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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 54
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Der goldene Widder

Das Böcklein

Henry hatte nun bis zu seiner Maturitätsprüfung am Gymnasium zwar noch drei volle Jahre, fühlte sich nach seinem Rigorosum mit Minnie und Ella aber durchaus als ein junger Mann, der eine wesentlich wichtigere Reifeprüfung mit Auszeichnung bestanden hatte. Mit einem Male (und zum ersten Male in seinem Leben) stellte sich ein sicheres Selbstbewußtsein bei ihm ein.

Nur dem Onkel und der Tante gegenüber streifte er den demütigen Christen noch nicht ab, dort schnitt er dieses schlichte Mäntelchen bereits etwas kürzer zu, etwa in der Art, wie es von Karl und Berta getragen wurde... Im übrigen aber trat er nun munter und zuversichtlich, ja, wo es anging, auch schon ein bißchen frech auf. Karl mußte ihn hier und da bereits etwas dämpfen, damit er wenigstens in seiner fürstlichen Gegenwart angemessenen Respekt bewahrte.

Es war eine schöne Zeit für den aufgetauten und nun hurtig aufblühenden jungen Mann, bei dem sich jetzt, sehr zur rechten Gelegenheit, auch der erste schwarze Flaum auf der Oberlippe einstellte, fleißig und wohlgefällig gepflegt, wie nun auch alles andere Äußerliche.

Eine angenehme Zeit, gehoben und erfüllt etwa von der Stimmung, die jungen Männern sonst erst gewöhnlich nach der Entlassung aus dem Gymnasium beschieden ist. Henry fühlte sich aus einer viel böseren Schule und Freiheitsverkümmerung entlassen. Das Gymnasium selbst genierte ihn nur wenig. Auch dort genoß er nun sich und eine Art köstlicher Freiheit, sich laufen zu lassen. Zum Erstaunen seiner Mitschüler, die ihn für einen unangenehmen Duckmäuser hatten halten müssen, entwickelte er nun eine andauernde, nicht bloß ausnahmsweise heraufgepumpte, muntere Liebenswürdigkeit. Es dauerte nicht lange, und er hatte nicht bloß Kameraden, sondern auch Freunde. Seine Freigebigkeit und der Umstand, daß man in ihm eine Art Taschengeld-Nabob erkannte, der imstande und auch bereit war, mäßigere Taschengelder durch generös gewährte Darlehen von schlechthin phantastischer Höhe, bis zu zwanzig Mark, angenehm zu komplettieren, taten das ihre hinzu, und als er gar, entgegen den Weisungen Karls, seine Eigenschaft als Zehnmillionenerbe enthüllt hatte, erhielt er ohne weiteres die Respektposition eines heimlichen Primusses der Klasse. Der große Krümpermann selbst, der wirkliche Primus, nahm das ohne alle Eifersuchtsanwandlungen als etwas durchaus Berechtigtes hin und beugte sich, verständig wie er war, dem zwar nicht wissenschaftlichen, aber persönlichen Übergewichte Henrys mit schöner Selbstverleugnung, ja er schloß sich dem plötzlich so interessant und wertvoll Gewordenen mit besonderer Beflissenheit an. Für ihn und noch drei andere Mitglieder der Untersekunda, die gleich ihm des Vorzugs genossen, in die Katakombe aufgenommen zu sein, die im übrigen nur die geistige Elite der drei obersten Klassen geheimnisvoll umfaßte, war Henry als Katakombenkandidat ja auch besonders interessant und wertvoll.

Aber Henry wurde auch, je mehr er in der Ulrikusstraße verkehrte, ein um so besserer Schüler. Der Genuß der verbotenen Früchte bekam seinem Zerebralsystem offenbar ebenso gut, wie seiner ganzen übrigen Entwicklung. Gleich La Fontaine, der ein fast blöder Knabe gewesen war, bis er einmal eine Treppe hinab stark auf den Kopf fiel, schien auch er eines gewissen körperlichen Anstoßes bedurft zu haben zur Aufweckung seiner vorher im Schlummer befindlichen Geisteskräfte. Sein Verstand munterte und hellte sich auf, ja auch sein Ehrgeiz wurde eigentlich erst jetzt lebendig. Seine Erfolge in der Palästra Veneris hatten ihn so mit Genugtuung und Selbstbewußtsein erfüllt, daß er nun auch in der Palästra Musarum ähnliche Empfindungen bewährter Tüchtigkeit empfinden wollte. Zwar, ganz so leicht wie dort wurde es ihm hier nicht, aber doch viel leichter, als früher. Das Lastende, Beklemmende seines bisherigen Hamburger Daseins im Zeichen einer ihm durchaus ungewohnten Gefühlswelt war wie mit der Gewalt einer Eruption gleich einer filzigen Moderschicht von seinem Wesen weggehoben worden, und nun konnten sich auch andere Kräfte in ihm entfalten, als es die waren, die jene Eruption bewirkt hatten. Seitdem seine Sinnlichkeit, das Stärkste in ihm, nicht mehr gebunden war, war auch sein ganzes übriges Wesen frei.

Einen Bock muß man kastrieren, wenn er einmal einen guten Schöpsenbraten geben soll. Bloßes Einsperren genügt nicht. Bei der ersten Gelegenheit springt er über die Hürde und entwickelt erstaunliche Gewandtheiten.

Niemand begriff, wenn auch mit großem Mißbehagen, Henrys Zustand so richtig wie Karl. Er war es auch, der ihm unter Tilgung der Bezeichnung als Neger jetzt den Zunamen Böcklein verlieh.

»Stoß dir nur die Hörner ab, Böcklein,« sagte er einmal zu ihm. »Das scheint mir die Hauptfunktion deines Lebens zu sein. Sie wachsen dir immer nach, und man muß nur dafür sorgen, daß du sie dir nicht etwa an Gegenständen abstößt, die mehr wert sind, als deine Hörner, und die darunter leiden können. Doch das laß meine Sorge sein. Nur mußt du mir auch folgen. Ich werde dich nie daran hindern, ein vergnügtes Böcklein zu sein. Aber in allen den Dingen, die nicht eigentlich zum Wirkungskreise eines Böckleins gehören, mußt du dich unbedingt meiner Leitung anvertrauen.«

Henry fühlte sich jetzt viel zu wohl in seiner Haut, als daß er dem überlegenen Vetter, den er im Grunde doch auch wieder nicht für ganz voll nahm, seine zoologischen Impertinenzen übelgenommen hätte. Er begnügte sich, zu antworten: »Es ist sehr nett von dir, daß du nicht direkt Schaf sagst, Karl. Ich würde dir aber auch das nicht übelnehmen. Denn, wenn ich auch, Gott sei Dank, ein Böcklein bin, so bin ich doch nicht so schafsdumm, um zu sehen, wie gescheit du bist, und wie gut du es mit mir meinst. Was kann ich mir denn Besseres wünschen, als daß du für mich denkst und ich mich für dich amüsiere?«

Er wußte gar nicht, wieviel heftiger er damit den Vetter traf, als dieser ihn getroffen hatte.

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