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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Adam und Eva

Herr Jeremias ließ das Schriftstück sinken. Eine Pause trat ein, dann sagte Frau Sanna: »Tja...«

Ihr war mehr, als alles andere, das auf die Seele gefallen, was sie über die Herkunft des Jungen erfahren hatte. Nur wußte sie nicht, in welcher Eigenschaft ihr Henry gräßlicher war: als der »Sohn der Jüdin« oder als der »vaterlose Bastard«. Es hätte wahrlich schon eine von diesen Eigenschaften genügt, ihn ihr unheimlich zu machen und als gebrandmarkt erscheinen zu lassen.

Jeremias Kraker preßte die Lippen aufeinander, indem er das Testament in seine Aktenmappe verschloß. In ihm überwog alles andere der christliche Kampfgedanke: »Du sollst nicht triumphieren, Geist des Antichrist! Hier steht Jeremias Kraker als Streiter für Christum, und er wird es dir beweisen, daß er deinen Spott zunichte machen kann mit dem Gewaffen der ewigen Wahrheit.«

»Hast du den Maler aufgesucht, Jeremias?« fragte Sanna.

»Ja, ich war bei ihm,« antwortete der Gatte, »und ich kann dir sagen, daß ich dort Dinge gesehen habe, die ich selbst nach Kenntnisnahme dieses gotteslästerlichen Testamentes nicht für möglich gehalten hätte.«

»Was denn?« fragte mit dem Tone der Spannung Frau Sanna.

Der Gatte berichtete: »Ich ließ mich als Vormund Henrys und in Sachen des Vermächtnisses an den Maler melden, der übrigens Königlicher Professor ist. Trotzdem, ich meine, obwohl er doch daraus ersehen konnte, daß ein bürgerlich anständiger Mann mit ihm zu sprechen wünschte, entblödete sich dieser Mensch nicht, mich in seinem Atelier zu empfangen.«

»Aber, Jeremias,« meinte Sanna, »was ist denn dabei?«

»Sehr viel,« antwortete Jeremias, »ein nackendes Weib, das zum Glück eben noch hinter einer spanischen Wand verschwinden konnte, und ein ebenso nackender Mann, der ruhig stehen blieb, bis ihm der Maler im rohesten Münchner Dialekt sagte: Du kannst dich auch anziehen, Franzl! Vermutlich duzen sich hier die Maler mit ihren Modellen.«

»Zwei – nackte – Menschen – verschiedenen – Geschlechts – neben – einander!?« rief Frau Sanna aus, indem sie wenigstens die Worte trennte.

– »Ja, der Maler erklärte mir mit zynischem Grinsen, daß er eben dabei wäre, der Welt zu zeigen, wie Adam und Eva ohne Feigenblatt ausgesehen hätten. Denn, so fügte er, immer in seinem abscheulichen Jargon, hinzu, ich finde es scheußlich, diese interessanten Schnittlinien immer mit Gemüse zu garnieren.«

»Hör auf,« rief Sanna. »Du hast ihm hoffentlich deine Meinung gesagt.«

»Wohl,« antwortete Jeremias, »aber er hat mich nur ausgelacht und gemeint, ich sei wohl sehr entfernt mit dem Verstorbenen verwandt, in dessen Auftrag er das Bild in dieser Auffassung zu malen begonnen habe. Nun wolle er es dem Jungen schenken, wenn er mündig sei.«

– »Aber das ist ja himmelschreiend!«

– »Auch ich habe es ihm nicht verhehlt, daß ich ein derartiges Geschenk geradezu als Aufforderung zum Laster betrachten müßte. Weißt du, was er darauf antwortete?«

– »Nun?«

– »Er lachte, indem er rief: Ja, machen Sie denn Ihre Kinder da oben mit der Nähmaschine?«

– »Jeremias?!!!«

Frau Sanna funkelte ihren Gatten an, als sei er es gewesen, der diese furchtbare Frage gestellt hatte.

Jeremias aber fuhr ruhig fort: »Ich kann wohl sagen, daß ich am liebsten das Lokal sofort verlassen hätte, um so mehr, als die beiden Menschen hinter dem Paravent, die aus ihrer Nacktheit ein Geschäft machen, diese Unflätigkeit, die in ihren Ohren ein Witz sein mochte, laut bekicherten. Indessen war es mir bestimmt, den Kelch bis auf die Neige zu leeren und die Luft dieses Ateliers weiter zu atmen, denn ich mußte dem Zyniker ja Mitteilung von dem Punkte des Testaments machen, der ihn angeht. Nach einer geringen Schätzung ist ihm der Wert von mindestens zweihunderttausend Mark in den Schoß gefallen. Was meinst du, was er dazu sagte?«

– »Nun?«

– »Bloß: Ah! Das ist nobel!«

– »Unglaublich!«

– »Ja, und nach einer Weile, es ist nicht zu glauben, sagte er unter Vorausschickung eines dieser bayerischen Bierkutscherflüche: ›Da muß ich aber schnell einen Pump anlegen, um mir das Haus zu den schönen Möbeln zu bauen, denn in dieser Kohlenbrennerhütte bring ichs nicht unter.‹ – Dabei wohnt der Mensch luxuriöser, als unsere reichsten Leute in Blankenese.«

– »So eine Welt! Womit will denn solch ein Mensch einmal das Haus bezahlen?«

– »Ja. Ich fragte mich es auch. Aber da kam das weibliche Modell hervor, gab dem Professor ganz gemütlich die Hand und meinte, in derselben gemeinen Mundart sprechend, wie er, in zwei Jahren hätte er sich so ein lumpiges Haus leicht zusammengemalt. Ich nehme Anstand, dir seine Antwort mitzuteilen.«

– »Sags nur, Jeremias.«

– »Er patschte ihr, in meiner Gegenwart, nicht anders, als wenn ich ein Mensch seiner Sphäre wäre, auf die Backen und sagte ihr in den rohesten Ausdrücken, er danke ihr für ihre gute Meinung, würde sich aber noch mehr darüber freuen, wenn sie künftighin weniger Nudeln und Kartoffeln zu sich nähme, weil sonst ihr Bauch über die Grenzen des Malerischen hinauswüchse.«

– »Pfui! Schweig!«

– »Du hast es gewollt, Sanna! Unerhörterweise sprach er gleich darauf die Absicht aus, uns zu besuchen, um dir, wie er sagte, wichtige Ratschläge betreffs der Erziehung Henrys zu geben. Ich lehnte dies kühl mit der Bemerkung ab, daß du morgen früh bereits nach Hamburg reisen würdest. Und so soll es auch geschehen, Sanna. Denn erstens muß der Junge schleunigst fort von hier, und zweitens habe ich wegen des Hausverkaufs noch eine Reihe von Tagen in München zu tun.«

– »Es ist mir recht, Jeremias. Je eher ich den Staub dieser greulichen Stadt von meinen Kleidern schütteln kann, um so lieber wird es mir sein. – Nach dem anderen Bastard hast du dich nicht erkundigt?«

»Ich durfte es mir ersparen, weil seiner im Testament keine Erwähnung geschieht.«

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