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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 67
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Die Gretchenfrage

An einem alten, aber sehr behaglich aussehenden Gasthause, das sie ihm fürs erste zum Absteigen empfahlen, weil es zu der Tradition ihres Korps gehörte, seine Keilfüchse ihm für die erste Nacht anzuvertrauen, verabschiedeten sich die drei Korpsburschen von Henry mit dem Versprechen, daß der kleine Sturm ihn hier zur Kneipe abholen werde.

C. B. Kuttler schien etwas kritisch gestimmt, als die drei vor dem Gasthofe auf und nieder gingen, gleichsam als wollten sie verhüten, daß der frisch gefangene Vogel ihnen heimlich entflöge.

»Du wirst ihm nachher,« sagte er, nicht eben sehr wählerisch im Bilde, zu Sturm, »nachher die obligaten Würmer aus der bedenklich gebogenen Nase ziehen, Dicker. Über alle Zweifel erhaben scheint mir der Jüngling nicht zu sein. Daß der Knabe Gelder schwingt, lehrt der Augenschein. Du brauchst in diesem Punkte die üblichen Fragen kaum zu stellen. Er schwingt vermutlich mehrere alte Hüte davon, und zwar gefüllt bis an die Krempe. Vielleicht sogar zu viel. Auch seine Lebensart dürfte Wesentliches nicht zu wünschen übriglassen. Aber seine Adlernos ist mir verdächtig. Du mußt ihn nach dem Taufschein fragen. Die Nachkommen des braven alten Sem sind zwar sehr schätzenswerte und brauchbare Staatsbürger, aber ins Korps passen sie, wie der Mops zur Falkenjagd. Das Fechten kann man den Enkeln der Makkabäer am Ende angewöhnen, das Saufen nie. Ich weiß, wir haben selber ein paar jüdische alte Herren, und es besteht kein Anlaß, sich ihrer zu schämen, aber ich kann mir nicht helfen: es kommt mir immer vor, als mokierten sie sich im Grunde ein bißchen über uns. Der S. C. sollte sich niemals prinzipiell gegen die Aufnahme von Juden festlegen; das widerspricht seinen Grundsätzen; aber der Teufel soll mich holen, wenn ich jemals dafür stimme, daß ein Mosaiker bei uns renonciert.«

»Das kannst du natürlich halten, wie du willst,« antwortete darauf der dritte Pommernbursch, ein sehr langer, schlanker, biegsamer junger Mann, an dem sofort die schönen, dunkelbraunen Augen und ein bestechender Zug von unschuldiger Männlichkeit auffiel, »aber es bleibt eine direkt kommentwidrige Voreingenommenheit. Wenn in den Burschenschaften, wo die Juden zum Teil überhandgenommen haben, im Anschluß an recht wenig erfreuliche Zeitströmungen eine antisemitische Richtung aufkommt, so läßt sich das am Ende begreifen, weil ihnen gewisse »teutsche« Simpelhaftigkeiten anhaften, und weil sie überhaupt die Schwäche haben, sich durch Aktuelles beeinflussen zu lassen, aber ein Korpsstudent muß auch über einen jüdischen Kommilitonen unbedingt und rein objektiv urteilen. Für uns gibt es weder eine konfessionelle, noch eine Rassenfrage, mag die Tagespolitik derlei Blasen aufwerfen oder nicht. Wir nehmen auch einen Chinesen auf, wenn er ein anständiger Mensch von ritterlicher Gesinnung und bereit und imstande ist, sich uns zu assimilieren. So wenig der echte deutsche Adel verjudet werden kann, so wenig kann es der S. C., wenn er nur den jüdischen wie allen anderen Studenten gegenüber auf strenge Auswahl hält.«

C. B. Kuttler grinste spöttisch und sprach: »Ich revoziere und depreziere und erkläre meine Privatmeinung für unkorpsstudentisch und fast gemein, denn ich möchte nicht, daß der zukünftige Kultusminister Kurt von Siebeneichen sich eines Tages meiner mit Beschämung erinnert, wenn eine Professur für Kulturgeschichte frei wird, für die ich mich jetzt schon in allerergebenste Vormerkung bringe. Aber, lieber Kurt, deinen Liberalaristokratismus in allen Ehren; vielleicht gelingt es dir, ihn einmal im öffentlichen Leben durchzusetzen, aber dann wirst du sehr bald genötigt sein, dein Ministerportefeuille an Herrn von Cohn abzugeben, der deinen schönen Gesinnungen zwar vielleicht weniger ähnlich sehen wird, als du, aber viel mehr Machtmittel an den Tag legen dürfte, sie in Szene zu setzen. Da du es offenbar darauf absiehst, daß ich ernst rede, Kurt: Ich besitze nicht deine schöne Zuversicht, daß der S. C. gegen Verjudung gefeit ist. Er ist es so wenig, wie alles übrige Deutsche. Wir sind in demselben Maße schwach wie die Juden stark sind. Ich habe, gottverdammich, Respekt vor dieser in der Tat auserwählten Nation, die uns mit einer gefährlichen Liebe liebt. Es ist die Liebe des Efeus zur Eiche. Jedenfalls möchte ich einstweilen nicht zu den sonderbaren Forsttheoretikern gehören, die dieses üppige Schlinggewächs im deutschen Walde eigenhändig pflegen, und sei es auch bloß innerhalb des Pflanzgartens der deutschen Korps.«

Kurt von Siebeneichen blieb seinerseits eine Replik nicht schuldig, und so kam es zu einem recht lebhaften Niederschlag der in jenen Jahren im öffentlichen Leben heftig akuten Diskussionen über die prinzipielle Stellung zum Judentum, bis der kleine Sturm dem Gerede mit der Bemerkung ein Ende machte, er pfeife auf die Leitartikel und wolle sich lieber zu dem kostbaren Keilfuchs begeben, der sonst womöglich auch auf törichte Gedanken käme, weil ihm vielleicht Kuttlers Nase nicht gefiele.

»Ich bringe ihn heute auf die Kneipe, und da werden wir ja sehen, ob er die nötige Zahl Kännchen saufen kann.«

*

Der kleine Sturm war nicht wenig erstaunt, auf die Frage, welches Zimmer der von ihnen abgeladene Spefuchs genommen habe, die Antwort zu erhalten: sämtliche Vorderzimmer des ersten Stockes.

– Heiliger Strohsack, dachte er bei sich, sollte Kuttler doch am Ende recht haben? Auf solch einen Einfall kann doch nur ein leiblicher Sohn oder Vetter des gewaltigen Rothschild kommen. Was in aller Welt tut denn ein einzelner Mensch mit vier Zimmern, von denen das eine groß ist wie eine Reitschule? Man hat doch nur einen Leib ins Bett zu legen?

Er klopfte nicht ohne eine gewisse Befangenheit an Nummer eins an. Der Hausknecht des Gasthofes, in diesem Gemache damit beschäftigt, Henrys Kleider auszupacken und in den Schrank zu hängen, öffnete ihm und erklärte, der Herr Baron befinde sich in Nummer drei.

– Aha, dachte sich Sturm Pomeraniae, der Herr Baron! Man avanciert geschwinde, wenn man vier Zimmer in Anspruch nimmt. Ein gefährlicher Keilfuchs, auch wenn er getauft ist und vom alten Teut abstammt. Kuttler hat wieder einmal Nase bewiesen. Jetzt gilts, sich nicht imponieren zu lassen.

Er stieß seinen Stock ein paarmal auf und rief: »Sind Sie zufällig gerade nackt, Herr Hauart, oder können Sie sich zeigen?«

»Nicht nackt, aber im Schlafrocke,« riefs hinter zwei Türen. »Wenn Sie gestatten, daß ich in dieser Verfassung vor Ihnen erscheine, so bitte ich, einzutreten.«

– »Und wenn Sie im Hemde wären, schätzbarer Herr, kommen Sie nur. Wir sind ja unter uns Pfarrerstöchtern.«

C. B. Sturm drückte auf die Klinke und trat gleichzeitig mit Henry ins Zimmer.

»Heilige Spritzkanne!« rief er aus, »welch unvergleichlicher Nachtmantel wabert um Ihre Lenden! Mt diesem angetan können Sie sich jederzeit zum Bürgermeister von Lichtenhain ausrufen lassen!«

Henry zog die Augenbrauen zusammen. Ironie vertrug er nur schwer, und wenn sie sich an seinen Schlafrock heftete, gar nicht.

»Ein Erbstück meiner Familie,« erwiderte er kurz.

Darauf der kleine Sturm: »Bitte um Entschuldigung; es war nicht böse gemeint. Überdies steht er Ihnen vorzüglich und beweist mir aufs neue, daß Sie bei Pomerania aktiv werden müssen. Denn sein Gelb ist unserm Orange sehr nahe verwandt. Auch begreife ich jetzt, warum Sie eine ganze Zimmerflucht gemietet haben, was vor Ihnen nur ein Herzog von Kurland im siebzehnten Jahrhundert getan hat. Man braucht, um einen solchen Mantel zur Geltung zu bringen, entschieden vier Zimmer. Ich gratuliere Ihnen zu diesem Familienstück, Ihnen und uns, denn es beweist, daß Sie einem pomeraniafähigen Hause entstammen.«

Dies hatte er so ernsthaft gesprochen, daß es Henry für bare Münze nahm.

»Ich würde es mir«, entgegnete er, »nicht herausnehmen, mich bei einem vornehmen Korps vorzustellen, wenn ich befürchten müßte, meiner Abstammung wegen einen Refüs zu bekommen. Es dürfte genügen, wenn Sie sich in München oder Hamburg nach dem Namen erkundigen, den ich führe.«

Wie gerne hätte er mehr gesagt, aber er sah wohl ein, daß die Stunde, den Schleier von seinem Geheimnisse zu lüften, noch nicht gekommen war.

Bernhard Sturm Pomeraniae aber ermannte sich zu dem berühmten Alexanderhiebe, mit dem man lästige Knoten zerhaut, die aufzudröseln schwierig und langweilig ist. Er nahm ein munteres Lächeln an und sprach dabei doch feierlich: »Nun sag, wie hast dus mit der Religion?«

– »Womit?«

Henry begriff ganz und gar nicht, warum dieser offenbar nicht bei der theologischen Fakultät eingeschriebene Pommernbursch sich bemüßigt sah, mit Gretchenworten eine Gewissensfrage an ihn zu richten.

Sturm lachte: »Es liegt uns natürlich fern, einen Gewissenszwang auf Sie ausüben zu wollen, Herr Hauart, und Sie dürfen auch als Pommernfuchs auf die Fasson selig werden, die Ihnen Ihr – Taufbuch vorschreibt. Aber, na, kurz, wir legen Wert darauf, daß sie in einem Taufbuch und nicht in einer Beschneidungsrolle steht.«

Obwohl er jetzt beinahe konvulsivisch lachte, fühlte sich Henry doch aufs ärgerlichste beleidigt. Mochten alle Einflüsse des Krakerschen Hauses von ihm abgefallen sein wie dürre Rinden: eines war seltsamerweise geblieben: das Gefühl eines unsäglichen Hochmutes gegenüber dem Begriffe Jude. Er hatte darüber nie nachgedacht, hatte auch irgendwelchen antisemitischen Reden niemals Gehör geschenkt; es stand in ihm einfach fest: alles Jüdische ist Unterschicht.

Und nun wagte man hier, wenn auch in scherzhafter Form, die Möglichkeit anzunehmen, er, Henry Felix Hauart, er, der wahrscheinlich noch viel mehr war als ein Hauart, er, er könnte ein – Jude sein! Welche widerwärtige Absurdität!

Henry erhob sich heftig und stolz und kräuselte seine Lippen so indigniert, wie es habsburgischen Lippen bei derartig frevelhaften Zumutungen ziemt. Und sprach sehr kühl und betont: »Darauf habe ich keine Antwort, mein Herr.«

Aber der kleine Korpsbursch lachte nun erst recht und rief: »Dann ziehen Sie sich also schleunigst an und kommen Sie mit auf die Kneipe! Es war selbstverständlich nicht mein Ernst. Sie werden noch brutalere Scherze bei uns erleben. Außerdem ist es ja doch das modernste Gesellschaftsspiel, jeden bei jeder Gelegenheit nach seinem Taufschein zu fragen. Ich bin überzeugt, als sich Prinz Wilhelm bei Borussia-Bonn vorstellte, war die erste Frage an ihn: Königliche Hoheit sind doch hoffentlich kein Jude?«

Diese Argumentation gab dem beleidigten Henry seine gute Laune wieder. Er lachte mit und verfügte sich dann in sein Ankleidezimmer, aus dem er in vielleicht etwas zu feierlicher Gewandung zurückkehrte, denn er hatte es für angebracht gehalten, sich in einen schwarzen Gehrockanzug zu tun.

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