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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Das Verhör

Dieser Vorsatz beherrschte das Ehepaar während der letzten Münchner Tage Henfels. Hätten sie reden wollen, – o!.. Der Luxus dieses Hauses wirkte wie eine Geißel auf sie, und was sie von der Sinnesart Henfels spürten, der übrigens gerne, wo nur immer es ging, gleichfalls schwieg, war siedendes Öl in ihre Herzen.

Beim Abendessen, das übrigens von Jeremias sofort als das einer Hamburger Köchin erkannt und demgemäß gewürdigt wurde, entwickelte sich weniger ein Gespräch, als ein Verhör, das von Herrn Jeremias nach einer genauen, vorher gemachten Disposition mit Henfel angestellt wurde.

Jeremias: »Wie ist eigentlich dein Rufname?«

Henfel: »Henfel.«

Sanna: »Was?«

Jeremias: »Das ist doch kein christlicher Kalendername. Du bist doch natürlich getauft?«

Henfel: »Ja, sogar doppelt.«

Jeremias: »Ich mache dich darauf aufmerksam, daß wir in Dingen der Religion keine Frivolität gestatten.«

Henfel: »Ich bin aber wirklich zweimal getauft. Erst katholisch und dann protestantisch.«

Zwei Blicke bohrten sich ineinander. Sie sagten: »Ah!«

Zwei weitere folgten. Sie sagten: »Oh!«

Jeremias: »Hm. Darüber später, wenn ich in das Testament werde Einsicht genommen haben, das mich über deine Personalien genauer orientieren wird.«

Henfel: »Ich kann es dir ja gleich sagen. Ich bin erst von Pflegeeltern aufgezogen worden, wie mir der Papa gesagt hat, weiß aber davon bloß, daß ich dort katholisch getauft worden bin. An die evangelische Taufe kann ich mich noch gut erinnern.«

Sanna: »Hoffentlich erinnerst du dich auch stündlich an deinen evangelischen Glauben hier in dieser Stadt.«

Jeremias: »Später, Sanna! – Wann wurdest du konfirmiert?«

Henfel: »Ich? Gar nicht.«

Sanna: »Himmlischer Heiland. Du hast aber doch schon lange Beinkleider an.«

Henfel: »Ich habe schon als kleiner Junge lange Hosen getragen. Das heißt, nein, ganz früher kurze, lederne, denn ich bin auf dem Lande aufgezogen worden.«

Jeremias (fast drohend): »Warum aber bist du nicht konfirmiert?«

Henfel: »Es ist nie davon die Rede gewesen.«

Jeremias: »Hm. Es ist wohl überhaupt nicht... Nun: gut! – Welche Schule besuchst du hier?«

Henfel: »Gar keine.«

Jeremias: »Aber du mußt doch Unterricht genossen haben?«

Henfel: »Gewiß: Lateinisch, Griechisch, Französisch, Englisch, Geschichte usw. usw.«

Jeremias: »Durch Hauslehrer?«

Henfel: »Ja, und durch Papa.«

Jeremias: »Gymnasial oder realgymnasial?«

Henfel: »Alles.«

Jeremias (nicht ohne Sarkasmus): »Und noch was?«

Henfel: »Natürlich, was dazu gehört: Fechten, Reiten, Schwimmen, Fahren usw.«

Sanna: »Wohl auch Tanzen?«

Henfel: »Nein.«

Jeremias: »Wo wohnt dein Prediger?«

Henfel: »Wer?«

Jeremias: »Dein Seelsorger?«

Henfel: »Mein Papa war mein Seelsorger.«

Mehr als bohrende, sich verankernde Blicke.

Sanna: »Tjah, aber...«

Jeremias: »Später, Sanna!... Nun ja... Es steht mir nicht zu... Indessen: Du mußt doch, oder ihr müßt doch in die Kirche gegangen sein?«

Henfel: »Nein!«

Pause. Schwimmende Blicke zum geschnitzten Gebälk. Dann aufs Tischtuch. Seufzer.

Jeremias: »Nun ja. Gutt! Oder vielmehr... Nun, gleichviel... Ich weiß fürs erste genug. – Aber richtig: ich vergaß ganz... ja... das mit dem Vornamen. Auf deinem Telegramm hast du dich unterzeichnet Henry Felix: demnach mußt du doch entweder Henry oder Felix gerufen worden sein.«

Henfel: »Nein, Henfel!«

Jeremias: »Was soll das?«

Henfel: »Nun ja, Hen von Henry und Fel von Felix: – Henfel.«

Sanna: »Possen!«

Jeremias: »Sanna! – Aber in der Tat: wir werden uns kaum an diese... diese Verquickung gewöhnen können. Bei uns gilt es entweder Henry oder Felix. Was ist dir lieber?«

Henfel: »Ich heiße Henfel!«

Jeremias: »Du hies-sest Henfel!«

Pause. Henfel sieht zu dem Bilde Frau Klaras auf. Es zuckt in seinem Gesicht. Will er weinen? Will er höhnisch lächeln? Er sagt ganz leise: »Ich überlasse es Ihnen.«

Jeremias: »Sag ›Du‹ zu uns! – Wie meinst du, Sanna: Henry oder Felix?«

Sanna: »Felix kommt mir so katholisch vor.«

Jeremias: »Überdies ist Henry hamburgischer. Also: Henry.«

Henfel macht eine Art Ergebenheitsverbeugung.

Jeremias: »Und nun höre mich an, Henry! – Ich werde mich morgen auf das Vormundschaftsgericht begeben, um dort zu erklären, daß ich bereit bin, deine Vormundschaft zu übernehmen. Es ist dir klar, daß ich damit, indem ich einer christlichen, bürgerlichen, verwandtschaftlichen Pflicht genüge, ein Opfer bringe.«

Henry (denn auch wir müssen ihn nun so heißen): »Wenn du es sagst, wird es wohl so sein. Ich verstehe davon nichts!«

Jeremias (pikiert): »Demnach scheint deine Bildung wesentliche Lücken zu haben! Knaben deines Alters sollten genügend Deutsch verstehen, um zu wissen, was das Wort Vormund bedeutet.«

Henry: »Man hat es mir kürzlich gesagt.«

Jeremias: »Wer: man?«

Henry (den Reim betonend): »Her-mann.«

Jeremias (sich empört zurücklehnend): »Du wagst es, mich zu verhöhnen?«

Sanna: »O Gottogott!«

Henry: »Ich kann doch nichts dafür, daß es sich gereimt hat, und es war Hermann, der mirs gesagt hat.«

Jeremias: »Was für ein Hermann! In welchem Verhältnisse steht dieser Hermann zu dir?! Und vor allem: in welchem Verhältnisse zu deinem... zu dem Verstorbenen?«

Henry: »Hermann ist mein Bruder.«

Frau Sannas Augen, es läßt sich nicht anders bezeichnen, glotzten. Herr Jeremiassens Augen taten das gleiche.

Jeremias und Sanna (unisono, als wenn sie es einstudiert hätten): »Noch einer??«

Henry: »Papa hat es mir selber gesagt.«

Jeremias und Sanna schüttelten die sprachlosen Köpfe länger, als sonst Menschen die Köpfe auch in äußerster Verblüffung, in vollständigster Begriffsstutzigkeit zu schütteln pflegen.

Zuerst hielt Sanna inne, indem sie hervorhauchte: »Papa? So wußtest du selber von der Existenz deines eigenen Bruders nichts? Und – kanntest ihn doch?«

Henry: »Natürlich. Er kam ja jede Woche ins Haus.«

Jeremias: »Henry, wenn du dir nochmals Scherze mit uns erlauben solltest, so würdest du es sehr bald zu bereuen haben. Ich verbiete dir Romane zu erzählen.«

Henry: »Ich sage immerzu nichts als die reine Wahrheit.«

Jeremias: »Du sprichst in vollkommenen rätselhaften Rätseln! Und so befehle ich dir denn: antworte klar und bündig: was ist es mit dem – Bruder?«

Henry: »Was soll denn mit ihm sein?«

Jeremias: »Warum, wenn er dein Bruder ist, mußte dir der Verstorbene erst sagen, daß er dein Bruder ist? Man pflegt doch seinen Bruder zu kennen!«

Sanna. »Aber Jeremias, er kennt ja vielleicht nicht einmal seinen Vater und seine Mutter!«

Jetzt war die Reihe des Erstaunens an Henry. Und auch der Empörung. Er sprang auf und rief: »Das laß ich mir nicht gefallen! Ich kenne sie besser als ihr, von denen sie nicht einmal gesprochen haben. Euch kenne ich nicht, und ich wünschte, daß ich euch nicht kennen müßte. Das war gewiß auch Papas Wunsch, denn sonst hätte er mir von euch gesprochen! Aber er hat es offenbar mit Absicht vermieden, euch zu nennen.« Er warf sich auf das Sofa und heulte laut auf.

Sanna und Jeremias drehten sich mit ihren Stühlen herum.

Was war das? Hatte er vielleicht keine Ahnung? Und: mußte man das nicht irgendwie in Erwägung ziehen? Andrerseits indessen: Durfte man sich diesen Ton gefallen lassen? Nein: man durfte nicht. Aber: es blieb ratsamer, auf die Personalien des Jungen noch nicht deutlicher einzugehen. O! Welch eine komplizierte Vormundschaft!

Jeremias: »Was du dir zu gefallen zu lassen haben wirst, werden wir entscheiden, die wir von nun an deine Eltern vertreten! Das merke dir! Aber auch dies: Unbotmäßiges Betragen gegen uns werden wir zu ahnden wissen! Die Ungezogenheit von eben mag dir noch hingehen, da wir annehmen wollen, daß der Verlust, der dich betroffen hat, dir die Besinnung raubte. Erhebe dich vom Kanapee und komme an den Tisch.«

Henry (sich wieder an den Tisch setzend): »Ihr könnt mir alles nehmen und umstoßen, aber meine Eltern sollt ihr lassen!«

Jeremias: »Wir nehmen dir nichts, bewahren dir vielmehr das Deine. Behalte das, bitte, immer im Auge. Daß wir dir deine Eltern nicht lassen wollen, sollten, ist eine absurde Kombination, entstanden aus einem Mißverständnis. Genug davon! – Aber ich wünsche nun endlich zu wissen, was es mit dem Bruder auf sich hat, den dir dein Papa erst nachträglich hat vorstellen müssen. Wir haben nie von ihm vernommen.«

Henry: »Natürlich nicht. Papa hat ihn ja nicht anerkannt. Man erkennt doch nicht ohne weiteres all seine unehelichen Kinder an.«

Hatte der Blitz eingeschlagen? War Frau Sanna einem elektrischen Drahte zu nahe gekommen? Faszinierte Herrn Jeremias der Blick einer Klapperschlange?

Sie saßen da, wie Wachsfiguren. Erst nach geraumer Weile erhoben sie sich, sagten düster: »Gute Nacht« und verließen das Speisezimmer. Sogar das Tischgebet, ihre sonst mit kaufmännischer Pünktlichkeit dem Himmel ausgestellte Quittung für genossene Leibesnotdurft, vergaßen sie.

Das war zu viel!

Erstens: Die an den Tag gekommene Wüstlingschaft des Seligen.

Zweitens: Die Ruchlosigkeit dieses Lasterhaften, einen Unmündigen in sein Laster einzuweihen.

Drittens: Die Frucht dieser Lasterlehre in Gestalt von Äußerungen, die bewiesen, daß der »verwahrloste Knabe« von diesen Greueln als von etwas ganz Tagtäglichem sprach.

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