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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Schlechte Eindrücke

Lange schon, bevor der Zug in die Münchner Bahnhofshalle einfuhr, behängten sich Herr Jeremias und Frau Sanna bis zur Grenze der Möglichkeit mit ihren Gepäckstücken, um ohne Inanspruchnahme eines Gepäckträgers zur Droschke gelangen zu können. Ihre kleinbürgerliche Phantasie ahnte nicht, daß Henfel sie in Begleitung von zwei Dienern erwarten würde.

Henfel wiederum, unfähig, sich vorzustellen, daß die Verwandten seines Papas eine andere Wagenklasse, als die erste, benutzen und ohne Dienerschaft reisen könnten, musterte lediglich die Herrschaften, die der ersten Wagenklasse entstiegen. So gingen sie aneinander vorüber, da weder das ökonomische Ehepaar auf den Gedanken kam, daß der elegante, gar nicht knabenhaft aussehende junge Herr in Schwarz mit den zwei Dienern in Trauerlivree Henry Felix sei, noch Henfel der Vermutung zugänglich war, daß die zwei dürftigen, ganz mit Decken umwickelten und an stark verbeulten und abgeschabten Glanzleinwandkoffern schleppenden Gestalten ein Onkel und eine Tante von ihm sein könnten.

»Die Herrschaften sind nicht gekommen«, sagte Henfel zu den Dienern. »Gehn Sie voran! Ich komme gleich nach zum Wagen.«

»Ist es die Möglichkeit?« keuchte Frau Sanna, ihren Koffer niedersetzend und sich ratlos umschauend. »Der Junge hat es nicht für nötig gehalten, uns abzuholen, obwohl wir extra telegraphiert haben!« (Die Telegrammkosten waren bereits in das Auslagebuch »Henry Felix. Mit Gott!« eingetragen.)

»Es grenzt an das Unglaubliche und eröffnet böse Perspektiven!« entgegnete Herr Jeremias, indem er seine Uhr mit der des Bahnhofs verglich und sie sekundengenau auf diese einstellte. »Doch wollen wir einstweilen annehmen, daß er sein Ausbleiben genügend und beweiskräftig entschuldigen kann.«

(Wenn aber nicht, dachte er grollmütig hintendrein, so werde ich nicht zögern, ihm sofort den Standpunkt klarzumachen.)

Liebenswürdig war das Gesicht mitnichten, das Herr Jeremias machte, während er sich für alle Fälle seine erste Ansprache an sein Mündel zurechtlegte. Auch Frau Sanna sah nicht nach christlicher Duldung aus, als sie ihren Koffer wieder aufhob und sich anschickte, neben ihrem Gatten her dem Ausgange zuzuschreiten, soweit man ihre schleppende Gangart ein Schreiten nennen konnte.

»Jeremias!« rief sie ärgerlich, »renne nicht so! Und nimm mir wenigstens die Hutschachtel ab!«

»Ich renne keineswegs, Sanna«, entgegnete zurechtweisend Herr Jeremias, »denn das Rennen verbietet sich bei dieser unsinnigen Masse von Gepäck von selbst. Warum mußten wir auch eine solche Menge von Gegenständen mit uns führen! Überdies kann ich eine zweite Hutschachtel auf keine Weise bei mir unterbringen, da ich, wie du wohl weißt, die Aktenmappe unter den linken Arm geklemmt habe. Ich werde ohnehin die Angst nicht los, daß sie rutscht. Verliere ich sie, so fehlt mir jeder Personenausweis und es ist ausgeschlossen, daß man mich ohne Papiere gerichtsseitig als den Cousin des Verstorbenen anerkennt. Also muß ich jetzt mein Hauptaugenmerk auf die Mappe richten. – Oh, dieser Junge!«

»Es gibt keine Entschuldigung für diese Ungezogenheit!« zischte Frau Sanna und setzte zum zweiten Male den Koffer nieder. Die Hutschachtel rollte hintendrein. Das Kissen mit »Gott ist die Ruhe« legte sich wahrhaft demütig sanft auf den rußigen Asphalt des Bahnsteiges. Frau Sanna wimmerte gleichfalls: »Oh, dieser Junge!«

Sie wäre zweifellos auf den Wogen ihres Zornes zu jenem bösglimmenden Punkte ihres Inneren gelangt, wo die zehn Millionen stachen, wenn nicht etwas anderes, offenbar höchst Schreckliches ihr Bewußtsein erschüttert hätte.

Sie ließ plötzlich die Hutschachtel ein zweites Mal fallen, hob die Arme hoch und rief: »Jeremias! Die Botterbrotbüchse! Du hast die Botterbrotbüchse im Zuge gelassen!« Jeremias, gleichfalls längst die Beute zorniger Wallungen, stand entgeistert: »Ich?! Hat sich der Mann um die Viktualien zu kümmern, Sanna? War das nicht vielmehr deine Sache? Ich habe doch die Aktenmappe zu versorgen!«

Es steht zu befürchten, daß das christliche Ehepaar seinem Zorne jetzt eine andere Richtung, als auf »diesen Jungen« gegeben hätte. Aber dies ließ die Vorsehung denn doch nicht zu. Ein Gepäckträger nahte als ihr Werkzeug, in den Händen die braunblechne Hülle des Schwarzbrotbutterbrots tragend und offenbar urbaner gestimmt, als es sonst die Art Münchner Gepäckträger ist, durch das silberne Zitat aus dem Vaterunser. »Ghert das Ehna?« fragte er mit fast höflichem Tone.

»Gott sei Dank!« atmete Frau Sanna innig auf und durchforschte sogleich das Büchseninnere, dessen Inhalt sie ziffermäßig genau wußte. Es fehlte nichts. Ihr Zorn wich sanfteren Regungen. Sie gedachte, dem ehrlichen Finder einen entsprechenden Lohn auszufolgen. Aber Herr Jeremias, sofort kaufmännisch Herr der Situation, erwog, daß man dieses Trinkgeld sparen könne, indem man sich der Dienste des Trägers zur Beförderung der lästigsten Gepäckstücke bediente und ihm sodann die Gebühren der Taxe zahlte, die er sich aus dem Baedeker »gar wohl« eingeprägt hatte.

»Bringen Sie das zu einer Droschke zweiter Klasse!« befahl Herr Jeremias in Reminiszenzen an Berliner Aufenthalte.

»Zwoater Klass?« wiederholte maßlos erstaunt der Gepäckträger und dachte sich:

»Schundige Bagasch überanand! Des san schon die rechten Preißen. Vielleicht siech i a Hundswagerl vor das notige Volk.« – Und, schon wesentlich unhöflicher, als vorher, er klärte er: »Des gibts net in der Münchner Stadt, Herr, mir ham a oanzige Klass, und firti. Aber Zwoaspanner gibts«, fügte er listig hinzu, hocherfreut bemerken zu können, daß der »notige Preiß, der notige« ärgerlich wurde.

– »Also haben Sie doch zwei Klassen! Die Zweispänner sind die erste, die Einspänner die zweite. Merken Sie sich das für alle Fälle, damit Sie Fremde nicht wieder einmal falsch berichten.«

So Herr Jeremias, indem er seinen Ärger in das Gewand der Belehrung hüllte und sich damit eines Kniffs bediente, den rechthaberische Frömmigkeit auch bei weniger profanen Gelegenheiten gerne benutzt.

Die Ablohnung des Mannes führte zu weiteren Belehrungen, da der Gepäckträger einen Finderlohn für die Botterbrotbüchse verlangte, die er im Verlauf der schließlich lebhaft werdenden Auseinandersetzungen »dees Graffl« nannte. Aber Sieger im Streite blieb Herr Jeremias, und er konnte mit dem Bewußtsein in die Droschke steigen, nicht einen Pfennig mehr gegeben zu haben, als was »Rechtens« ist, wie er zu wiederholten Malen betont hatte.

»Einen guten Eindruck macht mir das Münchner Volk eben nicht, muß ich sagen«, bemerkte er zu Frau Sanna. »Man merkt doch, daß man sich dem Süden nähert, der Domäne des Katholizismus, wo laxere Anschauungen herrschen. Es ist bezeichnend genug, daß der Verstorbene sich gerade hier niedergelassen hat. Auch im Geschlechtsleben soll hier eine wahre Verwirrung der Begriffe Platz gegriffen haben, wie Pastor Südekum kürzlich in einem Vortrag vor der Männerversammlung des Vereins für innere Mission des näheren ausgeführt hat. Die unehelichen Geburten sollen hier einen schreckenerregenden Prozentsatz ausmachen, und in den Künstlerkreisen soll geradezu Promiskuität herrschen.«

Frau Sanna hielt das für ein aus Gründen sprachlicher Dezenz erfundenes Fremdwort für Lustseuche und rief aus: »Mein Gott, er wird doch nicht am Ende schon angesteckt sein?«

Worauf Herr Jeremias zur Richtigstellung und Belehrung ein Bild der moralischen Zustände in den Münchner Künstlerkreisen entwarf, das Frau Sanna veranlaßte, auszurufen: »Ich hoffe, daß wir nicht eine Stunde länger in dieser abscheulichen Stadt bleiben, als es die Umstände unbedingt erheischen. Das bist du der Mutter deiner Kinder schuldig, Jeremias!«

– »Nicht eine Stunde länger, Sanna! Ich hoffe, daß wir in spätestens vier Tagen wieder in Hamburg sein werden. Übrigens soll auch die Münchner Küche zu wünschen übrig lassen.«

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