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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Der überraschende Knabe Karl

Was Henry auf der Stube Karls erfuhr, war ganz dazu angetan, seine Bewunderung für den Vetter zu erhöhen und ihn mit Zutrauen in eine Zukunft zu erfüllen, die ihm durch dessen starke und kundige Hand eröffnet werden sollte.

Welch ein erstaunlich scharfer Kopf war (für Henry) doch dieser Karl, den er nur immer als den Sohn seines Vaters angesehen hatte! Das Christentum war ihm ein geschickt und nicht ohne poetisches Talent und psychologische Feinheit erfundenes Kindermärchen, dessen sowohl anmutige, wie bedeutende Fabeln man wohl mit freundlicher Rührung genießen mochte, solange sie nicht mit dem Anspruche auftraten, bestimmende Wahrheiten und Grundsätze fürs Leben zu verkörpern. Insofern sie aber dies taten, mußte man sich wohl klüglich so anstellen, als glaube man daran, denn es wäre knabenhaft töricht, sich gegen etwas Mächtiges aufzulehnen, solange man nicht selber eine Macht ist; aber man durfte innerlich diese Ideale kindlicher Geister nie Gewalt über sich gewinnen lassen; sonst würde man auch später nie dazu kommen, das Leben mit allen seinen schönen Möglichkeiten von Grund aus, das heißt unbeeinträchtigt durch christliche Hemmungen in der eigenen Brust, zu genießen.

Ähnliches hatte Henry ja schon früher vernommen, aber jetzt, wo ihm Nutzanwendungen winkten, wirkte es beträchtlich stärker, wenn auch wiederum eben nicht in die Tiefe. Übrigens entnahm Henry, wie immer, so auch jetzt, diesen Lehren nur gerade das, was er augenblicklich brauchen konnte, lenkte den Fluß der Theorien also schnell in das Gebiet der Ulrikusstraße und auf die praktischen Probleme, die ihn jetzt beschäftigten.

Auch darin verblüffte ihn Karl durch unerwartete Erfahrenheit. Zwar nach diesen »Vierteln der Tiere« gelüstete ihn nicht; seine unerlaubten Begierden gingen ganz woanders hin, höher hinaus, aber er wußte sie zu befriedigen, ohne sich die Hosen am Blitzableiter zu zerreißen. Er verbrachte jede Woche zwei halbe Nächte außerhalb des Hauses und zwar mit Wissen seiner Mutter.

Henry riß die Augen auf. »Und der Onkel?«

– »Papa weiß nichts davon. Er würde es nie zugeben, daß ich in die Katakombe gehe!«

– »In die Katakombe?«

– »Ja, in die Katakombe. So haben wir nämlich, um der Sache eine christliche Etikette zu geben, eine freigeistig-literarisch-ästhetische Geheimverbindung genannt, in der wir jeden geistigen Unfug treiben. Von dem Unfug weiß Mama natürlich nichts. Sie glaubt, daß dort wissenschaftliche Vorträge auf christlicher Grundlage gehalten werden, und es schmeichelt ihrer Eitelkeit, daß ihr Herr Sohn sich an diesen gelehrten Bestrebungen beteiligt. Ich mache speziell für sie jeden Monat einen ungemein christlichen Vortrag, den sie mit Erbauung liest. Das ist zwar langweilig für mich, aber es beruhigt mein Sohnesgewissen, denn nun hat ja auch sie was davon.«

Henry war doch etwas verblüfft über diese kaltblütig souveräne Art von Verlogenheit, und Karl merkte das offenbar, denn er fuhr fort: »Alles Besondere läßt sich in seinen Anfängen, solange es noch nicht zur Herrschaft gekommen ist, nur in Heimlichkeit pflegen und bedarf der Verstellung, ja der direkten Lüge als Mittel zur Existenz. Diese Art Lüge ist aber immer auch Rücksichtnahme auf die nicht Besonderen, also doppelt entschuldbar. Indem ich diese blödsinnigen Vorträge zusammenschreibe, schaffe ich mir nicht bloß die Möglichkeit, wenigstens zweimal in der Woche geistig aufzuatmen, sondern ich beruhige auch das Gemüt meiner Mutter, die oft genug von Zweifeln an meinem Christentume heimgesucht wird.«

Diese Logik fand Henrys Beifall durchaus, der sich überdies erinnerte, daß auch Papa Hauart die Lüge als Reservatrecht der Ausnahmemenschen hingestellt hatte.

Es war recht angenehm für ihn, durch Karl wieder Anschluß an seine frühere Anschauungswelt zu erhalten. Er glaubte jetzt, alles dies wirklich schon einmal begriffen zu haben, und er setzte seinerseits Karl in Erstaunen, indem er, aus dem Geiste Papa Hauarts heraus, ohne die von Karl erwartete Begriffsstutzigkeit mit scheinbarer großer Agilität des Geistes auf all dies einging, ja sogar Ausführungen daran knüpfte, die eine unerschrockene Folgerichtigkeit des Denkens zu verraten schienen. Da er sich wohl hütete, zu sagen, woher diese Ideengänge stammten, erschütterte er sogar die Überzeugung des Vetters von seiner Dummheit, so daß dieser in seinen Enthüllungen weiter ging, als er ursprünglich vorgehabt hatte.

Karl sagte: »Du scheinst für die Katakombe reifer zu sein, als ich gedacht habe; – unter uns gesagt: reifer auch, als die meisten Katakombler selbst. Denn im Grunde sind das unreife Schwätzer, die bloß nachplappern, was sie gelesen haben. Ich höre in der Hauptsache nur zu und finde manchmal, daß es bloß Unverschämtheit ist, wenn sie sich einbilden, besondere Menschen zu sein. Sie täten besser, zu schweigen und zu lernen. Aber immerhin, man hört aus ihrem Nachgeschwätze manches aus der Welt reiferer Geister, die übrigens meistens offenbar auch noch recht unreif sind und besser daran täten, wenn sie gleichfalls schwiegen. – Aber du sollst das alles selber kennen lernen; ich will dich für die Katakombe vorschlagen.«

Das war für Henry nun zwar höchst schmeichelhaft und ehrenvoll, aber fürs erste reizte ihn die Katakombe weniger, als die Ulrikusstraße. Er lenkte Karl also nochmals behutsam auf diese ihm wesentlich interessantere Gegend hin.

Der lächelte giftig. »Durch Nacht zum Licht! Durch die Katakombe zum Puff! Dein Instinkt führt dich nicht irre. Übrigens wollen sie ja schließlich alle nur dorthin, und das viele Klugreden ist nur ein Ausweg, weil es ihnen am Gelde fehlt. Da du aber Geld hast, wirst du auch Führer und Begleiter haben. Sie werden sich um dich und dein Portemonnaie reißen. Voltaire Krümpermann, der große Idealist, der jede Woche einmal die Welt einreißt und neu aufbaut, weiß den Weg dahin ganz genau. Heil ihm und uns! Er wird fortan weniger Reden halten.«

»Ja, aber,« warf Henry ein, »wenn mir nun Tante Sanna nicht erlaubt, mit in die Katakombe zu gehen?«

– »Dafür laß mich sorgen. Mama wird sich zwar wundern, daß auch weniger erlauchte Geister dort Eingang finden, aber wenn auch du monatlich einen Vortrag verfaßt, und du sollst ja recht geschickt in blöden Phrasen sein, wie mir der große Voltaire nicht ohne Eifersucht mitgeteilt hat, so wird sie auch dich unter die christlichen Genies rechnen. Schmiere eine Eintrittspredigt! Die werde ich ihr geben, und sie würde es für einen Raub an deinem Ingenium halten, dich an dem Verkehr mit der Auslese unseres Gymnasiums zu hindern.«

– »Das will ich gleich heute abend noch machen. Wenn ich nur wüßte, worüber ich reden soll.«

– »Ich werde dir ein Thema geben. Warte!«

Karl kniff seine ohnehin kleinen Augen zusammen und visierte durch den winzigen Spalt die Zimmerdecke. »Kennst du Goethes Faust?«

– »Nein. Wir haben ihn noch nicht gehabt.«

– »Richtig. Was kennst du überhaupt von der deutschen Literatur?«

– »Echtermeyers deutsche Gedichte und die Jungfrau von Orleans, überhaupt: was im Lehrplan steht; du weißt ja.«

– »Hm. Was war euer letztes Aufsatzthema?«

– »Inwiefern Schiller der einzige deutsche Nationaldichter genannt werden darf.«

– »Aber ihr kennt ihn ja gar nicht! Aber ich weiß schon: der Professor hat ihn abgewandelt. Übrigens habe ich den Aufsatz auch schon mal geleistet. Freiheit! Ehre! Vaterland! Professor Sickert war Burschenschafter. Das vorgeahnte Deutsche Reich. Seid einig! einig! einig! Und: Ehret die Frauen! Du bist ja auf dem besten Wege dazu!«

Karl betrachtete seine schönen großen mattglänzenden Fingernägel. »Ich glaube du mußt pathetisch kommen, dazu sind weniger Gedanken nötig und es geht schneller... Halt, ich habs. Nimm dir das Thema: ›Der Kampf mit dem Drachen. Ein christliches Symbol.‹ Der Drache sitzt natürlich in der eigenen Brust. Du kennst ihn, d. h. natürlich, du hütest dich wohl zu zeigen, daß du ihn persönlich kennst, und redest bloß so im allgemeinen von der Welt Lust und ihrer Üppigkeit. So talentlos ist kein Mensch, daß er darüber nicht zehn Seiten lang nichts reden könnte. Noch leichter aber sind die anderen zehn Seiten von den Waffen, mit denen der Christ gegen diesen Lind- und Tatzelwurm siegreich anzurennen vermag. Meine arme Schwester muß eine Brosche aus Elfenbein tragen, die diese probaten Tugenden in mehr weiblicher Symbolik zeigt: Glaube, Liebe, Hoffnung! Kannst du das?«

– »Aber natürlich, im Schlaf.«

– »Also gut, morgen früh auf dem Schulweg gibst du den Quatsch. Ehe du ihn aber schreibst, schneide und putze dir die Nägel. Mit diesen Schmutzschaufeln kannst du nicht mit uns verkehren. Du mußt dich auch besser anziehen, soweit es Papa erlaubt. Mit so kurzen Hosen lassen sie dich in der Ulrikusstraße überhaupt nicht hinein. Es ist eine Schande, wie du aussiehst. Und nun gehe! Berta muß jeden Augenblick kommen.«

Henry duckte sich förmlich unter dem befehlerischen Tone dieser Worte. Als er aber auf seinem Zimmer angekommen war, überkam ihn eine so zuversichtliche Fröhlichkeit, daß er den kleinen Raum unzählige Male mit fast tanzenden Schritten durchmaß. Er fühlte sich sicher, gehalten und doch frei.

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