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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Der lyrische Kükensalat

In den Katakomben ging es von Woche zu Woche lustiger zu, seitdem Lord Byron die Kräfte seines Geistes und Geldes dort walten ließ. Die Verwandlung des Geheimbundes der starken Geister in eine Klientele der Henryschen Üppigkeit vollzog sich nicht mit einem Male, aber sehr sicher und folgerichtig.

Eine Weile noch, so lange nämlich, als Seine Lordschaft selbst Vergnügen daran empfand, hatte man sich weiter damit beschäftigt, Vorträge über moderne Literatur zu halten und endlose Diskussionen daran zu knüpfen. Aber Lord Byron schleppte zu viele Bücher und Zeitschriften herbei, als daß man hätte Schritt halten können, und eines Tages erklärte er, zur ingrimmigen Verblüffung Karls, daß man doch eigentlich zu gut dazu sei, wiederzukäuen, was »die da draußen« von sich gegeben hätten (»Pfui Teufel«, rief Karl.) Er schlachtete sie, nur seinen persönlichen Freund Hermann ausgenommen (in dessen näheres Verhältnis zu sich er übrigens niemand, auch Karl nicht, eingeweiht hatte), allesamt auf einmal, grausamen Hohnes voll, ab, indem er sich skrupellos der kritischen Meinungen Karls bediente, als seien sie »langsam in der grauen Masse seiner Gehirnwindungen gereift«, wie er sich, mit einer letzten Erinnerung an Büchners »Kraft und Stoff«, ausdrückte.

Karl war empört über die Frechheit. Wie immer, wenn Henry seine Ansichten wiederholte, empfand er es als eine Art Tempelraub, als kindische Entstellung, bubenhafte Karikatur, und er hätte am liebsten auch hier, wie er es bei ähnlichen Fällen zu Hause immer tat, sofort die Gegenpartei ergriffen und ihm nachgewiesen, daß er auf verrucht tölpelhafte Manier eine Wahrheit zur Fratze breitschlüge. Aber er ließ sich nicht gerne in Gegenwart anderer dazu herab, zu seinem Vetter in Opposition zu treten, hoffte auch, die anderen würden dem »Affen« schon selber heimleuchten.

Darin hatte er sich nun aber geirrt. Henry besaß keine eigenen Gedanken, aber Instinkt für den Moment zur Proklamierung fremder, und er hatte, unkritischen jungen Leuten gegenüber, die sich gerne durch derbe Direktheiten imponieren lassen, die unfehlbare Technik pathetisch-höhnischer Impertinenz. Hätte Karl früher dieselben Gedanken in seiner schneidend ruhigen Art entwickelt, man hätte ihn aus der Gemeinschaft der starken Geister ausgeschlossen, und auch jetzt, wo der Moment dazu da war, hätten sie, von ihm klar und bündig ausgesprochen, die ganze Katakomblerschar gegen ihn aufgebracht. Lord Byron aber erntete frenetischen Beifall und wurde von Voltaire Krümpermann als der »kühne Mund der allgemeinen Meinung« gefeiert.

Indessen hatte er noch einen größeren Trumpf im Spiel. Er erhob sich zum zweiten Male und hielt eine andere Rede in einem anderen Tone: feierlich, großartig, schwungvoll. Nicht mehr Kritik, nicht mehr Analyse, nicht mehr Echo müsse das Ziel der Katakombe sein; dies sei nun erledigt. Aber man müsse anderes dafür leisten: Positives, die Synthese, die Selbstoffenbarung. (Karl krümmte sich vor fast physischen Schmerze; das war noch schlimmer, als das erste: das war »Böckleins eigener Mist«.) Der Niederschlag der Zeit und ihre Kämpfe habe sich auch in ihren, der Katakombler, Seelen verdichtet zu einer lebensträchtigen Schicht tiefer Empfindungen, und diese Keime drängten zum Lichte empor, zur lebenanfachenden Sonnenfackel. (»Gräßlich!« schrie Karl auf.) »Lasset uns diese Keime pflegen! Machen wir aus der düsteren Katakombe unfruchtbarer Meinungen ein fruchtschwangeres Ackerfeld der Poesie!« (»Ekelhaft!« rief Karl, aber schon unter mißfälligem Gemurmel der Majorität.) »Jeder von uns ist ein Teil des ungeheuren Saatbodens deutscher Dichtung. Keiner ist unter uns, der nicht Verse machte.« (»Untersteh dich!« brummte Karl, aber man hörte es bereits nicht mehr, weil alle Anwesenden dem Redner lebhaft zustimmten.) »Ich wußte es. Aber warum verstecken wir unsere Gedichte voreinander?« (Karl: »Weil wir bisher noch einen Rest der Scham besaßen!« Tumult.) »Nein: Weil wir bisher Knaben waren und nicht den Mut zur eigenen Schönheit hatten.« (Das war zu viel für Karl. Er hielt sich beide Ohren zu und wühlte seinen Kopf in eine Sofaecke.) »Aber das ist nun vorbei. Wir wissen unsere Bestimmung und haben den Mut zu ihr. Wir wollen uns voneinander enthüllen! Eine Stätte der gegenseitigem Offenbarung seien fortan die Katakomben, und ich schlage für sie den Namen »Das Saatfeld« vor.«

Der Antrag wurde mit allen Stimmen gegen die Karls angenommen, der wutschnaubend erklärte, auszutreten, da er nicht gesonnen sei, einem lyrischen Dilettantenkonventikel anzugehören. Aber siehe: Auf ein Glockenzeichen Henrys öffnete sich die Türe, und Onkel Tom, der schlaue Herbergsvater der Katakombler, erschien mit breitem Lächeln und einer gewaltigen Bowle. Hinter ihm her aber schritt Fränzchen, sein Töchterlein, im Schmucke ihrer siebzehn Jahre und trug auf umfangreicher Platte vor sich her, was allen Hamburgern, jungen wie alten, lieblich dünkt: einen großen Kükensalat, gekrönt mit einer dichten Schicht zartrosigen Hummers, und wie von einer schwarzen Perlenkette eingesäumt mit einer hohen Kaviarböschung.

»Sei mir gegrüßt, o du Berg mit dem rötlich strahlenden Gipfel!« rief Voltaire Krümpermann entzückt aus, und auch Karl war bezwungen.

»Wenn deine Lyrik dieser Richtung huldigt, mein Lord,« erklärte er, »so wäre ich von allem Geschmacke verlassen, wollte ich ihr nicht volle Anerkennung zollen. Ich ziehe meine Austrittserklärung zurück, indem ich hoffe, daß du dich auf diesem Gebiete zum Epiker entwickeln wirst.«

Sein intuitiver Blick verriet ihm sogleich, auf welcher Linie sich das Saatfeld der jüngsten Hamburger Dichterschule entwickeln werde, und er nahm sich vor, Henrys lyrische Instinkte mit aller Kraft nach dieser Linie hin zu beeinflussen. Denn, wenn Karl sonst nichts von seinem Vater hatte: den Sinn für gute Küche hatte er von ihm geerbt, und in der Gabe, den Inhalt dunkelgrüner Flaschen mit Etiketten erlauchter Aufschrift kennerhaft zu würdigen, verriet sich der Sohn des Bordeaux-Händlers.

Es kam genau, wie er gedacht hatte. Das Saatfeld brachte zwar anfangs eine reichliche Menge von dem hervor, was Karl bei sich und zu Henry als lyrisches Stroh bezeichnete, und Lord Byron besonders stellte Garbe auf Garbe rhythmischer Wortverbindungen zusammen, aber von allem Anfang an wurde die Offenbarung lyrischer Gefühle doch nur als Einleitung zu reelleren Genüssen betrachtet, und schließlich wurden diese versifizierten Prologe sogar statutengemäß auf ein einziges Gedicht beschränkt, das ausdrücklich »kurz zu halten« war und sich »möglichst im Rahmen der Anakreontik bewegen« sollte. Weshalb denn schon bald nach Gründung des Saatfeldes Karls Antrag einstimmig gutgeheißen wurde, man wolle dem Geheimbund den Namen »Der lyrische Kükensalat« verleihen. Den Doppelsinn, den der boshafte Antragsteller mit diesem Namen verband, merkte man gar nicht.

Da aber alle reellen Genüsse (und diese wurden immer üppiger und kostbarer) von Henry bestritten wurden, so war es nur ein Akt der Dankespflicht, wenn Lord Byron zum ständigen »Meister vom Salate« ernannt wurde.

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