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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Die beiden Sphären

Der starke Herr Henry war doch eigentlich nur stark in Dingen, die mit seinem Gelde zu bewältigen waren oder durch starke Worte erledigt werden konnten. Im Inneren war er ganz und gar nicht so aus einem Gusse, wie Papa Hauart von einem zum Herrschen Geborenen verlangte, oder wie es Karl als Haupteigenschaft eines »richtigen Reichen« bezeichnet hatte. Henry brauchte immer Anschmiegung, er mußte sich anlehnen, um stehen zu können. Und zwar an etwas Lebendiges anlehnen, an einen Menschen, den er sich zum Idol machte. Der Geldschrank allein genügte ihm nicht. So kräftig seine physische Konstitution und sein Genußvermögen war, so gering war seine eigentliche innere Vitalität. Er war seelisch und geistig Schmarotzer.

Das Schicksal hatte ihm äußere Machtmittel verliehen, aber sein Wesen war nur der Repräsentation von Macht gewachsen: wirklichen Machtsinn besaß er nicht. Er war nicht einmal zum Verschwenden fähig; auch da reichte es nur zur Allüre; inwendig lauerte die Angst. Auch das Glücksgefühl des Reichtums, das Souveränitätsgefühl, wie es der alte Hauart in seiner Art besessen hatte, fehlte ihm eigentlich. Er empfand es nur in Wallungen.

Wenn er jetzt auf der einen Seite einen großen Haufen Schulden hatte, der ihm im Grunde ganz unnötigerweise Sorgen machte, weil er immerhin winzig war neben seiner Erbschaft, so hatte er auf der anderen Seite eine ganze Klientele von Verpflichtungen. Aber er hatte keine Freude daran, denn es war kein herzlich Verpflichteter darunter. Sein Schenken oder Helfen war weder ihm noch den anderen eine Wohltat. Er fühlte das. Aber er maß die Schuld nur den anderen bei, die er im Grunde verachtete, während der echte Schenker und Helfer Liebe empfindet. Er sah nur Berechnung und Spekulation auf seinen Reichtum und entbehrte Schätzung seiner Persönlichkeit. Daß ihm in Wahrheit damit alles entgegengebracht wurde, was er verdiente, fühlte er nicht. Er glaubte Wunder was zu tun und tat doch nichts weiter, als in den Geldbeutel greifen, und was er dabei empfand war lediglich das Vergnügen großtuender Bittegewährung.

Seine Sehnsucht nach Halt war also tief begründet, und auch sein Instinkt, weiblichen Halt zu suchen, war richtig. Nur war es ein tragischer Irrtum, daß er ihn in Karls Schwester suchte.

Was er um so nötiger brauchte, als er es selbst gar nicht besaß, war Liebe. Aber Bertas Liebesvermögen ging in Karl auf. Sie konnte nur sinnlich etwas für ihn empfinden, und damit konnte Henry nicht wesentlich geholfen werden. Seine Schwärmerei zu ihr hatte nur einen ganz geringfügigen erotischen Einschlag, und er erwartete von ihr als Dame alles mögliche andere, als sinnliche Leidenschaft. Es hatte sich bei ihm die Anschauung herausgebildet, daß das Vergnügen mehr oder weniger etwas Käufliches sei, das man sich bei Frauenspersonen der niederen Schichten verschafft, die sonst nichts zu geben und für den vornehmen Mann auch weiter keine Bedeutung haben, während die Dame für ihn nur nebenbei auch Weib, in der Hauptsache aber etwas unendlich Edles, Erhabenes, Spirituelles war. War dort »unten« alles erlaubt, so schien ihm dort »oben« schon der Gedanke an derlei als Beleidigung. Die Genüsse, die der Umgang mit einer Dame verschafften, mußten nach seiner Meinung auf einem ganz anderen Gebiete liegen. Da verehrte man in Demut und romantischer Ritterlichkeit unbefleckte, allen gemeinen Wünschen entrückte Schönheit. Da ließ man sich die süßen, holden Gnaden innigen, reinen, vor jedem Anhauch der Begierde gefeiten Gefühlslebens kindlich beglückt gefallen, da läuterte man die männliche Gedankenwelt von allen Schlacken der Roheit im Feuer einer idealeren Sphäre des Geistes: da betete man zu einer Madonna und huldigte einer Göttin. Und eben deshalb war hier Ruhe und dauerndes Geborgensein, während dort Gier, Hast und jagender Wechsel war.

Indessen gewann aber über Berta gerade leidenschaftliches Begehren, sinnliche Leidenschaft Gewalt. Auch sie teilte die Liebe in zwei Sphären ein, aber bei ihr hieß die untere Henry.

Es kam, durch sie, zu hastigen heimlichen Umarmungen, zu heißen schnellen Küssen, und Henry kam sich, trotz seiner Theorie, dabei wie ein Gott vor. Aber Berta sah wahrlich keinen Gott in ihm. Es waren Ausbrüche eines heftig erotischen Temperaments bei ihr, die ihre Gesinnung zu Henry nicht im mindesten beeinflußten. Wollte er in seiner Art innig zu ihr werden, sich aussprechen, so lehnte sie brüsk oder verdrossen ab.

Sie hätte sich ihm hingeben können, ja sie schrie innerlich danach, aber das war wie die Brunst einer Herrin zu ihrem Diener. Nach ihm vielleicht ein anderer, noch einer, viele, einer den anderen vergessen machend, keiner mehr, als stummes Werkzeug, zugelassen und weggeschickt. Einer nur der Herr und Geliebte: Karl.

Sie begann sich ganz ruhig die Möglichkeit vorzustellen, daß sie Henrys Frau werden könnte. Aber Karl mußte bei ihnen sein als der Herr im Hause. Bei Henry die Wollust, bei Karl das Glück. Sie redete sich halbe Nächte lang vor, daß das möglich sein müsse. Denn: war es nicht die natürliche Ordnung der Dinge? Welche andere Stellung gebührte diesem starken, gelenken, wohlgebauten, sinnlich feurigen, aber nach ihrer Meinung grundrohen Menschen, als die, für die er nach ihrer Überzeugung ausschließlich begabt war? Mußte er das schließlich nicht selber einsehen? O, er würde es schon müssen. Karls überwältigendes Wesen war wohl imstande, noch andere zu unterwerfen, als ihn. Und Henry unterwarf sich ihm ja so gerne, wie ihr. Er war zu nichts anderem bestimmt, als zum Werkzeug ihrer Sinne und zum Sklaven des Karlschen Geistes.

Welch ein Leben das sein würde! Alle Möglichkeiten des Reichtums, der Lust und des innigsten Einsseins mit Karl durchglühten ihre Phantasie. Das wäre ein Dasein, Karls und ihrer würdig, und auch Henry würde, so meinte sie, alle Ursache haben, damit zufrieden zu sein.

Der Trieb zu Henry beherrschte sie dabei mehr, als sie es sich selber Wort haben wollte.

Eines Abends, es war schon zehn Uhr vorüber, und die Eltern waren in einer großen Veranstaltung der Inneren Mission, die sie sicher nicht vor zwölf Uhr nach Hause zurückkehren lassen würde, hielt sie es in ihrem Bett nicht mehr aus. Sie tat ihren Frisiermantel um und stieg mit hochgehender Brust, wie geschoben, getragen von einem unwiderstehlichen Zwang, ihrer Sinne nicht Herr, des Bewußtseins fast verlustig, die Treppe zu Henry mit bloßen Füßen hinauf. Daß das Mädchen ihr begegnen, daß die Eltern früher nach Hause kommen könnten, sie dachte nicht daran. Nur ihn jetzt an sich fühlen, ihre Arme um seinen Hals werfen, ihren Mund auf seinen drücken.

Als sie vor seiner Türe stand, mußte sie sich an die Pfosten lehnen. Eine unsäglich heiße Fülle durchschwellte sie so mächtig, daß ein Schwindel über sie kam. Noch vor den geschlossenen Augen drehten sich feurige Scheiben von durcheinander irisierenden Farben. Was mußte die Wollust sein, wenn dieses schon so selig besinnungslose Hingenommenheit war.

Als sich unter dem Druck der Hand auf die Klinke die Türe öffnete, war ihr, als hätten sich die Mauern selber auseinandergetan unter dem Andrang dieser wunderbaren Macht, die sie vorwärts schob und über Henry hinwarf, daß ihre Haare wie ein goldner Schleier ihm über Kopf und Antlitz fielen.

Ihre Brust lag auf seiner rechten Schulter, ihre Wange an der seinen, ihr Mund saugte sich an seinem offenen Halse fest, und ihre Hände fühlten unter dem seidenen Schlafrocke seine nackte Brust; dann sank sie, während er, aus seinem seligen Schrecken erwachend, sich umwandte, nieder und legte ihren Kopf hochaufstöhnend auf sein Knie.

Sie sah ihn nicht, fühlte ihn nur, fühlte ihn mit Kopf, Brust und Armen. Alle Wollust der Welt war in ihr.

Der batistene Mantel hatte sich geöffnet, aus den Spitzen des Hemdes drängten sich die starren Knospen der Brust vor; auch der herrliche Nacken und ein Teil der zart abfallenden Schultern war sichtbar.

Henry, von diesem alle Himmel ausschüttenden Traume wie von einem leibhaft gewordenen Märchen mitten in einer trigonometrischen Aufgabe überrascht, wußte nicht, wie ihm geschah. Er griff, wie um sich von der Wirklichkeit zu überzeugen, mit beiden Händen nach den Brüsten, schob sie dann unter die heißen flaumigen Achselhöhlen und hob Berta auf. Sie hatte noch immer die Augen geschlossen und war bleich wie Wachs.

»Berta!«

»O!«

Er preßte sie mit beiden Armen fest an sich, daß ihr der Atem verging und küßte sie wie wahnsinnig in den lechzend geöffneten Mund.

Dann hob er sie in die Höhe und trug sie wie ein Kind zum Bett hin.

Aber ehe er dort mit ihr angelangt war, stieß sie beide Hände gegen seinen Hals und schrie: »Laß!«

– »Berta?«

– »Nein!«

Sie war plötzlich erwacht und sah ihn dunkel an: »Nein! Laß!«

– »Ich... ich kann nicht! Du mußt!«

Er machte einen Schritt vor, aber sie legte beide Hände wütend um seinen Hals und trat nach ihm.

Er hatte wohl die Kraft, aber nicht den Mut, sie zu bändigen. Er ließ sie nieder. Sie fiel in einen Stuhl und schloß ihren Mantel.

Henry ging, die Lippen aufeinander beißend, zum anderen Ende des Zimmers.

Sie blickte düster vor sich hin, steile Falten in der Stirne. Häßlich müde sah sie aus.

Was nun?

Henry wollte sich ihr wieder nähern.

– »Komm nur nicht zu nahe!«

– »Was hast du denn?«

– »Ich... nein!«

– »Bin ich dir plötzlich zuwider?«

– »Laß das!«

– »Aber du bist doch zu mir...? Wie danke ich dir dafür!... Verzeih mir, daß ich... Ich habe mich vergessen.«

– »Ich habe mich vergessen.«

– »Nein, nein! Du konntest ja nicht wissen, wie... roh ich bin. Oh verzeih; ich weiß, was ich dir schuldig bin. Es wird nie wieder vorkommen.«

Sie sah ihn verständnislos an.

Diese beiden jungen Menschen verstanden einander in der Tat nicht.

Er verstand nicht, warum sie gekommen war, und sie verstand nicht, warum ihre Abwehr genügt hatte, ihn zurückzuhalten.

Sie stand für ihn schon wieder unendlich hoch, er erschien ihr niedriger denn je.

Mit einem Ruck stand sie auf und wollte fort.

Er vertrat ihr die Tür: »Bleib doch! Ich bitte dich, bleib! Laß mich dir einmal alles sagen.«

– »Was solltest du mir zu sagen haben!?«

– »Daß ich dich liebe und anbete. Daß mein Leben dir gehört, alles, was ich bin und habe. Daß mein Leben keinen Sinn hat außer dir. Daß ich um deine Liebe bettle und ihr jedes Opfer bringen will.«

– »Jedes?«

– »Jedes, Berta. Du bist meine Herrin jetzt schon und sollst es immer sein. Ich will keinen Willen haben außer deinem, wenn ich nur deine Liebe habe.«

– »Wie – meinst du das?«

– »Daß du meine Braut sein sollst und später meine Frau.«

Er glaubte eine fürchterliche Roheit gesagt zu haben mit diesen Worten und erwartete eine fürchterliche Zurückweisung.

Aber Berta lächelte auf einmal und sah ihn groß, wie umfangend, an.

Außer sich vor Glück stürzte Henry auf die Knie und küßte ohne diesmal an ein ritterliches Muster zu denken, die Kanten ihres Frisiermantels.

Dann sprang er auf, lief zu seiner Kommode, riß eine Lade heraus und kam mit einem juchtenledernen Etui zurück, das er öffnete und ihr hinhielt, wie der Page einer Königin die Krone entgegenreicht: »Nimm dies als Zeichen unserer Verlobung! Es ist dies das Kostbarste, das Heiligste, was ich besitze, das Halsband meiner seligen Mama!«

Berta gingen die Augen über, als sie das köstliche Geschmeide mit den sanft schimmernden, taubeneigroßen, perlenartig geschnittenen Opalen erblickte.

»Leg es dir um den Hals,« bat Henry, »nur deine Haut soll die Kette meiner Mutter berühren.«

Aber Berta wehrte ab: »Noch nicht, Henry! Später! Ich danke dir! Aber jetzt muß ich gehen.«

Henry war sehr betrübt und machte sein verdrossenes Gesicht, das ihm das Aussehen eines gescholtenen Jungen gab.

Dadurch wurde nun Berta nicht gefügiger, denn gerade dieses Gesicht liebte sie an ihm gar nicht. Und so versagte sie ihm den Kuß auf den Mund, den er nun erbetteln wollte, aber sie gab ihm die Hand und ließ sich seine Küsse darauf gefallen, während sie hinausging.

Henry lauschte dem leisen Auftappen ihrer nackten Füße auf den Treppenstufen mit verhaltenem Atem nach und warf verzückt schwungvolle Kußhände in das Dunkel des Treppenhauses.

Als ihre Türe kaum hörbar zugeklappt war, blieb er erst mit leerem Ausdruck eine Weile in der offenen Türe stehen, dann schloß er sie mit äußerster Behutsamkeit und fuhr sich mit der Hand über die Stirne.

Sein Zimmer kam ihm mit einem Male wieder schön vor, weihevoll. Eine getragene, erhabene Stimmung kam über ihn: er fühlte sich begnadet, erhöht, geläutert. Er glaubte, sich bezwungen, sich einer unerhört hohen Auszeichnung würdig erwiesen zu haben. Jetzt erst war er dieser Madonna wert. Eine Göttin hatte ihm vertraut, und er hatte dieses Vertrauen nicht zuschanden gemacht.

Als ob eine unsichtbare heilige Hand die seine führte, schlug er das Kreuz über Stirn und Brust.

Wie er dann das Halsband wieder in die Lade legte, fiel sein Blick auf die glasierte Madonna. Er nahm sie, hob sie hoch über sich und stellte sie, indem er niederkniete, mitten auf seinen Schreibtisch: – »Berta!«

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