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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Das Schicksal

Die hochherzige Stifterin erschien zu dem Sonntagsmahle im Krakerschen Hause in einer Toilette, die Herrn Jeremias und Frau Sanna gar nicht recht gefallen wollte. Um so mehr gefiel sie Henry, und Berta konnte ein Gefühl von Neid nicht unterdrücken.

Daß man sich in diesem frommen Hause nicht ohne Gebet niedersetzen würde, war der frommen Besucherin offenbar klar, denn sie blieb gleich den übrigen hinter der Stuhllehne stehen. Überraschend und augenscheinlich verwirrend wirkte es aber auf sie, als Herr Kraker sagte: »Da es in unserem Hause Sitte ist, bei Anwesenheit eines neuen Gastes, das Tischgebet diesem als schönes Vorrecht zu überlassen so bitte ich gnädige Frau, es zu sprechen.«

Die hochherzige Stifterin stutzte und war ersichtlich in Verlegenheit, welches ihrer gewöhnlichen Tischgebete sie für diesen besonderen Fall auswählen sollte. Es trat eine der Pausen ein, die viel länger scheinen, als sie sind.

Um so kürzer wirkte dann das Gebet: »Der Herr segne unsere Mahlzeit, Amen.«

»Hm!« machte Herr Jeremias, während die Stühle rückten.

– Wie sie kurz angebunden war, das ist nun zum Entzücken gar, dachte sich Karl.

– Ich habe nie so schön vor Tisch beten hören, sagte sich Henry.

– Das soll ein Gebet sein? tadelte Frau Sanna bei sich. Das war ja bloß ein Amen.

Da, was war das! Die Dame lehnte sich aufseufzend im Stuhl zurück und wehte sich halb geöffneten Mundes Kühlung zu.

»Die gnädige Frau ist unwohl,« rief Henry aus und sprang auf.

Herr Kraker winkte ihm ab und wandte sich an seinen Gast: »Sie fühlen sich nicht wohl, Frau Sturm?«

»Es ist schon vorüber,« entgegnete sie lächelnd; »ich habe im Frühjahr oft solche Anfälle; sie sind aber ohne jede Bedeutung.«

– Das kommt von dieser unpassenden Schnürerei, dachte Frau Sanna.

– Ich wette, sie spielt uns was vor, sagte sich Berta.

– Hoffentlich ist es nichts Schlimmes, bangte Henry.

– Sie wird die Kirche schwänzen wollen; das ists, entschied Karls Menschenkenntnis.

Er war nicht wenig stolz auf seine Psychologie, als nach Schluß des Mittagessens Frau Sturm in der Tat einen zweiten und heftigeren Anfall hatte, der sie leider, leider zwang, auf den Kirchengang zu verzichten. Sie müsse notwendig eine Stunde ruhen, denn nur auf diese Weise sei ein wirklicher Ohnmachtsanfall zu vermeiden. Ob man ihr nicht eine Droschke...?

Sie wankte und mußte sich auf den Tisch stützen.

Henry sprang zu ihr. Sie stützte sich auf seinen Arm, indem sie ihn fest preßte: »Zum Sofa, bitte. Ich fürchte... ich werde... danke! Dank! Ah, nur eine kleine Weile Ruhe... Wenn Sie mir erlauben, mich hier... Aber Sie dürfen meinetwegen nicht um die gewohnte Nachmittagspredigt kommen, sonst...« Sie versuchte mühsam, sich zu erheben und erklärte, unter gar keinen Umständen schuld daran sein zu wollen, daß die Familie Kraker dieser ihrer kleinen Schwäche halber den heiligen Südekum versäume. Sie selbst würde sich zu ihm hinschleppen, wenn sie nicht genau wüßte, daß dann ein um so schlimmerer und störender Anfall in der Kirche kommen werde, während der jetzige ganz gewiß gar nichts auf sich habe. Sie könnten wirklich ruhig gehen; es sei denn, sie empfänden es peinlich, eine fremde Person im Hause zu lassen.

Das wirkte. Herr Kraker erklärte mit traurigem Tone, er wisse nicht, was die vortreffliche, gesinnungsverwandte Dame auf einen so häßlichen Verdacht habe bringen können. Er habe mit den Seinen nur zu ihrer Hilfe anwesend bleiben wollen. Indessen sei ihr Wunsch natürlich maßgebend. Aber ganz allein könne man sie unmöglich lassen, und den Dienstboten wolle man den Gottesdienst nicht versagen.

»Ich brauche niemand,« entgegnete Frau Sturm, »ich nehme mein Pulver ein, das ich stets bei mir trage; das beruhigt mich und gibt mir Schlaf. Sie brauchen mit nur eine Gelegenheit anzuweisen, daß ich mich ausstrecken kann. Wenn Sie zurückkommen, bin ich frisch und munter, und Sie lassen mich wenigstens durch Erzählung ein wenig vom Geiste des berühmten Pastors genießen.«

Sie richtete sich wieder am Arme Henrys auf und wurde von diesem und der ganzen Familie in Frau Sannas Zimmer geleitet. Trotzdem machte sie es möglich, unter dem Anscheine schmerzlichen Aufseufzens, Henry zuzuraunen: »Ich muß Sie unbedingt sprechen.«

Am Sofa angelangt, ließ sie sich sofort nieder und sagte: »Und nun also mein Pulver.« Sie griff in ihr seidenes Beutelchen. Dann rief sie erschreckt aus: »O, ich habe es vergessen! Nun muß der junge Herr die Güte haben, mir es auf das Rezept hin in der Apotheke zu besorgen.« Sie drückte Henry einen Rezeptstreifen in die Hand.

»Ich bin in zehn Minuten zurück, wenn ich es gleich erhalte.« sagte der hastig.

»Nein, die Anfertigung braucht eine Viertelstunde. Es ist mir sehr unangenehm, daß nun Sie die Predigt wirklich versäumen müssen,« entgegnete, nun aber schon ganz mühsam, Frau Sturm und lehnte sich, mit dem Anschein größter Hinfälligkeit, gegen das Kissen. Die Familie Kraker verabschiedete sich mit leisen, nur durch ein müdes Kopfneigen beantworteten Gutebesserungswünschen. Henry stürzte davon.

In seinem Kopf war ein Wirbel, Aufruhr in seinem Herzen.

– Was war das? Was hatte sie ihm zu sagen?

Durch alle Glieder rann ihm das heiße Gefühl einer wunderbaren Ergriffenheit. Nicht zum Spaße spielte diese herrliche Frau dieses Spiel. Etwas Unerhörtes, Besonderes stand ihm bevor, ein Erlebnis.

Mit schnellsten Schritten ging er die Straße entgegengesetzt der Richtung hinab, die Krakers nehmen mußten. Hinter der nächsten Straßenecke postierte er sich und entfaltete den Zettel. Darauf stand: »Sobald die anderen außer Gesichtsfeld sind, zurückkommen. Schnell! Schnell!!«

– Welch eine Frau! Wie sie alles berechnet hat, dachte er sich. Die Stiftung, der Besuch, die Ohnmachtsanwandlung, – alles nur meinetwegen! Welch ein Geheimnis! Welch ein Abenteuer!

Er erinnerte sich an Romanlektüren, wie da reife Frauen von Leidenschaft für ganz junge Männer ergriffen waren, alles dafür wagten und überschwenglich sich ausrasten in verzücktem Geben und Nehmen. Immer vorsichtig die Straße visierend, malte er sich den Rausch eines solchen Abenteuers mit dieser ihm unendlich reizvoll liebenswürdig, innig vertraut erscheinenden Frau aus. Als aber die Krakers auf die Straße getreten und dann hinter der nächsten Ecke verschwunden waren, und als er nun wieder auf ihr Haus zuging, da zerflatterten diese Phantasien und es überkam ihn ein Gefühl ganz anderer Art.

– Nein, das war es wohl nicht. Es war etwas Tieferes, war mehr. Kein Abenteuer, –: Schicksal. Ja, das war das Wort: Schicksal.

Wie er in das Haus eintrat, war ihm, als ob er etwas Heilig-Mystischem entgegenginge.

Und so war es keine Pose, sondern unmittelbare Eingebung, als er vor der Frau niederkniete und seinen Kopf in ihrem Schoß verbarg.

Er fühlte einen Kuß auf seinem Scheitel brennen und wandte sein Auge zum Antlitz der Frau, die ihm über das Haar streichelte.

»So wars recht,« sagte sie, »setz dich mir gegenüber, daß ich dich recht sehen kann. So. Und nun sag, bin ich dir lieb?«

– »O!«

Seine Augen sagten das übrige. Er hätte sich ihr an den Hals werfen mögen. – Warum aber ließ sie ihn nicht näher sitzen? Warum küßte sie ihn nicht auf den Mund? Warum durfte er sie nicht küssen? Sah sie ihn jetzt nicht abwehrend an?

Nein. Aber etwas wie innere Not war in dem Blick, etwas Verhaltenes, eine Angst, ein Drang und Gegendrang. Und doch ein großes Glück und ein großes Wollen.

Man sagt, das Auge des Menschen, sei eine immer gleiche, im gesunden Zustand unveränderliche Kugel, ein Apparat, lediglich bestimmt zur Aufnahme, unfähig wechselnden Ausdruckes; nur das Spiel der Muskeln, die es umgeben, täuschen einen Ausdruck vor. Man will das durch Hunderte photographischer Aufnahmen bewiesen haben. Denn, schneidet man von diesen Bildern bis aufs Auge alles weg, was den Ausdruck von Zorn, Trauer, Liebe, Haß im Muskelspiele des Gesichtes verrät, so bleibe immer das gleiche leere Abbild einer ewig unveränderlichen lebendigen Linse. Nur der Reflex des Lichtes darauf könne einen weiteren Anschein von Veränderung erwecken. – Demnach gibt es Dinge, die nur das Auge sieht, während der photographische Apparat nicht imstande ist, sie zu registrieren. Eine erstaunliche Tatsache voller gleichfalls photographisch nicht zu registrierender Perspektiven.

Henry sah unendlich Vieles, sah Unaussprechliches im Auge der Frau. – Sah er vielleicht ihre Seele?

Aber, wenn das ihre Seele war, was so aus der Tiefe glühte, glühte und erlosch, erlosch und aufs neue, aber ruhiger erglomm, dann wie in Schleiern verschwamm und nun hinter Schleiern mild ruhig leuchtete, – wenn das ihre Seele war. was sprach es aus?

Henry verstand es nicht, aber er ahnte, daß es einen tiefen Sinn haben müsse, tieferen Sinn für ihn, als irgend etwas, das ihm bisher von Menschen gesagt worden war, sei es in Worten oder Blicken.

Er hätte ewig so sitzen und in diese rätselschönen geheimnisvollen Augen sehen mögen.

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