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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 72
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Henry fühlte, daß freundschaftliche Anteilnahme aus diesen Worten sprach, und so richteten sie ihn etwas auf. Er konnte jetzt sogar, was er bisher ängstlich vermieden hatte, seinen Blick auf die andere Seite wenden, wo sein Gegner mit freiem Lächeln dastand und einen sausenden Lufthieb schlug.

Das hätte er nun freilich besser nicht sehen sollen. Es war ihm ein schlechthin gräßlicher Anblick. Seine bisher vage Furcht, sich in dumpfer Apathie äußernd, wurde zur deutlichen Angst vor etwas Bestimmtem, Persönlichem: vor diesem gelenkigen, langen, starken Menschen da drüben mit diesem entsetzlich langen und wie eine Peitsche durch die Luft pfeifenden Schläger. Seine Gleichgültigkeit schwand; es wallte etwas in ihm auf, etwas Pressendes, Eingesperrtes, das einen Ausweg suchte. Henrys Augen begannen hin und her zu schweifen, nicht anders, als ob er selber einen Ausweg suchte.

Aber in einem Schraubstock wäre er nicht fester eingeschlossen gewesen, als in seiner Bandagierung und durch die Gegenwart all dieser murmelnden, flüsternden, lachenden fremden Menschen, die auch ihrerseits alle wie festgebunden waren und, lachend oder mit ernster Miene, das Prinzip verkörperten, das sie band und zwang: das Prinzip der Überwindung körperlicher Furcht.

Da war kein Entkommen.

Da war kein Entkommen. Hier sich zu seiner Angst bekennen, dazu hätte es in der Tat einer moralischen Souveränität bedurft, die jede körperliche Feigheit wettgemacht hätte, denn sie hätte mehr bewiesen als ein Übermaß der körperlichen Furcht, nämlich eigentlich individuellen Mut gegenüber einem Mute der Vergesellschaftung.

Henry fühlte nur das eine: jetzt werde ich zur Schlachtbank geführt.

Er stand auf dem Kreidekreuz der Mensur, ohne zu wissen, wie er dahin gekommen war. Seine Linke umkrampfte mechanisch den durchgezogenen Riemen des Paukschurzes, sein rechter Arm ruhte auf den Armen des Schleppfuchses, seine Augen starrten wie in einen strudelnden Nebel.

Jetzt gab ihm jemand den Schläger in die Hand und flüsterte: »So fahr doch in die Schlinge! Gottsdonnerwetter!« Er tats. Jemand setzte ihm die Mütze für den Ehrengang auf. Er hörte wie ganz von weit her: »Silentium für eine Mensur auf Schläger mit Binden und Bandagen zwischen Frisia und Pomerania.« Dann kam das Kommando: »Silentium für den Ehrengang! Bindet die Klingen! Sind gebunden! Los! – Halt!« Die Mütze wurde ihm abgenommen. Es wurde Ernst.

– »Silentium für den ersten Gang! Bindet die Klingen! Los!«

Henry schloß die Augen und wedelte mit dem Schläger in der Luft herum. Sein Gegner aber schlug zu.

– »Halt!«

Es war der Gegensekundant, der gerufen hatte und nun hinzufügte: »Ich bitte, drüben auf Quartseite einen Blutigen zu konstatieren.«

Henry fühlte etwas Warmes an seiner linken Kopfseite herunterlaufen, und daß jemand an seinen Haaren herumfingerte. Dazu drang ein Flüstern an sein Ohr: »Du schläfst ja! Schlag deine Hiebe gefälligst aus und geh nicht schon nach halbem Hiebe wieder in Deckung!«

– Wie merkwürdig! dachte sich Henry, da hab ich nun einen Blutigen und habs gar nicht gespürt; die Sache ist nicht halb so schlimm. – Und er erkühnte sich, die Augen aufzumachen.

Da wars mit der Kühnheit aber auch schon wieder vorüber. Sein Gegner kam ihm jetzt noch riesiger vor, als vorhin, und das Geflüster, das nun auch drüben eifrig betrieben wurde, schien ihm nichts Gutes zu bedeuten. Was hatte denn dieser gräßliche Röhling zu grinsen und zu nicken?

Was führte er im Schilde? Nein, es war entschieden vernünftiger, die Augen wieder zuzumachen. Die Hiebe wollte er nun aber doch ausschlagen!

– »Bindet die Klingen!«

Henry preßte die Augen zusammen, daß es stockfinster um ihn wurde.

– »Los!«

Patsch! Patsch! – Herrgott, was war denn das? Der drosch ja mit Knüppeln!

Henry mußte die Zähne aufeinanderbeißen, um nicht laut zu brüllen vor Schmerz.

Sein Gegner hatte ihm zwei kräftige flache Hiebe genau auf die Stelle versetzt, wo der kleine Blutige vom ersten Gange saß.

– »Halt!«

Es war wieder der Gegensekundant, der Halt gerufen hatte.

– Gewiß zwei Knochensplitter, dachte sich, soweit er vor Schmerzen denken konnte, Henry.

– »Warum: Halt?«

– »Ich möchte mir die Frage gestatten, ob auf Gegenseite noch gefochten wird.«

Henry hatte es in der Tat vorgezogen, in Deckung zu bleiben und weder den ersten, noch den zweiten Hieb erwidert.

Jetzt war es kein Flüstern mehr an seinem Ohre, sondern ein Fauchen: »Mensch, du tust ja nichts als lauern! Schlag zu, Gott verdamm mich, oder ich...«

– »Wir bitten um Pause, die Paukbande sitzt zu fest.«

Kuttler sah wohl das Lächeln, das diese seine Mensurlüge drüben auslöste, und so steigerte sich seine Wut noch. Er riß an der Paukbinde wild herum und löste dabei die Schnalle etwas. Dazu fauchte er weiter: »Es ist eine Affenschande, wie du dich aufführst. Du verdienst, daß er dich rechts und links verflachmeiert. Schlag zu, sag ich!« Er knirschte bloß noch. Dann: »Wir bitten um Fortgang der Mensur!«

– O Gott, o Gott! Nur nicht wieder auf die Stelle, dachte sich Henry. Und: Zuschlagen! Zuschlagen! die Deckung hilft ja doch nicht.

– »Bindet die Klingen! Los!«

Diesmal schlug Henry besinnungslos Hieb auf Hieb immer gleichzeitig mit seinem Gegner, und er schlug auch weiter, wie es wiederum zweimal hintereinander gepatscht hatte, nicht weniger schmerzhaft als vorhin, o Gott nein, nicht weniger schmerzhaft.

– »Halt!«

Diesmal hatte Kuttler gerufen.

Auf die Frage: Warum »Halt«? entgegnete er knurrend: »Die Paukbinde hat sich gelockert.«

Ein sonniges Lächeln überstrahlte alles, was zu Frisias Fahnen schwur, während Pomerania in grimmiger Düsternis stand.

Was ist denn nun schon wieder los! dachte sich Henry. Ich habe doch keinen Hieb ausgelassen.

Er erfuhr es schleunig. Kuttler zog ihm die Halsbinde zusammen, daß ihm der Atem stockte, und grunzte wie ein verwundeter Eber. »Warte, du sollst dich nicht wieder in die Paukbinde verkriechen! Eher sollst du ersticken! Und wenn jetzt noch das Geringste passiert, jagen wir dich von der Mensur aus weg. Eine solche Schweinerei war noch nicht da!«

Er war so außer sich, daß Herr von Spöckhoff ihn ernsthaft ermahnte, nicht die Haltung zu verlieren.

Indessen flößte Böhle dem nun ganz Geknickten einen Kognak ein und raunte ihm ins Ohr: »Um Gottes willen, Kopf hoch! Kinn fest auf die Halsbande! Leg dich so weit als möglich vor und steh fest, fest, fest! Die Sache wird gleich aus sein.«

Aus sein! Aus sein! Aus sein! wiederholte sich idiotisch Henry. Sein zusammengeschnürter Hals schmerzte ihn fast ebenso wie sein Kopf, dessen linke Hälfte sichtlich aufgeschwollen war. Der ursprünglich kleine Blutige vom ersten Gang klaffte infolge der darübergezogenen flachen Hiebe auseinander und blutete stark nach. Henry war überzeugt, daß die Schädeldecke bloßlag. Obwohl er jetzt die Augen offen hatte, vermied er es ängstlich, zu dem Fürchterlichen hinüberzusehen, der ihn so tückisch quälte. Er war voller Grauen und Entsetzen und fühlte deutlich, daß niemand im Saale war, der Mitleid für ihn hatte. Das Lächeln der Friesen schien seiner schmerzhaften Gefühlsüberspannung ein Grinsen von Dämonen, die sich an seiner Schmach, ihrem Triumph, weideten und seinen völligen Untergang mit gellendem Hohngelächter begleiten würden. Dies war der Tiefpunkt seines Lebens. Er fühlte sich wie ein geprügelter Hund, der den letzten Tritt erwartet, und er hatte nur den einen Wunsch, so bald als möglich aus dieser schrecklichen schnürenden Paukbinde befreit zu sein und damit überhaupt frei von diesem ganzen gräßlichen Spuk bei hellem Tage.

– »Wir bitten um Fortsetzung der Mensur!«

Kuttler rief es übermäßig laut, machte aber ein so verkniffenes Gesicht dazu, daß man wohl merken konnte, wie wenig zuversichtlich ihm zumute war. Sein Entschluß stand fest: beim ersten Blutigen, und sei es auch nur der kleinste Krätzer, die Abfuhr zu erklären.

– »Bindet die Klingen! Sind gebunden! Los!«

Patsch! – »Halt!«

Kuttler schmiß den Sekundantenspeer weg. Der Schleppfuchs unterließ es, Henrys Arm zu stützen, der nun schwer hinabsank und schräg hängen blieb, daß das Ende seines Schlägers den Fußboden berührte.

Der Sekundant der Friesen legte die Linke wie beschattend an den breiten Schirm der Sekundiermütze und sagte mit trockenem Hohne, aber scheinbar sehr ernst und korrekt: »Ich bitte nachzusehen, ob sich der Gegenpaukant noch im Saale aufhält!«

O süße Rache! Der schöne Millionenfuchs der Pomerania war nun wohl endgültig erledigt. Gleich einen ganzen Schritt hinter die Krux zurückzutreten: das war ein bißchen reichlich.

Nach diesem Affront fühlte sich C. B. Kuttler aber sofort wieder. Er erklärte die Abfuhr und trat, wie sie vom Unparteiischen verkündet worden war, mit kaltem, aber höchst korrektem Gruße an den impertinenten Friesen heran und knurrte: »Sie werden von uns hören.«

Der Friese erwiderte den Gruß nicht weniger korrekt und antwortete: »Sehr wohl; es wird uns kein geringes Vergnügen sein.«

Maßen sich noch einmal kalt höflichen Blickes und drehten sich um.

Siehe, der Geist der P. P. Suite schwebte feierlich durch den Saal.

Mit Henry wechselte keiner der Pommern ein Wort. Nur Böhle trat, während er unterm Flicken stöhnte, wie zufällig an ihn heran und sagte: »Ich gehe jetzt zu dir und erwarte dich auf deiner Bude. Dir bleibt nichts weiter übrig, als dich unauffällig zu entfernen. Ex est voluptas.«

*

Als Henry auf seiner Bude erschien, den Kopf unter einer Kompresse, von der sich sein Gesicht gespenstisch grünbleich abhob, fand er bereits die Insignien seiner Pommernschaft taktvoll beseitigt.

Er warf sich in einen Stuhl und starrte, fest die Lippen aufeinandergepreßt, vor sich hin.

»Na,« sagte Böhle, »diese Episode deines Curriculi vitae wäre erledigt; nicht gerade brillant, aber im Grunde mit guter Schicksalslogik. Du kannst dir nun die Mühe ersparen, deinen Austritt zu erklären. Der reitende Bote Pomeraniae wird bald erscheinen, dir mitzuteilen, daß die Renonce Hauart...

»Laß das!« rief Henry aus und sprang auf. »Ich nehme niemand von dieser Gesellschaft an. Sie haben es ja so gewollt. Sie wußten wohl, daß mir die ganze Korpstuerei längst zuwider war. Recht vornehm, mir auf diese Art zuvorzukommen.«

Dieser hurtige Umschwung überraschte selbst Böhle. So ein Millionär, dachte er sich, hat doch erstaunliche Talente, und der Korpsstudent in ihm hatte nicht übel Lust, eine gesalzene Richtigstellung zu produzieren. Aber er unterdrückte sie und sagte: »Standpunkte! Doch wir wollen uns nicht darüber auseinandersetzen. – Weißt du, was jetzt so elend verflachmeiert worden ist? Deine Millionen, Gamasche. Frisia wollte dem hochwohllöblichen C. C. der Pommern ad oculos demonstrieren, daß man nicht ungestraft einen Millionär unter seinen Renoncen hat. Daher die etwas, na, sagen wir: nicht völlig einwandfreie Manier, ausschließlich mit Flachen zu operieren. – Na, lassen wir das. Aber ich fürchte, mein Junge, es wird dir noch manchmal so gehen, daß man dich um deiner Millionen willen schlecht behandelt, oder auch zu gut. Was auf eins herauskommt. Im Grunde bist du übel daran. Der Beruf, für den du bestimmt bist: ein sehr reicher Mann zu sein, gilt im allgemeinen für leicht und lustig. Ich zweifle daran, daß dem so ist, erachte ihn vielmehr bei nicht angeborenem Genie dafür als schwierig und ziemlich unbequem. Arme Gamasche! Du bist noch längst nicht imstande, auf dem Kothurn des Reichtums sicher und stolz einherzuschreiten. Das Beste wäre, du suchtest dir einen Lehrer, der dir erst das ruhige, gerade, ordentliche Schreiten und dann, wenns Zeit ist, das Kothurnen beibringt. Er müßte dir mindestens die Hälfte deiner Millionen wert sein, ohne daß er darauf in bar Anspruch machte. Mit anderen Worten: Ein Genie und ein Engel.«

Henry stand allzusehr unter dem Einflusse seiner letzten, schmerzhaften Erlebnisse, als daß er diesen Worten die nötige Aufmerksamkeit hätte schenken können. Aber sie waren nicht ganz vergeblich gesprochen, denn sie kamen dem einzigen Gedanken entgegen, der ihm heute einen gewissen, inneren Halt gegeben hatte: dem Gedanken an Karl.

Böhle aber hatte sie auf einen anderen gemünzt: auf Hermann Honrader. Er wußte, daß Henry zu diesem auch von ihm bewunderten Führer der jungen Literatur Beziehungen hatte, wenngleich es ihm unbekannt war, wie sie waren. Er fuhr fort: »Ich kenne Hermann Honrader nicht persönlich, wie du, aber nach seinen Schriften scheint er mir ganz der Mann zu sein, der deinen Erzengel abgeben könnte. Genie hat er, und ich kann mir nicht denken, daß das Herz, das in seinen Büchern so gewaltig liebevoll schlägt, bloß geniales Nachfühlen ist. Schließ dich dem an. Nicht als literarischer Jünger, sondern als Lebensschüler.«

»Dem?« rief Henry erstaunt aus. »Das ist ja ein Sozialdemokrat!«

»Ach was, Unsinn!« entgegnete Böhle, »er ist ein Dichter und fertig. Die Sozialdemokratie ist die Schwäche, durch die er mit seiner Zeit zusammenhängt. Er wird sie bald genug überwunden haben, erstmal aus sich selber heraus, und dann um so mehr, wenn er in Berührung mit reellen Millionen gekommen ist. Aber gerade seine sozialen Gefühle werden, soweit sie bleibend in ihm sind, sehr heilsam für dich und ein schätzenswertes Unterrichtsmittel im Lehrplane sein. Ich sage dir: er kann einen idealen Millionär aus dir machen!«

– »Ich danke, ich bin kein Idealist.«

– »Hast du auch gar nicht nötig. Und gerade ein Mann, wie Honrader, könnte dich dahin führen, ohne allen Idealismus ein ganzer Kerl zu werden, der sich selber wohl in seiner Millionenhaut fühlt, indem er begreifen lernt, daß nur die Kräfte dem Menschen zum Wohlgefühle gereichen, die resolut und zielbewußt im Sinne ihrer Bestimmung betätigt werden. Bei Millionen gehört immer auch dazu, daß sie irgendwie Wohlgefallen über die Person ihres Besitzers hinaus erregen. Sonst sind sie ein Unfug und zu nichts weiter gut als zu einem Düngemittel sozialdemokratischer Aspirationen.«

Das verstand Henry nur sehr ahnungsweise, aber er begann immerhin, auch Hermann Honrader in das Gesichtsfeld der Perspektive zu rücken, die sich jetzt vor ihm auftat.

»Auf alle Fälle geh ich jetzt nach Leipzig,« sagte er »und ich werde Honrader natürlich aufsuchen.«

»Recht so,« meinte Böhle, »und wenn du ihn von mit grüßen willst, so vergiß ja nicht, ihm zu sagen, daß ich nicht bloß der Verfasser des berühmten Zyklus Neuer Mut, sondern auch der zweibänder-Mann bin, der den alten in zweiundzwanzig Mensuren auf Schläger, achten auf Säbel und vieren auf Pistolen höchst ruhmreich bewährt hat. Du aber sei froh, daß du das jetzt nicht mehr nötig hast. Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze.«

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