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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Die Begrüßung

Die Villa Hauart lag in der Fortsetzung der breiten, zumeist nach Florenzer Mustern von König Ludwig dem Ersten erbauten, biedermaierisch renaissancehaft wirkenden Ludwigsstraße, jenseits des Siegestors, ziemlich nahe dem ehemaligen Dörfchen Schwabing, das aber nun bereits zum Münchner Vororte zu werden sich anschickte. Immerhin gab es damals in dieser Gegend noch ein paar landhausartige Herrschaftshäuser, die, inmitten großer Gärten mit altem Baumbestand gelegen, von der Straße her kaum zu sehen waren. Eines dieser Häuser war dem alten Hauart zum Buen-Retiro geworden.

Als sich das christlich wandelnde Ehepaar ihm in der offenen Droschke näherte, bemerkte Herr Jeremias, indem sie an der Ludwigskirche vorbeifuhren, deren weit offene Türen den Gesang der Maiandacht bis auf die Straße hinaus hörbar machten: »Diese Art Frömmigkeit bei offenen Türen, gewissermaßen mitten auf der Straße, widerspricht doch jeglicher Sammlung. Es ist eigentlich eine Art Theater, was sich diese Leute gegenseitig vormachen. Hast du diese Melodie gehört, Sanna? Sie schien mir beinahe weltlich.«

»Tja!« meinte Sanna »und ich habe als einziges Wort ›Maria‹ herausgehört... Und inmitten dieser Abgötterei ist der Junge aufgewachsen! Es fällt mir immer schwerer aufs Herz, Jeremias, daß wir ihn in unser Haus einführen sollen, diesen Fremdling aus katholischer Atmosphäre.«

»Es ist problematisch«, murmelte der Gatte und ließ seinen Blick vom Siegesbogen auf die Kunstakademie schweifen.

– »Kutscher, was ist das für ein Gebäude?«

–»Die Kunstakademie, die, wo die jungen Leit auf Kunstmaler studiern.«

Herr Jeremias schüttelte mißbilligend das Haupt mit dem düsteren Zylinder: »Ein Palast, nein, mehr als ein Palast: Ein Schloß! Und wofür? Um Wollüstlinge wie diesen Makart großzuzüchten!«

Makart war für ihn der Inbegriff der modernen Kunst. Makart, der das »Bordell auf der Straße« gemalt hatte, wie die Anhänger der inneren Mission in Hamburg seinen Einzug Kaiser Karls mit merkwürdiger Entrüstung genannt hatten, da doch nur wenige Schritte von ihrem Versammlungssaal ganze Bordellstraßen sich dehnten.

»Tja«, meinte Frau Sanna, »wie will man sich dann wundern, wenn die Üppigkeit immer mehr aufschwillt? Daß der Verstorbene gerade in dieser Gegend sein Heim aufgeschlagen hat, ist doch greuelhaft.«

»Glei wer mas ham«, unterbrach sie der beleibte Rosselenker, indem er mit der Peitsche nach rechts wies. »Da, wo die Eklipaschn steht, is es.«

Richtig wurden eben die großen schmiedeeisernen Torflügel des Gartens geöffnet, und eine Equipage fuhr knirschend den Weg hin zur Villa.

Herr Jeremias und Frau Sanna sahen sich groß an mit Augen, die unaussprechlicher Fragen voll waren.

»Soll i da eini?« fragte der Kutscher, dem seine Fahrgäste nicht noblicht genug aussahen für diese Villa.

»Ist es wirklich Nr. 30?« fragte Jeremias.

»Da steht ja das Numero!« entgegnete sehr bestimmt der Mann mit dem verbeulten Lackzylinder.

»Also... dann...« brach in Absätzen Jeremias hervor, »fahren Sie zu!«

Sanna aber, die eben gesehen hatte, wie Henfel aus dem Wagen sprang und zwischen den Säulen des Vorbaues im Hause verschwand, flüsterte ihrem Gatten hastig zu: »Hast du ihn gesehen?«

– »Wen?«

– »Den... den jungen Herrn? Das wird doch nicht...?«

– »Ich habe niemand gesehen. Übrigens sind wir entschieden falsch.«

Dann wandte sich Herr Jeremias zum Livreekutscher, der eben zum Stallgebäude abfuhr: »He, Sie! Wohnt in diesem Hause, oder vielmehr wohnte in diesem Hause Herr Henry Hauart?«

Der Kutscher sah ihn kaum an, indem er den Kopf nur halb drehte: »Yes, Sir.« Denn er liebte es, mindere Leute durch ein spärliches Englisch in Respekt zu setzen.

»Mein Gott, also wirklich«, murmelte Frau Sanna. »Dann war der Junge« (sie wollte eigentlich Herr hinzufügen, unterließ es aber) »tatsächlich... Mein Gott!«

»Zwoa Mark zwanzge mit der Bahnhofsmarkn!« äußerte ungefragt der Kutscher, indem er angesichts des vornehmen Zieles seiner Fahrt einen fünfzigprozentigen Zuschlag für angebracht hielt.

Herr Jeremias vergaß in seiner Verwirrung die längst genau ausgerechnete Taxe und zählte ihm das Geld widerspruchslos auf die breite fleischige Hand.

»Also hier!« dachte er sich. »Das übertrifft denn doch alle meine Befürchtungen. Das ist ja Loxos in geradezu sündhaftem Maße!« (Er sprach das Wort auch in Gedanken als Loxos aus.) »Ein kleines Schloß, Equipagen, Livreen, Lakaien!«

Da kam auch schon einer und fragte kurz: »Wünschen?«

»Ich bin der Vetter des seligen Herrn Hauart.«

Der Diener, seine gute Dressur völlig vergessend, sprang ins Haus.

Keine Minute verging, und Henfel erschien.

Seine großen schwarzen Augen traten angesichts der Erkenntnis, daß das sein Onkel, das seine Tante war, fast bedrohlich heraus.

»Das Gepäck ins Haus!« kommandierte er, und dann, klipp klapp mit scharfem Auftritte, auf Frau Sanna zu, Hacken zusammen, Oberkörper vor, Handkuß: »Frau Tante!«

Frau Sanna dachte, er wolle sich lustig über sie machen, brachte aber nur das Wort hervor: »Tja-.«

Herr Jeremias aber sah den höflichen Neffen durchdringend an und sprach: »Wir hätten wohl erwarten dürfen, daß wir dich auf dem Bahnhofe zu sehen bekommen hätten!«

Er wußte jetzt wohl, daß er ihn gesehen hatte, aber die Lektion erschien ihm trotzdem angebracht.

Henfel erklärte, daß er ihn übersehen habe.

»Tja,« meinte Frau Sanna spitzig, »wir waren dir wohl nicht elegant genug?«

Henfel sprach von seiner Verwirrung, von den schrecklichen letzten Tagen, von der Beerdigung.

»So!!« stieß aufs kürzeste Herr Jeremias vor, »du fandest also nicht eher Zeit, deine Verwandten zu benachrichtigen? Du hieltest es also nicht für deine heilige Pflicht, uns den Anblick unseres teuren Toten noch zu ermöglichen?«

Henfel, von diesem Tone wie von Hieben getroffen, wollte trotzig erwidern, aber, seltsam, diese Augen, dieser Mund, diese ganze Erscheinung... er duckte sich und erklärte fast demütig den schnellen Hergang der Ereignisse, seine Unkenntnis der Verwandtschaft und alles sonstige.

»So!« stieß wiederum Herr Jeremias vor, »du kanntest uns nicht? Gutt! Nun, wir werden uns ja wohl kennen lernen!«

»Ist es die Möglichkeit?!« bemerkte melancholisch Frau Sanna und schritt an Henfel vorüber ins Haus.

Herr Jeremias folgte ihr.

Henfel ging hintendrein, und, was war das?: er streckte die Zunge hinter ihnen heraus. Irgendwie mußte sich seine Wut äußern. Und, er fühlte es schon: Mehr als symbolische Äußerungen waren fürs erste ausgeschlossen.

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