Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Otto Julius Bierbaum >

Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 70
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
Schließen

Navigation:

Er steckte sich eine Zigarette an und trank ein Weinglas voll Whisky aus, als ob es Wasser wäre. Dann fuhr er fort: »Sie fassen mich ganz falsch auf, Gamasche. Ich rede nicht als der Zweibändermann zu Ihnen, der die Ehre hat, mit Pomerania zu kneipen und deshalb einen jungen Pommernfuchs auf die rechte Bahn bringen möchte. Nein, Gamasche! In dieser Eigenschaft, die ich keineswegs unterschätze, denn ich wüßte nicht, was Besseres ich wäre, als Korpsstudent, müßte ich ganz anders reden oder vielmehr schweigen. Ich täte es auch, wenn ich an Ihre S. C.-Zukunft glaubte. So aber, da ich überzeugt bin, daß Sie über ein Kleines nicht mehr Korpsstudent sein werden, rede ich mit Ihnen einfach als ein älteres Semester, das Interesse an Ihnen nimmt, weil Sie wirklich eine nicht uninteressante Erscheinung sind.«

– »Sehr verbunden.«

– »Bitte. Es ist gerne geschehen. Sie sind mir übrigens nicht bloß wegen Ihrer Millionen interessant, obwohl Millionen immer interessant sind. Sie sind es mir, weil Sie trotz Ihrer Millionen so merkwürdig naiv sind. Irgend etwas stimmt bei Ihnen nicht. Ich will nicht davon reden, daß Sie eingestandenermaßen Verse gemacht haben. Das könnte einfach eine Perversität oder auch bloß eine Millionärslaune sein. In Prag soll ein Millionär leben, der sich seine Strümpfe selber strickt. Warum sollten Sie sich nicht darauf kaprizieren, sich Ihre Verse selber zu machen, zumal da es ja leichter ist, als Strümpfe stricken? – Nein, das ist es nicht. – Es ist ein tieferer Riß in Ihnen. Sie sind nicht ganz, Gamasche. Und eben deshalb interessieren Sie mich. Sie sind der reiche junge Mann, wie er im Buche steht, und sind doch auch das reine Lämmerschwänzchen. Man müßte blind sein, würde man nicht sehen, daß Sie herrschen, bestimmen, die erste Geige spielen, von sich reden machen wollen, und doch treten Sie in ein Korps ein und bleiben darin, obwohl Sie, und mit Recht, als Füchslein-duck-dich behandelt werden. Lassen wir alles andere beiseite und bleiben wir bei diesem Punkte. Ich frage Sie, Gamasche, und verstoße damit aufs heftigste gegen meine Stelle als M. C. bei Pomerania: Warum gehen Sie nicht hin und legen Ihr Fuchsband auf den Tisch des C. C.? Ist Ihre Eitelkeit, einen orangegelben Stürmer zu tragen, nicht längst befriedigt? Fühlen Sie nicht, daß Sie sich größere Eitelkeiten leisten können?«

Henry war verblüfft. Dieser M. C. sprach Gedanken aus, die sich in ihm nur nicht heraufgewagt hatten, deren er sich aber immerhin manchmal, wenn auch unklar, bewußt geworden war. Indessen wachte gleichzeitig, und mächtiger, der Poseur in ihm auf.

Er antwortete: »Sie unterschätzen mich doch wohl. Ich bin nicht aus Eitelkeit aktiv geworden. Ich habe eine sehr bestimmte Absicht damit verfolgt. Mag sein, daß auch sie von Eitelkeit eingegeben ist: Ich möchte, wenn ich einmal C. B. bin, den Versuch machen, die alte vornehme Institution der Studentenkorps in einem zeitgemäßen kulturelleren Sinne zu erneuern.«

Der Eierkognak hatte ihn wirklich gekräftigt. So sehr, daß er in diesem Momente an seine Redensart glaubte. Um so mehr, als ihn immer ein wenigstens ähnlicher Gedanke aufrechterhalten hatte: Laßt mich nur erst im C. C. sein! Ich will euch schon zeigen, ob ich nicht auch euch unterkriegen kann!

Fritz Böhle erhob sich zum zweiten Male und sagte: »Gestatten, daß ich mir jetzt noch etwas Kräftigeres hole, für Sie aber etwas Beruhigendes. Bromwasser haben Sie wohl nicht da?«

»Ich möchte doch bitten, meine Äußerung ernst zu nehmen«, entgegnete mit S. C.-Betonung Henry.

»Gewiß,« sagte Schniller und trank ein großes Glas braunroten Schnapses leer. »Gewiß! Ich will Sie so ernst nehmen, daß ich sogar darauf antworte. Und zwar: Gamasche, wir wollen Schmollis trinken.«

Es geschah, und Schniller sagte: »So, und nun wollen wir von was anderem reden. Ich bin ohnehin nicht mehr imstande, mich in der Höhe zu bewegen, in die du das Gespräch gehoben hast. Sag mal, Gamasche, bist du schon gedruckt?«

– »Laß doch die dumme Dichterei. Ich möchte wirklich gerne wissen, was du von meinem Plane hältst.«

– »Du mußt dir beim Fechten noch viel abgewöhnen, bis man dich auf Mensur stellen kann.«

– »Herrgott, davon ist doch nicht die Rede.«

– »Doch, es ist sehr viel davon die Rede. Die C. B. C. B. Pomeraniae reden unausgesetzt davon, und ich muß ihnen recht geben. Wenn du schon auf dem Fechtboden lauerst und mit dem Kopf zurückgehst, wie wird das erst werden, wenn du keine Maske mehr aufhast?«

– »Das laß meine Sorge sein. Übrigens finde ich wirklich, daß diese Art Fechterei ein Unsinn ist. Alle Fechtkunst geht dabei zum Teufel.«

– »Du sollst dich gar nicht als Fechtkünstler produzieren, Gamasche. Du sollst deinen Kopf hinhalten und keinen Hieb auslassen. Sonst giltst du als Kneifkünstler.«

Henry war doch genug Korpsfuchs, um von diesen Worten grimmig beleidigt zu werden. Er vergaß seine Kulturfragen und sprang empört auf »Derlei laß ich mir auch von einem M. C. nicht sagen. Ich ersuche dich, das Wort zu revozieren.«

Schniller erhob sich, schon etwas wankend, und machte eine tiefe Verbeugung. »Ist schon erledigt. Ich erkläre jede kulturelle Möglichkeit für ausgeschlossen. Aber nun«, und er setzte sich wieder, »wollen wir endlich von weniger anstrengenden Dingen reden. Ach, Gamasche, warum verstehen wir einander nicht?«

– »Wieso denn?«

– Siehst du nicht, daß ich dich retten will?«

– »Wovor denn?«

– »Vor meinem Schicksal.«

Er lehnte sich im Stuhle zurück und sah mit glasigen Augen, die scheinbar gar keine Pupillen hatten, in den Abend hinaus. Man hörte in der Ferne das alte Burschenlied: »Stoßt an, Freiheit soll leben, hurra hoch!« Dann goß er wieder ein volles Glas in sich hinunter und schenkte mit unsicherer Hand ein neues ein.

Die Rollen schienen vertauscht. Jetzt war er der Kranke, während Henry wieder seine Stehaufnatur bewährt hatte und ganz munter aussah.

»Was ist dir denn, Schniller,« fragte er besorgt. »Du bist ganz blaß geworden, bis auf die Lippen blaß, und zitterst. Kann ich etwas für dich tun?«

Böhle ließ den Kopf auf die Brust sinken. Dann griff er in die Brusttasche und zog ein Etui hervor. »Mach mir bloß, bitte, die linke Manschette auf,« sagte er tonlos, »und schieb mir den Ärmel in die Höhe. Meine Arme sind fasernmatsch, wie ausgekochte Spargel. Und nun guck, bitte, weg. Ich habe eine kleine Heimlichkeit zu besorgen, bei der man sich nicht gerne zusehen läßt. Nein, wirklich, du mußt zum Fenster hinaussehen. Die Pulsadern schneide ich mir noch nicht auf«

Henry sah zum Fenster hinaus. Er hatte ein Gefühl von Grausen; obwohl er nicht wußte, was Böhle tun wollte.

Der öffnete mit zittrigen Fingern das Etui und nahm eine kleine Injektionsspritze heraus, die er am linken Unterarm ansetzte und entleerte. Der ganze Unterarm war wie übersät mit kleinen roten Punkten vom Ansetzen der Spritze.

»So, jetzt kannst du wieder hersehen, Gamasche,« sagte er, indem er Hemd- und Rockärmel wieder vorschob und die Manschette schloß.

– »Es ist eine blöde Scham, daß ich dabei nicht gerne zugucken lasse. Denn schließlich gehört ein bißchen Morphium zur Noblesse.«

»Du bist Morphinist!?« rief Henry entsetzt aus.

Böhle versenkte das Etui in seiner Rocktasche und sagte, bereits mit kräftigerem Ton: »Bitte, sich nicht so unangenehm zu entsetzen. Morphinist! Das klingt wie Vatermörder. Ich sage doch auch nicht mit gesträubtem Haare zu dir: Du bist Alkoholiker, wenn du den Eierkognak flakonweise konsumierst. Morphinist! Unsinn. Ich spritze manchmal ein bißchen, aber selten und mit Maß. Nur bei gewissen plötzlichen Anfällen, wie vorhin. Habe die Güte, dich zu beruhigen und das Intermezzo als erledigt zu betrachten. Es versteht sich am Rande, daß du zu niemand davon sprichst.«

– »Natürlich. Aber du solltest das wirklich nicht tun.«

– »Wirklich? Was du für eine wohlmeinende Gamasche bist. Aber genug! Satis superque! Wovon sprachen wir doch? Ich habs radikal vergessen.«

– »Du drücktest dich etwas rätselhaft aus. Du sagtest, du wolltest mich vor deinem Schicksal retten.«

– »Blödsinn. Das war der Anfall. Nimms für temporäres Irresein.«

– »Ich glaube, daß du genau wußtest, was du sagtest.«

– »Mag sein. Aber, daß ich es sagte, war verrückt. Ich bin auch ein bißchen betrunken, wie mir scheint. Mit diesem Trank im Leibe sieht man Gespenster, auch wenn man nicht in den Spiegel guckt. Prost, Gamasche, du sollst leben. Aber mach, daß du aus dem Korps herauskommst. Du steckst nichts auf bei Pomerania. Und wenn dich das Korps einmal hat, das sag ich dir, dann läßt es dich nicht los! Es frißt dich auf. Du bist nicht aus dem Holze der Kuttler, Sturm, Siebeneichen, Spöckhoff usw. Die sind dafür gewachsen und kriegen nur eine um so dickere Rinde fürs Leben davon. Aber unsereins wird abgeschält davon, daß die Nerven eines Tages bloß daliegen und auf jede niesende Mücke reagieren. Daher der Name Morphium, Gamasche, daher! Die zwei Bänder ersetzen die Haut nicht. Sie scheuern fürchterlich auf den Nervenenden.«

Er trank wieder. Dann fuhr er fort: »Ach was! Ich sags doch! Seit vier Jahren laure ich auf einen Menschen, dem ichs sagen kann, ohne hören zu müssen: Schniller, du dichtest! – Das Korps ist eine wundervolle Einrichtung, Gamasche! Was die Philister dagegen sagen, ist Blech. Es ist ein Beweis für die robuste Gesundheit, die noch immer in einem guten Teile der deutschen Jugend steckt, daß es immer noch junge Leute, und darunter nicht die wertlosesten, gibt, die sich von dieser Verkörperung überströmender, spielender und im Spiele doch männlich bewußter Kräfte anziehen lassen. Aber, Gamasche, man muß selbst Kraft zu vergeuden haben, und, vor allem, man muß ganz sein, ohne Risse, ohne innere Diskrepanzen. Meinetwegen borniert. Das ist ja die herrlichste Gabe fürs Leben. Menschen, die irgendwie auseinanderklaffen, wie du und ich, wenn auch auf verschiedene Weise, sollen sich vor dem Korps hüten.«

– »Das sagt ein Zweibändermann?«

– »Gott straf mich, ja, ein Zweibändermann. – Wenn ich es dir nur klarmachen könnte, was dir bevorsteht, wenn du nicht rechtzeitig ausreißt, oder, was ich annehme, hinausgetan wirst.«

– »Aber erlaube mal...«

– »Bitte, bitte, nur keine Empfindlichkeit jetzt! Es kann dir kein größeres Glück passieren, Gamasche. Sonst geht es dir, wie mir. Es schläft scheinbar alles das, was nicht ins Korps, dafür aber aufs wesentlichste zu dir selber gehört, ein. Du wirst auf einmal ein brillanter C. B. Du gehst auf im Korps. Aber nicht mit Freuden. O nein, mit dem allerschlechtesten Gewissen. Du fühlst, daß du dich und das Korps betrügst. Aber das Korps hat dich. Es ist nicht, wie bei den anderen, die das Korps bilden, die wirklich Mitglieder des Korps sind, die gewissermaßen seine Lebensorgane sind, bis sie darüber hinauswachsen und anderen Platz machen. Nein, du bist eingeschlossen, wie in einen Ring, eingekapselt, kannst nicht hinaus. Dein eigentliches Wesen ist dir genommen, du bist zu einer Funktion dir fremder Formen geworden. Draußen ist das schaffende Leben, Aufgaben, Ziele; in dir hebt und drängt es sich immer wieder aus dem Unterdrückten deiner eigensten Art, aber du fühlst dich zu schwach, hinauszutreten, bist wie eingeleiert in diesem Spieluhrenmechanismus, der dir selber nun oft genug läppisch erscheint, ja, fühlst dich einzig hier geborgen. Was nur als verkleinertes, phantastisch aufgehöhtes Bild des Lebens einen Sinn hat, und als solches einen schönen Sinn, wird für dich das Leben selbst. Das kann nur einen fürchterlichen Ekel zur Folge haben, Ekel an dir und dieser durch dich maßlos verzerrten Sache. Aber du kannst nicht mehr los davon und wartest mit Grauen auf den Augenblick, wo sie dich wegstoßen muß. – Ja, wenn Spöckhoffs Vergleich wirklich bis ins Eigentliche Geltung hätte! Wenn Korpsstudentsein Lebensberuf wäre wie Mönchsein, mit den Jahren zunehmend an Kraft, Süße und Bedeutung! Wenn es nicht bloß ein Spiel wäre, ein Spiel für Kräftige, die im rechten Augenblicke aufzuhören wissen!«

Er sank wieder ganz in sich zusammen.

Henry sah ihn verständnislos an. Er begriff wohl den Sinn dieser Ausführungen, deren Illustration er leibhaftig vor sich sah, aber er erblickte keinerlei Bezug zu sich darin.

Dieser da war eben ein bedauernswerter Willenloser, willenlos von Anfang an und darin durch das Morphium um jeden Rest von Entschlußkraft gebracht.

Ihm konnte derlei nicht passieren. Daß er jetzt mehr dahindämmerte, als wirklich lebte, war nur eine Folge der seinem Wesen allerdings ganz ungeeigneten Stellung als Fuchs. Dafür würde er aber später um so mehr Willen entwickeln und durchsetzen. Und, worauf anders sollte dieser Wille hinauszielen, als gerade darauf, daß in einem Korps nach seinem Sinne auch differenziertere Kulturmenschen sich ausleben können sollten! Diese bornierten Bauernnaturen, wie Kuttler, sollten eben inskünftig das Korps nicht mehr ausschließlich bilden. Es sollte nicht mehr eine Institution für Leute aus dem Teutoburger Walde sein, sondern eine Vereinigung gerade der feinsten, empfindlichsten und darum vornehmsten Kultursprößlinge.

Er redete das alles an den immerzu trinkenden Böhle hin, auch seinerseits den verschiedensten Marken seines Lagers fleißig zusprechend. Aber Böhle grinste nur noch oder warf höchstens ironische Beifallsäußerungen dazwischen als: »Wie wahr!« »Welch schöne Perspektive!« »Damit wirst du in Kösen Furore machen!«

Schließlich wurde er ganz betrunken und weinte.

Henry ließ ihn ins Bett bringen und vergaß in Linas Armen diese unerquickliche Beichte des entgleisten Zweibändermannes gerne und ganz.

Mahnungen des Schicksals mußten ihm gegenüber in anderer Verkörperung auftreten, wenn sie wirken sollten.

 << Kapitel 69  Kapitel 71 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.