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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 68
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Korps und Kloster

Zwischen den hellblauen, silberverschnürten Kneipjacken und den orangenen Stürmern der Pommern nahm sich Henry in seiner Bratentracht einigermaßen wunderlich aus, aber das merkte weniger er, als die anderen.

Er war wie benommen von diesen Farben, zu denen noch ein paar andere Mützen mitkneipender Korpsburschen befreundeter Korps, sowie die bunten Fahnen und Wappen an den Wänden kamen, alles in dem gelben Lichte zahlreicher, auf alten, messingenen Leuchtern stehender Kerzen, aber bereits schummerig umnebelt von Tabakswolken aus langen und kurzen Pfeifen. Dazu viel blitzendes Metall von strahlenförmig zusammengruppierten Schlägern, Säbeln und Spießen, und das mattere Blenden der wie in einer einzigen großen Glasfläche wirkenden, dicht nebeneinander gehängten Photographien und Silhouetten früherer Korpsangehöriger.

Es war schon ein Bild, das einen jungen Fuchs bezaubern konnte. Henry kam es schlechthin märchenhaft herrlich vor. Er empfand auch den Sinn dieser Buntheit und dieses Glanzes ganz wohl. Es ging ihm auf, daß das mehr als Maskerade, daß es der bewußte Ausdruck einer besonderen Sinnesart war, die, aus früherer Zeit überkommen, sich auch in der sehr nüchternen Gegenwart das Recht nicht nehmen lassen wollte, wie im Inneren ihrer alten Einrichtungen, so im Äußerlichen ihrer alten Gebräuche einen Damm gegen die nivellierenden Neigungen der Zeit aufzuwerfen.

Der erste Chargierte der Pommern, ein Herr von Spöckhoff aus Westfalen, im Korps Bismärckel genannt, weil er einem alten Hannoveranerbilde des Reichskanzlers ähnlich sah, begrüßte den so feierlich Erschienenen mit einer Ansprache. Er sagte: »Ich habe die Ehre und das Vergnügen, als erster Chargierter der Pomerania einen jungen Gast unter uns willkommen zu heißen, der, wie man mir berichtet hat, beabsichtigt, bei Pomerania zu renoncieren. Möge er sich wohl unter uns fühlen und den Eindruck gewinnen, daß er bei Pomerania finden wird, was er sucht. Ich möchte aber noch etwas mehr aussprechen, als diesen Wunsch. Ich möchte ihn auf den Sinn des Korpsstudententums hinweisen, wie ihn Pomerania auffaßt. Da stellen sich nun leicht große Worte ein, die aber meinem Gefühle nach sparsamer verwendet werden sollten, als es jetzt gemeinhin üblich ist. Ich will sie daher unterlassen und versuchen, unserem Gaste den Sinn des Korps mit einem Vergleiche darzulegen. Ich vergleiche nämlich, und zwar allen Ernstes, das Korpsstudententum dem Ordenswesen innerhalb der katholischen Kirche. – Donnerwetter nochmal! Sämtliche Füchse trinken einen Ganzen. Desgleichen Sturm, Kuttler, Winkler, Hanke, Karsten! Weiteres behalte ich mir vor. – Ihr lacht, weil ihr als Nichtkatholiken keine Ahnung vom Ordenswesen habt und genauso verkehrt darüber urteilt, wie zahllose mangelhaft unterrichtete Leute über den S. C. – Der Vergleich hinkt natürlich, wie jeder, aber im wesentlichen ist er richtig. Auch bei den Mönchen verbirgt sich unter scheinbar leeren und oberflächlichen Äußerlichkeiten der Tracht und der ganzen Lebensführung etwas sehr Ernstes, nicht weniger nämlich als die einzige Möglichkeit, wirkliches Christentum zu leben. Und so haben die Mönche mit den altertümlichen Formen auch eine alte große Sache allein ganz in die Gegenwart gerettet, genauso wie wir auf anderem Gebiete. Auch sie sind exklusiv und auch sie begreifen sich, und mit Recht, als die einzigen ganzen Christen. Sie verhalten sich zur allgemeinen Christenschaft genauso, wie der Korpsstudent zur allgemeinen Studentenschaft. Zum Christentum gehört jeder, der getauft ist, Christentum leben tut nur der Mönch. Genauso, wie jeder Immatrikulierte der Studentenschaft angehört, aber nur der Korpsstudent wirklich Student, ganz Student, Urstudent ist. Und der Vergleich gilt auch ziemlich weit ins einzelne. Gleichwie sich der Korpsstudent vor der Masse der Studierenden nicht bloß durch Äußerlichkeiten und durch ein höheres Maß echt studentischer Genüsse auszeichnet, sondern auch höhere Pflichten hat, größere Ansprüche an sich stellt, so vice versa auch der Mönch. Auch er genießt alles Christliche intensiver, aber er muß dafür, von allem anderen abgesehen, auch recht viel menschliche Bequemlichkeiten opfern und allerhand Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen. Genau wie wir. Auch sein Leben steht unter der Fuchtel der Selbstzucht. Dreimal in der Nacht aufstehen, um zu beten, ist ebensowenig ein Vergnügen, wie es ein Vergnügen ist, in aller Frühe auf Mensur anzutreten und sich zwanzig Flache auf die Backe hauen zu lassen. – Aber ich will sie ja nicht mit uns, sondern uns mit ihnen vergleichen, denn man vergleicht ziemlicherweise nur das Geringere mit dem Höheren. Und da sage ich nun: haben nicht auch wir Gelübde? Nicht so schwere freilich. Auf Armut und Keuschheit binden wir uns nicht, aber, und das sage ich unserm jungen Gaste mit vollstem Ernste, das Gelübde des Gehorsams bindet uns wie sie. Und hinzu kommt das Gelübde unbedingter ritterlicher Ehrenhaftigkeit und absoluter Treue zu unseren Farben. Diese Treue zu Orange-Blau-Silber heißt aber nur ein Bild der Treue in allen Lebensverhältnissen überhaupt. – Ich muß wieder den großen Worten ausweichen und komme nun, indem ich zuvörderst einen Ganzen pro poena meiner allzu langen Rede trinke« (tats) »zum Schlusse. Ich rufe unserem werten Gaste zu: Wollen Sie ein Student aus dem Grunde werden, so kommen Sie zu uns. Aber prüfen Sie sich vorher genau. Man ist nicht bloß zum Vergnügen Korpsstudent. Geißelung, Fasten und allerhand Enthaltsamkeit verlangen wir nicht, aber in die Kandare muß sich jeder rechtschaffene Pommer nehmen, gleichviel ob Renonce oder Korpsbursch. Das hindert nicht, daß auch wir uns zu einer ungeheuren Heiterkeit als zu einer unserer Lebensregeln bekennen, zu einem Übermut, bunt wie unsere Farben, und zu einem Selbstgefühl, groß wie diese Spritzkanne voll Lichtenhainer Bieres.

Viel eher wankt die Welt, als wir.
Pomerania seis Panier!«

Ein Salamander schloß sich der Rede an, bei dem nicht ein Fuchs nachklappte, obwohl Kuttler erklärte, es sei eine Schande, daß die Füchse immer noch nicht in den Geist dieser feierlichen Handlung eingedrungen seien. Überdies werde er sie von jetzt Nofüxe nennen, um den Zusammenhang zwischen ihnen und den Novizen der Klöster zu betonen. Worauf er wiederum einen Ganzen wegen Verhöhnung des ersten Chargierten zu trinken hatte.

Henry war starr über die Schnelligkeit sowohl wie über die Häufigkeit, mit der hier die Kännchen geleert wurden. Er fragte sich mehr als einmal, ob es seine Kraft nicht übersteigen werde, auch nur annähernd Ähnliches zu leisten. Diese erstaunlichen Gurgeln schluckten das Bier nicht hinab, sondern ließen es wie in einem Schlauch einfach hinabrinnen. Rätselhaft: wohin. Denn der Magen konnte es unmöglich sein, der alle diese Flüssigkeitsmassen aufnahm.

Aber auch das imponierte ihm. Es imponierte ihm alles: die Reden, die Lieder, die Bierjungen, die zeremoniellen Formeln und insbesondere alle diese prachtvoll sicheren und stolz vergnügten Leute, die zwar nach und nach betrunken wurden, aber auch in der Betrunkenheit nicht aufhörten, eine gewisse Haltung zu bewahren. Die Stimmung wurde immer übermütiger, die Scherze immer derber, die Lieder immer verwegener, aber das Ganze blieb, wie jeder Einzelne, in einer unverrückbaren Form, wie mit Klammern vom Komment zusammengehalten. Selbst die Ausgelassenheit unterm Dampfe des Alkohols wurde nicht zur Zügellosigkeit. Mehr noch als das geschriebene Gesetz des Komments herrschte das umgeschriebene einer bestimmten, durch Erziehung fortgepflanzten Tradition, die es nicht zuließ, daß irgendwer, der die Pommernfarben trug, sich, wie der Korpsausdruck lautete, direktionslos aufführte.

Auch Henry wurde betrunken, aber auch er nahm sich zusammen, und so fand man schließlich allgemein, daß er offenbar die nötige Begabung zu einem Pommernfuchs besäße. War man anfangs mehr reserviert gewesen, so wurde man gegen Ende der Kneipe auch ihm gegenüber kordialer, und es wäre, auch wenn man es sich nicht mit Kommenthöflichkeit verbeten hätte, ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, allen den Ganzen nachzukommen, die auf sein spezielles Wohl geleert wurden. Er kam sich sehr gefeiert vor und glaubte zu bemerken, daß man seinen Eintritt offenbar besonders hoch wertete. Und so war es ihm gar nicht zweifelhaft, daß er in Kürze den orangenen Stürmer tragen und später einmal eine Rolle unter den Pommern spielen werde. Ah, er wollte schon auch dereinst »junge Gäste« begrüßen, wie Herr von Spöckhoff! Er wollte schon auch durch Vergleiche verblüffen! Er sah sich bereits, den Schläger in der Hand, an der Stelle des ersten Chargierten.

Und er überlegte sich, mit welchen großartigen Dedikationen für das Kneipzimmer er Pomerania bei seinem Eintritt überraschen wollte. Man sollte es schon merken, daß man mit ihm eine besonders gute Akquisition gemacht hatte. Er konnte dem Korps einmal sehr von Nutzen sein! Bowlen wollte er anfahren lassen, noch königlicher als in Hamburg! Diese gelbe molkige Brühe war ja ein direkt unwürdiges Getränk. Das mochten die Burschenschafter saufen!

In diesen Reformideen wurde er durch C. B. Kuttler unterbrochen, der ihn anrief: »Herr Hauart, wo sind Sie? Noch ists nicht Schlafenszeit, wenn auch Ihre Äugelein, wie Fettnäpfchen schwimmend, klein, wenn sie ausgehen wollen, sein. Jetzt kommt noch der Schlußkantus, das hochherrliche Pommernlied, das uns unser poetischer M. C. Fritz Böhle Teutoniae, Normanniae gedichtet hat, wofür ihm mit Recht der Name Schniller geworden ist. Prost, Schniller, sollst leben!«

»Prost, Kuttelsack, ich komme mit,« antwortete ein älteres Semester mit zwei Bändern und einer hellroten Mütze; »aber Herr Hauart schläft mitnichten.«

»Was?« schrie Kuttler entsetzt auf, »unser junger Gast schläft mit nichten? Das ist ja beinahe Inzest und geht über das polygame Murmeltier!«

Und er sang:

»Das Murmeltier kann lieben
Der Murmelweibchen zwei, drei, vier,
Das kleine Murmeltier.
Polygamie, polygamo,
Polyagamiamiamo,
O kleines Murmeltier!«

»Kuttelsack trinkt einen Ganzen wegen unangebrachter Obszönität in Form der Produktion unzüchtiger Lieder, die nur auf die Spielkneipe gehören,« entschied der jetzt präsidierende Herr von Siebeneichen. »Außerdem soll er sich mindestens zehn Minuten lang schämen.«

Kuttler ließ mit der Schnelligkeit des Gedankens den Inhalt eines Kännchens in seinem Interieur verschwinden und sagte dann: »Ich erröte, aber ich muß mich doch fragen, warum Schniller straffrei ausgeht, obwohl er unserem werten Gaste eine moralisch verwerfliche Handlung angedichtet hat. Oder ist diesen Dichtern wirklich alles erlaubt? Dann sattle ich um und studiere Dichter!«

Der Zweibänder-Mann, ein sehr blaß und müde, dabei aber auch sehr gescheit aussehender Herr, der im ganzen wenig sprach und auch trank, entgegnete: »Kuttelsack hat die Phantasie eines ganzen Männervereines zur Bekämpfung der Unsittlichkeit. Ich wollte sagen: Herr Hauart schläft mitnichten; vielmehr er dichtet!«

»Ist das etwa eine weniger unmoralische Insinuation?« rief Kuttler. »Ist es erlaubt, seine eigenen moralischen Defekte bei jedem anderen schlankweg vorauszusetzen? Herr Hauart, lassen Sie sich das gefallen?«

Henry lächelte so fein, als es ihm möglich war, und antwortete: »Ich dichtete zwar nicht jetzt, aber ich kann nicht leugnen, daß ich es schon zu wiederholten Malen getan habe.«

Da erhob sich der dritte Chargierte der Pomerania in seiner ganzen Größe und rief den C. B. Sturm an: »Sturm, du bist mein Bierjunge! Du hast uns einen Dichter eingeschmuggelt! Du bist eine Verschwörernatur! Ein Catilina! Ein Carbonaro! Ein gefährliches Element! Du willst aus Pomerania einen Literaturklub machen! Wir sollen nicht mehr auf Schläger, Säbel und Pistolen, sondern auf Sonette, Madrigale und Sizilianen ohne Binden und Bandagen losgehen! Du bist mein Bierjunge! Aber der Teufel soll mich holen, wenn ich ihn in lyrischer Limonade ausfechte!«

Und er brachte es wirklich noch fertig, den kleinen Sturm auf der Stelle mit einem derartig schnell hinabgestürzten Ganzen zu besiegen, daß Beifall von allen Seiten ihn umbrauste.

Dann erhob sich gewaltig Fritz Böhles Pommernlied. Schlägerschlag auf den Tisch.

»Silentium für den ersten Vers!«

Pomerania seis Panier!
Denn die Pommern pummern.
Jeden Morgen schlemmen wir
Kaviar und Hummern,
Trinken Lichtenhainer Bier,
Gilka, Rum und Malvasier,
Denn die Pommern pummern.

»Silentium für den zweiten Vers!«

          Pomerania seis Panier!
Denn die Pommern pummern.
Vormittags da fechten wir
Eins, zwei, drei, vier Nummern.
Hochquart, Hakenquart, Durchziehr,
Krumm der Speer, genannt Rapier,
Denn die Pommern pummern.

»Silentium für den dritten Vers!«

Pomerania seis Panier!
Denn die Pommern pummern.
Nachmittag da gehen wir
Ins Kolleg zu schlummern.
Leibfuchs, und das sag ich dir:
Fleiß ist Tugend und Pläsier,
Denn die Pommern pummern.

»Silentium für den letzten Vers!«

Pomerania seis Panier!
Denn die Pommern pummern.
Kommt der Abend, lassen wir
Den Komment uns kummern.
Sieben Ganze komm ich dir,
Leibbursch, allerschönste Zier,
Denn die Pommern pummern.

»Ein Prosit dem Dichter und den Sängern!«

Henry konnte nicht umhin, einen Ganzen auf das spezielle Wohl des poetischen Zweibänder-Mannes zu trinken, mit dem er aber doch einmal in scharfe dichterische Konkurrenz zu treten gedachte.

Damit war er endgültig an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit angelangt und mußte von einem Fuchs in sein Gasthaus gebracht werden.

»Paß auf, Kleiner!« rief Sturm dem auch schon Schwankenden nach, »du mußt ihn über die Türschwelle zwischen Zimmer drei und Zimmer vier legen, damit er wirklich etwas von seiner Etage hat.«

»Ein ganz netter Kerl,« meinte er zu den anderen, »aber er hat einen Gehirnfehler.«

– »Was?«

– »Er hat die fixe Idee, daß ein Mensch zum Übernachten vier Zimmer braucht.«

»Wenn er sich nur auf der Mensur auf den Krux beschränkt, meinte Kuttler, der einen gewissen Soupçon immer noch nicht los wurde.

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