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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Das dicke Ende

Himmlische Güte, was war das für eine Rechnung, die ihm nach der Feier der fünfundzwanzigsten Bowle Onkel Tom überreichte!

Eine Rechnung? Nicht doch, ein Schuldbuch!

Da parodierte auch die ganze Einrichtung des Katakomben-Saatfeld-Salates: Die Bilder, Büsten, Tische, Stühle, Schränke, Sofas, Vorhänge, Teppiche, Bowlen-Terrinen, Gläser, Bestecke... Eine glänzende Parade, aber beängstigend teuer.

Und schließlich auch noch: »Bar vorgestreckt...«

Gütiger Himmel! dachte sich Henry, ist das Leben so teuer? Was machen denn dann die Leute, die keine Millionen erben?

Indessen konnte er dieser nicht ganz logischen Abschweifung ins Allgemeine nicht weiter nachgehen, da sich ihm sogleich eine andere speziell ihn angehende Frage schlangengleich entgegenwälzte, bereit, ihn von unten bis oben kräftig zu umschlingen. Was soll denn jetzt ich machen? Woher soll denn jetzt ich über 15 000 Mark herkriegen?

Onkel Tom bemerkte, nicht ohne leidenschaftliches Mitgefühl, wie sich Entsetzen auf Henrys eben noch so würdevollen Zügen recht naturalistisch kraß abmalte. – Sollte er sich verrechnet haben?...

Der verschmitzte Mann hatte gar wohl gewußt, was er tat, als er dem stolz und gebieterisch auftretenden jungen Herrn nicht allein kalte Küche und Getränke kreditierte, sondern auch die Rechnungen, die auf seinen Namen lauteten, beglich. Die Darlehen in bar hatte er ihm sogar selbst angeboten. Zwar mußte er, um dies alles tun zu können, selbst Geld auf Zinsen nehmen, und das war, da er nicht im besten Rufe stand, keineswegs leicht gewesen. Aber er nahm alle Schwierigkeiten gerne auf sich, ja, mehr als gerne: mit einer gewissen Fröhlichkeit des Gemütes und in der gehobenen Stimmung eines Mannes, dem es endlich einmal beschieden ist, seine Fähigkeiten an einer größeren Aufgabe zu bewähren. Das Ausbalgen von Wasserratten brachte ja auch etwas ein, aber es war doch ein mühsames und spärliches Geschäft gegenüber dem Rupfen eines goldenen Huhns.

Woher aber wußte Onkel Tom, daß Henry ein goldenes Huhn war?

Diese rhetorische Frage stellt mangelhafte Weltkenntnis.

Ein hübsches Mädchen mag noch so im Verborgenen blühen, seine Existenz wird gar bald bekannt, und es dauert nicht lange, so kommen Interessenten aus den entferntesten Stadtteilen. Noch schneller ruchbar aber wird es, wenn ein junger Mann vom Schicksal dazu ausersehen ist, in einigen Jahren über mehrere Millionen zu verfügen. Eine kleine Andeutung genügt, und die Kunde verbreitet sich, als sei sie ausgeklingelt oder an der Börse angeschlagen worden. Denn für nichts interessiert sich Frau Fama mehr, als für Millionen, die bestimmt sind, in junge Hände zu fallen.

Natürlich hatte Onkel Tom der geschwätzigen Dame nicht ohne weiteres geglaubt, sondern, als gescheiter und vorsichtiger Hamburger, fleißig Erkundigungen eingezogen und erst dann seine vertrauensvollen und liebenswürdigen Eigenschaften entwickelt, als es ihm über allen Zweifel erhaben schien, daß das Hühnchen wirklich nach der Mauser goldene Federn erhalten werde.

Nun war ihm aber doch ein bißchen angst geworden, als das Schuldbuch gar so mächtig anschwoll und es sich herausstellte, daß er den Bedürfnissen dieses allzu freigebigen Jünglings auf die Dauer nicht gewachsen war.

Henry seinerseits tat jetzt die Überraschung gar nicht wohl, und er verlor seine sichere Haltung deutlich, als er die fünfstellige Ziffer gelesen hatte. Sogar die Worte fehlten ihm. Er sagte bloß »hm!«, und das ist eine bei Gläubigern wenig beliebte Interjektion.

»Tja!« erwiderte darauf Onkel Tom.

Henry hüstelte.

Es trat eine der zwischen Schuldner und Gläubiger nicht seltenen beklemmenden Pausen ein, die beiderseitig als fatal empfunden werden.

Plötzlich hellte sich Henrys Antlitz auf und, wie im Reflex davon, auch Onkel Toms verdüstertes Angesicht.

– »Kennen Sie einen Münzensammler!?« Wohl nicht eigentlich, meinte Onkel Tom, aber er werde schon einen ausfindig machen.

»Dann ist die Sache erledigt,« sagte, nun schon wieder im Tone stolzer Selbstsicherheit, die solvente Leute schön auszeichnet, der bisher in den Hintergrund getretene Lord Byron. »Ich besitze eine kostbare Sammlung antiker Goldmünzen, über die ich verfügen darf. Die werde ich Ihnen bringen, und Sie werden sie verkaufen. Sie repräsentiert erheblich mehr, als ich Ihnen schuldig bin. Übrigens verstehe ich es wirklich nicht, daß Sie mich wegen dieser Bagatelle da mahnen. Ich sollte Ihnen doch, meine ich, auch für etwas höhere Beträge sicher sein.«

Onkel Tom beteuerte, daß er nicht im Traume daran gedacht habe, Herrn Hauart zu mahnen. Er wisse sehr wohl, über wie viele Millionen Herr Hauart in einigen Jahren zu verfügen haben werde. Den einzigen Sohn des Herrn Henry Hauart selig mahne kein vernünftiger Mensch in Hamburg. Er sei zwar nur ein kleiner Wirt, habe aber doch wohl genug »Ortskenntnis« als geborener Hamburger und auch hinlänglich Taktgefühl in derselben Eigenschaft. Nur eben, es fehle ihm an Barmitteln, und so habe er erinnern wollen, erinnern, nicht mahnen. Ein reeller Geschäftsmann müsse ja zuweilen eine Aufstellung machen, damit eine Kontrolle möglich sei. Daran sei ihm gelegen. Herr Hauart möge nur ja genau prüfen und etwaige Versehen namhaft machen, denn irren sei menschlich. Wenn übrigens Herr Hauart noch vor Begleichung des jetzigen Kontos etwas in bar...

»Ja, Sie können mir fünfhundert Mark vorstrecken, Onkel,« meinte nachlässig, aber leutselig Henry. »Ich hab noch einen Besuch vor.«

Onkel Tom kniff die Augen verschmitzt zusammen und entnahm seiner speckigen Brieftasche die fünf blauen Scheine. Herr Hauart könne sich, erklärte er dabei, gar nicht vorstellen, wie froh er darüber sei, daß Herr Hauart ihm seine Erinnerung nicht übelgenommen habe. Ob er nicht lieber tausend...?

»Gott ja, meinetwegen,« ließ sich Henry nochmals herab, »doppelt genäht hält besser.«

Onkel Tom lachte, als habe er in seinem ganzen Leben noch nie einen so blendenden Witz vernommen. Trotzdem war dieses Lachen echt, denn dem schlauen Budiker war wirklich zum Lachen vergnügt zumute. War diese Rechnung bezahlt, so hatte er gut und gerne dreitausend Mark »verdient« außer dem regelrechten Geschäftsprofit. An der Münzensammlung gedachte er mindestens das gleiche zu verdienen, und dann, aufs neue mit Barmitteln versehen, fühlte er sich einer Wiederholung des löblichen Geschäftes fröhlich gewachsen.

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