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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 64
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Hohe Schulen

Pomerania

Das in der Luft schwebende Maultier

Nun sollte Henry Felix Hauart also ein freier Student sein. Die wissenschaftliche und moralische Reife zum Besuche einer Hochschule hatte er schriftlich; jede Alma mater mußte ihn aufnehmen; er brauchte nur zu wählen.

Indessen: nach welchem Gesichtspunkt?

Man fährt doch nicht einfach nach Göttingen, Bonn, Heidelberg oder Würzburg und entscheidet sich nach der Lage der Stadt, ob man bleiben oder weiterreisen soll.

Bei den meisten jungen Studenten liegt die Sache ja einfach genug. Ist der Herr Papa selber akademisch gebildet, so übernimmt er die Wahl; ist er nicht so gebildet, wie sein Herr Sohn, so hat er wenigstens den guten Rat bereit, der künftige Gelehrte möge nur ja die Universität wählen, die in seinem Fache die besten Professoren aufweist. In den meisten Fällen ist die Frage aber schon längst vor bestandenem Maturitätsexamen gelöst. Da ist der eine schon mindestens ein Jahr lang in seiner Seele begeisterter Burschenschafter und kann den Augenblick kaum erwarten, wo er in einer bestimmten Stadt ein bestimmtes Band um seine Brust legen wird. Ein anderer, weniger begeistert vielleicht, aber um so stolzer, fühlt sich schon lange als Fuchs eines bestimmten Korps. Einem dritten hat es der Ruhm Münchens als Pflegestätte heiter freien Lebensgenusses angetan. Ein vierter ist romantisch gesinnt und denkt an Heidelberg.

Ein fünfter von mehr moderner, kaltblütiger Denkungsart weiß schon lange, daß die reichsten Gelegenheiten, sich auf allen Gebieten zu einem modernen Menschen auszubilden, die Reichshauptstadt Berlin bietet. Ein sechster folgt dem Winken gewisser Stipendien. Und es fehlt wirklich auch nicht an solchen, die mit unanständiger Eile sofort ans Studieren denken und durchaus zu den Füßen eines bestimmten weisen und gelehrten Mannes sitzen wollen. Alle diese jungen Leute haben es gut, denn sie wissen, was sie wollen, oder wenigstens, was sie sollen. Denn auch die Soller sind im Grunde zufrieden mit ihrem Geschicke. Dieses Sollen führt ja in die Freiheit. Schließlich war man bisher doch nur ein gesiezter Schuljunge, ein Stundenplansklave, ein Schulaufgabenlöser mit beginnendem Schnurrbart. Die heiligsten Menschenrechte waren einem versagt, z. B. das Recht auf Freiheit, Selbstbestimmung, Liebe. Jetzt aber winkt sogar das Recht aufs Schwänzen, ja selbst die Gleichheit wird proklamiert: man heißt Kommilitone seines Lehrers. Kurz: Frei ist der Bursch! Wehe jedem, der daran zweifelt! Denn auch der Paukboden wird belegt, und lose sitzt, wenn schon nicht das Schwert in der Scheide, so doch die Visitenkarte in der Brieftasche.

*

Henry Felix Hauart war so gut nicht daran.

Seine Freiheit kam erst mit Beendigung seines einundzwanzigsten Lebensjahres: Die Freiheit, über sein Vermögen zu verfügen und sich damit alle übrigen ganz zu kaufen.

Bisher saß er wenigstens auf der Schulbank; jetzt schwebte er in der Luft.

Er wußte schlechterdings nicht, wohin mit seiner Freiheit.

Dieser fürchterliche Krach mit allem, was Kraker hieß, hatte doch recht fatale Folgen für ihn.

Daß Onkel Jeremias mit Bestimmtheit erklärte, ihm monatlich keineswegs mehr als fünfhundert Mark anweisen zu wollen, war bloß unbequem und ließ sich tragen, da Onkel Tom Mittel und Wege gefunden hatte, dem Vater seiner Enkelin Henriette Felizitas Darlehen in jeder Höhe zu verschaffen, – allerdings zu einem Zinsfuße, der eher ein Zinskothurn zu nennen war.

Auch daß die so angenehme Schwärmerei für Berta in die Brüche gegangen war, nahm er in seiner Gemütsagilität nicht eben schwer. Er hatte sich dafür eine Schwärmerei für die geheimnisvolle Frau zurechtgemacht, die er als seine Schicksalsgöttin in schwülstigen Versen besang. Ein kostbar in goldbedrucktes Pergament eingeschlagenes Buch mit dem Titel »Die schwarze Perle« nahm diese Ergüsse widerspruchslos auf, denn selbst das dickste echte Handpapier aus den berühmten Bütten der Herren van Geldern läßt sich, darin gemein wie alle anderen Papiere, alles gefallen.

Schlimmer dagegen war, daß auch Karl diesmal zur Familie hielt. Er war zwar nicht wütend, weil sich Henry von Berta hatte abwenden lassen, er raste vielmehr noch immer bei dem Gedanken, daß der »Neger« (so hieß er nun wieder bei ihm) sich erdreistet hatte, mit Berta ohne sein Wissen anzubinden.

»Wenn ich dieses Tier doch zertreten könnte!« hatte er zu Berta gesagt. »Daß du dich so weit hast erniedrigen können, an eine Verbindung mit dieser Bestie zu denken, ist greulich genug, ist eine furchtbare Wunde, die du mir zugefügt hast; aber daß er gewagt hat, daran zu glauben, wie an etwas Mögliches, ist geradezu grauenhaft, ist ein unerträglicher Gedanke, ist unaustilgbares Gift in meinem Innern. Ich habe bisher nur geglaubt, ihn zu hassen; in Wahrheit habe ich ihn bloß verachtet. Jetzt aber hasse ich ihn, und ich werde ihn bis zu meinem letzten Atemzuge hassen und mit meinem Haß verfolgen. Er soll mir nicht entgehen! – Noch bin ich außerstande, mich mit ihm abzugeben. Ich überlasse ihn dem Sumpfe, in den er sich jetzt unbedingt stürzen wird. Vielleicht gibt ihm schon die schöne Madame den Rest, die sich seiner so liebevoll annehmen will. Er wird wahrscheinlich zu ihr nach München eilen. Papa hat sich erinnert, ihr Bild in dem Atelier des bewußten Malers gesehen zu haben, der offenbar den Kuppler für den alten Hauart gespielt hat. Es scheint, sie war eine Geliebte des Alten und will sich nun an den Jungen machen, der bald so viel wert sein wird, wie der Alte. Ich konnte leider nur das aus einem Gespräche der Eltern aufschnappen. Sie scheinen aber noch mehr zu wissen. Nun genug. Was gehts uns an! Lange wird er an ihr nicht hängen bleiben. Ich kenne ihn doch! Wenn er marode und satt ist, kriecht er wieder zu mir. Er soll willkommen sein!«

Er verhielt sich also aufs äußerste ablehnend gegen Henry. Dieser, immer geneigt, zu glauben, was ihm jeweils bequem war, hatte aus dem zurückhaltenden Benehmen Karls während der großen Szene schließen zu dürfen geglaubt, daß wenigstens auf ihn die Ansichten »des Schicksals« nicht stimmten. Mochten alle anderen ihn hassen und umlauern: Karl, das Genie, stand zu hoch dazu. Er war ihm ein bißchen böse von wegen der ausgebliebenen Monatswechselergänzung, aber diese Stimmung würde bald verschwinden, wenn beide vereint in Leipzig herrlich und in Freuden lebten. Denn so war es ja immer ausgemacht gewesen: sie wollten gemeinsam die hohen Schulen abgrasen. Karl hatte gesagt: »Für Seine Lordschaft geziemt es sich durchaus nicht, gleich jedem anderen Studierknaben eine oder ein paar Universitäten heimzusuchen. Lord Byron der Jüngere wird die vornehme, in unserem plebejischen Zeitalter fallen gelassene Tradition der adeligen Studenten früherer Zeiten aufnehmen, die überall ein bißchen herumkosteten, begleitet von einem Hofmeister, der nicht bloß gleichzeitig, sondern in der Hauptsache auch Maitre de plaisir war. Dieser dein dienstwilliger und keineswegs pedantischer Hofmeister werde ich sein. Rund um die deutsche Wissenschaft wollen wir fahren und mitten ins Leben hinein. Da unsere Neigungen sich Gott sei Dank nicht decken, wirst du den Extravorteil haben, von mir zwar geleitet, aber nicht geniert zu werden. Ich garantiere dir nach dem Verlauf von zehn Semestern eine so allgemeine Bildung, daß du zeit deines Lebens für einen Lebenskünstler gehalten werden sollst.«

Das wäre nun sehr nach Henrys Geschmack gewesen, und er hatte sich so in diese Perspektive hineingelebt, daß es ihn schwer ankam, sich eine andere auch nur vorzustellen.

Aber es mußte nun sein. Er mußte ohne Hofmeister auf die Universität. Er mußte es machen, wie jeder andere.

Oder sollte er selbst, ohne Mentor, ausführen, was im gemeinsamen Programme gestanden hatte?

Henry wurde sich bald klar darüber, daß es damit nichts sein würde. Er ließ den Kopf hängen unter dem Drucke der Überzeugung, daß er für sich allein, ohne Führung, nicht weit kommen würde.

Es war entschieden besser, er machte es wie die anderen. Also ein Studium wählen und Umschau nach den berühmtesten Professoren halten?

Aber du lieber Gott, wozu denn? Er wollte doch wahrhaftig kein Gelehrter werden oder gar ein Beamter?

Das heißt, ja, vielleicht doch! Der diplomatische Dienst! Wie? Auswärtiges Amt... Attaché irgendwo... Dann Gesandter... Aber, hatte ihm der Papa im Grunde nicht immer abgeraten? Und diese entsetzlich langsame Karriere. Diese Examina. Diese gewaltige Arbeitspflicht unter einem Chef wie Bismarck, der selber ganze Nächte durcharbeitete, und, wie es hieß, sich gar nicht genierte, von den höchsten Beamten ähnliches zu verlangen. – Unsinn! Übrigens war er ja auch gar nicht adlig, und zum Ministerpräsidenten in Tahiti war er doch wohl zu schade.

Nein, ans Studieren dachte er gar nicht. Selbst die verlockende Eitelkeit, wenigstens einmal den Doktor zu machen, um ein äußeres Zeichen akademischer Bildung davonzutragen, wies er stolz und standhaft von sich. Doktor! Er wollte doch nicht mit Gymnasiallehrern und Zahnärzten konkurrieren. Mußte durchaus ein äußeres Zeichen akademischer Bildung erworben sein, so waren ein paar Schmisse im Gesicht anständiger und dekorativer.

Das wäre nun freilich der entschiedenste Bruch mit den Grundsätzen Karlscher Weisheit gewesen, denn dieser war nicht müde geworden, ihn zu lehren, daß es nichts Kindischeres, Alberneres, Blödsinnigeres, ja Unanständigeres gäbe, als sich durch Aufsetzen einer bunten Mütze von den übrigen Studenten unterscheiden zu wollen. »Leute, die mit dem Kopfe variieren, wie es unsere Farbenstudenten offenbar geflissentlich tun,« hatte er einmal gesagt, »beweisen damit vor allem das eine, daß ihr Kopf nichts wert ist, und Leute, die eine bunte Mütze brauchen, um ihre Köpfe vor anderen Köpfen auszuzeichnen, tun damit, die ehrenhafte Zunft der Dienstmänner ausgenommen, kund, daß sie alles andere eher sind als ausgezeichnete Köpfe.«

Henry hatte dem selbstverständlich beigepflichtet, ja er hatte, wenn Karl nicht zugegen war, dieses vernichtende Urteil über das deutsche Couleurstudententum gerne reproduziert, aber jetzt begann er auf einmal kritisch darüber zu denken. – Wer seinen Kopf dem langen Messer hinhält, sagte er sich, beweist am Ende auch, daß er das hat, was dem guten Karl entschieden fehlt, Mut; und, wenn Karl es verschmäht, sich eine bunte Mütze auf den Kopf zu setzen, so tut er damit am Ende auch kund, daß sein käsernes Antlitz die Benachbarung besserer Farben nicht verträgt. Er würde mit einer bunten Mütze allerdings gar nicht ausgezeichnet aussehen. Während ich...

Die Eitelkeit, die dem Doktor standgehalten hatte, kam der Eventualität einer bunten Mütze gegenüber ins Wanken. Auch glaubte er sich zu erinnern, daß er schon als Knabe ein brillanter Fechter gewesen sei. Und dann: repräsentiert das deutsche Korpsstudententum nicht die alte deutsche Ritterlichkeit? Umschließt es nicht die elegantesten, vornehmsten, stolzesten der Studentenschaft? Mochten die übrigen Farben eine leere Albernheit sein: die Farben eines Korps bedeuteten etwas sehr Ernsthaftes, bedeuten unbedingte Ehrenhaftigkeit, Auslese, Elite. Ja, noch mehr: Sie bedeuten auch Zucht, Erziehung fürs Leben in höheren Schichten. War nicht Bismarck, ja, war nicht Prinz Wilhelm selbst, der künftige Kaiser, Korpsstudent gewesen?

Wie schade, daß ihm das alles Karln gegenüber damals nicht eingefallen war! Sein ausgezeichneter Kopf würde beim Anhören dieser Wahrheiten wohl etwas an Erhabenheitsausdruck eingebüßt haben. Wahrhaftig, sah man sie sich näher an, so verloren die geistreichen Sprüche des superklugen Vetters doch einigermaßen an positivem Werte. Spiegelfechtereien – nichts weiter! Billige Spiele eines impertinenten Witzes, ohne alle innere reelle Kraft! O nein, Böseres noch: Selbstbespiegelungen eines auf sein Gehirn eitlen, aber im Grunde dem wirklichen Leben ganz und gar nicht gewachsenen Menschen, der freilich alle Ursache hatte, sich über alle Gültigkeiten lustig zu machen, weil es ihm versagt war, daran teilzunehmen.

Aber soll ich, ein ganz anderer Kerl, deshalb gleichfalls verzichten? Soll ich wirklich diesem Hofmeister auf allen seinen Schleichwegen ums Leben herum nachlaufen, bloß weil er gescheit zu reden weiß? Gott sei Lob und Dank, daß ich diesen gefährlichen Mentor los bin.

– O, das Schicksal hatte wahrhaftig recht: er wollte mich aushöhlen! Weil er nichts in sich hat als durcheinanderwimmelnde Gedanken, sollte ich, der ich voller Phantasie, Leidenschaft, Kraft bin, gleichfalls ein Abstraktum werden! An der Nase herum sollte ich geführt werden, bis ich drehkrank würde und die Welt selber ansähe, wie er: als eine Gelegenheit, sich geistreich darüber zu mokieren.

– Nein, mein Junge, ich will mich doch lieber vom Leben selbst hofmeistern lassen. Einen Leibburschen brauche ich, keinen Mentor! Resolut auf eigene Faust will ich genießen. Nicht als Reflex von dir! Du sollst einen Korpsstudenten an mir erleben, dem gegenüber du dir nicht erlauben wirst, Witze du drechseln!

*

Das Maultier schwebte nicht mehr in der Luft. Mulus Henry war fest entschlossen, in ein Korps einzutreten und damit aufs deutlichste an den Tag zu legen, daß seine Abhängigkeit von Karl ein überwundener Standpunkt war.

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