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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Die starke Hand

Mit jedem Tage kam er mißmutiger heim, mit jedem Tage erhöhte sich eine gewisse krankhafte Reizbarkeit in ihm, mit jedem Tage nahm er mehr das Wesen einer grimmigen Verstocktheit an, und nur Berta gegenüber entwickelte er eine daneben um so auffälligere Lebhaftigkeit, die aber auch zuweilen in eine Art erschrockener Scheu umschlug.

Anfangs übersah das Mädchen dieses Gebaren geflissentlich, dann wurde sie schnippisch, ja höhnisch, schließlich aber schien sie Gefallen daran zu finden und wurde, wenn auch noch immer kapriziös, freundlicher zu ihm. Mit Herablassung freilich, wie aus Gnade, und hinterher kam immer gleich eine besonders hochnäsige Kühle, aber manchmal konnte sie ihn auch groß und strahlend ansehen, daß er vor innerer Beseligung und doch auch in einem gewissen Schrecken die Augen niederschlagen mußte.

So kam es, daß er immer deutlicher wurde im stummen Ausdrucke einer aufsteigenden heißen ersten Verliebtheit und eines Sonntags sich nicht enthalten konnte, ein Gedicht, das er die Nacht vorher an sie gerichtet hatte, ihr ins Gesangbuch zu schieben.

Es war eine sogenannte »Jugendpredigt«, zu der sie kommandiert worden waren, an der aber Jeremias und Sanna nicht teilnahmen; sonst hätte er das gefährliche Wagnis nicht unternommen. Es erschien ihm auch so schon unerhört vermessen und problematisch.

Er setzte sich der Seitenbank, auf der die Geschwister Platz genommen hatten, gegenüber, das Schiff der Kirche zwischen sich und ihnen, und wartete mit Beben auf den Augenblick, wo sie den Zettel finden würde.

Mit welchem Gesichte würde sie ihn lesen? Würde sie einen ihrer »göttlichen Blicke« zu ihm herübersenden? Würde sie erröten? Erbleichen? Lächeln? Die Stirne in Falten ziehen?

Oh! Ein ganz anderes Leben sollte beginnen, wenn sie seine Liebe erwiderte!

Er fühlte jetzt, plötzlich wieder ganz im hütenden Schatten frommer Gesinnung, daß er ein abscheulicher Sünder gewesen war, ein unsauberer, unflätiger Geist, ein Zerstörer alles Großen, Schönen, Heiligen in seiner Seele, bis er diesen Engel anzubeten begonnen hatte.

(Das war freilich fromme Lüge, denn er hatte auch während dieser Zeit ebensooft Ahala und Ahaliba gehuldigt, wie ihr.)

Aber das würde endgültig aufhören, sobald sie ihn in ihre rettenden Arme genommen und ihm, wenn auch nur seelisch, einen Platz an ihrem reinen Herzen eingeräumt haben würde.

Es war, in stockender Prosa, eine Wiederholung seines Gedichts, was er so in seinen Gedanken hin und her wogen fühlte, während sein Blick jede Bewegung ihrer Hände verfolgte.

Da, jetzt... nein: er konnte nicht hinsehen, er mußte die Augen schließen... jetzt hatte sie den Zettel entdeckt. Die jungen Stimmen sangen eben: »Jesus, meine Zuversicht!« und er sang geschlossenen Auges leise, bebend mit und öffnete die Augen erst, als der erste Vers vorüber war, denn so lange mußte sie wohl brauchen, seine vier Verse zu lesen.

Himmel, was mußten diese Augen sehen! Berta reichte mit den Fingerspitzen, die Mundwinkel spöttisch scharf herabziehend, ohne auch nur einen Blick aus den niedergeschlagenen Augen zu ihm zu senden, den Zettel mit seinen Versen ihrem Bruder hin und begann sogleich, sich am Gesange des Chorals zu beteiligen.

Henry war wie betäubt. Die Kirche mit all den vielen offenen Mäulern, die ihm jetzt riesig erschienen, drehte sich scheinbar im Kreise und hob und senkte sich wie bei einem Erdbeben. Die Orgel schien zu pfeifen, der Choral ein Gassenhauer zu sein. Er mußte sich am Pulte festhalten und mußte den Vers mitbrüllen, wollte er nicht etwas ganz anderes laut aufschreien.

Eine ungeheure Wut packte ihn. Er wurde totenblaß. Aber nicht weniger blaß war drüben Karl. Ihre Blicke kreuzten sich wie Degenklingen, dann sahen sie beide vor sich nieder und blieben so während des ganzen Gottesdienstes, jeder nur an den andern denkend voll eines Hasses, der darum nicht weniger tief und grimmig war, weil zwei junge Leute ihn empfanden.

Als die Kirche aus war, schickte Karl die Schwester allein nach Hause und trat an Henry heran: »Ich muß mit dir reden!«

– »Bitte!«

– »Du hast dich unterstanden, das meiner Schwester zuzustecken!«

– »Was geht das dich an?«

– »Schweig!«

Karl zischte das so heftig und wütend hervor, daß Henry in der Tat nichts zu erwidern wagte. Er ging gesenkten Kopfes neben dem Vetter her, während dieser ganz leise, aber im gedämpften Tone hart, sprach: »Ich dulde das nicht! Merke dir das! Du wirst nicht allein solche Albernheiten nicht wiederholen, sondern überhaupt aufhören, meine Schwester mit Blicken und diesem ganzen törichten und unverschämten Wesen zu beleidigen, das du in der letzten Zeit an den Tag gelegt hast. Meine Schwester ist nicht für deinesgleichen Tiere!«

– »Was!?«

Henry bekam seine großen Augen.

– »Vor deinen Glotzaugen fürchte ich mich nicht. Ich kenne dich besser, als du. Ich weiß auch, was es mit dem Geschmiere da auf sich hat.«

Er zog den Zettel aus der Tasche, knüllte ihn zusammen und warf ihn über das Geländer der Brücke, die sie eben passierten. – »Du bist ein geiler Hund! Du denkst, weil du stramm bist wie ein Pferdeknecht, und weil du einmal Geld haben wirst, darfst du dir bloß aussuchen, was nach deinem dreckigen Geschmacke ist. Nimm dich in acht, ich passe auf!«

– »Ich habe Berta wie die Madonna geliebt!«

Henry war selber verblüfft über das Wort. Es war ebenso wahr, wie flach empfunden, und so kam es in einem elend falschen Tone heraus und klang wie eine alberne Lüge.

Karl sah Henry verächtlich an und lachte höhnisch auf. »He! Deine Porzellanfigur? Nicht? Ja, was du nicht alles hast! Der Jüngling mit dem seidenen Schlafgewand!«

– »Halts Maul, oder ich schlage dich drauf! Du und dein Vater! Du und deine Mutter! Ihr alle lauert ja nur auf das, was ich habe!«

Wieder einmal machte ihn die Wut klar. Er fuhr fort: »Ihr wollt mich ducken, um mich zu bestehlen! Fußtritte für euch! Wart nur, mein Junge, dir spuck ich mal in die Hand!«

Seltsam. Das schien Karl nicht zu beleidigen. Er antwortete ganz ruhig: »Wenn ich sie hinhalte. Aber das wirst du von mir nicht erleben. Von mir nicht und von Berta nicht. Meine Hand ist nicht dazu da, von dir Geschenke zu nehmen. Höchstens was mir gehört! Meine Hand ist dazu da, dich zu führen, wenn du so weit bist, daß sichs lohnt. Vorderhand bist du noch nicht so weit. – Aber raten will ich dir jetzt schon: Für dich und was du Verehrung nennst, ist in der Ulrikusstraße gesorgt.«

Henry blieb wie angewurzelt stehen. Er vergaß alles Vorhergegangene und sagte im Tone des höchsten Erstaunens: »Was, du weißt das auch?«

– »Glaubst du vielleicht, ich bin ein Kastrat?«

Merkwürdig, wie falsch er Henry verstanden hatte. Merkwürdig auch, mit welch giftigem Blicke er gerade diese Worte begleitete.

– »Ich meine nur: weiß denn das jeder Mensch hier!«?

– »Verstell dich doch nicht! Du weißt es vermutlich besser, als ich, und wärst schon lange dort gewesen, wenn du Geld dazu hättest!«

– »Ich höre jetzt den Namen zum zweiten Male und weiß gar nichts.«

Karl sah ihn prüfend an. Dann sagte er nach kurzer Überlegung: »Soll ich dich vielleicht hinführen?«

Henry, ganz naiv: »Ach, bitte, ja.«

Karl lachte auf. Es war ein häßliches Lachen voller Ekel und Ärger und Haß.

Nach einer Weile: »Du bist doch grenzenlos dumm. Ich habe dich offenbar immer noch überschätzt. Du weißt also wirklich von Gott und der Welt nichts? Dein Schafsgesicht aus der Prägung Südekum ist echt? Das wäre ja beinahe interessant.«

Henry fühlte jede dieser Beleidigungen wie einen Hieb, und er war weit davon entfernt, diese Hiebe ohne Widerschlag hinzunehmen aus christlicher Demut. Es war vielmehr wie ein tückisches Knirschen in ihm, eine lauernde Gier, sich zu rächen, Schlag für Schlag heimzuzahlen, Schlag für Schlag und jeden wohlgezielt. Aber jetzt fühlte er sich wie einen Hund, über dem der Herr steht, kurz gebunden und mit dem Fuße auf dem Boden niedergehalten, während die Prügel prasseln. Er fühlte eine kalte grausame Überlegenheit über sich, die Mittel zur Züchtigung besaß, gegen die er bei allem Gefühle, schließlich doch der Gefährlichere und Stärkere zu sein, einstweilen machtlos war. Ja, er hatte sogar die Empfindung, es müsse ihm dienlich sein, von dieser verfluchten Hand geführt zu werden, sich diesem kalten Tyrannen anzuschließen mit blindem Gehorsam, ihm sklavisch zu folgen – bis einmal der Moment käme, wo er ihn nicht mehr brauchte, wo er selber die Mittel in der Hand hätte, ihn zu züchtigen, und die Kraft, ihn mit dem Fuße niederzuhalten. Mit dem Tückischen, Wilden seines Wesens verband sich knechtischer Respekt aus einem Gefühle der Minderwertigkeit heraus, ja, es kam etwas Besseres hinzu: ein gewisser Bewunderungstrieb, der Wille, sich einem Höheren, Stärkeren hinzugeben.

Dies alles war in ihm nicht klar: es war ein Knäuel dunkler dumpfer Gefühle, unter denen immerhin die widerwärtigen überwogen, aber, Herr darüber zu werden, vermochte er nicht. Karl dagegen fühlte sich jetzt von einer Klarheit der Gedanken Henry gegenüber durchdrungen, daß sein Haß gegen den körperlich und durch Reichtum Bevorzugten für den Moment verflog. Er empfand frohlockend die Gewißheit, daß er ihn in der Hand hielt, daß er der Herr war, ihn nach seinem Willen zu führen und auch wohl zu modeln.

Er hatte in der Tat geglaubt, daß Henry sich, gleich ihm und Berta, im Grunde nur verstellte, daß er nicht demütig, sondern herrisch dachte und nur auf den Augenblick der Befreiung aus dem aufgezwungenen Krakerschen Wesen wartete, um Vergeltung zu üben. Er hatte, ohne es sich merken zu lassen, Henrys Entwicklung wohl verfolgt, und zwischen ihm und Berta war der »Millionär« stets ein Hauptgesprächsthema geblieben. Dabei hatte sich Berta als instinktiv bessere Psychologin bewährt, indem sie immer betonte: »Er ist ein Waschlappen; du brauchst nur zu wollen, und er folgt dir wie ein Pudel, genau wie er jetzt dem ekelhaften Pastor folgt.«

Karl dagegen, dem die innere Verschlagenheit Henrys sehr bald aufgegangen war, hatte sich ein verwickelteres Schema von dessen Wesen zurechtgelegt. Zwar zweifelte auch er nicht daran, daß der »Neger«, wie er ihn gern nannte, eines Tages Wachs in seinen Händen sein werde, aber erst dann, wenn er fühlen würde, daß sein jetziges Spiel zu nichts führte. »Der Neger ist«, so ging seine Rede, »zweifellos von einer unwahrscheinlichen Dummheit, aber doch nicht so dumm, wie er sich jetzt stellt. Sein Haß, auf dich und mich und die Eltern, ist so groß wie seine Dummheit. Wenn er auch jetzt auf Papas und Mamas christlichen Blödsinn eingeht, so geschieht es nur zum Schein. Er will sie einschläfern und sich von uns fernhalten. Denn das muß er doch merken, daß wir nicht so sind, wie unsere christlichen Eltern. Es ist eine große, wilde Bosheit in ihm und eine verschlagene Roheit. Das macht ihn gefährlich. Nehme ich mich jetzt seiner an, so wird er freilich auch so tun, als folgte er mir. Was wäre das aber für ein Gewinn für uns? Er würde, wenn ich mich ihm näherte, darin sofort die Absicht wittern, ihn zu demselben Zwecke zu gewinnen, den er bei Papa und Mama voraussetzt. Diese Absicht erreiche ich nur, wenn ich warte, bis er kommt. Und das wird eines Tages geschehen, wenn ihm die Rolle des christlichen Musterknaben unerträglich wird.«

Als dann die Bemühungen Henrys um Bertas Huld begonnen hatten, hatte er darin keineswegs das Anspinnen zu einer Gymnasiastenliebelei zwischen Cousin und Cousine erblickt, sondern einen frechen und schlau geplanten Vorstoß der Henryschen Sinnlichkeit, von deren Vehemenz er sich die phantastischsten Vorstellungen machte. Hier war ihm ein Mangel seiner eignen Natur zum Hindernis ruhiger Beobachtung geworden. Mit einer nagenden Wut legte er jeden Blick Henrys auf Berta als eine brutale Begierde aus und litt gräßlich darunter, daß Berta nicht ebenso wütenden Ekel dagegen empfand, wie er. Alles, was ihm auf diesem Gebiete offenbar versagt war (er fühlte das mit großer Deutlichkeit), traute er dem körperlich Begünstigten und hauptsächlich deswegen grimmig Gehaßten zu – im Grunde auch, und das war das fürchterlichste, eine Übertragung seiner »Leidenschaft« auf Berta. Dabei aber bildete er sich ein, daß diese Leidenschaft nur vorgetäuscht sei zu dem Zwecke, sich durch Bertas Verführung am ganzen Krakerschen Hause zu rächen.

Jetzt war ihm sein Irrtum klar geworden, und Henry erschien ihm einfach als ganz dummer Junge, den er nun in der Tat unverzüglich ans Leitseil nehmen mußte.

Als Henry auf seine groben Beleidigungen schwieg, ahnte er indessen trotzdem wohl, daß auch etwas Unheimliches hinter diesem Schweigen vorging. Doch damit war wohl erst für später zu rechnen. Jetzt mußte gehandelt werden. Er fuhr nach einer Weile fort: »Am Ende glaubst du, daß Berta und ich auch so fromm sind, wie du?«

»Wer sagt dir, daß ich fromm bin?!« entgegnete Henry stolz, der durchaus den Angelhaken der Eitelkeit nicht merkte, der hier ausgeworfen worden war. »Wenn ich fromm wäre, würde ich dich dann gebeten haben, mich – dorthin zu führen?«

Jetzt lächelte Karl bloß sauer: »Allerdings, das ist kein Ort für südekümmerliche Knaben.«

Dieser Wortwitz begeisterte Henry förmlich. Er lachte laut schallend auf und sagte dann: »Wenn ich doch nur gewußt hätte, daß du über dieses Zeug genau so denkst, wie ich.«

Karl sah ihn mit kaum verhehltem Spott an: »Ja, wenn! Man muß eben die Leute nicht immer für so dumm halten, wie man selber aussieht. Nicht bloß Henry Hauart ist ein Freigeist. Es gibt sogar in seiner Klasse welche!«

– »Ach?«!

– »O ja. Sogar euer Primus ist einer. Er führt darum auch den Namen Voltaire.«

– »Krümpermann?«

– »Ja, Konstantin Krümpermann. Aber, das darfst du eigentlich nicht wissen.«

– »Warum denn nicht?«

– »Das wirst du dann erfahren, wenn du es wissen darfst.«

Dieses dunkle Wort erfüllte Henry mit größter Neugierde. Er bettelte förmlich: »Ach bitte, kläre mich doch auf!«

– »Später! Vielleicht! Ich muß dich erst prüfen.«

Karl empfand ein inniges Behagen, den Neger mit Geheimnissen zu umwölken.

– »Muß ich ein Examen machen?«

Henry dachte an eine Art umgekehrter Katechismus-Prüfung.

– »Ja, In der Ulrikusstraße.«

– »Du hältst mich zum Narren.«

– »Ich halte dich für einen Freigeist.«

– »Was hat denn die Ulrikusstraße damit zu tun?«

– »Unendlich viel. Voltaire Krümpermann hält sie sogar für die hohe Schule der geistigen Freiheit.«

– »Ach?! Ich hatte mir doch gedacht...?«

– »Eben!«

– »Aber wieso denn?«

– »Gehet hin und sehet!«

– »Warst du denn auch schon dort?«

Diese Frage beeinträchtigte die muntere Laune Karls. Da er aber doch antworten mußte, sagte er: »Ich habe kein Geld dazu.«

– »Ist es denn so teuer?«

– »Die Preise schwanken.«

– »Glaubst du, daß tausend Mark reichen?«

– »Tausend Mark?!«

Karl mußte stehen bleiben vor Erstaunen. War es die Möglichkeit, ein Hamburger Sekundaner und so milchkalbmäßig unerfahren zu sein? Und: hatte der Mensch denn jetzt schon solche Summen zur Verfügung?

Er inquirierte: »Glaubst du vielleicht, Papa läßt dir auf deine Erbschaft hin tausend Mark auszahlen, damit du in die Ulrikusstraße gehen kannst?«

– »Natürlich nicht. Ich habe das Geld in meiner Schublade. Sogar mehr.«

– »Unglaublich!«

Und nun mußte Henry genau erzählen, wie es zugegangen war, daß er dieses Kapital für sich hatte reservieren können. Dafür klärte ihn Karl über die Marktwerte in der Ulrikusstraße auf, soweit er davon Kenntnis hatte.

»Aber, da kann ich zahllose Male hingehen!« rief Henry entzückt aus.

– »Du könntest dich dort dafür sogar in Pension geben. Nur wird es schwer sein, hinzukommen, ohne daß Papa und Mama es inne werden, denn man pflegt dort eigentlich nur nachts einzukehren, wenn die Kindlein schlafen gehen.«

– »Ich klettre einfach am Blitzableiter runter.«

Henry war zu jeder Heldentat entschlossen.

– »So, und wenn du wieder ins Haus hinein willst?«

– »Dann klettre ich am Blitzableiter hinauf.«

– »Natürlich: der kraftvolle Jüngling! Alles mit den Muskeln, nichts mit dem Gehirn.«

– »Ja, wie soll ichs denn anders anfangen?«

Karl zuckte mit den Achseln.

Henry, der wohl merkte, daß Karl bequemere Wege wußte, drang mit dem Aufgebot seiner ganzen Liebenswürdigkeit in ihn ein, ihm zu helfen. Er wurde sogar überschwenglich und schwur ewige Dankbarkeit und Freundschaft, wenn er ihm sagte, wie er auf bessere Weise aus dem Hause und wieder hineinkommen könnte.

Karl indessen gabs nicht so billig und nicht so schnell.

Sie waren am Hause angekommen. Karl machte ein ernstes Gesicht und sprach: »Ich werde mich von jetzt ab deiner annehmen und werde dir auch zu dem verhelfen, was dir jetzt am meisten am Herzen liegt. Ich sage dir aber gleich: Ich halte das für eine Schweinerei, und es versteht sich nun erst recht von selbst, daß du dein albernes Getue gegenüber Berta sein läßt.«

– »Selbstverständlich!«

Henry sagte es mit Überzeugung. Er war auch in der Tat von seiner Abbiegung in das Gebiet platonisch-sentimentaler Verliebtheit resolut wieder ganz hinübergeschwenkt in die Regionen, wo Ahala und Ahaliba winkten.

»Gut!« entgegnete Karl zufrieden. »Es ist auch dein Glück, denn du hast ja gesehen, wie Berta die Dummheit aufgenommen hat. Hoffentlich kommt dir nicht wieder ähnliches bei. Ich bin jetzt dein Freund, und auch Berta wird jetzt deine Freundin sein. Aber verlaß dich darauf: wenn du dir nur im geringsten wieder so etwas einfallen läßt, so hast du zwei Feinde an uns, deren Feindschaft du spüren wirst.«

War sein Ernst vorhin gemacht, so war diese Drohung jetzt echt.

Henry merkte das wohl, und er ahnte auch, daß diese Feindschaft am Ende einmal echter sein möchte, als diese Freundschaft jetzt. Aber echt oder nicht, er wußte, daß er sie augenblicklich pflegen mußte. Er gab also nochmals die bündige Erklärung ab, nie wieder seine Augen zu Berta zu erheben, worauf Karl ihn einlud, am Nachmittage auf seine Stube zu kommen, da Berta nicht zu Hause sein werde. Er wolle ihm dann alles Nähere mitteilen.

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