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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Von der Schlange

Und Herr Jeremias las, leise, schnell, als wenn jemand im Zimmer wäre, der es nicht hören sollte: »Ich lege eine Schlange an deinen Busen, Jeremias. Das ist wohl, in deiner Sprache gesprochen, das rechte Wort. – Möge sie sich gut entwickeln, dir und allen deiner Art zum Ärgernisse! Was ich dazu tun kann, soll geschehen. Ist es mir beschieden, Henry Felix zum Manne zu erziehen, so wird er – dieser Zuversicht gehört der Rest meiner Tage – das werden, was ich nicht werden konnte: ein aufrechter Heide und stolzer Herr, der außerhalb eurer Hürden und Schragen leben soll, keinem Gotte, sondern sich zum Wohlgefallen in allen den Wollüsten, die einem wohlgeborenen und durch keine Krankenhauserziehung verkümmerten Menschen gebühren. Sollte mich aber der Tod vor Erreichung dieses hohen Zieles treffen, so wird es, vorausgesetzt, daß ich seiner Seele wenigstens die bestimmende Grundlage habe geben können, besser sein, er lernt in dir das schroffe Gegenteil meines (und somit seines) Ideals kennen und reibt sich hart im Gegensatze zu dir, als daß er etwa lau und halb und halb wird in der Erziehung durch einen Menschen der modernen Mittellinie. Dies habe ich mir wohl überlegt, Jeremias. Es war kein leichter Entschluß. Denn ich weiß: Henry Felix wird es nicht gut bei dir haben, so wenig es dir wohl werden wird bei seiner Erziehung. Auch für ihn wird es eine Prüfung sein und keine leichtere, als für dich. Aber, wenn es schon einmal sein soll, daß ich ihn nicht zu der Höhe führen darf, die ohne Opfer und Mühen nicht zu erreichen ist, so soll er sie sich lieber erkämpfen müssen im Kriege mit einem unbedingten Feinde, als daß er bequem auf halbem Wege stehenbleibt unter der Leitung eines Führers aus den Kreisen des behaglichen Kompromisses, die augenblicklich in Deutschland die Führung haben.

Du siehst: ich bin offen, Jeremias. Ich belüge weder dich noch mich. Ich mache mir nicht vor, daß du auf meine Erziehungsintentionen eingehen könntest; ja, ich wünsche es nicht einmal. Nimm meinen Sohn nur in deine christliche Striegel! Gegenüber dieser Natur wird dich dein Gott verlassen.«

Hier mußte Herr Jeremias eine Pause machen, schon aus Mangel an Atem, denn er hatte in einem rasenden Tempo gelesen.

Frau Sanna war den Sätzen ebenso atemlos gefolgt.

»Ist es denn die Möglichkeit!« rief sie aus, »wie kann ein Mensch so entsetzlich bestimmt nicht an Gott glauben!?«

»Ich glaube«, entgegnete Herr Jeremias voll tiefer Überzeugung, »jetzt mehr denn je daran, daß diese Vormundschaft eine direkte Fügung Gottes ist. Auch wir, Sanna, sind nicht wachsam genug gewesen, auch wir haben uns einlullen lassen in sträfliche Ruhe. Wahrlich, Sanna, ich fühle, daß ich ein lauer Christ gewesen bin, zufrieden mit dem Anscheine christlichen Lebens um uns. Ich wußte zwar immer, daß vieles nur tönendes Erz und klingende Schelle ist, und ich habe es nicht daran fehlen lassen, an der Vertiefung christlichen Lebens mitzuarbeiten. Aber erst jetzt sehe ich, daß der Antichrist selber wieder am Werke ist und daß wir viel, viel tätiger sein müssen. Gelobt sei Gott, daß er es auf unsere Schultern gelegt hat, diesen Sohn der Finsternis ins Licht zu führen. Ich gelobe es ihm zu, nicht zu ermüden an diesem schweren Werke und fröhlich daranzugehen.«

Jeremias Kraker war in diesem Augenblicke ganz Gottesstreiter ohne jeden Nebengedanken. Und Frau Sanna durfte mit Recht stolz ausrufen: »Ja, Jeremias, du wirst die Palme haben! Ich wünschte, daß der gottlose Mensch dich jetzt wirklich sähe! Sein Spott würde ihm wohl vergehen!«

»Es ist, wie immer, Sanna; er wollte es böse machen usw.! – Doch wir wollen nicht hochmütig werden! – Höre den Schluß!«

Und Herr Jeremias las gelassen zu Ende: »Ich habe, ehe ich zur Adoption geschritten bin, den Knaben, der nun mein Erbe ist, eingehend auf sein Wesen und dessen Grundlagen geprüft und habe in ihm alle Voraussetzungen zur erfolgreichen Durchführung meiner Absichten gefunden. Dich wird davon nur seine Herkunft interessieren. Sie ist nur mütterlicherseits bestimmbar, denn seine Mutter, eine amerikanische Jüdin, verwitwet, unabhängig, frei von Sentimentalität und Allerweltsmoral, hatte zur Zeit seiner Entstehung zwei Liebhaber, deren jeder der Vater sein kann. Es tut nichts zur Sache, welcher von ihnen der Vater ist. Genug, daß der eine wie der andere in seiner Art so edlen Blutes ist, wie die Mutter, und keiner ein alltäglicher Mensch, auch abgesehen von ihrer adligen Herkunft. Nach meinen genauen Ermittelungen steht fest, daß auch sie zu den heutzutage höchst seltenen Erscheinungen innerhalb der versentimentalisierten und moralisch schwachmütig gewordenen Menschheit gehören, die auf eigene Faust zu leben verstehen als, vielleicht dessen unbewußt, Vorläufer einer neuen Generation höherer Genußmenschen. Sie sowohl wie die Mutter leben noch, aber sie sowohl wie die Mutter werden meinem Sohn nie im Leben nahe treten. Es ist auch mein Wille, den zu respektieren ich ausdrücklich wünsche, daß er unter keinen Umständen vor oder nach seiner Mündigkeit über seine Herkunft aufgeklärt wird. In dem Schriftstück, das ich zur Übergabe an ihn bei seiner Mündigkeitserklärung hinterlasse, teile ich, als der einzig dazu befugte, ihm mit, daß er nicht mein und Klaras leibhafter Sohn ist. Vorher darf er dies unter keinen Umständen erfahren. Auch nicht andeutungsweise.

Henry Felix besitzt zwei Gegenstände als sein eigenstes Eigentum, die von den Männern herrühren, deren einer sein Vater ist: Einen seidenen Schlafrock und die Statuette eines Kosaken. Diese beiden Gegenstände sind ihm zu übergeben. Desgleichen als eine Erinnerung an mich eine Samtschatulle voll römischer Imperatorenmünzen und zur ständigen Erinnerung an meine Frau ihr großes Halsband aus Opalen. Der Inhalt der Schatulle hat einen Taxwert von dreißigtausend Mark. Das Halsband repräsentiert dieselbe Summe. Es wird gegen dein kaufmännisches Gewissen sein, einem Unmündigen Gegenstände von solchem Werte auszuhändigen. Nichtsdestoweniger soll es geschehen. Ich wünsche es ausdrücklich, denn es ist mein Wille, daß er täglich nicht nur an uns, sondern auch daran erinnert werde, daß er der Sohn eines reichen Mannes ist und einmal über Millionen zu verfügen haben wird. Denn deine Haupterziehungsmaxime wird ja sein, ihn das vergessen zu machen. Daran kann ich dich nicht hindern. Aber meine Münzen und Klaras Steine werden stärker sein, als deine Maxime, und die beiden Gegenstände, die seinen Blick in das Dunkel seiner früheren Kindheit zurückzulenken bestimmt sind, werden in noch höherem Grade, weil mit dem Reize des Rätselhaften ausgestattet, das ihrige dazutun, ihm das Gefühl zu verleihen, daß wesentlichere Mächte es sind, die sein Leben bestimmen, als deine Maximen. Denn du und was zu dir gehört, soll nur als Gegensatz auf ihn wirken.

›Ward je in solcher Laun ein Vormund eingesetzt?‹

O, Jeremias, dein Gott meint es gut mit dir! Wenn der ganze Inhalt deines berühmten Bordeauxlagerkellers sauer würde, es wäre keine Prüfung, wie diese. Du wirst, um den Willen eines Gottlosen zu erfüllen, ein junges Herz gegen alles verhärten, was dir heilig ist... Jauchze, Jeremias! Etwas Greulicheres, das heißt: etwas, das deinem nach Bitternis lechzenden Christenherzen angenehmer und willkommener sein könnte, kann dir gar nicht widerfahren. Ich schließe mit dem Gefühle der Genugtuung, mir zum ersten Male deinen Dank verdient zu haben...

Rein Geschäftliches ist nur folgendes zu bestimmen. Verkaufe mein Haus in München. Henry Felix soll vogelfrei sein, wenn er aus deinem Hause entlassen wird. Alles Bewegliche, mit Ausnahme der beiden Porträts von Klara und mir, die aber einzupacken und wegzustellen sind, und der Kupferstich- und Münzensammlung, soll mein Freund, der Maler ... erhalten, dem ich die Richtung meines Geschmackes im wesentlichen verdanke.«

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