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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Der orangene Stürmer

Als die Coupétüre aufgerissen wurde und der Schaffner »Jena!« rief, erschrak Henry wie einer, der mitten aus tiefster Traumesbenommenheit geweckt wird.

– Jena?

Er begriff den Zusammenhang zwischen sich und diesem Namen erst nach einem Momente blöden Erstaunens. Darin aber war es sogleich, wie immer nach einem Traume. Das wache gemeine Leben fegt alle die überlebendigen Schemen scheinbar mit einem grellen Lichtstreiche weg, und der schnellste Gedanke ist nicht schnell genug, auch nur einen Zipfel der fliehenden zu erhaschen.

Mit hastigen Händen knüllte Henry den Schlafrock und die Statuette zusammen und stopfte beides in die Handtasche. Das wache Leben achtet die Heiligtümer des Traumes nicht.

*

Da draußen auf dem Bahnsteige ging es bunt genug zu. Korps, Burschenschaften, andere Verbindungen hatten zum löblichen Zwecke des Empfangens und Keilens von Spe-Füchsen geeignete und wohl instruierte Vertreter zum Zuge geschickt, die nun mit ihren bunten Mützen, einige sogar mit Fahnen ausgestattet, den Bahnhof aufs munterste und lauteste belebten.

Henry hoffte, darunter auch die dunkelgrünen Mützen der Franken zu sehen, aber just diese Farbe war nicht vertreten.

Dafür fielen ihm sogleich drei gutgewachsene, flott elegant gekleidete junge Männer mit orangegelben Stürmern auf, die sich nach seinem Geschmack von allen übrigen Studenten aufs vorteilhafteste unterschieden, weil sie sich keineswegs an den Zug herandrängten, sondern vielmehr, mitten auf dem Perron stehenbleibend, mit einem gewissen, überlegen kritischen Blicke die aussteigenden jungen Leute musterten.

Er schaute, während er einem Dienstmanne seine Handtasche und den Gepäckschein einhändigte, interessiert zu ihnen hinüber und war nicht wenig erstaunt, als einer der drei, wie es schien der jüngste, sich von der Gruppe löste und auf ihn zukam. Es war ein bildhübscher, rotbäckiger, etwas untersetzter junger Mann mit auffallend lustig blickenden blauen Augen.

Er trat zu Henry und griff grüßend an seinen Stürmer, indem er sprach: »Mein Herr! Es ist offenbar kein Zweifel darüber erlaubt, daß Sie den Ehrgeiz hegen, bei uns aktiv zu werden.«

Henry war perplex. Er grüßte mit vollendetem Anstande wieder, indem er mit unsicherer Stimme sprach: »Ich hatte eigentlich vor, mich bei Franconia vorzustellen.«

»Oh!« entgegnete darauf der lustig Blickende, »dann müssen Sie voriges Semester wiederkommen.«

Das verstand Henry natürlich nicht, und der hübsche junge Mann merkte das mit großer Intelligenz. Sagte also: »Das Schicksal und ein hohes Universitätsgericht haben es nämlich im vorigen Semester aus durchaus fadenscheinigen Gründen für gut befunden, hiesigen S. C. zu suspendieren.«

»Ach?« machte Henry enttäuscht.

»Ja,« murmelte melancholisch der junge Herr, »es ist schauderhaft, aber wahr. Indessen, gestatten, daß ich mich vorstelle: »Sturm Pomeraniae«.

– »Hauart.«

– »Ein sehr hübscher Name, fehlt bloß Pomeraniae.«

– »Ja, aber...«

– »Ich achte Ihre Beklemmung, Herr Hauart, aber ich kann sie beheben. Nämlich: Es gibt Institutionen von ewigem Dauerwerte. Das blinde Fatum ist zwar imstande, ihre Erscheinungsformen zu verändern, nicht aber, sie aufzuheben.«

Henry verstand wiederum nicht, und wiederum merkte das der ebenso intelligente, wie hübsche junge Mann.

Er sprach: »Der S. C. ist tot! Es lebe der S. C.! Die ruhmreichen Völkerschaften der Thüringer, Franken, Westfalen und Sachsen sind auf drei Semester aus den Tafeln der jenensischen Weltgeschichte gelöscht, dafür sind aber aus dem ergiebigen Erdreich dieses gesegneten Landstriches vier andere, gleichfalls bereits glorreiche Nationen aufgestiegen: die der Pommern, der Troglodyten, der Friesen und der Altenburger. Namen und Farben sind der plumpen Gewalt gewichen, aber der alte Geist und die alten Tugenden sind geblieben und haben nichts an ihrer unbeschreiblichen Herrlichkeit dadurch eingebüßt, daß sie unter neuen Farben, Namen und Zirkeln sich betätigen müssen.«

Henry lächelte das Lächeln des Verstehens. Aber es war auch schon Wohlgefallen darin, denn diese orangenen Stürmer und das orangeblau-silberne Band hatten seinen ganzen Beifall.

Er sagte: »Das ist famos, daß es noch einen S. C. gibt. Ich wäre sonst gleich weitergereist.«

Dieses Wort entzückte Herrn Sturm aufs höchste. Er rief aus: »So kann nur ein zukünftiger Pommer reden! Dieses Wort verdient gebucht und der Zukunft aufbewahrt zu werden. Ich werde noch heute abend die Ehre und das Vergnügen haben, einen Ganzen auf Ihr spezielles Wohl zu trinken. Gestatten Sie, daß ich Sie meinen Korpsbrüdern vorstelle!«

Henry folgte ihm bereitwillig zu den zwei anderen orangenen Stürmern, zu denen Herr Sturm mit schöner Sicherheit also sprach: »Herr Studiosus Hauart, der keinen sehnlicheren Wunsch kennt, als bei Pomerania aktiv zu werden, ein junger Mann von den schönsten Gesinnungen, den trefflichsten Anlagen und schlechthin exemplarischen Intentionen! Im übrigen genügt es, ihn anzusehen! Man kann sich keinen schöneren Renommierfuchs träumen!«

Henry hatte gegen die ihm so hurtig zugesprochene Absicht durchaus nichts einzuwenden, denn er war in der Tat durchaus geneigt, sich so bald als möglich den orangenen Stürmer der Pommern aufs Haupt zu setzen. Ein Stürmer schien ihm schon an sich jeder Deckelmütze vorzuziehen, und nun gar ein orangegelber. Das überstieg eigentlich alle seine Hoffnungen. War das nicht eine Art phrygischer Mütze? Die Mütze der Burschenfreiheit! Kühn geschwungen und leuchtend.

Und, kein Zweifel: das waren elegante, vornehme Studenten, gut angezogen, und von stolzer, ob auch gar nicht steifer Haltung.

Heiteres Selbstbewußtsein, ritterlicher Mut und ein anständiger Monatswechsel sprachen aus ihren Mienen, Worten, Bewegungen. In ihrem Kreise ging es zweifellos ebenso fidel wie nobel zu. Karls käsebleiches Gesicht würde einen Stich ins Grünliche bekommen, wenn er, Henry, mit diesen schlechterdings idealen Korpsstudenten einmal vor ihm in Leipzig auftauchte.

Wenn es nach ihm gegangen wäre, so würde er auf der Stelle den Schwur auf das Pommernband abgelegt und den orangenen Stürmer aufgesetzt haben.

Leider ging das aus Gründen von S. C.-Bestimmungen so schnell nicht. Daß sein Monatswechsel nichts zu wünschen übrig ließ, leuchtete den drei Pommernburschen angesichts der glänzenden Garnitur der Henryschen Koffer zwar augenblicklich ein, aber die Pommern hatten das gute Prinzip, sich ihre Leute vorher genauer anzusehen. Zumal ihr augenblicklicher dritter Chargierter, dem als Fuchsmajor die spezielle Erziehung der Renoncen oblag, hielt strenge darauf, daß die jungen Leute zuvor eingehend auf Herz und Nieren geprüft wurden.

Er war einer der beiden Korpsburschen, denen Henry jetzt vorgestellt worden war, ein wahrer Hüne mit gewaltigen Händen und höchst umfangreichem Brustkorb. Stirn und Quartseite ließen es wohl ahnen, daß er mehr als zwanzig Mensuren gegen preisliche Schläger hinter sich hatte, und die Röte seines Gesichtes bekundete mit schöner Offenheit, daß Bierehrlichkeit zu seinen unbestreitbaren Tugenden gehörte. Er war aber auch ein ehrliches Herz und ein klarer Kopf, allem Flausenmachen abhold, trotz einer ausgesprochenen Neigung zu Bierreden.

Der kleine Sturm, ein noch sehr junger C. B., also erst ganz vor kurzem aus seiner Schule entlassen, war in der Art, sich auszudrücken, nur ein begabter Schüler der Redekunst des berühmten Kuttler, dessen behagliche, aber doch, wo es not tat, scharfe Suada nicht bloß im Umkreise des Jenenser S. C. glorreich bekannt war. »Koddrig wie Kuttler«, lautete damals eine alliterierende Redensart in Jena, und C. B. Kuttler hatte schon mehr als ein halbes Dutzend Mal mit dem Säbel in der Hand für seine, wie er selbst gerne sagte, unverantwortlich talentvolle Schnauze eintreten müssen. Er ließ ihr auch Henry gegenüber jetzt schon freien Lauf, indem er sprach: »Es ehrt Sie, daß Sie so ungestüm verlangen, dem ersten Korps der Christenheit angehören zu wollen. Aber Pomerania sagt nicht bloß: Füchslein, wie gefall ich dir, sondern auch: Füchslein, wie gefällst du mir? Mt Ihrem Portemonnaie scheint es seine Richtigkeit zu haben. Ihre Bundesladen aus dickstem Rindsleder lassen die allerüppigsten Schlüsse zu. Auch Ihre Garderobe nimmt für Sie ein, und ich hätte ohne alle Frucht ein Semester lang Kunstgeschichte mit besonderer Berücksichtigung der Plastik belegt, wollte ich leugnen, daß Sie ein wohlgebauter junger Mann von nicht unsympathischen Zügen seien. Indessen, Reichtum und Schönheit allein machen nur die Mädchen begehrenswert. Ein Pommernfuchs muß auch Tugenden haben. Nicht als ob wir, jenen schief gewickelten Jünglingen eines verspäteten Tugendbundes vergleichbar, Keuschheit bis zum Ehebette oder ähnliche Mönchsqualitäten verlangten – mitnichten: unsere sittlichen Forderungen sind anderer Art, aber: wir postulieren sie und lassen nichts abhandeln. Sie werden es, mein sehr geehrter junger Herr, dulden müssen, daß wir Sie auf gewisse innere Krankheiten abklopfen, als da sind: Insuffizienz des Herzens gegenüber den Anforderungen der Ehre und des Bierkomments, der Treue und anständiger Gesinnung, der Unterordnung unter allgemeine Korpspflichten und der Selbstzucht eines echten Korpsstudenten, der sich vor den übrigen Studienbeflissenen nicht bloß durch Band und Mütze auszeichnen will. Wir werden uns also, bis Sie immatrikuliert sind und der C. C. zum Zwecke der Aufnahme ins weitere Korps zusammentritt, erst ein wenig mit Ihren inneren Schönheiten beschäftigen müssen. Wir werden Sie kritisch belauern, ehe wir Sie mit dem orange-blauen Fuchsbande der Pomerania begnaden. Mag es immerhin Ordensbänder geben, die für Geld und Allüre verliehen werden: das orange-blaue Band ist dafür nicht zu haben, geschweige denn das orange-blau-silberne. Dieses fällt nur den ganz erprobten Rittern und Edelleuten zu. Ich scherze nicht, mein Herr. Ich drücke mich vielleicht spaßhaft aus, aber ich scherze nicht. So kann man ja auch vielleicht die Äußerlichkeiten des deutschen Korpsstudententums spaßhaft finden, aber die korpsstudentische Sache ist etwas Ernstes. Wenigstens wir, die jetzt Pommern heißen, aber eine ältere Farbe und Tradition vertreten, halten sie als etwas Ernstes und Bedeutendes hoch. Vergessen Sie das, bitte, ja nicht über den Ausgelassenheiten und Späßen auf unseren Kneipen, zu denen ich Sie jetzt geziemend« (er hob grüßend den Stürmer) »einzuladen die Ehre und das Vergnügen habe.«

Henry lauschte, neben den drei orangenen Stürmern einherschreitend, dieser Rede mit großer Aufmerksamkeit und gewann mehr und mehr das Gefühl, seinem Sterne wieder einmal mit sicherem Gefühle gefolgt zu sein. Schon daß der Student, der ihn als erster angesprochen hatte, denselben Namen führte wie »die Frau«, war ein entschiedener Wink des Schicksals. Grau wie Mondlicht hinter Wolken blinkte ihre Perle an seinem Finger, aber wie die Sonne selbst leuchteten die drei phrygischen Mützen Pomeranias, zwischen denen er sich jetzt schon wie ein Auserlesener vorkam.

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