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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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So etwas hatte die rote Emmy noch nicht erlebt, wie reicher Erfahrungen sie sich in ihrer schon recht langen Laufbahn im Dienste der bedingungslosen Gefälligkeit auch rühmen konnte. Sie konnte nur immer und immer wiederholen: »Du bist ja verrückt.«

Sie würde sich richtiger ausgedrückt haben, wenn sie statt verrückt »rasend« gesagt hätte, aber es wurde ihr wahrhaftig nicht Zeit gelassen, ihre Worte exakt zu wählen, und sie merkte bald, daß es überhaupt überflüssig war, irgend etwas zu sagen. Der Junge schien stumm und taub gleichzeitig zu sein und überdies von höchst wilder Sinnesart, denn nicht einen Augenblick wich ein wütend verbissener Zug von seinem Gesichte, und seine groß und rund hervortretenden Augen gruben sich mit einem grimmig bösen Ausdruck in ihr Fleisch. Gefräßige Augen nannte sie sie später ihren Kolleginnen gegenüber, als Henry sie wortlos, aber mit Hinterlassung eines Hundertmarkscheines verlassen hatte.

»Das war n Verbrecher,« sagte sie; »der Junge hat irgendwas ausgefressen. Wie einer, der morgen gehenkt werden soll, war er. Ich wundre mich bloß, daß er mich nicht erwürgt hat. So was! Da könnte man wirklich sagen, daß unsereins eigentlich zu bedauern ist. Ein Matrose, der einem mit der Faust vor die Augen schlägt, ist doch auch wieder nett zu einem, aber der Bengel tat gerade so, als hätte unsereins gar kein Gefühl und wär bloß ein Stück Fleisch. Wenn nur morgen die Polizei nicht kommt wegen den hundert Mark!...«

Indessen stand Henry bereits auf dem Treppenabsatze des gegenüberliegenden Hauses zwischen zwei geschmeidig langen, viel jüngeren und sehr hübschen Mädchen, einem ganz schwarzhaarigen und einem aschblonden, die ihm beide leise Vorwürfe machten, daß er, ein so feiner Junge, da drüben gewesen wäre.

Er hatte noch immer den bösen Ausdruck im Gesichte, der besonders von einer tief eingegrabenen Falte zwischen den dichten, sich fast berührenden Augenbrauen herkam. Aber die übermäßige Benommenheit war geschwunden. Aus dem animalisch traumhaften Zustande der Überdrängtheit von wildentfesselten wütenden Begierden war eine seltsame Stimmung düsterer Entschlossenheit geworden. Die Begierde war noch nicht erschöpft, aber ihr Strom zurückgestaut. Sie lauerte hinter einem Damme von mürrischem Unbehagen und grollender Unzufriedenheit. – Henry machte sich keine Gedanken darüber, daß das alles so anders war, als er sich es vorgestellt hatte, aber er empfand es mit bösem Zorn.

Aus diesem Zorne heraus redete er die Mädchen barsch an, obgleich er wohl merkte, daß sie von feinerer Art waren, als die rote Massige da drüben. Aber er ging mit ihnen in das Haus.

Er hatte jetzt wieder Augen für seine Umgebung und merkte nun doch, obwohl er eigentlich nicht vergleichen konnte, daß hier alles reicher, schöner aussah. Ihm, der jetzt vom Hause Kraker her an dunkle Schmucklosigkeit gewöhnt war, erschien es wie ein kleines Palais, und er hielt es für ein sehr vornehmes Etablissement seiner Gattung. Mit Unrecht freilich, denn es war nur bessere Mittelsorte. Die gipsernen Nuditäten auf bronzierten Holzsockeln erinnerten ihn, obwohl sie verraucht und verschunden waren, an die Statuen der Villa Hauart. Der billige und abgetretene Läufer, mit dem der schmale Gang belegt war, kam ihm wie ein vornehmer Teppich vor. Die mit abgeblätterten Goldleisten eingefaßten, einmal weißlackiert gewesenen Türen verstärkten seine Meinung, daß er sich in einem besonders eleganten Hause für die anspruchsvollere Herrenwelt befand.

Das machte ihn aber nun nicht etwa beklommen, sondern es gab ihm vielmehr ein gewisses Gefühl der Sicherheit. Wie er jetzt zwischen den beiden schlanken, in eine Art Balltoilette gekleidete Mädchen einherschritt, auf die Türen am Ende des Ganges zu, hinter der Klaviermusik erklang, war er äußerlich ganz der Henfel von ehemals, nur reifer und erfahrener. Die kurze Spanne Zeit, die er da drüben wie in einem epileptischen Anfalle seines jählings freigewordenen Geschlechtstriebes verbracht hatte, mehr in wütenden Reflexbewegungen, als bewußt genießend, hatte eine tiefere Umwandlung in ihm zustande gebracht, als irgendeiner der vielen Einflüsse, denen er sich bisher hingegeben hatte.

Dieser Henry war kein Knabe mehr, auch nicht der Knabe Henfel, aber es war in ihm viel mehr vom Münchner Henfel als vom Hamburger Henry.

Er ließ die beiden Mädchen mit einer kurzen Verbeugung aus der Schule des Münchner Komplimentiermeisters vorantreten und überblickte den Salon des Hauses mit fast blasiert hochmütigem Blicke.

Es saßen da auf plüschblauen Wandkanapees fünf wie zum Balle angezogene Mädchen herum, während zwei, augenscheinlich die jüngsten, die wie Babys gekleidet waren, nach der Walzermusik des weißhaarigen Klavierspielers mit großer Hingegebenheit, eng aneinandergeschmiegt, tanzten. Diese beiden würdigten die Eingetretenen keines Blickes. Die eine, größere, mit lang herabfallenden strohblonden Haaren, sang mit geschlossenen Augen über die Schultern der kleineren hinweg, nach der Melodie des Walzers, höchst schwärmerisch »Rosen aus dem S . . ü . . den!«, während die andere ihre Puppenaugen wie ins Leere richtete und zu träumen schien. Die Kanapeedamen dagegen warfen dem eintretenden Gaste über ihre Fächer weg musternde Blicke und ein paar Worte zu, die nach Ton und Inhalt in einem wunderlichen Kontraste zu ihren Balltoiletten standen. Eine schon etwas ältliche, die sehr talentlos bemalt und auch sonst nicht eben reizend war, sang sogar:

»Jrien, jrien, jrien is mein Leibkulleer.
Ick jäb sechs jute Jroschen drum,
Wenn ick man bloß schon mündig wär.«

Indessen verging ihr die Frechheit, als sie Henrys wild drohende Augen erblickte.

»Huch!« schrie sie, »der Junge will mir mit seine Oojens verjiften. Entschuldjen Se nur, Herr Direkter, det war man bloß n Volkslied.« Henry maß sie mit verächtlichen Blicken und ließ sich mit seinen Begleiterinnen an einem Marmortische nieder.

»Trinken wir ne Flasche Sekt, Kleiner?« fragte die Aschblonde.

»Natürlich!« antwortete Henry.

»Rietz, Mutter, de Landwehr kommt!« schrie die Berlinerin.

»Und ne Schachtel Zigaretten, nich?« schmachtete die Schwarze.

»Meinetwegen!« erklärte Henry barsch.

»Der Junge macht sich for drei Mark achtzig!« höhnte die Berlinerin.

Henry stand auf und warf einen Aschenbecher nach ihr. Sein Instinkt war entschieden auf der Höhe der Situation, und keine der anwesenden Damen wäre auf die Idee gekommen, daß dieses hier sein zweites Debüt auf der Bühne der Liebe gegen bar war.

Auch der Berlinerin imponierte er jetzt, und sie wollte sogar vom Sekt mittrinken. Indessen war es die Art Henrys nicht, Beleidigungen so schnell zu verzeihen, wenn er sich der Macht bewußt war, sie zu strafen. Er bestellte noch drei Flaschen Sekt und noch drei Schachteln Zigaretten, schloß die Berlinerin aber ausdrücklich vom Genuß dieser Kostbarkeiten aus.

Die anderen aber gruppierten sich zärtlich und heiter um den Pflegling Jeremias Krakers, der zwischen diesem vielen Mädchenfleische seinen düsteren Groll nach und nach recht angenehm schwinden und eine höchst wohlige Empfindung intensiver Genugtuung in sich Platz greifen fühlte.

So hätte er ewig sitzen mögen, die linke Hand im Busen der Aschblonden, die rechte oberhalb des Strumpfbandes der Schwarzen, die Augen aber bald da, bald dort, wo Rundlichkeiten leuchteten. Dazu zärtliche, winkende, werbende, schmachtende, verheißende, bittende, leidenschaftlich glühende, wollüstig-verschwimmende Blicke ringsherum und nichts als schmeichlerische, verliebte, andeutende, aufdeckende, brünstige, geile Worte, gehaucht, geflüstert, gestammelt, geraunt – er schwebte auf einer Wolke wonnevollsten Hochgefühls: endlich, endlich einmal umgeben von nichts als Untertänigkeit und grenzenloser Dienstbereitschaft, endlich wieder einmal der in all seinen Eitelkeiten zärtlich gestreichelte Herr und Gebieter. Und als nun gar die Aschblonde den glücklichen Einfall hatte, ihre süß und herb duftenden Haare ihm über den Kopf zu werfen und dazu zu schwärmen »Mein goldiger Prinz«, während die Schwarze leise seine Hand weiter aufwärts führte, da war es zum zweiten Male um ihn geschehen, und er begab sich mit den beiden Schlanken nach »oben«, wie in einem Triumphzug begleitet von der ganzen, selig vom Sekt begeisterten Schar seiden rauschender, nach allen Parfümerien des Jungfernstiegs duftender Mädchen, die einmütig erklärten, ein so nobler, so süßer, so feiner, so schöner Junge sei ihnen lange nicht vorgekommen.

War Henry von alledem, den Worten, den Blicken, den Berührungen, dem Wein schon hinlänglich berauscht, – angesichts des Wuchses und aller sonstigen Reize dieser beiden ihm nun in allen ihren Prächten zur Verfügung stehenden lebenden Bäume der Erkenntnis ergriff ihn ein Taumel der Entzückung.

Von ihnen erst lernte er die Süßigkeit der verbotenen Frucht. Drüben: das war ein dumpfes Nachdröhnen des babylonischen Gemurmels von Ahala und Ahaliba gewesen; hier war seliges Rauschen von blühenden Paradieseswipfeln, Geplätscher der tief aus moosigem Grunde zwischen samtenen Blumen aufwallenden Quelle: das sanft verhauchende Seufzen der sehnsüchtig beglückten Kreatur.

Es war ein Höhepunkt seines Lebensgefühles, auf dem sich Henry hier befand, und er genoß mehr, als die Reize zweier hübscher Mädchen. Nicht nur sie »erkannte« er, biblisch zu reden, – er erkannte in einem viel umfassenderen Sinne sich selbst.

Wie die Spiegel über und neben dem breiten Bette ihm seinen ebenmäßig schönen nackten Körper zeigten, so zeigten ihm seine Empfindungen den harmonischen Teil seines Inneren wie auf einem leuchtenden Hintergrunde. Dieser Hintergrund war das Stück Poetennatur in ihm, das, sonst immer verdeckt und verdunkelt durch Fremdes, hier freigelegt war durch die sinnlichen Eindrücke, die seinem Wesen am entsprechendsten waren.

Er war wirklich sehr liebenswürdig zu den Mädchen, und sie machten alle Anstrengungen, ihn zurückzuhalten, als er plötzlich, heftig erschrocken durch den Glockenschlag Eins, zu seinen Kleidern stürzte. Der Umstand, daß er seine Schuldigkeit ohne weiteres durch drei Hundertmarkscheine beglich, vertiefte den guten Eindruck noch wesentlich, und weder Minnie noch Ella brachten, nachdem sich Henry aufs zärtlichste von ihnen, chevaleresk freundlich von allen übrigen Damen verabschiedet hatte, die Meinung vor, daß er ein Verbrecher sei. Sie erklärten ihn vielmehr einmütig für einen jungen Gentleman von hohen Gaben in jeder Hinsicht, schön und stark wie ein junger Gott, »kolossal nett«, und kurz und gut ein Musterbeispiel von einem Sektgaste. Als die Berlinerin ein paar niederträchtige Bemerkungen dazu machte, verfiel sie der allgemeinen Verachtung und wurde als ein Wesen betrachtet, das für bessere junge Leute überhaupt keinen Sinn besaß.

Viel schlimmer aber erging es Henry von Karl, als er gestanden hatte, daß seine Brieftasche um vier Hundertmarkscheine erleichtert war.

»Du bist ein Kretin!« schnaubte ihn der Vetter an, dem schon Henrys strahlende Laune und Verzücktheit unleidlich war. »Vierhundert Mark! Wenn ich das gewußt hätte! Aber dieses Maß von Dummenjungenhaftigkeit hätte ich nicht einmal dir zuzutrauen gewagt. Na, einmal und nicht wieder! Ich leihe dir meine Hand nicht noch einmal zu solchen Verrücktheiten!«

Karls Vorstellungen von der Kraft paradiesischer Verlockungen waren offenbar recht unzureichend.

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