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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Ouvertüre quasi furiosa

»Sanna!« rief Herr Jeremias aus, als er zurückkehrte; »es ist entsetzlich!«

»Was?« gab Sanna erschreckt zurück; »ist das Vermögen in Unordnung?«

– »Nein, das ist gottlob in tadelloser Ordnung. Aber sonst! Es ist furchtbar!«

– »So sprich doch!«

– »Henry ist ein Jodenjonge!«

Sanna setzte sich fassungslos auf einen Schaukelstuhl, der heimtückisch schnell nach hinten wippte und dadurch ihre Beine in eine vollkommen unpassende Schräglage brachte, die Füße nach oben.

Mit einem Schwung war sie wieder auf den Füßen und wankte zu einem Sofa.

– »Sprich, Jeremias! Sag mir alles!«

– »Also höre.«

Herr Jeremias, viel zu erregt, um stille zu stehen oder gar zu sitzen, ging mit großen Schritten zwischen der Venus von Milo und dem nicht minder nackten Knaben von Xanten auf und ab, indem er referierte: »Also: das Testament! Höllisch, Sanna, höllisch! Er bleckt uns die Zunge aus dem Grabe hervor!«

– »Beruhige dich, Jeremias! Du transpirierst!«

Herr Jeremias mußte sich in der Tat den Schweiß von der Stirne wischen, ehe er fortfuhr: »Gut! Es sind drei Testamente da! Eins mit dem Namen der Frau, also für den Fall bestimmt, daß diese ihn überlebt hätte. Es hat jetzt keinerlei Bedeutung. Das andere ist für den Jungen, nur von ihm und nicht vor seiner Mündigkeit zu öffnen, abgefaßt für den Fall, daß der Tod später eingetreten wäre, also zu einer Zeit, wo der Junge schon mündig gewesen wäre. Vermutlich enthält es noch mehr Greuel. Ich danke meinem Schöpfer, daß ich es nicht zu lesen brauche. – Das andere trägt meinen Namen und ist am Tage der Adoption abgefaßt. Es soll für den vorliegenden Fall gelten. Alles notariell, richtig, unanfechtbar. Da ist es!«

Herr Jeremias schloß die Aktenmappe auf, die er immer in der Klemme des linken Armes bei sich geführt hatte, nahm ein Schriftstück mit geöffneten Siegeln heraus und entfaltete es zu den Füßen der Venus von Milo, deren Nacktheit ihn jetzt gar nicht zu genieren schien. Mit einem übermäßig heftigen Schlag der rechten Hand knackte er den Bug des steifen, dicken Büttenpapiers um, selbst auf das Material zornig, dessen sich der tückische Vetter bedient hatte, um seine unvetterlichen Gesinnungen ihm gegenüber zu fixieren.

Ehe er las, ließ er das Dokument noch einmal sinken, atmete tief auf und sprach: »Daß Henrys Seele gottlos, verstockt, boshaft, lasterbefleckt und aller verwandtschaftlichen Regungen unfähig war, wußten wir, wußte zumal ich, dem dieser Mensch schon von Kindesbeinen an unsympathisch war. Daß sein Testament nichts enthalten würde, über das wir uns zu freuen Ursache hätten, sah ich voraus. Aber daß es nichts sein würde als grinsende Verhöhnung meiner heiligsten Gefühle und die schamlose, ausdrückliche Offenbarung einer schlechthin verbrecherischen Sinnesart, das, nein, das hätte ich nicht für möglich gehalten.«

»Reg dich nicht auf, Jeremias! Lies!« warf Frau Sanna, mehr ungeduldig, als um seine Seelenruhe besorgt, ein.

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