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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 74
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Das große Aas

Als Madame Sara vor nun mehr als zwanzig Jahren in Leipzig gewesen war, hatte ihr in dieser merkwürdigen Stadt, die von sächsisch redenden Preußen bewohnt wird, nichts gefallen außer einem hübschen Korpsstudenten. Ihrem Sohne ging es anders: ihm gefiel die ganze Stadt, ausgenommen die Korpsstudenten. Zum Glück gab es davon hier nicht so viel wie in Jena, aber schon die wenigen, die zwischen elf und zwölf Uhr die Grimmaische Straße mit ihren Farben beehrten, verursachten ihm Ärger.

Ein anderer wäre nach Erfahrungen, wie er sie jetzt schmerzhaft genug gemacht hatte, vielleicht gedrückt gewesen, in seinem Selbstbewußtsein erschüttert; nicht so Henry. Er besaß in hohem Grade die Gabe, alles Erlebte zu seinen Gunsten auszulegen; wenn nicht als Verdienst, so doch als Schicksalsauszeichnung. Seit er den Ring mit der schwarzen Perle am Finger hatte, kam er sich wie ein Auserwählter vor, dem alle Dinge zum Besten dienen müssen. Mit dem orangenen Stürmer auf dem Kopfe war er ein Fuchs gewesen; jetzt, einen weichen hellgrauen Hut auf der immerhin dekorativen Kompresse, war er ein freier Herr.

Aus diesem Grunde dachte er fürs erste auch gar nicht daran, sich nach dem Ratschlage Böhles einen Mentor zu suchen, mochte das nun Karl oder Hermann sein. Das hatte Zeit. Zum Amüsieren brauchte er keinen Lehrer, und er wollte sich jetzt endlich mal amüsieren und nichts weiter. In Jena war er kaum zum Nachdenken gekommen, weil er fast nie allein gewesen oder, wenn einmal ohne Gesellschaft, durch Katzenjammer am Denken verhindert worden war. Das holte er in den ersten Tagen seines Leipziger Aufenthaltes nun nach.

Er hatte auch hier keine Privatwohnung genommen, sondern sich in einem weitläufigen Hotel eine Reihe Zimmer gemietet. Ein vornehmes Hotel war es nicht. Im Erdgeschoß befand sich ein Varietétheater und ein Café mit Kellnerinnen.

Wo hätte man angeregter nachdenken können als hier?

Wenn er früh um elf Uhr aufstand, hörte er bereits die Chansonetten hinten zum Klavier proben. Den ganzen Tag war ein Kommen und Gehen auf dem Gange, und auch nachts war ein Kommen und Gehen. Henry nannte das eine »großstädtische Sphäre«, und die Sphärenmusik, die damit zusammenhing, störte ihn in seinem Nachdenken keineswegs. Sie war vielmehr eine durchaus passende Begleitung dazu.

– Ist es nicht, dachte sich Henry, ein rechter Blödsinn, noch etwas Besonderes aus sich machen zu wollen, wenn man ein großes Vermögen besitzt? Ist man als reicher Mann nicht schon an sich was Besonderes? Ist man nicht gerade das, was die anderen werden wollen, und weswegen sie sich abmühen?

»Ich hab viel Courage,
Wohne Beletage,
Meine hohe Gage,
Die erlaubt es mir«,

krähte hinten ein jugendlicher Sopran.

– Sehr richtig, kleines Mädchen! dachte sich Henry: Courage, Beletage, Gage: dieser Dreiklang hat einen tiefen Sinn. – Mir aber hat immer die Courage gefehlt. Ich habe immer andere gebraucht; bald den, bald jenen. Warum? Weil ich immer noch etwas mehr haben wollte, als Gage und Beletage. Und was? Du lieber Gott! Ich hab immer eine Rolle spielen wollen. Als ob die Rolle des Millionärs nicht die Rolle aller Rollen wäre, die Rolle, um die sich alle diese Lebenskomödianten reißen, wegen der sie sich abschinden, einander in den Haaren liegen, Tugenden prästieren und Gemeinheiten begehen.

Jetzt wurde eine weibliche Stimme nebenan laut, die er schon in der Nacht vernommen hatte: zärtlich, verliebt, willfährig. Aber jetzt hatte sie einen harten Ton. Er vernahm viele Worte, aber keines so oft, wie Zwanzig Mark.

– Was würde, dachte sich Henry, dieses wahrhaftig doch bescheidene Mädchen sagen, wenn der schofle Kerl ihr jetzt von Liebe reden wollte? Oder von Frauenstolz und Ehre?

– Hol mich der Teufel, was für ein Narr ich gewesen bin. Habe das Elixier, das alle Genüsse der Welt verschafft, und habe, weiß Gott, Tinte saufen wollen. – Auch jetzt wieder! Zu wem wollte ich sofort rennen, kaum in Leipzig angekommen? Zu dem berühmten Dichter Hermann Honrader, der wahrscheinlich nicht genug Geld hat, auch nur einmal im Monat Sekt zu trinken, oder zu meinem genialen Vetter, der so genial ist, daß er vor jedem Unterrock Zustände kriegt. Blödsinn! Ich kann mir alle Poesie und alle Genialität der Welt kaufen, wenn ich will; das heißt, wenn ich der solideren Dinge satt bin, wegen deren alle diese Poeten und Genies sich abstrapazieren.

»Extrablatt! Extrablatt! Extrablatt!« heulte es unten auf der Straße.

Henry ließ es sich holen und las: »König Ludwig der Zweite von Bayern hat sich bei Schloß Berg im Starnberger See ertränkt. Dr. von Gudden, der ihn überwachende Arzt, ist bei dem Versuche, ihn an seinem Vorhaben zu hindern, gleichfalls in den Wellen umgekommen.«

Henry ließ das Blatt sinken und starrte mit großen Augen vor sich hin. Ein dunkler Winkel ganz verschwommener Kindheitserinnerungen hellte sich ihm plötzlich auf. Ein Wort trat ihm auf die Lippen, – er begriff es kaum: »Der Kini,« und er sah Fackeln auf Schnee und eine goldene Muschel voll Schwanendaunen und einen bleichen Mann mit großen Augen darin; – leiser Hufschlag, – vorbei.

Zu jeder anderen Zeit hätte ihn diese Erinnerung wohl tiefer berührt und andere Perspektiven vor ihm aufgetan. Jetzt dachte er, immer noch im Gleise seiner vorigen Gedanken, nur: Begreiflich: so enden Idealisten. Der wollte auch über sich hinaus. War auch mit seiner Rolle nicht zufrieden. Wollte nicht König von Bayern, wollte ein Märchenkönig sein. Bildete sich ein, heute majestätische Poesie leben zu können, Poesie früherer Jahrhunderte. Und nun, Ludwig? Eine Wasserleiche. Sehr unpoetisch! Sehr unmajestätisch! Ekelhaft modern.

Mit einem seiner Gewaltsätze kam er auf sich: War der orangene Stürmer nicht etwas Ähnliches gewesen? Wollte ich nicht auch ritterliche Poesie leben? – Dummheiten! Und nicht einmal königliche. Bloß kindisch! Kindisch, wie alle meine Aspirationen. – Ich brauche keine. In ein paar Monaten bin ich mündig und lebe Genuß. – Nein, jetzt schon, augenblicklich! Ob ich sonst noch Talente habe, weiß ich nicht, aber das weiß ich, daß ich allen reellen Genüssen dieser Welt gewachsen bin. Nicht jeder kann das von sich sagen. Am wenigsten offenbar die Poeten und Genies. Ich überlasse ihnen ihre Unsterblichkeit. Hermann und Karl sollen jeder ein Denkmal von mir kriegen. Es soll aber eine bequeme Bank daran sein für mich und meine Weiber, und rechts und links ein paar schöne gemeißelte Champagnerkühler.

Die Lust am Trunke hatte er glücklich aus seinem S. C.-Schiffbruche gerettet und auch mancherlei anderes war ihm geblieben, wenn auch auf sein Wesen hin modifiziert. So stammte seine Verhöhnung der »Poeten und Genies«, ohne daß er sich dessen bewußt war, von Kuttler her. Aber es war wie immer bei ihm: er hatte aufgenommen, ohne zu verarbeiten. Sein ganzes Wesen war voller vagabundierender Fremdkörper. Je nach dem Bedürfnis des Augenblicks kamen die Lehren des alten Hauart, die Skeptizismen Karls, Böhles Resignation, ja auch der Katechismus hoch, und was sonst noch in ihm durcheinanderstrudelte. Dauer über alles bewährte nur, was ihm von der »herrlichen Frau« geblieben war und was sich mit dem deckte, das er in seinen beiden »heiligen Erbstücken« erblickte: der intensive, immer mehr erstarkende Glaube an seinen »Stern«.

In seiner ersten Leipziger Zeit dachte er übrigens daran eigentlich nicht. Wie er seine Gedanken in der Richtung laufen ließ, die ihm jetzt gerade Bedürfnis war, so auch sich selbst.

Er wüstete ganz einfach in allen Lüsten der Sinne.

Das Tingeltangel im Hotel wurde zu seinem Serail. Es kam nicht selten vor, daß er nach Schluß der Vorstellung sämtliche Varietédamen, die schon stark mitgenommenen nicht ausgeschlossen, in seinen Gemächern zu einem opulenten Abendessen mit horrend vielen und schweren Getränken vereinigte, woran sich dann Orgien schlossen, die selbst den an Außerordentliches gewöhnten Zimmerkellnern Respekt abnötigten.

Wenn dann am folgenden Morgen in den Betten, auf den Diwans und auch auf den blanken Teppichen alle die verwüsteten, übernächtigen, zum Teil blutjungen, zum Teil überreifen Genossinnen von Henrys verrückt gierigen Ausschweifungen erwachten, so gab das Bilder von chaotischer Kraßheit, aber der junge Wüstling empfand keinerlei Degout dabei, sondern er überblickte das Feld seiner nächtlichen Tätigkeit mit einer Art brutaler Genugtuung, die wohl etwas Sklavenhalterhaftes hatte. Es tat ihm dann wohl, mit schmutzigen Schimpfworten um sich zu werfen, schamlose Situationen herbeizuführen, die Weiber aufeinander zu hetzen, daß sie halb nackt sich in die Haare fuhren um dann mitten unter die sich Balgenden zu springen und selbst auf sie loszuschlagen. Dann vergriffen sich einige wohl auch an ihm, andere sprangen ihm bei, und es entwickelten sich wahre Kampfszenen, nach denen Henrys »Gemächer« einem Schlachtfelde glichen, übersät mit zerrissenen Unterröcken, verbogenen Korsetts, zertretenen Kämmen, halbierten Spitzenhosen, umgeworfenen und zerbrochenen Spiegeln, entleerten Flaschen, quer durcheinandergeschmissenen Stühlen.

Trotz dieser häßlichen Brutalitäten fielen nur wenige mit unweltläufiger Empfindlichkeit behaftete Mitglieder seines Serails von ihm ab; die große Mehrzahl hing ihm mit um so größerer Hingebung an und verbreitete seinen Ruhm als eines jungen Mannes, der nicht leicht seinesgleichen fände. Er erhielt, und das war keineswegs despektierlich, sondern als eine Art Respekttitel gemeint, den Kosenamen: »Das große Aas«, und seine Wohnung hieß bald im ganzen Umkreise der Sorte Weiblichkeit, an der er jetzt Geschmack fand, »Die Aaserei«. Er hielt dort förmlich offenen Hof und gewährte jeder Venusgärtnerin Audienz, wenn sie nur halbwegs »elegant« angezogen war. »Damen in Flanellröcken und wollenen Unterhosen ist der Eintritt verboten«, wollte er an seine Türe schreiben, aber diese Prinzipienerklärung stieß beim Hotelier denn doch auf Widerspruch. Der Portier hatte zwar gemessenen Auftrag, alle beide Augen zuzudrücken, wenn der junge Herr auf Nummer acht bis zwölf weibliche Heimsuchungen erfuhr, aber: »So e Blagad, nee, Herr Doktor, nehme Se rnirs nich iebel, das hieße doch Schindluder mit der Bolezei treim, und mei Brinzib is: Mei Name is Hase, ich wees von nischt.«

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