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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 52
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Die Bäume der Erkenntnis

Als Henry am anderen Morgen sein Manuskript an Karl ablieferte, musterte der ihn zuerst von oben bis unten und ließ sich auch seine Hände zeigen.

»Vom Schneiden der Fingernägel fehlen dir noch die Elementarkenntnisse,« bemerkte er kritisch. »Und du hast es doch offenbar einmal gekonnt. Denn wie du herkamst, sahen sie so tadellos aus, daß sogar ich etwas davon gelernt habe. Mensch, wie kann man so etwas verlernen!«

Henry, der gehofft hatte, Karl würde sofort sein Elaborat prüfen, war enttäuscht und ärgerlich, daß statt dessen an seinen Fingernägeln Kritik geübt wurde. Er antwortete daher etwas brummig: »Das habe ich in München doch nicht selber gemacht. Das besorgte eine ehemalige Hofkammerfrau, die als Handspezialistin mit einem großen Kasten voll einer Masse Scheren, Feilen, Messerchen, Pomaden, Bürsten, Pudernäpfchen, Lederpolsterchen, Essenzen und was weiß ich noch in den vornehmen Häusern herumlief. Die Prozedur war gräßlich langweilig, denn sie dauerte fast eine Stunde.«

Karl hatte mit Interesse die Aufzählung des Kasteninhaltes verfolgt. Diese Hilfsmittel der Handspezialistin waren ihm, da damals die Manikure noch wenig verbreitet war, etwas durchaus Neues, und er empfand wütenden Neid, daß dieser »Neger« einmal ihrer Pflege teilhaftig gewesen war, während er sich höchst kümmerlich mit einer viel zu großen Schere und einer viel zu groben Feile und einem Wolläppchen begnügen mußte. Er knurrte: »Schämen solltest du dich! Statt dem Himmel dafür zu danken, daß er dich gewürdigt hat, eine Kunst kennen zu lernen, die dem vornehmsten Gliede des Menschen, der Hand, dient, statt jede Einzelheit dieser im höchsten Grade interessanten Technik mit Lerneifer zu verfolgen, hat der Mensch sich gelangweilt und eine Stunde als eine zu lange Zeit zur Handpflege empfunden. Dir hätte man freilich lieber die Ohren stutzen sollen, als die Fingernägel.«

– »Aber laß das doch,« bat Henry, »lies lieber meinen Vortrag!«

– »Das tu ich nachher in der Religionsstunde. Übrigens weiß ich ja jetzt schon, was darin steht. Der Kasten der Kammerfrau ist mir hundertmal interessanter. Bitte, schildere mir genau, was darin enthalten war, und wie die Person mit den Gegenständen umgegangen ist. Direkt geschlafen wirst du ja doch nicht während der Prozedur haben.«

Henry kam dem Wunsch nach Möglichkeit nach, vermochte die Wißbegierde Karls aber doch nicht ganz zu befriedigen, denn der wünschte Belehrung bis in die kleinsten Details. »Weißt du was,« so schloß er »ich kaufe dir einen solchen Kasten. Papa hat einmal für Mama einen aus London mitgebracht. Der war womöglich noch reichhaltiger und kolossal fein. Hier in Hamburg muß so was doch auch zu haben sein.«

Karls Augen leuchteten auf. Besser hätte sich Henry bei ihm nicht einschmeicheln können. So ein Kasten – himmlisch. Eine ganze Garnitur von Messerchen, Scherchen, Feilchen in jeder Größe auf Samt gebettet, umstanden von Döschen, Schächtelchen, alles blitzend und duftend, – es war ein Entzücken zu denken, daß so etwas, wohlgeborgen vor Mama Sannas kleinbürgerlichen Augen, in seinem Besitz sein könnte, fleißig ausgenutzt nicht nur für seine, sondern auch für Bertas Hände. Zwar – ein Geschenk von dem da! Aber natürlich, ja, warum denn nicht? Er würde ihm ja sehr viel mehr schenken, würde den Neger zu einem Menschen machen. Und überhaupt: es kam ja, was auch dieser törichte Günstling des Glücks ihm jemals schenken sollte, schließlich nur in seine Hände zurück, was der Zufall in dessen Hände gespielt hatte. Er tat also nicht weiter erstaunt und dankbar, sondern sagte einfach: »Sehr nett von dir. Ich nehme es an. Bei der nächsten Gelegenheit gehen wir einmal mit Berta auf den Jungfernstieg. Ich kenne dort ein wunderbares Geschäft für Toilettenartikel. Das hat ohne Zweifel auch solche Kästen in der schönsten Auswahl. Du mußt nur ordentlich Geld einstecken, denn so was ist sicherlich teuer, wenn man nur auf das Beste reflektiert.«

– »Ich trage das Geld seit heute wieder bei mir. Wir können den Sprung gleich nachher nach der Schule machen.«

– »Famos! Dann ist es für Berta eine Überraschung. – Aber, sag mal, wieviel Geld hast du denn eigentlich?«

– »Achtzehnhundert Mark.«

»Donnerwetter! Wir können wirklich froh sein, daß wir das Geld vor Mama gerettet haben. Aber geh, bitte, sparsam damit um bei den gefälligen Priesterinnen der Venus. Diese Weiber sollen ekelhaft geldgierig sein und allerhand raffinierte Manieren haben, zumal jungen Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Du mußt auch Achtung geben, daß du dich nicht etwa betrinkst und dann beim Nachhausegehen Spektakel machst.«

– »Ich gehe nicht zum Trinken hin. Herrgott, ich... Karl, ich bitte dich, hilf mir, daß ich bald hinkomme!«

Henry keuchte fast. Seit er sich so nahe am Ziele seiner Wünsche wußte, zersprengte ihn die Begier beinahe. Er ergriff die feuchtwarm Hand Karls mit der seinen, die heiß war wie ein trockenes Scheit Holz, das in der Sonne gelegen.

Karl entzog ihm die seine mit einem Ausdruck von Grauen. Sein ganzer Widerwille gegen diesen brünstigen Starken kam ihm bei dieser Berührung zum Bewußtsein und auch der Umstand, daß seine Hände, diese so schön weiß aussehenden, immerzu diese greuliche klebrige Feuchte hatten, gegen die es nun aber hoffentlich in dem gebenedeiten Kasten ein Mittel gab.

Er sagte: »Übermorgen ist Katakombensitzung. Du kannst selbstverständlich noch nicht mit, denn ich muß dich natürlich erst vorschlagen. Aber du kannst mit aus dem Haus, denn Mama erhält noch heute dein Traktätchen. Ich selbst werde dich auf den Weg zu den Blumenschiffen bringen, denn der große Krümpermann würde dich zu heftig anpumpen. Auch brauchen die anderen überhaupt nicht zu wissen, daß du Geld hast. Um zehn gehen wir von zu Hause weg. Halb elf verlasse ich dich am Eingang zum Paradiese. Um eins erwarte ich dich an derselben Straßenecke. In zwei und einer halben Stunde kannst du viele Bäume der Erkenntnis schütteln. Hüte dich nur, dabei der Schlange auf den Schwanz zu treten.«

– »Was willst du damit sagen?«

– »Daß die Schlange auch beißen kann.«

Er sagte das mit offenbarem Vergnügen.

»Sprich doch deutlich!« rief Henry fast barsch aus.

– »Die Wollust der Kreaturen ist gemischt mit Bitterkeit. Das solltest du doch von Herrn Südekum wissen.«

– »Ich pfeif auf Herrn Südekum und seine Bitterkeit; das ist alles bloß christlicher Schwindel, um unsereinen von allen schönen Dingen abzuschrecken.«

– »Doch nicht ganz. Es gibt allerhand angenehme Krankheiten, die man gewissermaßen als Zuwage zu dem berühmten Apfel des Paradieses bekommen soll. Es ist das einzige, was in diesem Paradiese gratis verabreicht wird.«

– »Du willst mir Angst machen, aber du erschreckst mich nicht.«

– »Oh, kein Zweifel! Du würdest dich jetzt durch sämtliche Geschwüre der Welt nicht davon abhalten lassen, in dieses verbotene Obst zu beißen. Wohl bekomms! Ich denke gar nicht daran, dich abzuhalten. Aber zur Vorsicht mahnen möchte ich dich.«

– »Dann mußt du dich doch deutlicher ausdrücken.«

– »Nein, ich danke. Das Thema ist mir zu schmierig. Das mag später Krümpermann, der Idealist, besorgen, der eine kleine, aber wohl assortierte Bibliothek über diese Geheimwissenschaften besitzt.«

Nach diesem instruktiven Gespräch begaben sich die beiden Gymnasiasten in die Religionsstunde. Professor Sickert hatte mehr wie einmal Veranlassung, mit Mißfallen zu bemerken, daß Henry Hauart nicht bei der Sache war. Er war in der Tat ganz woanders. Das gleiche muß von Karl Kraker gesagt werden, der selbst während der heimlichen Lektüre von Henrys »Kampf mit dem Drachen« mehr an den himmlischen Kasten dachte, als an Wehr und Waffen gegen die Eitelkeiten und Lüste dieser Welt.

Als er ihn dann vier Stunden später in prachtvollster Ausstattung auf dem Jungfernstiege leibhaft in Händen hielt, genoß er ein wahres Glück. Er war ihm ein schlechthin wonnevoller Besitz und jedes einzelne Stück in ihm ein Gegenstand zärtlicher Liebkosung. Selbst Berta, die doch ein Mädchen war, mußte sich darüber wundern, welches Entzücken den sonst so gemessenen Bruder gegenüber diesen doch offenbar mehr für weibliche Hantierung bestimmten Dingen erfüllte. Daß aber Henry dafür gegen zweihundert Mark ausgegeben hatte, fand auch sie nur wirklich nett. Denn auch sie hielt es im Grunde für eine Pflicht des »Negers«, die Belehrungen, die er nun durch den überragenden Karl erhalten sollte, so hoch zu bezahlen, als es ihm nur irgend möglich war. Aber sie war von jetzt ab immer recht reizend zu ihm, ja, es war ihr sogar wirklich ein bißchen ärgerlich, daß er mit einem Male so gar nicht mehr den Anbeter herauskehrte. Sie führte das lediglich auf den Rüffel zurück, den ihm Karl nach seinem Berichte erteilt hatte, und sie fand, daß Henry doch eigentlich nicht mit einem Male so ganz gleichgültig hätte zu werden brauchen. Nun, sie hatte es ja immer gesagt, daß er ein Waschlappen war und unbedingt nach Karls Pfeife tanzen würde. Henry selbst aber dachte nur noch eines: Mittwoch, abends halb elf!

 

Als die mit so heftiger Sehnsucht erwartete Stunde gekommen war und Karl sich von ihm mit den Worten verabschiedet hatte: »So, und nun brauchst du bloß die Straße hier hinunterzugehen und rechts einzubiegen. Die nächste Straße dann links ist es,« da glaubte er zuerst, all das sei ein heimtückischer Spaß des Vetters.

Wie sollte es denn möglich sein, daß wenige Schritte von hier, wo die Pferdebahnen rasselten und die Herren und Damen ehrbar nebeneinander hergingen, und überhaupt alles das gewöhnliche Wesen einer Hamburger Straße von mittlerer Frequenz zeigte, – wie war es zu denken, daß gleich nebenan alles so – ganz anders sein sollte? Alles dort in Öffentlichkeit erlaubt, was hier in heimlicher Andeutung schon wahnsinnige Frechheit, verbrecherische Schamlosigkeit gewesen wäre? Nur ein paar hundert Schritte noch, und es sollte dort gar nichts mehr Geltung haben, was hier unbedingte sittliche bürgerliche Norm war? Ein fremdes Land sollte sich hier in die sittsame Stadt, wo Onkel Jeremias und Tante Sanna wohnten, eingrenzen, ein Land ohne Moral, ja, ausschließlich dem Zwecke geweiht, der Unmoral zu dienen, ein freier Boden zu sein für alles das, was hier, hundert Meter davon entfernt, für greulich unanständig galt?

Henry war bestimmt überzeugt, daß Karl ihn auf den Leim gelockt hatte. Er wollte schon umkehren und handfest Rache an ihm nehmen, gleichviel was daraus entstehen sollte. Aber es zog ihn doch mit Macht vorwärts, und wie er zwei Herren rechts einbiegen sah, stürzte er ihnen nach.

Richtig, auch sie bogen nun links ein. Kaum daß sie verschwunden waren, stand er an der Straßenecke.

Himmlische Güte! Ahala und Ahaliba! Zehn Schritte vor ihm rechts kamen zwei Frauen aus einem hellerleuchteten Hause heraus ein paar Stufen herab auf die Straße und umschlangen die beiden Männer mit nackten Armen. Auch ihre Brust war bloß, und sie hatten helle seidene Gewänder an und Blumen in den Haaren. Und links, da, noch näher zu ihm, ließ eine andere mit offenen roten Haaren, aus dem Fenster herausgelehnt, ihre beiden mächtigen Brüste im vollen Lichte der roten Türlaterne von einem Manne begreifen und lachte dazu mit einem Lachen, das Henrys Herz bis zu dem Hals hinaufschlagen ließ. Er wollte darauf losstürzen, aber es war ihm, als sei mit einem Male sein wütendes Blut so schwer geworden, daß er sich nicht von der Stelle rühren konnte. Er mußte sich gegen die Straßenecke lehnen und den Mund öffnen, denn er glaubte unter dem schweren Andrange des Blutes ersticken zu müssen. Noch unter den geschlossenen Augen sah er die beiden Brüste vor sich, warm rot lasiert vom Lichte der Laterne, und darüber diesen lachenden vollen Mund und zwei große dunkle Augen. Er stand wohl nicht lange so, hatte aber alles Gefühl für Zeit verloren, wie im Traume, und glaubte, eine ewig lange Zeit dazustehen, unfähig, sich zu bewegen. Als er die Augen öffnete, war der Mann verschwunden und stand zwei Häuser weiter in der Umarmung einer schlanken Brünette, die sich bemühte, ihn in die offene Haustüre zu ziehen. Die beiden Brüste aber waren verschwunden und das Fenster geschlossen. Außer dem Mann mit der Dunkelhaarigen war niemand in der Straße zu sehen. Jetzt verschwanden auch die beiden im Hause, und die Häuserzeile mit den vielen farbigen Laternen lag öde und still.

Henry, der bisher die Querstraße noch nicht verlassen und sich nur mit den Augen in die Gasse seiner Sehnsucht gewagt hatte, tat jetzt, ganz unbewußt, einen Schritt vor, leise, scheu, wenn auch etwas gefaßter und entschlossen, weiterzugehen. Es war ihm aber, wie er noch zwei Schritte weiter tat, als gebe der Boden unter seinen Füßen nach. Feig war ihm zumute, jämmerlich feig, und wehmütig zum Weinen. Dem schweren Andrang des Blutes zur Brust war ein ebenso plötzliches Zurückfluten gefolgt. Er fühlte sich ganz leer und ängstlich leicht. Seine eben noch glühend heißen Hände waren eiskalt. Dabei bevölkerte seine Phantasie die leere, trotz der farbigen Laternen nun halbdunkle Straße mit Bildern und Szenen, wie er sie soeben halb traumhaft gesehen hatte. Von allen diesen Treppenvorsätzen stiegen halbnackte Frauengestalten aufs Pflaster, die bloßen Arme zu wollüstigen Umschlingungen ausgebreitet. Aus jedem Fenster beugte sich der nackte Körper einer Frau mit großen lastenden Brüsten vor. Und alle diese Arme, diese Brüste galten ihm. Er brauchte nur zuzugreifen, und er besaß was er wollte.

Seltsam doch, daß er hier noch phantasiert, wo er wirklich gleich hätte zugreifen können. Es ist gewiß, und er dachte es sich selbst: Er würde nicht gewagt haben, auch nur an einen dieser Fensterläden zu klopfen.

Aber, wie schon Pastor Südekum (weiß der Himmel, aus welcher Erfahrung) gesagt hatte: Die Sünde wartet nicht auf den bösen Willen; sie überfällt den Ahnungslosen wie der Geier das junge Lamm. (Darum wachet und betet!) – Der gewisse Fensterladen links tat sich plötzlich auf, und die gewissen Brüste waren mit einem Male wieder da, und eine Stimme, die für Henry nicht süßer sein konnte, flüsterte: »Komm rein, Kleiner!«

Da wars um ihn geschehn.

Ehe er sichs versah, stand er in einem rosaroten Hausflur, rechts neben ihm ein dürres altes Weib, das er beiseite schob, und links die Rote mit den schweren Brüsten. Sie sagte irgend etwas, das er nicht hörte; er sah auch nichts; er fühlte nur: Warmes, weiches Fleisch zwischen seinen Händen.

Und nun war er in einem niedrigen Zimmer mit goldblumichten Tapeten und voll eines Geruches, der ihn schwindeln machte. Der Ansturm des Blutes von vorhin wiederholte sich; nur noch heißer und wütender. Seine Füße hielten ihn nicht mehr; er sank nieder. Und nun lag das weiche warme Fleisch über ihm, und er hörte, wie etwas an ihm herabrauschte. Als er seine Blicke erhob, stand die Rote nackt vor ihm, und just in Gesichtshöhe erblickte er leibhaft vor sich, was er in maß- und formlosen Phantasien sich alle diese Wochen hin immer und immer wieder vorgestellt hatte.

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