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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 73
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Misthaufen und Morgenstern

Der unkorrekte Herr

Nun saß Henry im Eisenbahnzuge, der ihn vom Schauplatz seiner, wie er sich jetzt mit bitterer Überzeugung sagte, knabenhaften Verirrung nach Leipzig bringen sollte, mitten in kulturell bewegtes Leben aus einem Leben rückständiger, leerer, läppischer, barbarischer Formen. Nicht ohne Verachtung um die Mundwinkel, wenngleich unter einer Art seelischen Aufstoßens, beobachtete er, wie Krümpermanns Burschenschaft einen alten Bundesbruder, der sein Examen gemacht hatte und nun ins Philisterium zog, mit wehender Fahne und dem halb melancholischen, halb beherzten Liede: »O alte Burschenherrlichkeit« verabschiedete.

– Welch ein Getue! dachte er sich. Es ist derselbe Geist wie im gepriesenen S. C., nur mit einer anderen Nuance. Burschenherrlichkeit! Wer nicht hinter ihre Kulissen gesehen hätte! Barbarengetöse! Sie sollten Schilder aneinanderschlagen und Auerochsenhörner schwingen statt der Kännchen! Und wie sie brüllen! Das Prusten und Zischen der Lokomotive hat mehr Harmonie, – jedenfalls mehr Bedeutung, die mit unserer Zeit harmoniert. Wie der gute Krümpermann das Maul aufreißt! Einen frischen Schmiß hat weiland Voltaire auch schon. Er wird ihn wohl billiger bezogen haben, als ich den meinen.

Leider mußte er an diesen und die begleitenden Umstände seiner Empfängnis öfter denken, als ihm angenehm war. Er eiterte und schmerzte heftig.

– O, über diese blödsinnige Verirrung!

Das Abfahrtssignal wurde gegeben. Die Burschenschafter sangen, mützenschwenkend und mit den Kännchen winkend, den letzten Vers –

Drum Freunde, reichet euch die Hand,
Damit es sich erneue,
Der alten Freundschaft heilges Band,
Das alte Band der Treue.
Klingt an und hebt die Gläser hoch,
Die alten Burschen leben noch,
Noch lebt die alte Treue!

»Ekelhaft,« murmelte Henry, und legte sich in die Kissen zurück.

Ihm gegenüber im Coupé saß ein Herr, der in der Mitte der Fünfziger stehen mochte und Henry unter anderen Umständen wohl aufgefallen wäre, so wunderlich bedeutend sah er aus: auffallend hohe Stirn, lange, graue Haare, Stulpnase, Knebelbart, unendlich viele feine Fältchen um die lebhaft geistreichen blauen Augen, und ein Mund voll spöttischer Überlegenheit. Auch sein Anzug war auffällig: nonchalant altmodisch und doch soigniert elegant.

Er hatte das burschenschaftliche Schauspiel mit lebhaftem Interesse verfolgt und wandte sich nun, mit der Ungezwungenheit des älteren Herrn, dabei sehr liebenswürdig und heiter, an Henry: »Sie haben sich wohl jede Abschiedsfeierlichkeit verbeten, Herr Studiose, daß Sie so sang- und klanglos die alte Musenstadt verlassen, obwohl Sie doch auch«, er deutete auf die Kompresse, »nicht ohne Gloriole von dannen ziehen.«

Henry war nicht aufgelegt zum Reden, am wenigsten in der Richtung dieser Frage. Er antwortete kurz: »Ich finde das geschmacklos.«

»Was tausend,« entgegnete der Herr. »So jung und schon so blasiert? Aber Sie haben wahrscheinlich nur Katzenjammer. Hab ich recht?«

»Ja,« antwortete Henry kurz, hoffend, damit das Gespräch abzubrechen.

Aber der Herr fuhr fort: »Sie Ärmster! Nun ja – das Saufen! Das wäre das einzige, was mich abhalten könnte, meinen Sohn in ein Korps oder eine Burschenschaft zu geben, wenn ich einen Sohn hätte oder wüßte, wo er steckt.«

Henry sah ihn erstaunt an.

Der Herr lächelte: »La recherche de la paternité est interdite en France; der alte Napoleon war ein sehr kluger Herr und verstand sich auf die Französinnen. Aber das Suchen nach dem Sohne würde wohl auch er nicht verboten haben. Es wäre zu grausam. Ein alter Junggeselle, wie ich, der das Vergnügen hat, einen Sohn von sich unterm Monde zu wissen, würde es sich auch nicht verbieten lassen, diesen Sohn zu suchen. Verstehen Sie das, junger Herr?«

Er blinzelte Henry belustigt an, belustigt darüber, daß der sein Erstaunen über die seltsame Art, einem Unbekannten persönliche Dinge zu offenbaren, nicht verbergen konnte. Er fuhr fort: »Sie finden mich unkorrekt; nicht? Sicherlich. Denn unsere jungen Leute sind heutzutage so entsetzlich korrekt, als ob sie samt und sonders aus dem Lande Yes wären. Mir aber macht es Vergnügen, unkorrekt zu sein. Verstehen Sie das?«

Henry, der anfing Gefallen an dem sonderbaren Herrn zu finden, antwortete: »Warum nicht? Es ist vielleicht Ihr Sport!«

Da schlug der Herr die Hände überm Kopf zusammen: »Sport! Ich sags ja: Unsere Jugend wird englisch. Auch daran ist Frau Lehmann schuld.«

Jetzt glaubte Henry, es mit einem Irrsinnigen zu tun zu haben, denn er wußte nicht, daß die Kronprinzessin von gewissen antienglischen und für Bismarck schwärmenden Kreisen Frau Lehmann genannt wurde.

Der Herr legte den Zeigefinger auf den Mund und sagte: »Silentium, silentium profundissimum.«

Henry wurde es unheimlich. Der Mann war entschieden verrückt. Er sah ihn ängstlich an. Der aber lachte laut und schallend: »Fürchten Sie nichts! Ich gelte zwar für verrückt, bins aber nicht. Wenigstens nicht mehr, als man fürs Haus braucht. Ich bin bloß unkorrekt. Wenn Sie morgen ins Gewandhauskonzert gehen sollten, werden Sie aber finden, daß ich auch sehr korrekt sein kann. Oder doch auch wieder nicht. – Nun, wir wollen nicht von mir reden.«

– »Sie sind Künstler?«

– »Es gibt Leute, die so nachsichtig sind, mich dafür zu halten. Ich selbst gehöre in schwachen oder besonders starken Momenten selbst dazu. Sie sind offenbar nicht Künstler?«

– »Ich bin Student.«

– »Das brauchte Sie nicht zu hindern, Künstler zu sein. Unser größter Künstler seit Wagners Tod ist der Staatsmann Bismarck. – Verstehen Sie das?«

Dieses ewige »verstehen Sie das« fing an, Henry zu beleidigen. Er antwortete pikiert: »Dazu gehört am Ende nicht viel. Jeder große Gestalter ist Künstler.«

»Bravo!« rief der Herr aus und schlug Henry aufs Knie. »Bravissimo! Ich habe mich doch nicht in Ihrer Physiognomie getäuscht. Sie haben einen Schuß Künstlernatur in sich. Ihre Augen haben mir gleich gefallen, und auch ein gewisses Etwas um Ihren Mund, auch Ihre Lippen; sogar Ihre Nase, obwohl ich sonst diese babylonischen Nasen nicht leiden kann. Wenn Sie, wie jetzt, lächeln, wachen Erinnerungen in mir auf, die nicht nach Myrrhentinktur schmecken.«

Er sah Henry musternd ins Gesicht, wie einer, der etwas sucht und auf der Fährte zu sein glaubt. Dann rief er noch lebhafter aus, als sonst: »Wärs die Möglichkeit? Sollte es das Schicksal, dieses kapriziöseste aller Frauenzimmer, für gut befunden haben, mir zwischen Jena und Leipzig die Schwinge mit den goldenen Ähren zu reichen? Diese Linie an den Mundwinkeln? Dieses Verschieben der Unterlippe beim Lächeln? Dieses... dieses Glimmen in den Augen. – Mein lieber junger Herr! Sagen Sie mit nur das eine: fängt Ihr Name mit Sch. an?

Henry, nun vollkommen überzeugt, es mit einem Narren zu tun zu haben, lehnte sich steif zurück und antwortete: »Nein, durchaus nicht, ich heiße Hauart.«

Der Herr schüttelte enttäuscht den Kopf, lehnte sich gleichfalls zurück und sagte: »Schade!«

Dann entfaltete er eine große Zeitung, hinter der er sich, wie hinter einem Wandschirm, verbarg, um erst kurz vor Leipzig wieder sichtbar zu werden.

Als er ausstieg, sah er Henry noch einmal groß, aber mit einem verkniffenen Lächeln an und sagte: »Adieu, Herr Hauart! Sie wären wert, anders zu heißen.«

– Was für ein verrückter Kerl! dachte sich Henry.

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