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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Kopfkissengedanken

Sie war gespielt, wurde aber so gut durchgeführt, daß Herr Jeremias keinen Lauscherlohn davontrug. Henry machte sich steif wie ein Stück Holz und ließ den Diener sich ruhig abmühen, ihn in die Höhe und mit vielem Ächzen hinüber in sein Zimmer zu bringen. Erst wie der Schnaufende ihn ins Bett gelegt und dann die Türe hinter sich zugemacht hatte, öffnete er die Augen und richtete sich auf.

Was würde nun geschehen?

Henry war ganz ruhig. Diese gymnastische Übung hatte ihm eigentlich ganz gut getan. Er fühlte sich erfrischt, wie nach einem Ritte. Auch seelisch. Es war doch angenehm gewesen, dieses alte Ekel unter sich zu haben, das nun bis zu seiner Mündigkeit über ihm stehen sollte. Und, so schloß Henry mit nicht übler Psychologie: ein bißchen in acht würde sich der Herr Vormund inskünftig doch wohl nehmen. Zwar: Der Krieg war nun nicht bloß erklärt, sondern ausgebrochen. Aber das schadete nichts. Besser diese Klarheit, als unbestimmtes Hindämmern in einem Zustande unausgesprochener Gegnerschaft. – Der Onkel und die Tante würden sich rächen. Gewiß. Aber leicht hätten sie ihm ohnehin das Leben nicht gemacht, das war sicher. Nein, es war ganz gut, daß er den Onkel ein bißchen getaucht hatte, und bedauerlich wäre nur, wenn der Mantel dabei Schaden gelitten hätte. Anderseits war aber auch der schließliche Ausgang der Sache ganz nach Wunsch. Zumal die Ohnmacht war eine glänzende Eingebung des Augenblicks gewesen. Sie überhob ihn der Notwendigkeit, sich zu entschuldigen. Er würde einfach morgen tun, als sei jede Erinnerung an das Geschehene durch die Ohnmacht ausgelöscht. Ja, er könnte den ganzen »Anfall« vielleicht für weiterhin nutzbringend ausbeuten, indem er eine krankhafte Veranlagung zu derartigen nervösen Zuständen konstruierte, die mit explosionsartigen Entladungen begännen und in Ohnmachten endigten. Da der Hausarzt verreist war, konnte sich der Onkel nur bei der Dienerschaft erkundigen, und die war metallisch zu beeinflussen.

Über diesen weit ausschauenden Plänen schlief Henry im ganzen nicht unzufrieden ein.

Im Schlafzimmer gegenüber kam man zu Entschlüssen, die zu Henrys Erwägungen stimmten.

Das Ehepaar war doch stark mitgenommen von dem Erlebten, und, was Jeremias anging, so fühlte er seine Knochen.

Dieser Henry war, abgesehen von seinen übrigen schauderhaften Eigenschaften, auch noch ein gefährlicher Wüterich. Man mußte auf seiner Hut vor ihm sein, sonst konnte, wie Figura zeigte, ein Malheur passieren. Strenge, ja, – natürlich; aber doch in gewissen Grenzen. Keine pädagogischen Plötzlichkeiten, kein rasches Zupacken, sondern mehr ein systematisches Belasten, gewissermaßen ein langsames Ausdrücken des Geschwüres.

»Wir wollen ihn schon mürbe machen, Jeremias,« erklärte Frau Sanna. »Es muß in der Bibel irgendwo ein Gleichnis sein von der langsamen Kelter; danach wollen wir handeln.«

»Dieses Gleichnis ist mir nicht gegenwärtig, und ich möchte fast meinen, du verwechselst es nach Frauenart mit einem anderen,« entgegnete Herr Jeremias, indem er sich, die beiden Arme kreuzend, beide Schultern gleichzeitig rieb, was ihm durch seine Magerkeit erleichtert wurde. »Aber die Sache triffst du genau. Derartige Explosionen müssen schlechterdings vermieden werden, schon aus Rücksicht auf uns und die Kinder, denen der Anblick solcher Szenen in keiner Hinsicht zum Vorteil gereichen könnte. Aber auch im Interesse des Buben.« (Während dieser Unterredung hieß Henry durchweg »Der Bube«.) »Denn es scheint doch, als ob bei diesen fürchterlichen Entladungen einer bestialischen Wildheit eine gewisse krankhafte Veranlagung mit im Spiele wäre.«

– »Er sah aus wie ein Tobsüchtiger, als er dich schüttelte, Jeremias. Das einzige Gute daran war, daß seine Raserei ihn verhinderte, mich zu bemerken. Ich würde den Gedanken nicht ertragen können, von ihm im Bettgewande gesehen worden zu sein.« (Bettgewand war im Krakerschen Idiotikon die Bezeichnung für das erwachsene Nachthemd.) »Seine an sich schon gräßlich großen Negeraugen hingen ihm förmlich aus dem Kopfe heraus und waren blutunterlaufen, wie bei den Büffeln in unserem Zoologischen Garten. Auf seinen Lippen stand gischender Schaum. Alles an ihm war verzerrt und die Gesichtsfarbe dunkelblau. Er sah nicht aus, wie ein Mensch, sondern wie ein Teufel. Und das ist er auch.«

– »Du übertreibst wohl etwas, Sanna, und das eine muß ich dir direkt verweisen: Das mit dem Teufel. Nimm es mir nicht übel, Sanna, aber du bist da in katholische Anschauungen verfallen. Nur ein Katholik kann sagen: Dieser oder jener Mensch ist ein Teufel, denn die Katholiken glauben, soviel ich weiß, an die Möglichkeit, daß der Teufel sich in einem Menschen verkörpert. Unsere gereinigte Lehre aber verwirft dies als papistischen Aberglauben und erkennt nur die Möglichkeit an, daß der Teufel Besitz von der Seele eines Menschen nimmt. Daher das Wort: Vom Teufel besessen. Dies ist ein Unterschied, Sanna, denn ein vom Teufel Besessener ist immer noch ein Mensch, und nicht der Teufel selbst, und ihn können wir retten, indem wir den Teufel aus ihm vertreiben.«

So Herr Jeremias, der in seiner Schwäche diesen theologischen Exkurs offenbar als eine angenehme Ablenkung vom eigentlichen Thema empfand und überdies die Gelegenheit zu einem sanften Tadel Sanna gegenüber gerne ergriff, weil er sich noch immer mit Ärger an die gesunden Äußerungen ihres Schlafes erinnerte, währenddessen er Todesängste auszustehen gehabt hatte.

Der Vorwurf des Rückfalls in katholische Anschauungen kränkte Frau Sanna tief. Sie drehte sich nach der andern Seite um, die ohnehin ihre Schlafseite war, und machte dem Gespräch durch eine majestätische Schnarchfuge ein Ende.

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