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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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In der Nachfolge Jeremiä

So hatte sich Henry nun erträglich gebettet und fühlte sich zwar nicht munter, denn dafür war in seiner neuen Rolle kein Platz, aber ganz behaglich. Um so mehr, als sein Erfolg in der Religion ihn angestachelt hatte, sich auch in den anderen Lehrfächern etwas aufzurappeln. Dort war es ja schwieriger, weil mehr gelernt werden mußte, aber es ging schließlich doch. Nicht glänzend zwar, aber leidlich. Im deutschen Stil zeigte er nach der Meinung des Professors, der zugleich Religionslehrer war, sogar hervorragendes Talent. Er hatte sich als Grundstil eine etwas gehobene Schreibweise zu eigen gemacht, die zuweilen an die Psalmen erinnerte und für poetisch gelten mochte. Aber auch in Fällen, wo er diese nicht gut anbringen konnte, war er wohl imstande, sich geschickt und lebhaft auszudrücken, indem er sich brav an die Muster der jeweils in der deutschen Stunde abgewandelten Schriftsteller hielt. Der Inhalt aber war immer von löblichster Beschränkung auf das, was dem Vortrage des Herrn Professors entsprach.

Alles in allem: er wurde zwar kein ausgezeichneter, aber ein guter Schüler und hielt es dementsprechend unter seinen Klassenkameraden mit denen, die zur braven Mitte gehörten und bei denen er im allgemeinen auch die fromme Sinnesart fand, die er sich, wie es schien, dauernd zu eigen gemacht hatte. Die Leuchten der Wissenschaft, die die Glanzzensuren einheimsten und sich als Auserwählte des Geistes fühlten, waren ihm nicht sehr sympathisch, weil er nicht mit ihnen konkurrieren konnte, und die Unterschicht der Klasse, die aus mangelndem Fleiße oder mangelnder Begabung immer im Hintertreffen blieb und von der Lehrerschaft reichlich mit Tadel heimgesucht wurde, vermied er, weil er sich als einen empfand, der aus ihrer Gemeinschaft zu einer höheren Stufe emporgestiegen war. So fristete er innerhalb der Klasse eine durchaus unauffällige Durchschnittsexistenz und fühlte sich wohl dabei.

Zu Hause war es nun an der Regel, daß er dem Geschwisterpaare als nacheiferungswürdiges Beispiel hingestellt wurde, zumal von Jeremias, der beinahe eine Art Zuneigung zu ihm zu empfinden begann und bei jeder Gelegenheit die Kraft des rechten Geistes pries, dessen starker Anhauch diese wunderbare Umwandlung bewirkt hatte. Frau Sanna war weit davon entfernt, nicht auch eine gewisse Genugtuung darüber zu empfinden, und auch sie ließ es an sanftem Lobe keineswegs fehlen, doch mochte sie im Grunde es nicht gerne hören, wenn der »Fremde« (er hieß jetzt nicht mehr der »Judenjunge«) ihren eigenen Sprößlingen als Muster vorgestellt wurde. Sie stand innerlich ganz auf seiten Karls und Bertas, die einmütig der Meinung waren, daß Henry nur eben ein sehr gewöhnlicher unbedeutender Junge sei, dem man sein bescheidenes Zurücktreten nicht weiter hoch anzurechnen habe. Auch wurde sie immerhin eine gewisse Angst nicht los, es könnte diese ganze, gar zu betonte Artigkeit am Ende nicht von Dauer und vielleicht nur so etwas wie eine Art Winterschlaf seiner eigentlichen Instinkte sein. Sie vergaß weder sein früheres Auftreten, noch seine früheren Reden und konnte es nicht recht begreifen, daß er selbst dies alles vergessen haben sollte.

Wenn er gar so fromm und brav war und z. B. das ohnehin sehr karg zugemessene Taschengeld zurückwies und irgendeinem der vielen frommen Fonds überantwortete, für die das Haus Kraker Sammelstelle war, so konnte sie der Lockung nicht widerstehen, die Versucherin zu spielen, indem sie etwa sprach: »Ist es nicht vielleicht selbstgerechter Hochmut, der dich so handeln läßt? Willst du nicht vielleicht nur zeigen, um wieviel du frömmer bist, als Karl und Berta?«

Aber Henry wurde dadurch nicht aus dem Konzept seines artigen Gemütes gebracht. Er antwortete einfach: »Wenn es nicht recht ist, Tante, so unterweise mich nur, wie ich es anders machen soll.«

Das war nicht Heuchelei, das war bloß, im flachsten Sinne, praktisches Christentum auf der Grundlage träger Indifferenz, nicht Nachfolge Christi, sondern Kopie Jeremiä. Es war ihm bequem, so mustermäßig brav zu sein à la Jeremias, wie es ihm früher bequem gewesen war, sich à la Papa Hauart als jungen Herrenmenschen zu gebärden.

Manchmal dachte er freilich immerhin an das Frühere zurück, aber nur wie an einen hellen bunten Traum. Seine Pferde! Seine Wagen! Seine Zimmer! Seine schönen Kleider! Frau Klaras Musik! Seine Ausgänge, die Tasche voll Geld...!

Davon war nun bloß noch da, was auf seinem Tische stand, auf seinem Bette lag, und, heimlich stets in seiner Brusttasche verwahrt, das schöne juchtenlederne Portefeuille mit dem Päckchen Hundertmarkscheine.

Er wußte wohl, warum er diese heimlich immer bei sich führte. Frau Sanna hatte früher oft genug danach gefragt, und er hatte schließlich gelogen, daß er sie an Hermann geschickt hätte. – Warum hatte er das getan? Warum hatte er nicht auch sie dem Fonds zur Bekleidung von Negerkindern überantwortet? Was sollte, was wollte er damit?

Er wußte es selbst nicht. Aber er hätte das Geld so wenig hergegeben, wie die ihm gehörigen Gegenstände, die ja jetzt so gut wie nichts mehr für ihn bedeuteten. Er sah sie kaum mehr an. Einmal, nachts, als er sich überarbeitet hatte und nicht einschlafen konnte, kam ihm im wirren Zustande halben Schlummers mit offenen Augen plötzlich die Idee, aufzustehen und sich das Halsband aus Opalen umzulegen. Er ging wie nachtwandlerisch an den Tisch und streckte schon die Hand danach aus; da sprach ganz deutlich eine Stimme zu ihm, seine Stimme: Nein, das gehört nicht dir; das gehört dem Henfel.

Am folgenden Tage packte er die beiden Kassetten, den Kosaken, den Schlafrock in die untere Schublade seiner Wäschekommode, wo sich auch die Madonna befand, legte die Brieftasche mit den Bankscheinen dazu und verschloß sie. Desgleichen nahm er Degen und Säbel von der Wand und stellte sie in den Kleiderschrank. Er wußte dabei nichts mehr von dem Halbtraum der vergangenen Nacht. Er handelte dabei überhaupt wie unbewußt, ganz schnell, wie wenn er vor sich selber etwas zu verbergen hätte, etwas Gefährliches, Bedenkliches, Anrüchiges, oder auch wie etwas Gestohlenes. Den Schlüssel zur Kommode aber schlang er in ein Band, das er von jetzt ab unter dem Hemd auf der nackten Brust trug.

Als ihn Frau Sanna, die täglich sein Zimmer inspizierte, fragte, warum er die Sachen weggeschlossen habe, antwortete er: »Die gehen mich ja doch nichts mehr an.« Aber er weigerte sich bestimmt, sie ihr in Verwahrung zu geben.

Trotzdem schloß er die Schublade nie auf, nach ihnen zu sehen, ja, er dachte nicht einmal an sie.

Er geriet um diese Zeit in eine Art Arbeitsfieber, nicht aus Lust an der Arbeit, ja nicht einmal bewußt aus dem Streben nach einem höheren Platz in der Klasse. Es war eine Art inneren Zwangs, sich irgendwie anzustrengen, ja fast, sich zu quälen. Er floh in die Arbeit vor etwas dunkel Aufsteigendem, bedrohlich Drängendem. Irgend etwas wollte sich in ihm ausdehnen, Besitz von ihm nehmen. Es mußte etwas Schlimmes, Sündhaftes sein, – wie wäre ihm sonst so unheimlich dabei zumute gewesen? Nur etwas half dagegen: sich abmüden.

Früher wäre er wohl aufs Pferd gestiegen, aber die Zeit war vorüber, da es ihn danach auch nur verlangte. Er stürzte sich dafür mit wahrer Inbrunst auf die Bücher und lernte, lernte, lernte, mit verbissener Wut. Es war wie Kasteiung, und er kam körperlich dabei herunter. Aber gerade das gefiel ihm, daß er blaß und mager wurde; besonders aber, daß dies auffiel. Er kam sich interessant vor und betonte die Anzeichen körperlicher Schwäche; ging gebückt, schleppend, langsam, sprach matt und hohl. Auch sein Äußeres begann er zu vernachlässigen.

Wie schwer war es ihm anfangs angekommen, täglich in demselben abgetragenen Anzug einhergehen zu müssen, wie hatte er darunter gelitten, nicht mehr seine schönen Krawatten und Hüte tragen zu dürfen. Jetzt wehrte er sich gegen jedes neue Kleidungsstück und schien die Absicht zu haben, durch Schäbigkeit aufzufallen. Noch im ersten Jahre seines Hamburger Aufenthaltes hatte er seinen etwas stutzerhaften Mittelscheitel sorgsam bis auf die Mitte des Hinterhauptes durchgezogen. Vom Tage seiner Konfirmation ab war dieser Scheitel demütig nach links gesunken. Jetzt bestand von ihm nur noch eine Andeutung. Nicht einmal die Nägel schnitt er sich mehr ordentlich, und Karl, der peinlich saubere Händepfleger, konnte im Hinblick auf Henrys chronisch werdende Trauerränder nicht umhin, zu Berta zu bemerken: »Er ist ein geborenes Schwein.«

Überhaupt – je mehr Henry in der Wertschätzung des Herrn Jeremias und Frau Sannas, sowie seiner Lehrer stieg, um so mehr sank er in der Achtung der beiden Geschwister. Zumal seine Frömmigkeit machte ihn den beiden Freigeistern direkt verächtlich, und, da sich nun zeigte, daß auch die Pflege des Äußeren offenbar nur etwas Angewöhntes bei ihm gewesen war, nicht Bedürfnis einer feineren Natur, betrachteten sie ihn als gänzlich Unebenbürtigen und behandelten ihn mit Hochnäsigkeit.

Henry aber entgegnete ihnen jetzt mit der Demütigkeit eines verprügelten Hundes, soweit es ihm nicht möglich war, ihnen auszuweichen.

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