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Prinz Kuckuck

Otto Julius Bierbaum: Prinz Kuckuck - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitlePrinz Kuckuck
authorOtto Julius Bierbaum
year1980
publisherLangen Müller Verlag
addressMünchen - Wien
isbn3-7844-1806-6
titlePrinz Kuckuck
pages3-8
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1906
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Mit Gott nach München

Jeremias und Sanna Kraker, begleitet von dem kräftigen Dienstmädchen Minna, begaben sich rechtzeitig zum Bahnhofe, das heißt so, daß sie eine halbe Stunde vor Abgang des Zuges dort anlangten. In einer geräumigen Blechbüchse, die mit der Aufschrift: »Unser tägliches Brot gib uns heute« geschmückt war, führten sie eine genügende Menge reichlich mit Rauchfleisch oder Käse belegten Swartbrotbotterbrots mit sich, so daß sie hoffen durften, während der Reise von betrügerischen Kellnern unabhängig bleiben zu können. Wollener Decken mit altertümlicher Musterung, scharf nach Kampfer und Naphtha duftend, hatten sie vier bei sich, außerdem zwei Kopfkissen mit der Aufschrift »Gott ist die Ruhe« und zwei Fußsäcke aus Pudelfell. Hinzugerechnet zwei Mäntel, zwei Handkoffer, zwei Hutschachteln, ein Schirmfutteral und eine Aktenmappe durfte das zur Mitnahme im Coupé bestimmte Gepäck die Reisenden wohl mit einiger Sorge erfüllen, ob eine Unterbringung nicht auf den Widerstand des Bahnpersonales oder etwaiger Mitreisenden stoßen werde. Indessen war das Glück dem frommen Ehepaare hold. Der Zug war nur schwach besetzt, und der Schaffner, physiognomisch unerfahren und auf ein Trinkgeld rechnend, ließ es zu, daß sämtliche Gegenstände von Jeremias, Sanna und Minna mit vereinten Kräften in das Coupé gestopft wurden. Dank ihrem nicht gerade einladenden Aussehen blieben die beiden mit Gott Reisenden auch die ganze Fahrt über allein.

Herr Jeremias sprach ein auf die besonderen Fährlichkeiten einer Nachtfahrt im Dampfwagen Bezug nehmendes Abendgebet, und es dauerte nicht lange, so rasselte das Schnarchen des frommen und guten Gewissens um die Wette mit dem Eisenbahnzuge. Als das Ehepaar erwachte, befand man sich bereits, wie eine Feldkapelle zu schließen nötigte, auf »katholischem Boden«. Daher das Morgengebet eine gewisse demonstrativ protestantische Färbung erhielt. Kaum, daß das Amen verklungen war, hub ein gegenseitiges Ausbürsten von großer Peinlichkeit mit Kleider-Pinseln und Bürsten verschiedenen Umfangs an. Auch dem Schuhzeuge wurde sorgsame Behandlung mit Bürsten, Lappen und Läppchen zuteil. Jeremiassens Zylinder, bisher durch eine Art Invalidenmütze mit großem Schirm vertreten, und, mit einem schwarzen Tuche sorglich umhüllt, in einer gewaltigen Lackleinwandschachtel verborgen, wurde gleichfalls systematisch bearbeitet, jedoch ohne die Erzielung des für Zylinderhüte obligaten Spiegelglanzes, da diese Kopfbedeckung schon seit einer Reihe von Jahren täglich das Haupt des Hamburger Kaufmannes zierte, der als solcher ohne Röhrenhut nicht zu denken gewesen wäre. Als er ihn nun auf dem Kopfe hatte und steif in der Ecke des Coupés saß, ein Butterbrot nach dem andern in langsamer, gründlicher, dabei aber fast feierlicher Kauarbeit dem Magen überantwortend, sah er in seinem Trauerbratenrocke nebst ditto trauermäßiger Weste und Beinkleidern (die unten schnabelmäßig gebogen zugeschnitten waren) und großen schwarzen Hornknöpfen in Vorhemd und Manschetten, düster genug aus, es sei denn, man hätte ihn lieber komisch finden wollen, was auch »gar wohl« berechtigt gewesen wäre. Frau Sanna aber, ihm gegenüber ebenso steif dasitzend und ihre Butterbröte mit nicht geringerer Feierlichkeit verzehrend, konnte am treffendsten als ein Plättbrett in Trauer bezeichnet werden. Nachdem sie auch die schwarzen Trauerhandschuhe angezogen hatte, unterbrach nur das fahle Weiß ihres Gesichts nebst einigem spärlichen Rot ihrer schmalen Lippen die konventionelle Farbe der Trauer. Das Traurigste aber von allem an ihr war doch das raffiniert traurige Kapotthütchen mit den unter dem Kinn zu einer Schleife gebundenen breiten Bändern. Dieses wehmütige Erzeugnis der Putzmacherkunst einer vergangenen Epoche, ein armseliges Häuflein von Kreppschleier, auf Draht befestigt, der auch schon um alle Widerstandskraft gekommen war, predigte die Vergänglichkeit und Hinfälligkeit alles Irdischen auf eine so eindringliche Manier, daß selbst einem kräftigen Manne in den besten Jahren darüber das Weinen hätte ankommen können.

Trotz ihres traurigen Überzuges gaben sich die Leidtragenden aber keineswegs traurigen Gedankengängen hin. Ihr Gespräch bewies vielmehr, daß ihre Gedanken nicht bei den beiden Toten, sondern bei der lebendigen Hinterlassenschaft weilten, will sagen bei dem Gelde, das man ja wohl so lange als etwas Lebendiges ansehen darf, als es Zinsen kalbt.

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