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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Die Stifterin

»Die Moral in der Budike ist von anderen Moralen nicht wesentlich unterschieden; nur in der Nuance und im Ausdruck. Die Moral! Wenn es im übrigen sowohl in Budiken wie anderswo auch noch Gesinnungen gibt, die weniger schmiegsam sind und sich mit realen Wertgattungen nicht so leicht oder auch gar nicht amalgamieren wollen, so beweist dies nur, daß das im allgemeinen auf Ordnung und Einklang angelegte Weltbild doch wohl ohne einen gewissen abstechenden Einschlag von Querköpfen nicht auskommen kann. Diese Gesinnungstölpel nehmen sich auf der Bühne ja recht gut aus; wenn Musikus Miller aber von den Brettern, die die Welt bedeuten, herabstiege auf den Marktplatz, der die Welt ist, so würde er vergeblich auf Applaus warten.«

Dieser wenig optimistische Passus stand in einem sehr realistischen Romane Hermann Honraders, dessenthalben dieser Autor damals wegen eines Vergehens gegen die Sittlichkeit, begangen durch die Presse in nicht weniger als fünfundachtzig Fällen, vor Gericht stand. Die bürgerliche Welt mußte sich, wie der Staatsanwalt erklärte, beleidigt fühlen durch Abschilderungen von unsittlichen Zuständen, deren Existenz man freilich, leider, nicht leugnen könne, die aber nur dann als Gegenstand dichterischer Behandlung zulässig seien, wenn sie mit sittlichem Pathos gegeißelt, aber nicht schamlos enthüllt würden. Aber gerade die Enthüllung sittlicher Greuel sei recht eigentlich Ziel und Absicht der sogenannten realistischen Schule, der man deshalb im Interesse der allgemeinen Moral den Garaus machen müsse. Sie sei nichts anderes, als literarisch verkappter Sozialdemokratismus. Bücher, wie dieses von Honrader, gehörten gewissermaßen unter das Sozialisten-Gesetz, denn sie reizten indirekt zum Klassenhasse auf und untergrüben die staatliche Ordnung, die ein Ausfluß der Moralgesetze sei.

Der Prozeß machte Aufsehen und den angeklagten Autor auch in den Kreisen berühmt, wohin sein Name bisher noch nicht gedrungen war. Das Buch wurde verboten. Henry, der es gleich nach Erscheinen für die Bibliothek des lyrischen Kükensalates gekauft hatte, kannte es und mißbilligte es heftig, da er sich auf dem Höhepunkte seiner Schwärmerei für Berta befand und den dringenden Wunsch hegte, nur Schilderungen reiner und erhabener Gefühle von den Dichtern vorgesetzt zu bekommen.

Er befand sich jetzt auf dem besten Wege, ein »ordentlicher Mensch« zu werden. Zwar sündigte er unentwegt weiter gegen die Vorschriften der Moral, aber er verurteilte dieses Gebaren selbst aufs schärfste und durfte sich sagen, daß sein Empfinden wenigstens hochmoralisch war. Wie hätte das aber auch anders sein dürfen bei einem Menschen, der mit einer engelhaften jungen Dame aus guter Familie heimlich verlobt war?

Wenn Leute, wie Hermann, die aus den Niederungen des Lebens doch nie herauskommen konnten, Sturm liefen gegen alles Reine, Heilige, Hohe und den frevelhaften Versuch wagten, den Abschaum der Weiblichkeit nicht nur in Schutz zu nehmen, sondern sogar als Märtyrerinnen der sozialen Verhältnisse und einer verkehrten Moral zu glorifizieren, so konnte er nur den allerentschiedensten Widerwillen gegen derartige Verirrungen empfinden, da er einerseits die wahre Natur jener verächtlichen Weibspersonen genau zu kennen glaubte und andererseits einen Einblick in die Seele höherer Weiblichkeit genommen hatte.

Er war so erfüllt von diesen nach seiner Meinung bedeutenden Überzeugungen, daß er sie seinem ehemaligen Herzoge in einem sehr langen und gar feierlichen Briefe auseinanderlegte.

Darauf lief folgende Antwort von Hermann ein:

»O Henfel!

Deine verschiedenen überschwenglichen Briefe an mich habe ich nicht beantwortet, weil sie bloß knabenhaft waren, und ich ihnen keinerlei Echtheitswert beimaß. Auf Deine – Belehrungen muß ich Dir aber ein paar Worte sagen, weil sie mir Wesentlicheres von Dir zu enthalten scheinen.

Du bist auf dem besten Wege, Henfel, zu Deiner Art »Glück«. Wenn Deine Braut aus demselben Philister-Papiermaché ist, so kann es Dir künftig nicht fehlen. Sie wird Dich von allen den Aspirationen nach etwas Besonderem, die Dir Deine Eitelkeit eingibt, ohne daß Du das Zeug dazu hast, hoffentlich zurückhalten, und so darf angenommen werden, daß Du ein vortrefflicher Bürger, Gatte, Vater werden und dich pudelwohl in Deiner Haut fühlen wirst. Du wirst nicht nur zehn Millionen und alle Genüsse davon, nein, Du wirst auch Moral haben. Recht so! Millionen ohne Moral bekommen kleinen Leuten schlecht. Sieh um Gotteswillen zu, daß Dir Deine Moral nicht abhanden kommt! Eher kannst Du die Hälfte Deiner Millionen verlieren. Du verstehst mich natürlich recht: Moral für den Hausgebrauch, fürs Gemüt, als Prinzip! Im übrigen aber: Rin ins Vergnügen! Wozu hättest Du sonst Millionen und Deine kräftige Konstitution?

Nur auf eins mußt Du dann verzichten: auf die angenehme Einbildung ein Original zu sein. Denn die Moral mit dem doppelten Boden ist das moderne Universalmöbel, das Schlafsofa des guten Gewissens. Jeder Philister räkelt sich darauf herum.

Also, schlaf wohl, Henfel! Ich, da Du so gütig bist, etwas von meinem Leben wissen zu wollen, – ich schlafe nicht. Ich habe zu viel zu tun dazu. Du weißt ja: ich will andere Möbel einführen, als Dein Verwandlungskanapee. Und ich glaube auch, noch immer, Henfel, trotz einiger Enttäuschungen, an die Existenz anderer Menschen, als es die sind, die sich so philisterhaft bequem, so ekelhaft (nach meinem Sinne) behaglich einrichten im Leben.

Daß es mir bei dieser Art Beschäftigung nicht gerade üppig gut geht, wirst Du, bei eingermaßen erwachtem Kapitalisten-Verstande für die notwendigen Bedingungen zu einem auskömmlichen Leben, ohne weiteres begreifen. Es geht mir um so kümmerlicher, als ich ein Mädchen ohne einen Pfennig Geld geheiratet habe. Nimm alle Verachtung, die Dir zu Gebote steht, und wirf sie auf mich: dieses Mädchen, jetzt meine Frau, war Kellnerin!

Siehst Du nun, wie gut es war, daß ich damals abgewinkt habe, als Du in unbegreiflicher Verblendung gedachtest, mich als – Bruder anzuerkennen? Henry Felix Hauart, Erbe von zehn Millionen Mark, Bräutigam einer jungen Dame aus gutem Hause, moralisch durch und durch, und – Schwager einer ehemaligen Kellnerin!

Nein, das wäre zuviel gewesen! Ist es doch schon grausam genug, daß Du in einem übelberüchtigten Schriftsteller, der beinahe eingesperrt worden wäre, Deinen Halbbruder sehen mußt.

Du wirst doch nicht so gottverlassen gewesen sein und dieses gräßliche Geheimnis verraten haben?

Von meiner Seite her brauchst du keine Enthüllungen zu befürchten. Ich lege keinen Wert auf allzu – entfernte Verwandtschaften. Und, war unser Vater schon ein sehr entfernter Verwandter von mir, – wie entfernt mußt erst Du mir sein!

Freue Dich, Henfel, ich bin nicht

Dein Bruder
Hermann Honrader.«
           

Henry fand diesen Brief ekelhaft. Erstens wegen der in ihm enthaltenen Beleidigung, daß er, Henry, der immer noch starke, wenn auch abgeklärte Geist, ein Philister sein sollte, und dann, hauptsächlich, wegen der Kellnerin. Pfui Teufel, was für eine Gesellschaft mußten diese Literaten Gründeutschlands sein, wenn einer ihrer Hauptführer so ein Frauenzimmer zur Frau haben konnten

Und für diesen Menschen hatte er einmal geschwärmt!

– Nun, das war meine Sturm- und Drangperiode, dachte er sich; die Hauptsache ist, daß ich, dank Berta, daraus heraus bin.

Wie schade nur, daß diese das Verbot der Eltern, mit ihm allein zu sein, nur so selten durchbrach und es auch dann, ein paar köstliche Händedrücke und Blicke ausgenommen, an aller Zärtlichkeit fehlen ließ.

Wollte sie seine Standhaftigkeit prüfen?

Wahrscheinlich. Aber schön war das nicht. Es war sogar unnatürlich, wenn sie ihn wirklich liebte.

Bittere Zweifel stiegen in ihm auf.

Sollte doch nicht vielleicht auch sie an seine Millionen denken?

Es hatte ihn stutzig gemacht, daß Onkel und Tante jetzt so oft und angelegentlich die Rede darauf brachten, wie wünschenswert es doch sei, daß die Verwaltung des Vermögens auch nach seiner Mündigkeitserklärung in Onkel Jeremiassens Hand verbliebe. Auch der Umstand, daß ein Bruder Tante Sannas, der einen muckerischen Traktätchen-Verlag betrieb, sich das Versprechen einer größeren Einlage in sein Geschäft hatte geben lassen, war ihm fatal aufgefallen.

Onkel und Tante und was mit ihnen zusammenhing betrachteten seine Erbschaft wohl schon als allgemeines Familienvermögen, weil er Berta heiraten wollte...?

Er hatte das Gefühl, umlauert zu sein, umspannen von Fäden, die bestimmt waren, ihn weiterhin einzuengen, auch wenn die Stunde der Freiheit geschlagen hätte.

Das waren unerquickliche Empfindungen, die seiner Anbetung Bertas immerhin etwas von ihrer Glut nahmen, und, wie nun gar Karl zu den Ferien erschien, gerade als Henry sein Abiturienten-Examen bestanden hatte, da war es, als ob eimerweise Wasser darüber ausgeschüttet würde.

Karl gefiel ihm überhaupt gar nicht. Er sah so dürftig aus, verärgert, verdrossen. Das Jahr Brotstudium bei minimalem Monatswechsel hatte ihm etwas Theologiekandidatenhaftes verliehen. Auch fühlte Henry deutlich, daß Karl wütend auf ihn war.

Weshalb denn?

Diese Frage schien gelöst, als Karl ihm einmal sagte: Sehr nett von dir, daß du deine gütige Hand von mir gezogen hast. Du hast vermutlich darauf gewartet, daß ich ein Bittgesuch an Seine Lordschaft richten würde. Ich hoffte aber, du würdest von selbst soviel Anstandsgefühl haben. Aber dich muß man zu jeder anständigen Handlung offenbar mit Fußtritten bewegen. Dafür findest du den Weg zu unanständigen Machinationen ganz von selbst.

Den Schlußsatz verstand Henry ganz und gar nicht. Und doch enthielt der den Hauptgrund zu Karls wütender Stimmung.

Hatte Karl schon aus Briefen Bertas allerhand entnommen, so war ihm jetzt, obwohl sich Berta aus einem sehr bestimmten Furchtgefühle noch nicht geäußert hatte, alles klar geworden.

Er war außer sich darüber, im Tiefsten beleidigt, ja verwundet.

Er sah sich von Berta hintergangen, von Henry verächtlich beiseite geschoben. – Natürlich! sagte er sich, wenn man einen Schnurrbart und Beine hat wie dieser Bursche! Er konnte seinen Haß auf Henry kaum verbergen.

 

So war die ersehnte Muluszeit höchst unerquicklich für Henry, und er mied das Haus so oft als möglich.

Als er eines Tages in einem Zustande heftiger Gereiztheit nach Hause kam, hörte er eine fremde Stimme in Frau Sannas Zimmer, die ihm einen seltsamen Eindruck machte. Er ging zur Türe und lauschte.

Es war eine Dame, die er sprechen hörte: »Nun, ich freue mich, daß ich mich an die rechte Adresse gewandt habe. Herr Kraker war so gütig, die kleine Summe für die frommen Stiftungen mit mehr Dank entgegenzunehmen, als sie der schwachen und kleinen Liebesgabe gebührt. Daß er mir noch dazu auf meine Bitte die Erlaubnis gab, auch Sie, die Präsidentin des Magdalenenstifts-Verbandes, kennenzulernen, verbindet mich sehr. Es widerfährt uns so selten das Glück, wahrhaft christliche Bekanntschaften zu machen. Ihnen gegenüber genieße ich es. Ihr ganzes Haus atmet Frieden, Güte, Liebe. Der Himmel hat Sie ausgezeichnet vor vielen Frauen. Ihr Geist, gestützt von dem Ihres Gatten, durchwaltet dieses Haus wahrhaft evangelisch, und so dürfen Sie in Ihrem Herrn Sohn und Ihrem Fräulein Tochter zwei Seelen sich entfalten sehen, in denen der Widerschein Ihres Geistes lebt.«

Karl und Berta hüstelten. Frau Sanna entgegnete: »Tja, man tut, was man kann, und was man muß. Gnädige Frau haben keine Kinder?«

Die Dame antwortete: »Der Himmel hat mir dieses Glück versagt. Deshalb lebe ich auch so unstet. Denn: was ist ein Haus ohne Kinder? Wir Frauen sind entwurzelt, wenn wir nichts neben uns aufwachsen sehen. Deshalb begreife ich es auch recht wohl, daß Sie noch einen fremden Schößling in das Erdreich Ihrer Liebe aufgenommen haben.«

– Wie komisch, dachte sich Henry: die Worte passen gar nicht zu der Stimme.

Die Stimme aber tat es ihm an. Er trat kurz entschlossen ins Zimmer.

»Da ist er ja, unser Neffe und Pflegesohn!« sagte Frau Sanna. Und, zu Henry gewandt: »Frau Sturm, eine reiche Wohltäterin, die unsere Stiftung bedacht hat.

Die Dame hob das Lorgnon und sah Henry groß und musternd an.

– Was für wundervolle Augen! dachte sich Henry. Es wird einem ganz warm dabei. Und die salbt ihre Worte so? Das sind doch keine Augen aus der Inneren Mission? Bloß das schwarze Kleid paßt dorthin.

Er konnte keinen Blick von ihr wenden, und auch sie sah ihn im Verlauf des weiteren Gesprächs fast immerzu an. Ihre Stimme klang jetzt noch voller, wärmer.

Ihm wurde eigen wohl dabei.

Wenn sie nur wiederkäme, dachte er sich. – Gott sei Dank, Tante Sanna lud sie für morgen, Sonntag, zum Mittagessen ein.

»Hinterher können wir mit meinem Mann und den Kindern in die Nachmittagspredigt, zu unserem herrlichen Gottesmann Südekum, gehen. Sie kennen ihn doch?« fragte Frau Sanna.

»Wer sollte den gepriesenen Südekum nicht kennen?« sagte Frau Sturm. »Das wird ein gesegneter Sonntag sein.«

Die Damen erhoben sich, und nun fiel es Henry auf, daß das schwarze Kleid so wenig zu dieser vollen und geschmeidig eleganten Gestalt paßte, wie ihre Worte zu ihrer Stimme.

Er konnte nicht anders: er mußte, entgegen allem Herkommen im Hause Kraker, der schönen Frau die Hand küssen. Er fühlte dabei einen eigentümlichen, wie bebenden Händedruck, der sein Blut ins Wallen brachte.

»Was für eine wunderbare Frau!« sagte er zu Karl, als sie mit seidenem Rauschen verschwunden war.

»Eine schauderhafte Quäkermadame!« brummte der.

Und Berta sagte sehr pikiert: »Gott, manche Leute haben eben einen etwas unsicheren Geschmack.«

Ihr war das gegenseitige Anstarren der beiden nicht entgangen, und es war ihr sehr zuwider gewesen.

Henry ging beleidigt auf sein Zimmer, vergaß die Beleidigung aber bald, indem er sich immer wieder die Stimme, die Augen, die Gestalt und vor allem den heißen Händedruck der Frau ins Gedächtnis zurückrief.

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