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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 69
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Die Renonce

Als Herr Henry Felix Hauart Pomeraniae, stud. phil. et rer. nat. (doppelt genäht, hält besser, und hier tat eine gute, äußere Naht besonders not) zum ersten Male im Schmucke des orangenen Stürmers und des Pommernfuchsbandes den Korpsbummel mitmachte, war in korpsverständigen Philisterkreisen nur eine Stimme darüber, daß die Pommern diesmal aus dem Schlangentopf der Füchse den prächtigsten Aal gezogen hätten. Aber auch die grau-rosa-grünen Troglodyten, die blau-rot-schwarzen Friesen und die schwarz-weiß-blauen Altenburger verhehlten es sich nicht, daß der jüngste Pommerfuchs wirklich nach den Millionen aussah, mit denen ihn die Legende schon von dem Augenblicke an gloriolengleich umgeben hatte, als es ruchbar geworden war, daß er ganz allein die erste Etage des Elefanten bewohnte.

»Pomerania cacabit in modum äh-bäh!« meinte in klassischem Latein der erste Chargierte der Friesen; »man wird bei einem so glänzend equipierten Renommierfuchs nicht umhin können, feudal zu werden.«

Immerhin war sowohl das Lateinische wie das Deutsche seiner Kritik etwas neidgedüngt.

Besonders erfreut über die glänzende Akquisition der Pommern waren alle Gewerbetreibenden, bei denen ein Mitglied des Korps in der Kreide stand. Aber es gab auch mehr als ein junges Mädchen, dem dieser neue Pommernfuchs besonders interessant deuchte.

»Wie stolz er aussieht!«

»Wie verächtlich er um sich blickt!«

»Wie nobel er angezogen ist!«

Leider war C. B. Kuttler, den Henry als Leibburschen erhalten hatte, über den letzteren Punkt anderer Meinung. Er nahm Henry auf dem Frühschoppen beiseite und hielt ihm folgende Standpauke. »Hör mal, Leibfuchs, dein Schneider gefällt mir nicht. Der Mann muß anders werden, oder er muß seine Erzeugnisse dem Genius loci und Pomeraniae anpassen. Es geht ja die Sage, daß es Korps gibt, bei denen die Chargierten nach dem mehr oder weniger patenten Schnitte der Überzieher gewählt werden. Ich weiß nicht, ob das wahr oder ein schändlicher Witz ist, aber ich schwöre dir, daß Pomerania zu diesen Korps nicht gehört. Dein hechtblauer Überzieher mit talergroßen Perlmutterknöpfen mag sich für einen primo Tenorio eignen; für einen Pommernfuchs ist er ein schlechthin unanständiges Kleidungsstück. Schenk ihn unserem Korpsdiener, daß er seiner Gattin einen Unterrock daraus machen läßt, und aus den Perlmuttertalern seiner Schwiegermutter eine Ehrenkette. Von dem übrigen will ich schweigen; es mag zur Not angehen, wenn das Zeug einmal nicht mehr so gräßlich neu aussieht. Aber, Leibfuchs, du hast da so Dinger unter den Hosen herausgucken; man nennt sie, wenn ich nicht irrig bin, Gamaschen. Diese abzutun befehle und gebiete ich dir bestimmt. Auch für sie wird Matschke eine bessere Verwendung haben. Er kann sie bei feierlichen Gelegenheiten als Krawatte tragen.«

Was blieb dem also gerüffelten Fuchs nach dieser glänzenden Abfuhr anderes übrig, als sie auf der Stelle auszuziehen? Sie kamen mit einem Zettel, auf dem geschrieben stand »Henry Felix Hauarts Verirrung« ins Pommern-Museum.

Aber ach, es war das nicht die einzige Standpauke, die Henry über sich ergehen lassen mußte. Dieser kritische, nie um ironische Spitzen verlegene Leibbursch hatte unendlich viel an ihm auszusetzen. Im Vergleich mit C. B. Kuttler war Pastor Südekum noch säuberlich mit ihm umgegangen.

Das war die berühmte Burschenfreiheit?

Aber freilich: er war ja noch kein Bursch, war bloß ein Fuchs, in der S. C.-Sprache sogar um die Qualifizierung als etwas Männliches gebracht: eine Renonce. Kein Wunder, daß man auch seine männlichen Funktionen, soweit sie das Gebiet des Fechtens und Trinkens verließen, behindern wollte. Er war schließlich auf sein Stubenmädchen angewiesen und auf das, was er »Dorfmenscher« nannte.

War das die Vornehmheit des Korps? Das war doch einfach kulturlos. Und was anderes als Unkultur war dieses unmäßige Saufen eines scheußlichen, billigen Dünnbieres?

Dabei keine Möglichkeit einer Änderung. »Steig in die Kanne, Füchschen; schleck, Füchschen; trink Rest, bis du wieder gesund bist!«

Dieses und ähnliches erhielt er zur Antwort, wenn er auch nur ganz von ferne kulturellere Ideen anzudeuten sich vermaß.

Er war ein Nichts, eine Null, ein Knabe, den man nach spartanischen Prinzipien erzog. Er gehörte ja nicht einmal dem eigentlichen Korps an. O nein: nur in den Vorhof war er zugelassen. Der fehlende Silberstreifen in seinem Bande sprach es deutlich genug aus: du bist noch gar kein richtiger Pommer.

War er nicht geradezu ein Diener der C. B. C. B.? Verflucht richtig war Spöckhoffs Vergleich mit dem Mönchstum gewesen. So sind ja auch die Novizen halb und halb dienende Brüder.

Am empfindlichsten war es ihm, daß sein Geld gar nicht zu imponieren schien, daß man ihn vielmehr geflissentlich daran hinderte, es zur Geltung zu bringen. Vergeblich wartete er auf den Moment, daß ihn ein Korpsbruder anborgen würde.

So blieb er, der gewöhnt war, sich durch sein Geld die Menschen schnell und mühelos zu verbinden, im Korps so gut wie isoliert, und an eine irgendwie prominente Stellung war, das lehrte jeder Paukboden, jede Kneipe, jeder Bummel, gar nicht zu denken, solange er sich noch im Zustande der Renoncenschaft befand. Es galt also wieder einmal, sich zu ducken und auf bessere Zeiten zu hoffen. Aber es fiel ihm das jetzt schwerer als damals in der ersten Hamburger Zeit, bevor er die Bäume der Erkenntnis geschüttelt und nebenbei erkannt hatte, daß er in der Anwartschaft auf seine Millionen ein Mittel besaß, andere zu ducken.

Ein recht unerquicklicher Zustand, zumal da auch körperhafte Unbehaglichkeiten hinzukamen. Das gewaltige Saufen bekam ihm übel. Er war ewig verkatert und außerdem müde und matsch, da er der ortsüblichen Venus immerhin mehr huldigte, als sich mit andauerndem und heftigem Gambrinuskult verträgt. Auch ließ er es leider bei den allerhand Getränken, die außer dem Bier gemeinsam konsumiert wurden, nicht sein Bewenden haben. Das eine seiner Zimmer wurde zu einem wahren Schnapsmuseum, obwohl es unter den Korpsburschen nicht an vernünftigen Leuten fehlte, die gegen diese Institution Einwendungen hatten. Indessen die Mehrzahl, und darunter auch Leibbursch Kuttler, erwiesen sich in diesem Punkte als schwach.

Anfangs hatte er es ihm zwar verbieten wollen, andauernd im Elefanten zu wohnen, weil er wohl die Empfindung hatte, daß das bedenkliche Folgen für den »Jüngling mit dem goldenen Kandelaber«, wie er ihn seines Geldes wegen gerne nannte, haben konnte. Aber schließlich hatte es ihm selber gefallen, hier immer einen ganzen Musterkeller besserer Spirituosen und auch jederzeit Delikatessen der ihm sehr sympathischen scharf gesalzenen und marinierten Art vorzufinden. Kuttelsack war die Honorigkeit selbst; er würde auch in den bedrängtesten Momenten nicht daran gedacht haben, seinen Leibfuchs etwa anzuborgen, und er würde gegen jeden Demission beantragt haben, der das getan hätte. Aber gegen Sherry Brandy, Scotsh Whisky und dergleichen war er, trotz seiner sonstigen innigen Abneigung gegen die vereinigten Königreiche und ihre »greulichen Eingeborenen«, wehrlos. »Der Mensch soll niemals kneifen,« war sein Grundsatz, »also auch nicht vor Schnäpsen.«

Aber was der Korpsbursch vertrug, vertrug nicht auch die Renonce. Zwar schien es Henry, als ob er seinen Magen neu aufsteige mit diesen scharfen Produkten englischer Destillation, wenn er von den allzu großen Massen dünnen Weißbieres flau geworden war, aber weder vertrug der allzu heftig mißbrauchte Magen diese Beiz- und Reizmittel, noch erwiesen sich Nerven und Gehirn als stark genug dazu.

Es dauerte nicht gar lange, und Henry zeigte die deutlichsten Symptome allgemeiner Angegriffenheit, zuerst jenen unschönen Tatterich, das Händezittern, das nur erneuter Alkoholzufuhr wich, und dann den gleichfalls nur durch Spiritusaufgüsse zu bannenden Zustand blöde glotzenden Stumpfsinns.

Im Verkehr mit den Korpsbrüdern zeigten sich diese hier wahrhaftig viel zu früh auftretenden Erscheinungen kaum je, denn Henry verließ den Elefanten nie, ohne zuvor reichlich aufgegossen zu haben, aber, wenn er zu Hause und allein war, fiel er manchmal ganz greisenhaft jämmerlich zusammen.

Fritz Böhle, der Dichter des Pommernliedes, der von Anfang an ein gewisses Interesse für ihn an den Tag gelegt hatte und schon öfter bei ihm im Elefanten erschienen war, in der Tat nicht so sehr der Schnäpse wegen, als aus Interesse an dem jungen Fuchs des befreundeten Korps, traf ihn eines Tages in einem ganz und gar desolaten Zustande an.

Henry saß, in seinem seidenen Schlafrock fast verschwindend, in einem weitarmigen alten Polsterstuhle und streichelte, blöde vor sich hinstarrend, die Statuette des reitenden Kosaken. Es war zur Dämmerstunde an einem Mittwoch, und Böhle wollte ihn eigentlich zur Kneipe abholen.

»Gott, wie sehen Sie denn aus, Gamasche!« rief er ihn bei dem Spitznamen an, der ihm vom ersten Tage seiner Aktivität her geblieben war, »Sie sind ja krank! Zeigen Sie mal den Puls und die Zunge! – Sie können heute unmöglich auf die Kneipe gehen.«

»Ich habe mich schon entschuldigen lassen,« antwortete Henry und reichte ihm die zitternde Rechte.

»Das ist vernünftig,« meinte der vor der dritten Station seines Staatsexamens stehende cand. med., »obwohl es Ihnen Kuttelsack niemals verzeihen wird. Aber warten Sie, ich schreibe eine Karte auf die Kneipe und bleibe, wenn es Ihnen recht ist, eine Weile bei Ihnen. Ich bin Ihnen gesünder, als die kleine Lina, die Sie offenbar viel zu häufig frequentieren. Das Mädel kanns aushalten, denn sie säuft nicht auch, aber für Sie ists Gift, Gamasche. Man kann nicht zween Herren dienen, zumal wenn der eine ein Thüringer Bauernmädel ist. Die kann eine ganze Fuchsgeneration unter die Greise bringen, und dann geht sie hin und kriegt als brave Ehefrau zwölf Kinder. Eine bewundernswerte Rasse. Lieb Vaterland, kannst ruhig sein.«

Dann schrieb er auf eine Visitenkarte: »Gamasche ist wirklich krank, nicht bloß schlapp. Aber es wird vorübergehen, wenn sie ein paar Tage im Korbe bleibt. Ich leiste ihr Gesellschaft. Schniller.«

Dann wandte er sich, nachdem er Friedrich mit der Karte weggeschickt hatte, an Henry: »Haben Sie keine Angst, Gamasche. Ich will Ihnen keine Gardinenpredigt halten. Die hören Sie so schon genug, und es ist nicht mein Amt. Übrigens sage ich nicht, daß Kuttelsack nicht unrecht hat, wenn er Sie piesackt. Er hat als Ihr Leibbursch sogar sehr recht. Sie sind noch eine recht mangelhafte Renonce, im allgemeinen sowohl, wie im besonderen.«

»Aber Sie reden ja nichts als Gardine, Herr Böhle,« meinte kläglich Henry.

– »Ich konstatiere bloß, Gamasche. Aber nennen Sie mich bitte Schniller. Wir sind ja Kollegen.«

– »Ich? Du lieber Gott! Seitdem ich Renonce bei Pomerania bin, habe ich keinen Vers mehr geschrieben.«

– »Glauben Sie denn, daß ich Verse geschrieben habe, wie ich bei Teutonia renoncierte? Ich habe mich damals aber auch nicht so ausgiebig mit Stubenmädchen abgegeben.«

– »Vermutlich, weil Sie Besseres hatten in Bonn.«

– »Besseres? Versündigen Sie sich nicht, Gamasche. Dienstmädchen sind gar köstliche Dinger, und jeder junge Mann soll Gott auf den Knien für die Gnade danken, wenn er ihm so eine gutmütige dienende Kreatur gönnt.

Nec sum ego Tantalide major nec major Achille.
Quod decuit reges, cur mihi turpe putem?

Vergessen Sie das niemals, Gamasche, solange Sie noch ein Wort Lateinisch verstehen. Auf Deutsch hats Wilhelm der Erlauchte so ausgedrückt:

Ein jeder Jüngling hat nun mal
nen Hang fürs Küchenpersonal.«

– »Mein Geschmack ists nicht.«

– »Um so schlimmer für Sie. Aber ich begreifs. Sie sind zu reich, Gamasche, als daß Sie Natürliches echt vertragen und schätzen könnten. Sie brauchen Luderzeuggeruch und Schminke. Aus ungefähr demselben Grunde sind Sie auch eigentlich nicht fürs Korps geschaffen, wenigstens nicht für das Korps in seiner ursprünglichen Form. Auch das ist für Sie zu primitiv. Sie brauchten ein Korps, das zwar noch die alten Allüren hätte, denn die sind ja dekorativ, aber eigentlich ein Klub wäre, sei es ein feudaler oder ein ästhetischer, am liebsten ein feudal-ästhetischer, mit Wein statt Bier, wo, genau wie im Leben, am meisten der gälte, der den größten Wechsel hat, wo nicht der beste Fechter am angesehensten wäre, sondern der beste Pomaden- und Hurenhengst.«

Henry lächelte höhnisch und doch befriedigt. Es tat ihm wohl, daß sich hier endlich jemand, wenn auch kritisch, näher mit ihm einließ, statt einfach zu sagen: »Steig in die Kanne, Füchschen, bis du wieder gesund bist.«

Er sagte: »Ich bin Ihnen sehr verbunden, Herr Böhle, pardon Schniller, denn Sie machen mir wenigstens auf eine neue Art Grobheiten. Wenn ich gesünder wäre, könnte ich aber doch wohl einiges darauf erwidern. In meinem jetzigen Zustand fällt mir bloß das Wort Kultur ein.«

Schniller erhob sich: »Gestatten Sie, daß ich mir einen Whisky hole und Ihnen einen Eierkognak. Ich werde damit diesen und ähnlichen Worten eher standhalten, und Ihnen werden davon die Kräfte wachsen, neue Worte von gleicher Wucht in die Debatte zu werfen. Auch sollte man rauchen.«

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