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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 63
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Nach einer Weile sagte die Frau: »Du fragst mich nicht, wer ich bin?«

Henry schüttelte den Kopf.

– »Hast du keine Ahnung?«

– »Doch.«

– »Nun?«

– »Ich kann es nicht sagen.«

– »Warum nicht?«

– »Es läßt sich nicht sagen, nur ahnen, fühlen; es ist zu tief.«

– »Es ist wohl Liebe dabei, Henry?«

– »Ja.«

– »Du ahnst, daß ich mehr für dich empfinde, als irgendein Mensch, nicht wahr?«

– »Ja.«

– »Und du.«

– »Mir war nie so wohl zumute. Ich bin glücklich. Ich fühle mich sicher bei Ihnen. Mir ist, als kennte ich Sie, solange ich lebe.«

– »Das ist auch so.«

– »Und doch habe ich Sie nie gesehen.«

– »Du hast es nur vergessen.«

Henry schüttelte den Kopf: »Wie wäre es möglich, dies zu vergessen?«

»Ach,« sagte die Frau, »die schönsten Träume vergißt man.«

– »Ja, Träume.«

»Höre mir wohl zu,« sagte die Frau.

– »Es war in einer Frühlingsnacht, da habe ich dich zum ersten Male geküßt. Und jemand sang ein Negerlied, während die Bäume rauschten:

Dein Vater im Weizen, deine Mutter im Korn,
Kling Sichel, surre und schneide;
Daß Gott sie behüte,
Ihre Hand ist so müde.
Und ihr Herz ist bitter von Leide.

Das weißt du nicht mehr?

Henry schüttelte den Kopf.

– »Dann war ein Sommertag. Da habe ich dich wiederum geküßt. Die Sonne stand hoch, es rauschte das Schilf. Kleine flache Wellen liefen über den Sand. Du lagst nackt und hingst an meinem Halse.«

Henry weitete die Augen: »Das... das habe ich viele Male geträumt!«

– »Siehst du? Und hast mich doch vergessen? Ich aber weiß deine Träume. Ich weiß viel mehr von dir, als du selbst.«

– »Wie kann das sein?«

– »Es ist besser, du erfährst es nicht. Geheimnisse sind gut. Es sind Schleier, hinter denen das Leben schöner wird. Gebe Gott, daß ich sie dir nie zerreißen muß.«

– »Sind sie schön?«

– »Alles Geheimnisvolle ist schön.«

Es trat eine Pause ein. Henry sann nach. Drängte sie ihn nicht wieder von sich ab? Spielte sie etwa mit ihm?

Er sagte, fast unwirsch: »Warum sind Sie jetzt zu mir gekommen? Warum nicht früher?«

Die Frau antwortete: »Ich komme nur, wenn es not ist.«

– »So verfolgen Sie mein Leben?«

– »Ja. Es ist meine Pflicht.«

– »Wer gebietet es Ihnen?«

– »Dein Schicksal.«

– »Wie hängt mein Schicksal mit Ihnen zusammen?«

– »Auf eine wundersame Weise, Kind. Aber du sollst nicht danach fragen. Sollst dich auch in Gedanken nicht damit beschäftigen. Es sei dir genug, zu wissen, daß eine dir fremde und doch geheimnisvoll verbundene Frau lebt, deren Beruf es ist, deinem Leben aus der Ferne zu folgen, bereit, immer neben dir zu erscheinen, wenn du Rat und Lenkung brauchst.«

Henry fühlte sich wie überschattet vom Schicksal selbst. Dies alles war unbegreiflich, mysteriös und so außer aller gewöhnlichen Wahrscheinlichkeit, daß er gewiß skeptisch geworden wäre, wenn er nicht im Innersten gefühlt hätte, daß die Frau mit ihren Dunkelheiten die Wahrheit sagte. Auch tat dies alles seinem ganzen Wesen innig wohl, denn es rührte an das Tiefste seines Innenlebens, an Empfindungen, die ihm noch kaum je zum klaren Bewußtsein gekommen, in seinem Unbewußten aber bestimmend mächtig waren. Bei all seiner Eitelkeit und Unsicherheit, seinem Drange, sich an Stärkere anzulehnen und von ihnen geleitet zu werden, war er doch erfüllt von einem immanenten, phantastisch mächtigen Selbstbewußtsein, von dem Gefühle, durch außerordentliche Umstände ausgezeichnet und zu besonderen Dingen berufen zu sein. Was je an Deutlichkeit in ihn hineingeredet worden war vom alten Hauart und von Pastor Südekum, von Karl, hatte, bei allem scheinbaren Eindrucke, nicht entfernt so auf ihn eingewirkt, wie jetzt diese dunklen Andeutungen eines rätselhaften Verknüpftseins mit einer geheimnisvollen, ihm fremden und dennoch aufs wunderbarste vertrauten Persönlichkeit.

Seine Mutter, die ihm hier gegenübersaß, ohne daß er auch nur einen Augenblick auf den Gedanken gekommen wäre, daß das Wunderbare ihres übermächtigen Einflusses auf ihn einfach die Macht des Blutes war, Muttermacht, – Frau Sara hatte ihn intuitiv sofort im eigentlichsten seines Wesens erfaßt, und erkannt, was ihm fehlte: Das feste Beruhen auf sich selbst. Er war entwurzelt. Das Phantastische in seinem Wesen, innig zusammenhängend mit einer mystischen Neigung zum Glauben an eine besondere Bestimmung seiner selbst, das, was sie als das Besondere in ihm erkannte, neben der ihr gleichfalls sehr deutlichen Sucht und Kraft, zu genießen, war unterdrückt. Geschmackvoller Lebensgenuß allein würde ihn nicht glücklich machen, wie er sie glücklich machte. Das fühlte sie bestimmt. Sie glaubte ihn jetzt deutlich als Sohn des Tataren zu erkennen und damit einen als Menschen von mystisch-phantastischem Einschlag bei heftig und herrisch sinnlicher Grundnatur. Konnte ein solcher Mensch glücklich werden unter dem Einfluß von Menschen, wie sie ihn hier umgaben? Nein. Er mußte unter ihnen verkrüppeln. – Daher mußte vor allem ein Gegengewicht in sein Leben gebracht, es mußte das geschwächt vorhandene Gefühl einer besonderen Art und Bestimmung in ihm gestärkt werden. Mit einer Enthüllung ihres Verhältnisses zu ihm wäre das nicht getan gewesen. Die Stunde würde ja bald kommen, wo er erfuhr, daß das Ehepaar Hauart nicht seine Eltern waren. Dann sollte ihn aber erst recht dichtestes Geheimnis umgeben. – Daß sie seine Liebe hatte, fühlte sie mit strömendem Glücksgefühl, aber es sollte immer eine ihm rätselhafte und daher, wie sie meinte, um so tiefere, reichere Liebe bleiben – etwas wie Liebe zu seinem Schicksal, seinem innersten Wesen, verkörpert in einer unnahbaren, aber immer nahen Frau: seinem Genius –: eine mystisch-sinnliche Liebe, Andacht und Inbrunst, Schwärmerei und Trieb.

Es war eine Pause eingetreten. Frau Sara schloß die Augen. Da verschwamm vor ihrem inneren Blicke das Bild Henrys und das des Tataren wunderbar in eines im wolkenhaft rötlichen Lichte der ewigen Lampe, unter der aus indischen Bronzeschalen Weihrauchdämpfe sich bläulich erhoben zur gnädigen Mutter von Kiew, aus deren mandelförmigen Augenschlitzen zwei dunkle Opale schimmerten. Daneben silberig blitzende Schildbuckeln, krumme Jatagans mit buntaufleuchtenden Steinen am Griff, mattstählern blinkende Kosakenlanzen.

Sie tat die Augen auf, und ihr Blick fiel auf eine greuliche Brandmalerei, die in tapezierergotischen Buchstaben verkündeten: »Wer da suchet seine Seele zu erhalten, der wird sie verlieren; und wer sie verliert, der wird ihr zum Leben helfen. Evangelium Lucä 17, Vers 33.« Frau Sara lächelte geringschätzig. Dann faßte sie Henry scharf ins Auge und sprach: »Die Zeit ist da. Du brauchst jetzt meinen Rat. Denn du bist an einem Wendepunkt deines Lebens und im Begriffe, dich zu verirren. Willst du auf mich hören? Glaubst du an mich?«

– »Ja.«

– »Es kann niemand hier lauschen?«

– »Es ist außer uns niemand im Hause. – Aber Sie machen mir Angst.«

– »Ich will dir Mut zu dir machen. Höre mich an. – Ich habe bisher in Andeutungen zu dir gesprochen, die dir vielleicht dunkel geblieben, aber doch als Wahrheiten ins Bewußtsein gedrungen sind.«

– »Ja.«

– »An dieses Dunkel, das aber doch die größte Helligkeit deines Lebens enthält, sollst du immer glauben. Denke, es ist dein Stern hinter Wolken. Daß du dich immer an ihn erinnerst, schenke ich dir diesen Ring mit einer schwarzen Perle.« Sie ergriff Henrys linke Hand und streifte den Ring über den kleinen Finger.

Obwohl sie es ohne alle Feierlichkeit tat, hatte Henry die Empfindung einer sakramentalen Handlung. Er ließ seine Linke in ihrer Rechten und sah sie mit dem Ausdruck eines dankbar ergriffenen und gespannt wartenden Kindes an.

Frau Sara fuhr fort: »Und nun will ich klar und deutlich zu dir sprechen. Ich bin seit dem Tode deiner lieben Eltern, die du immer in treuem Andenken behalten sollst, denn sie haben dich immer geliebt, der erste Mensch, der dir etwas schenkt. Nicht wahr?«

Henry runzelte die Stirne: »Ja.«

– »Ist es dir nie aufgefallen, daß diese Leute hier den Spruch ›Geben ist seliger denn Nehmen‹ offenbar nicht im Herzen tragen?«

– »Die Alten, ja. Aber die Jungen...«

– »Henry! Nicht von den Alten droht dir Unheil, sondern von den Jungen. Die Alten handeln nur, wie alle Welt dir gegenüber handeln wird. Darüber setz dich weg. Freu dich, daß du geben kannst und nicht zu nehmen brauchst. Denn jener Spruch ist wahr. Gib mit vollen Händen, wo es dir Freude macht; an Unwürdige, wie an Würdige. Es bleibt sich gleich. Ein indischer Spruch heißt: Die gebende Hand schwebt über der nehmenden. Aber, Henry, gib dich nicht weg, denn so begibst du dich unter andere. Und dies ist es, was die Jungen hier wollen. Auch sie wollen in erster Linie dein Geld. Da sie es aber ganz wollen und es ohne dich nicht haben können, wollen sie dich mit. Sie wollen nicht von unten empfangen, sondern dich unter sich zwingen. Sie hassen dich, und ihre Absicht ist langsamer Raub nicht bloß deines Geldes, sondern deiner selbst.

– »Berta liebt mich.«

– »Sie liebt dich, wie die Schlange ihre Beute liebt. Oder nein – mit einer schlimmeren Liebe. Sie liebt dich wie Delila Simson liebte. – O, warum solltest du ihr nicht gefallen? Welchem Mädchen, welcher Frau solltest du nicht gefallen! Alles an dir ist Kraft und Schönheit! Jeder deiner Blicke, jede deiner Bewegungen verspricht das Köstlichste. Du bist wert, daß alle Frauen und Mädchen sich dir zu Füßen legen. Und du brauchst dich vor keiner zu fürchten, die ein warmes Herz hat. Aber vor dieser Kalten, Schnöden, Gierigen hüte dich! Sie will dir die Kraft nehmen, damit ihr Bruder um so leichter dein Geld, deinen Willen, dich selbst nehmen kann. Du sollst ihnen die Mühle drehen, Henry! Sie hassen dich nicht nur, sie verachten dich!«

– »Nein! nein!«

Henry stöhnte tief auf und ergriff auch die andere Hand Saras.

Diese erhob sich und führte beide Hände Henrys an ihr Herz. Es war tiefste Erregung in ihrer Stimme, als sie sprach: »So wahr in diesem Herzen Blut ist, das dich kennt und liebt, so wahr ist, was ich dir sage. Du bist verloren, wenn du diese Natter nicht von dir stößt. Nichts in der Welt ist dir gefährlicher, als ihre kaltgierigen Augen. Nimm sie meinetwegen, wenn sie sich dir andrängt, aber nur, um sie dann fortzuwerfen.«

In diesem Augenblicke öffnete sich die Türe, und Berta stürzte herein. Ihr Gesicht war nicht nur totenbleich bis auf die Lippen, sondern auch wie plötzlich abgemagert. Sie sah häßlich aus, und ihre Bewegungen waren eckig und schlenkernd. Sie zischte: »Genug! Und hinaus!« und drang auf Frau Sara ein.

Henry wollte ihr entgegentreten, aber Frau Sara ließ seine Hände nicht los, bis sie ihn auf einen Stuhl niedergezwungen hatte.

»Es ist gut, daß Sie gehorcht haben und gekommen sind,« sagte sie mit erkünstelter Ruhe und von oben herab. »Ich fürchte Sie wahrhaftig nicht, solange ich Sie nicht allein mit Henry weiß. Sie haben gehört, was ich gesagt habe. Verantworten Sie sich.«

Berta lachte höhnisch auf, indem sie einen Schritt vor Frau Sara stehen blieb: »Vor wem? Vor einer Komödiantin, die sich in unser Haus eingeschlichen hat, um den da wegzufangen?«

– Den da? Henry blickte auf.

»Es scheint,« entgegnete mit einer Kaltblütigkeit, durch die Berta außer sich gebracht wurde, Frau Sara, »Sie haben ihren Posten etwas zu spät bezogen.«

»Immer noch zeitig genug, um das Wichtigste zu hören: die Liebeserklärung und die Verleumdung der Rivalin.« Berta sprach das letzte Wort so deutlich ironisch aus, daß Henry sich keinem Zweifel mehr über ihre Gefühle ihm gegenüber hingeben konnte.

Frau Sara nickte befriedigt. »Charmant, daß Sie mir recht geben. Nun könnte ich eigentlich gehen, wenn ich nicht Wert darauf legte, mich auch von den übrigen Mitgliedern dieser christlichen Familie zu verabschieden. Ich spiele nämlich nicht gerne Komödie, mein Fräulein, und rede viel lieber, wie es mir ums Herz ist; zumal, wenn ich verachte!«

Berta, völlig unfähig, sich gegenüber diesen schneidenden Worten zu beherrschen, wollte etwas erwidern; da hörte man Türen knarren und Schritte im Flur.

Sie rannte hinaus.

»Steh auf, Henry,« sagte Frau Sara zu dem wie tot im Stuhle Hockenden; »sei stark, aber ruhig.« Sie küßte ihn auf den Mund und legte ihre Arme um seinen Hals.

In diesem Augenblicke erschien hinter Berta Herr Jeremias Kraker mit hochrotem Gesicht in der Türe. Hinter ihm drein schob sich, von ihm zurückgehalten, Frau Sanna, während Karl es vorzog, auf dem Flur zu bleiben. Szenen zwischen Frauen waren ihm degoutant.

»Lassen Sie von meinem Pflegesohn ab!« keuchte Herr Jeremias, »und entfernen Sie sich, oder ich lasse die Polizei holen. Ich werde sie ohnehin von Ihren gefährlichen Machinationen benachrichtigen müssen.«

»Hochstaplerin!« schrie Frau Sanna.

Frau Sara streichelte Henrys Wange.

»Hören Sie auf mit Ihren Verführungskünsten!« kreischte Frau Sanna.

Frau Sara tat, als hörte sie nichts. Sie gab Henry die Hand und sagte leise: »Lebe wohl, mein Henry. Ich gehe ohne Sorge. Wenn es wieder einmal not tut, bin ich bei dir. Vergiß die Perle und ihren Sinn nicht.«

»Genug mit diesen schamlosen Zuflüsterungen!« brüllte Herr Jeremias. Und: »Was tust du denn da, infamer Bursche? Soll ich mich an dir vergreifen?«

Henry hatte Frau Sara die Hand geküßt.

»Versuchs!« sagte er kurz und begleitete, die Lippen aufeinandergepreßt und jedes einzelne Mitglied der Familie Kraker groß und stolz ansehend, die Dame zum Zimmer hinaus.

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