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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Ahala und Ahaliba

Wäre man nicht seit längerer Zeit im Hause Kraker daran gewöhnt gewesen, breite blaue Schatten unter den Augen Henrys wahrzunehmen, so hätte man jetzt wohl auf dieses Phänomen aufmerksam werden müssen, denn die Schattierung nahm sowohl an Tiefe, wie auch an Umfang zu. Die Augen selbst gewannen an Feuer. Der Ausdruck von müder Demut verschwand aus ihnen; sie wurden flackernd unruhig, suchend, und Berta errötete jetzt immer unter ihren Blicken, die sie heiß und hastig streiften.

Aber Berta war nicht das einzige weibliche Wesen, das Henfel nun mit solchen scheuen aber hitzigen Blicken bedachte. Er zündelte an allen Mädchen und Frauen herum, die ihm in den Weg kamen. Zumal Minna, die »Köksch« mit den drallen bloßen Armen, die zu sehr zum Hamburger Lokalton gehörten, als daß selbst Frau Sanna auf den Gedanken gekommen wäre, sie in Futterale zu stecken, fühlte sich förmlich umwabert von dieser Lohe, und sie begriff den Sinn dieser Flammenzeichen trotz ihrer Zugehörigkeit zu einem penetrant christlichen Hause recht gut. Begriff ihn und billigte ihn auch, denn schließlich lag doch eine Art Huldigung für sie darin. Machte also liebliche Augen zu Henry hin, wenn gerade niemand in der Nähe war, und, als sie ihm einmal abends etwas auf die Stube zu bringen hatte, lächelte sie ihn sogar einladend an. Der Erfolg dieser, übrigens nicht ernsthaft gemeinten, lächelnden Einladung überstieg indessen das Maß ihrer Erwartung so heftig, daß sie sich mit rücksichtslosestem Aufgebot aller ihrer Kräfte aus der plötzlichen Umschlingung durch Henrys Arme losmachte, ihm einen Stoß gegen die Brust gab und dazu rief: »Jehen Se doch zu die Menscher in der Ulrikusstraße! Ick bin nich so eene!«

Henry hatte in der kurzen Umpressung von Minnas üppigem Oberteil eine Art wonnevollen Schwindels empfunden, und selbst der Faustschlag gegen seinen Brustkasten war ihm eher eine angenehme, als schmerzliche Sensation. Aber bei aller Annehmlichkeit hatte er den Sinn der ihm mitgeteilten Adresse erfaßt.

Seit dem Tage seiner Bekanntschaft mit dem Propheten Hesekiel besaß er den sichersten Instinkt für derlei und wußte wohl, daß die bisherigen Nutzanwendungen seiner Bibellektüre nur Surrogate waren. Er hatte sie wie ein Rasender genossen; es war wie wollüstiger Flagellantismus. Das Gefühl der Sünde dabei, dieser letzte Rest von Katechismus in ihm, beeinträchtigte seinen wütenden Eifer keineswegs, vertiefte ihn eher. Ahala und Ahaliba waren Namen von unerhörter teuflischer Süßigkeit für ihn geworden. Er stöhnte sie vor sich hin, schrieb sie hunderte Male nieder, erfand Geheimzeichen für sie und machte sich von ihren Trägerinnen Phantasiebilder einer wüsten, maßlosen Üppigkeit. Das waren nicht mehr die Nacktheiten klassischer Prägung aus der Villa Hauart, das waren schamlose Monstrositäten von überlebensgroßer Fleischigkeit, wollusttriefende Ungetüme mit hundert Brüsten und zahllosen Schenkeln, Dämoninnen der Unscham; ganz unplastisch gesehen, Unmöglichkeiten für die wirkliche Vorstellung: einer wild aufgerührten Geschlechtsphantasie aber innere Visionen von ungeheurer Konzentriertheit auf ein brünstig geahntes Einziges. Ähnliche Symbole der triumphierenden Geschlechtswut, nur zu mystisch-feierlichen Posen versteint, hatte Madame Sara damals bei ihrem Tataren gesehen, aber sie wären zu kindlichen Puppen verblaßt neben den Phantasmagorien des jählings aus dem Katechismus in die Umschlingungen von Ahala und Ahaliba geratenen siebzehnjährigen Henry, der mit einem Male kein Knabe mehr war, sondern ein junger Hengst, der sich an den Stangen rieb.

Was der alte Hauart ihm gepredigt hatte vom Sinne der Zeugung als eines mit weiser Auswahl zu nutzenden Mittels zur Heraufführung eines neuen Herrengeschlechtes: dies nie Verstandene, kaum mit Interesse Angehörte, war wohl im Ansturm der plötzlich aufgewachten Sinnlichkeit für einen Augenblick aus der Vergessenheit aufgetaucht, aber sofort wieder versunken, genau wie alle die gläubig aufgenommenen, aber nie mit einem erfaßten Sinne verbundenen gegensätzlichen Lehren von der Erbsünde, – versunken in einen brodelnden, dampfig gischtenden Kraterabgrund voll wütender, keuchender, brüllender Begierden.

Nur eines war geblieben: Die Verstellung, die Maske. Die durch fast zwei Jahre mit überzeugter Hingabe gespielte Rolle wurde weiter tragiert, aber nur unten, vor den anderen, und ohne innere Hingabe. Oben, in der Kammer mit dem auferstandenen Christus, flog die Maske in den Winkel, und die Natur tobte sich aus, wenn auch einstweilen in Surrogaten. Immerhin blieb etwas in seinem gedrückten Gebaren vor den anderen echt. Aber sein scheues Wesen war nicht mehr Ausfluß der altgewohnten Demut, sondern kam jetzt aus einer inneren Unsicherheit und Erschöpfung. Doch schon das kurze Intermezzo mit Minna, die erste Berührung eines Weibes, gab ihm eine gewisse Festigkeit. Er wußte jetzt genau, was ihm fehlte, und er frohlockte in der Hoffnung, nun auch den Weg dahin finden zu können, wo er fände, was er brauchte.

Jener Straßenname ging ihm nicht mehr aus dem Kopfe. Jedoch, er mußte mehr wissen, als den Namen. Wie aber sollte er zu dieser Wissenschaft gelangen?

Daß er Onkel Jeremias nicht danach fragen durfte, war ihm klar. Von nun ab, darüber gab er sich keinem Zweifel hin, galt es überhaupt, Onkel und Tante zu betrügen und Schleichwege zu gehen.

Sich an Karl zu wenden, kam ihm gar nicht in den Sinn. Der existierte überhaupt nun nicht mehr für ihn. Denn, daß dieser kühle Musterknabe von Ahala und Ahaliba nichts wußte, war ihm zweifellos. Karls lahme Weisheit, du lieber Gott, kannte sich lediglich auf Gebieten aus, die ihm jetzt herzlich gleichgültig waren.

Er mußte also Umschau in der Klasse halten. Da war nun aber auch guter Rat teuer, denn er hatte sich bisher an keinen einzigen Kameraden angeschlossen, und überdies traute er im Grunde auch keinem einzigen dieser ihm jetzt schrecklich unreif erscheinenden Jünglinge irgendwelche Wissenschaft auf dem Gebiete zu, das ihn jetzt einzig beschäftigte. Indessen begann er doch zu suchen. Die Liebenswürdigkeit, die sich bei ihm von jeher schnell und sicher zu entwickeln pflegte, wenn er etwas wollte, trat sofort zutage. Desgleichen auch die gewisse ihm angebotene Verschlagenheit, und sofort auch das bisher latent gebliebene Gefühl: du hast ja Geld. Er sah sich also seine Kameraden an, indem er gleichzeitig seine bisherige Reserve ablegte. In den oberen Regionen, bei den »Gelehrten«, meinte er für diesen außerhalb der Schulinteressen gelegenen Fall keine Hilfe finden zu können; auch kaum bei der Mittellage, zu der er selbst gehörte; am ehesten wohl bei denen, die er bisher als unter ihm stehend gemieden hatte. Er tat also diesen Hochmut von sich, der ihm jetzt auch gar nicht mehr von Herzen kam, und schloß sich in den Freiviertelstunden und beim Nachhauseweg den Mitgliedern der unteren Schicht an. Aber er stieß, so liebenswürdig er sich auch gab, auf Widerstand, ja er mußte zu seiner Bestürzung bemerken, daß er sich offenbar einer allgemeinen Unbeliebtheit erfreute, ja mit Mißtrauen betrachtet wurde. Das wäre ihm früher gleichgültig gewesen, solange er sich seiner Selbstgerechtigkeit erfreute: nun aber empfand er es peinlich, und dies nicht bloß darum, weil er deshalb ohne Rat bleiben sollte.

Er fühlte, daß er jetzt überhaupt Anschluß brauchte. Er brannte nach Aussprache, ja nach Bekennen.

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