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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Gespenstische Wanderung

Sodom und Gomorrha! Jeremiassens Weib legte sich als Salzsäule ins Bett. Jeremias aber wanderte noch lange in Unterhosen über die Smyrnateppiche und erwog in seinem entsetzten Christenherzen, ob wohl noch die geringste Aussicht bestünde, diese aussätzige Seele zu retten, und wenn, mit welchen Mitteln? – Rauhes Haus? Schiffsjungenschule? Korrektionsanstalt? – War es vielleicht nicht doch besser, die Vormundschaft abzulehnen? – Welche Macht der Welt konnte ihn zwingen, einen seelisch »Verseuchten« in sein Haus aufzunehmen? War er es nicht seinen unmündigen Kindern schuldig, sie vor der Berührung mit diesem Mitwisser von Lastern, der vielleicht selbst schon ein frühreifer Lasterknecht war, zu bewahren? – Aber (das christliche Herz überließ das Wort dem kaufmännischen Verstande)... das Geld... die spätern Eventualitäten... die gebotene Rücksicht auch auf die äußeren Interessen der Kinder... die Möglichkeit der Angliederung Henrys an seine Familie... vielleicht Berta als künftige... Ein Stöhnen entrang sich dem Jeremiasischen Busen unter dem Anpralle dieser Versuchung.

»Nach diesen Erschütterungen«, rief er aus, »ist Schlaf unmöglich! Ich werde das Haus inspizieren. Hast du meinen Schlafrock eingepackt, Sanna?«

»Nein,« tönte dumpf die salzene Säule.

»So werde ich mich aufs neue ankleiden müssen«, konstatierte nicht ohne tadelnden Unterton der mangelhaft versorgte Gatte und wollte seine vor die Tür gehängten Kleider wieder hereinholen. Indessen sie waren vom Diener schon weggenommen.

– »Fatal! Sie sind schon weg. Und ich habe kein zweites Paar Beinkleider bei mir!« (Im Krakerschen Hause galt das Wort Hose nur im Umkreise der kindlichen Garderobe für anständig, als wo man annehmen durfte, daß es eine Umhüllung von Partien bezeichnete, die ihrer erbsündlichen Bestimmung noch nicht verfallen waren. Das erwachsene Alter, dem gegenüber diese Annahme nicht ohne weiteres erlaubt schien, trug nicht Hosen, sondern Beinkleider, – ein sprachpsychologischer Unterschied von großer Delikatesse, aber nicht ganz leicht zu durchgründen. Karl, der kluge Knabe, und Berta, das kluge Mädchen, machten sich allerhand ruchlose Gedanken darüber, die so sehr in die Mitte trafen, daß Sanna und Jeremias, hätten sie die geringste Ahnung davon gehabt, an ihrer Vater- und Mutterschaft gegenüber dieser Höllenbrut irre geworden wären.)

»In dem großen Schranke dort habe ich etwas wie einen Schlafrock hängen sehen, wenn es nicht ein Maskenkostüm ist,« sagte Frau Sanna.

»Gott behüte, daß ich etwas anziehe, das dieser..., ich will mich nicht versündigen, was der Verstorbene auf seinem unzüchtigen Leibe gehabt hat!« meinte Jeremias, öffnete aber doch den Schrank.

»In Unterbeinkleidern kannst du aber noch weniger durch das Haus gehen,« erklärte mit großer Bestimmtheit Frau Sanna. »Auch ist es ja nicht ausgemacht, daß der Verstorbene sich dieses Rockes bedient hat. Es ist sogar unwahrscheinlich, weil er dann nicht hier hängen würde.«

Damit waren des Gatten Gewissensbedenken beseitigt, zumal, da ja, wie er erwog, Fälle eintreten konnten, die ihn mit Elementargewalt gezwungen hätten, irgendeinen Überwurf um sich zu tun, gleichviel welchen.

So, nach genügender Hin- und Herwendung des Problems, wie es sich für gründliche Menschen ziemt, und, was schließlich das Wichtigste war, ausgestattet mit dem Plazet der Gattin, entschloß sich Herr Jeremias, in den buntseidenen Schlafrock zu schlüpfen.

Nicht aus Eitelkeit, beileibe, lediglich aus Wißbegierde, wie sich ein derartig weltliches, ja eigentlich wollüstiges Gewand auf der Leiblichkeit eines christlich Wandelnden ausnehmen möchte, betrachtete sich Herr Jeremias in einem der großen Wandspiegel, indem er mit der Linken den Schlafrock zusammenhielt, mit der Rechten aber einen dreiarmigen silbernen Leuchter über sich erhob.

»Absurd!« meinte er.

Und er hatte recht. Dieser üppige Schlafrock und die dürre Rechenmaschine mit dem pastoralen Kaufmannsgesichte ergaben, miteinander vereinigt, eine Absurdität. Kleid und Mensch, so schien es, fühlten sich gegenseitig durch ihre Berührung beleidigt, und der Schlafrock fast noch mehr als der Kaufmann. Er fiel mit einem Ausdruck von Degradiertheit steif an dem ihm widerwärtigen Gestelle hinab und schien besonders jede Annäherung an die braunen Unterhosen aus Jägerwolle peinlich vermeiden zu wollen.

Da das Haus nur noch auf den Gängen durch wenige Öllampen in alten venezianischen Glasampeln erleuchtet war, machte sich Jeremias mit dem Leuchter in der Hand auf den Weg.

Es war nicht anders, als ob ein Gespenst umginge; ein feindseliges Gespenst auf wollenen Socken, das, in seine dumpfe Wesenssphäre verbannt gewesen, solange in dieser vornehmen zurückgezogenen Schönheit ein ihm entgegengesetzter Geist lebendig geherrscht hatte, sich nun mit leeren, kalten, abrechnenden, bös erstaunten Augen hier umsah, jeder Blick ein verwerfendes Urteil und blöde Genugtuung, daß dies alles nun dem Leben entrückt und auf Speichern und in Kellern verschlossen werden konnte. Es schlurfte die Treppen hinunter, an gebuckelten alten holländischen Wandleuchtern vorüber, deren Schilde mattsilbern im Lichte der wehenden Kerzenflammen aufblinkten, während die verblaßten Farben vlämischer Gobelins graurosig einen Augenblick aufblühten, um sofort in braune Schatten zu versinken. Zwei große bronzene Faune Florentiner Arbeit, die am Treppenbeginn als Laternenträger dienten, grinsten, von Lichtern überhuscht, auf und schienen ihre glänzenden Bäuche höhnisch vorzurecken, als der gespenstische Christ, Empörung um die herabgekniffenen Mundwinkel, an ihnen vorbeisockte. Das marmorne Löwenhaupt des Jupiters von Otricoli aber, das an der Rückwand der Eingangshalle zwischen zwei mächtigen geschnitzten Türgevierten auf dunklem Granitsockel stand, schleuderte den gebückt Vorübertastenden förmlich von sich im kurzen Aufleuchten seiner massigen Fläche.

Herr Jeremias besaß zu seinem Glücke keine Phantasie. An seiner Wiege hatten keine Himmelstöchter gestanden, die ihm derartige Gaben hätten mitteilen können, sondern nur Kommerzenstöchter, und zwar in vorgerückten Jahren, von denen statt der heißen Kraft bildnerischer Vorstellung der kalte Hauch sicheren Kalküls auf ihn übergegangen war. So regten ihn diese kurzen, aus dem Dunkel auftauchenden Lichterscheinungen nicht zu unheimlichen Einbildungen auf, sondern sie erweckten nur Erwägungen teils christlich kritischer, teils kaufmännisch taxierender Natur. Das Heidentum ärgerte ihn, das kostbare Material brachte ihm die Überzeugung bei, daß alle diese Dinge ein schönes Stück Geld gekostet haben müßten. Weiterschreitend befingerte er die samtenen und seidenen Türbehänge, leuchtete an den schweren goldenen Bilderrahmen hinauf, konstatierend, daß es echte vergoldete Holzschnitzarbeit war, prüfte die schweren Beschläge der Renaissancemöbel, leuchtete in die Glasschränke voller Porzellan und Silber- und Goldsachen hinein, zählte einmal auf einem Wandbord genau achtzehn Bronzen ab, überzeugte sich durch Befühlen, daß sämtliche Bücher nicht in Kaliko, sondern in Leder gebunden waren, und folgte in seinem inneren Drange im Grunde immer dem Gedanken: Wo ist denn eigentlich der Geldschrank?

So war er schließlich wieder die Treppe hinaufgelangt und ließ eben das Licht seiner Kerze noch einmal über das geschnitzte Geländer der Galerie in das Vestibül hinunterfallen, als sich plötzlich ihm gegenüber auf der anderen Seite des Umganges eine Tür öffnete.

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