte laut auf, und weinte lange.

 

Noch an demselben Abend war Henry zu Hermann gegangen und hatte sich ihm mit unverstellter strömender Ergriffenheit wieder ans Herz gedrängt.

Dieser Abend zwischen Hermann und seiner Frau, die ihn mit ihrer stillen Heiterkeit an seine Mutter erinnerte, hatte ihm wie eine große Beruhigung wohlgetan.

Schon am nächsten Tage verließ er das Hotel und nahm in der Nähe Hermanns am hochgelegenen Neukirchhof eine kleine möblierte Wohnung im vierten Stocke eines Hauses, von wo er, wie von einem Turme aus, einen weiten Blick über die tief unter ihm liegende Promenade und, jenseits von ihr über alte Häuser und Gärten weg, bis zu den Wipfeln des Rosentales hatte. Er ließ sich als Student einschreiben und belegte nicht bloß, sondern besuchte auch wirklich einige Vorlesungen. Sein Hauptinteresse aber galt doch dem literarischen Kreise, der sich um Honrader als Mittelpunkt gebildet hatte.

Erschöpft, wie er von seinen Ausschweifungen war, und ganz noch unter dem Einflusse Hermanns stehend, den er nun uneingeschränkt bewunderte und als seinen Retter dankbar verehrte, tat er sich in der ersten Zeit keineswegs hervor, sondern ließ es sich genügen, den sehr verschiedenen und oft höchst wunderlich und wild vorgetragenen Meinungen und Dichtungen zu lauschen, die der »Misthaufen« zutage förderte, wie man persiflierend die Vereinigung im Anschlusse an die Kennzeichnung genannt hatte, deren sich diese jungen Dichter damals in den Organen der öffentlichen Meinung erfreuten. Sein größenwahnhafter vager Glaube an die sichere Schicksalsberufung durch seinen Stern zu einer außerordentlichen Bedeutung war ganz dem angenehm müden Gefühle bescheidener Selbsteinschätzung gewichen, vielleicht nicht bloß infolge seiner allgemeinen Abspannung und der offenbaren Überlegenheit Hermanns, sondern auch als Gegensatzwirkung der zum Teil grotesk selbstbewußten Allüren und Äußerungen nicht weniger Misthaufenmitglieder.

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